Klaus-D. Heid

Smith & Smith

Es war wieder eine dieser kreuzverschissenen Nächte, in denen man erschöpft und ausgelaugt ins Bett fiel und darüber nachdachte, weshalb man überhaupt am Leben war. Es war auch eine Nacht, die ideal dazu geeignet war, sich selbst, alle Menschen dieser Welt – und den kläffenden Mistköter des Nachbarn, zur Hölle zu wünschen. Auf den Punkt gebracht kann ich wohl sagen, dass diese besagte Nacht eine Nacht wie alle anderen Nächte der letzten Monate war, wenn man einmal von einem winzigen Unterschied absah, der es mir unmöglich machte, ins Bett zu fallen...

Mein Name ist Thornton Smith. Ich bin 36 Jahre alt. Ich bin 1 Meter 76 groß und schlank. Der Umstand, dass ich fast völlig kahl bin, ist genetisch bedingt und macht mir weniger Sorgen, als das Hühnerauge im rechten Fuß, das mir bei jedem Schritt höllische Schmerzen bereitet. Außerdem bin ich arbeitslos und verheiratet. Verheiratet? Bin ich’s noch? Sagt man denn, dass man noch verheiratet ist, wenn die Ehefrau mit durchschnittener Kehle neben einem im Bett liegt?

Ich möchte mich an dieser Frage wirklich nicht festbeißen. Doktor Wells, der mich nach bestem wissen und Gewissen betreut, meint jedenfalls, dass ich meine Frau umgebracht habe. Er sagt nicht, dass ich von nun an unverheiratet bin, obwohl es doch heißt, dass man verheiratet ist, ‚bis dass der Tod einen scheidet’.

Doktor Jeremy Wells ist ein guter Arzt. Er macht mir keine Vorwürfe, weil ich Karla umgebracht habe. Warum sollte er es auch tun? Seiner Meinung nach wusste ich nicht, was ich tat. Doktor Wells hat sogar angedeutet, dass es ein ‚anderer Smith’ war, der Karlas Kehle mit einem Brotmesser durchschnitt. „Sie sind wahrscheinlich ein Opfer Ihrer Schizophrenie, Smith. Sie müssen sich vorstellen, dass in Ihrem Körper ein zweiter Smith haust, der das vernichten möchte, was Ihnen, Smith Nummer eins, lieb und teuer ist!“

Welche Veranlassung sollte ich haben, dem guten Doktor Wells zu sagen, dass ich Karla schon immer unausstehlich fand? Solange er der Meinung war, dass ‚Smith Nummer zwei’ Karla die Kehle durchschnitt, ist’s in Ordnung. Natürlich arbeite ich eifrig mit, wenn der Doktor mit mir diverse Tests durchführt, um seine ‚Doppel – Smith-Theorie’ bestätigt zu finden. Einen Teufel werde ich tun, ihm ins Handwerk zu pfuschen, da ich keinen Bock auf diesen widerwärtigen Inspektor Lawrence habe, der mich unbedingt ins Gefängnis stecken will.

Karla hat mächtig geschrieen, als ich mit dem Brotmesser ins Schlafzimmer kam. Wahrscheinlich hat sie an meinem Gesichtsausdruck sofort erkannt, dass ich ihr den Fehler vom Vortag fürchterlich übel genommen habe. Mehr als einmal hatte ich ihr ja gesagt, wie sehr ich es hasse, wenn beim Aufschlagen eines Frühstückseies das Eigelb flüssig aus dem Eierbecher tropft. „Sechs Minuten, Karla! Nicht fünf – und auch nicht vier Minuten. Sechs Minuten! Begreif das endlich!“

Irgendwann ist meine Geduld eben erschöpft. Irgendwann muss ich mich mit meinen Forderungen doch durchsetzen, oder?

Von dieser Eier-Geschichte habe ich Doktor Wells natürlich nichts erzählt. Er würde es ohnehin nicht verstehen, da er ja nicht verheiratet ist. Wie soll also ein unverheirateter Mann nachvollziehen können, was im Kopf eines gebeutelten Ehemannes vorgeht? Und was Inspektor Lawrence angeht, behaupte ich einfach mal, dass es ihm scheißegal ist, warum ich Karla getötet habe. Ihn interessierte eh nur sein Job.

Wenn ich Doktor Wells richtig verstanden habe, muss ich wohl ein paar Jahre in dieser Klinik zubringen, bevor ich wieder nach Hause darf. Er meinte, dass man einen ‚kranken Menschen’ wie mich unmöglich ins Gefängnis stecken darf. „Schizophrenie ist gar nicht mal so selten, lieber Thornton. Wenn Sie weiterhin gut mitarbeiten, sind Sie Ihren ‚Smith Nummer zwei’ bald los und können wieder ein ganz normales Leben führen.“

Doktor Wells wird bestimmt sauer sein, wenn man Mandy findet. Dieses kleine Miststück von Pflegerin hat einfach nicht begreifen wollen, dass ich es hasse, meinen Kopf auf ein aufgeschütteltes Kopfkissen zu legen. Dass ihr Genick gebrochen ist, hat natürlich ‚Smith zwei’ zu verantworten. Wenn ich dem Doktor erkläre, wie leid es mir tut, was mit Mandy passiert ist, wird er mir garantiert keine Vorwürfe machen.

Ich kann ja nichts dafür...

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.01.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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