Die Tasse glitt am Spülstein ab, das Porzellan kratzte über den rauen Untergrund, kam nach einem kurzen Fall auf den Fließen auf und Sprang zwei, drei, vier Mal wie durch ein Wunder unversehrt, bis es schließlich in einem Fächer von Scherben zerbarst.
Ich kann das einfach nicht, dachte der alte Mann, während er einen Teller zurück ins Wasser gleiten ließ und sich suchend umdrehte. Ich weiß nicht einmal wo sie etwas zum Zusammenkehren aufbewahrt. Leicht zitternd strich er sich durch die dünnen schwarzen Haare, ohne dabei auf den Seifenschaum zu achten, den er zwischen ihnen verteilte. So hat es bei ihr angefangen, mit der Tasse. Sie wollte mir die Tasse geben und hat sie fallen lassen. Auf den Perser, der ganze Tee auf den Perser, habe ich noch gebrüllt und bin aufgesprungen. Aber dann habe ich es ja gesehen. Zu spät leider, ich hätte sie nicht- Ich muss sie fragen, wo sie den Besen hat.
Der Alte seufzte und ging mit kleinen, langsamen Schritten durch die Küche. Seine Knie schmerzten, er konnte sie heute kaum beugen. Trotzdem muss ich abends noch 'raus. Ich habe den Plan noch nicht ganz voll. Da fehlen noch einige Tiere. Im Flur hielt er den Blick zu Boden gerichtet, als er an den Trophäen, die die gekalkten Wände zierten und mit ihren Krucken, Geweihen und Gehörnen ein winterliches Walddickicht schufen, vorbei strich. Für einen Augenblick fing sich der Lodenstoff seiner Jackenschulter an einer Spitze. Dies genügte um den Rehschädel zu Boden zu reißen, wo er von seinem Holzschild sprang und zersplitterte. Der Alte zuckte zusammen, hielt kurz inne, drehte sich jedoch nicht mehr um, bis er in die Stube eintrat.
„Anna...“, begann er, doch seine Stimme versagte kratzend. „Wo hast du denn den Besen?“.
Die Läden an den Fenstern waren verschlossen, so dass nur gelbes Zwielicht in den holzvertäfelten Raum fiel und kaum die Plüschmöbel rot erleuchtete. Blinde Fotografien starrten von den Wänden, die Blumen in der schmiedeeisernen Anrichte senkten ihre Blätter staubig und trocken zu Boden. Auf dem Tischchen vor dem Sessel, in welchem sie saß, stand immer noch das Tablett mit dem Rest des Kaffeegeschirrs.
Der Alte trat näher an sie heran. „Anna!“, flüsterte er erneut, da sie nicht reagiert hatte.
Die Frau, deren Gesicht im Schatten lag, zuckte zusammen, drückte sich erschrocken in die Ecke des Ohrensessels und starrte ihn mit offenem Mund und aufgerissenen Augen an. Sie sind Pechschwarz. Es nimmt kein Ende, es ist weitergegangen. Erkennt sie mich nicht mehr?
Langsam löste sich die Frau aus ihrer Starre und versuchte zu lächeln. „Heinrich. Tut – tut mir so leid.“, brachte sie mit feiner Stimme, unbeholfen heraus. Bei jedem Wort machte sie eine Pause, als müsse sie darüber nachdenken, wie sie es am besten über ihre Lippen brachte. „Mach bitte die Fenster auf!“
Zögernd machte er sich daran die Läden zu öffnen. Ich will das nicht. Oh Gott, ich kann ihren Anblick doch nicht mehr ertragen. Und es wird schlimmer. Natürlich, ich weiß wie es... aber ich will es nicht. Es muss doch... Nein.
Nachdem das Licht ungehindert in den Raum strömte wandte er sich nur widerwillig wieder zu ihr um. Herrgott, ich liebe sie doch... Anna sah weniger schlimm aus, als er erwartet hatte. Die Veränderungen waren ihr aber dennoch deutlich anzusehen. Ihre Augen unter den betrübten, faltigen Lidern waren groß und schwarz, ohne erkennbare Iris. Links lag ein leichter blauer Schimmer auf der umliegenden Haut. Ihre Nase hatte sich leicht nach oben gewölbt und war mit einer dünnen Hasenscharte verbunden. Die Ohren waren lang genug, um durch ihr dünn gewordenes, graues Haupthaar zu reichen. Ihre Hand macht mir am meisten Sorgen. Dort hat es angefangen und jetzt ist sie eigentlich keine Hand mehr. Schalen, rotbraunes Fell, ein Lauf. Ich kann es nicht mehr verdrängen.
„Anna, ich glaube ich weiß was-“, versuchte er zu sagen, als er auf sie zu ging. Ich will sie nicht berühren, ich ekle mich davor, aber ich muss. Sie sitzt nun schon wieder eine halbe Stunde alleine hier. Ich muss zu ihr stehen. Es ist nicht normal. Wenn ich mich anstecke... Zögernd kniete er sich nieder und legte seine Hand auf ihren noch gesunden Arm. Erneut zuckte sie zusammen.
„Ich sehe es selbst.“, entgegnete sie schleppend, tonlos, ohne ihn anzusehen. Dabei streifte sie seine Hände ab und drückte sich wieder in die Ecke des Sessels, fern von ihm. „Ein Rotwildtier.“
Er nickte stumm. Ja, genau das habe ich auch gedacht. Oder gewusst.
„Vielleicht schon morgen...“ Sie kniff die Augen zusammen, ihre Brust begann zu beben. Nein, nein fang nicht an, ich will nicht daran denken. Ja, viel länger wird es nicht dauern, aber... was dann? Was soll ich tun, wenn du... nur noch... Nicht ein mal mehr arbeiten kann ich. Jeder Schuss könnte doch... „Ich weiß nicht, wie lange es noch dauert...Ich will, dass du weiter machst, wenn ich draußen bin.“
„Womit? Was soll ich tun?“
„Deine Arbeit.“, brachte sie heraus. Nein! Nein, nein, nein, das kannst du nicht so meinen. Du willst, dass ich dich erschieße, dich von deinem Schicksal erlöse, aber dass kannst du nicht von mir verlangen. Ich werde mich zur Ruhe setzen und nie wieder einem Tier etwas zu Leide tun. Es kann ja nur die Rache für meine Arbeit sein.Er dachte dies, blieb jedoch stumm. Stattdessen nickte er, als er nach seinem Taschentuch angelte um seiner Frau die Tränen aus dem Gesicht zu wischen. Sie drehte sich weg von ihm.
„Geh jetzt. Lass mich alleine und mach die Türen auf.“, flüsterte sie. Du willst einfach so aufgeben? Ich kann dich doch hier nicht sitzen lassen, einfach so auf dein Schicksal wartend. Ich werde nicht gehen. Erneut konnte er sich nicht durchringen seine Gedanken auszusprechen. Stattdessen ging er, ohne sie noch einmal anzusehen. Er stieg die Treppe hinauf und holte seinen Stutzen aus dem Schrank. Er entrollte das Reinigungsset auf dem Bett und begann die Bleireste aus dem Lauf zu lösen.
Ich werde die nächsten Tage öfter hinausgehen müssen. Ich kann sie nicht alleine herumlaufen lassen. Nicht so. Das ist kein Leben. Es hat auch keinen Zweck nach dem Wieso zu fragen. Habe ich das bisher überhaupt? Vielleicht. Es ist auch egal, es hat keinen Sinn. Vielleicht ist es Rache, aber warum? Ich tue was ich tun muss. Der Plan ist noch nicht voll. Ich kann nichts anderes und ich muss leben. Außerdem – es würde auffallen.
Vorheriger TitelNächster TitelSollte eigentlich länger werden, doch ich habe die Geschichte dann für einen Wettbewerb verwendet, der eine strenge Begrenzung hatte. Natürlich habe ich nichts gewonnen. Ich sollte an so etwas nicht mehr TeilnehmenFelix M. Hummel, Anmerkung zur Geschichte
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.09.2010.
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