Stephan Lill

Die Wahrsagerin


In der Eingangshalle des Aladin Hotels würde gleich ein Schuss fallen. Samantha besaß die Gabe Verbrechen im Voraus zu erahnen, doch leider war ihre Zukunftssicht nicht immer so deutlich, wie sie es sich wünschte. Sie saß in einem der eleganten, roten Ledersessel und blickte sich in der Eingangshalle um. Zwei Männer saßen ihr gegenüber und zwei Frauen standen bei dem Portier am Empfangstresen. Samantha fixierte zunächst einen der Männer. Er sah sie lächelnd an und sagte: „Ihr Kleid passt farblich exakt zu den Ledersesseln. Welch sonderbarer Zufall.“

Samantha: „Kein Zufall. Ich wusste, wie es hier aussieht. Und in meinem Kleiderschrank habe ich genügend Auswahl. Diese Kleid hat die ideale Tarnfarbe. - Ich weiß mehr als die meisten Menschen, und ich weiß, dass Sie Hugh Wesley heißen.“

Der Mann reichte ihr seine Visitenkarte und sagte: „Stimmt tatsächlich. Sollte ich mich jetzt vor Ihnen fürchten? Sie sind mir weit im Vorteil: von Ihnen weiß ich nur, dass sie bezaubernd sind und dass sie mir gleich einen Korb geben werden. - Sehen Sie, ein wenig kann ich auch hellsehen.“

Samantha: „Wir können gleich weiter flirten. Jetzt muss ich erst mal ihre Aura untersuchen. Das Strahlungsfeld um einen Menschen herum verrät viel von seinen Plänen. Planen Sie einen Mord?“

Hugh verschluckte sich an seinem Whiskey. Er hustete. Der andere Mann, der neben ihm saß, ließ seine Zeitung sinken und sagte: „Ich muss bald einen Vortrag halten hier im Saal zwei des Aladin Hotels. Meine Hände flattern jetzt schon. Und mein Herz flattert. Könnten Sie bitte etwas Rücksicht nehmen auf mich?“

Samantha: „Ich weiß, Sie sind Wissenschaftler. Bitte blicken Sie mir direkt in die Augen – und wenden Sie den Blick nicht immer wieder ab von mir. So, jetzt kann ich direkt in Ihre Seele schauen. - Interessant. Sie sind auf sensationelle Forschungsergebnisse gestoßen. - Eine Batterie, sehe ich. Eine leistungsstarke Batterie. Wollen Sie darüber heute sprechen in ihrem Vortrag, Ramon Castellano?“

Der Mann zog seinen Krawattenknoten etwas nach unten. „Woher wissen Sie meinen Namen? Arbeiten Sie als Hotel-Detektivin? Ich habe für derlei Scherze momentan keine Nerven. Wollen Sie mich über mein Forschungsprojekt aushorchen?“

Ramon ließ sich von einer Hostess einen Whiskey bringen. Er sagte zu Samantha: „Ich trinke sonst nicht. Ich bin abstinent. Vor allem deshalb, weil meine Frau darauf besteht. - Na, das kann ja ein heiterer Vortrag werden.“

Ramon leerte sein Whiskey-Glas in einem Zug. Hugh prostete ihm zu. Samantha nippte an ihrem Tee. Dann ging sie hinüber zu den beiden Frauen, die am Empfangstresen mit dem Portier diskutierten. Sie sagte: „Entschuldigung wenn ich sie unterbreche, aber mich interessiert brennend ihre Aura. Darf ich sie beide bitten, sich für eine Weile nicht zu bewegen.“

Die beiden Frauen drehten sich um zu Samantha. Der Portier sagte: „Soweit ich weiß, sind Sie kein Gast in unserm Hotel. Bitte belästigen Sie unsere Gäste nicht. Sonst muss ich Sie entfernen lassen von unserem Wachmann Hektor.“

Samantha sagte: „Hektor hat als Autodieb gearbeitet. Und er hat ein Verhältnis mit ihrer Frau.“

Der Portier: „Lassen Sie diese Anzüglichkeiten. - Mmmh, meine Frau würde Hektor sicherlich interessant finden. Breite Schultern beeindrucken sie. Extra ihretwegen mache ich Krafttraining jeden Morgen. Ich tue was für meine Ehe.“

Der Portier haute auf den Klingelknopf – zwei-, dreimal. Dann rief er: „Hektor!“

Samantha deutete auf eine der Seitentüren und sagte: „Hektor wird dort gleich herauskommen.“

Die beiden Frauen blickten in die Richtung, in die Samantha deutete. „Clarissa, wir sollten auf diesen Hektor warten. Eventuell können wir ihn überreden heute Abend mit uns auszugehen.“

Die andere Frau, Clarissa, sagte: „Diese Stadt ist bisher eine Enttäuschung gewesen. Attraktive Männer, wo seid ihr? Bitte melden bei Clarissa, zwecks mehr als romantischer Interessen. Muss ich einen geschlitzten Rock tragen, nur um angesprochen zu werden? Genügt mein seriöses Managerinnen-Outfit nicht?“

Samantha: „Sie beide sind völlig harmlos. Sie werden heute niemanden erschießen. Wo steckt der Schütze?“

Die Seitentür öffnete sich und Hektor kam mit raschen Schritten zum Empfangstresen. Der Portier sagte zu ihm: „In deinem Lebenslauf steht nichts von Autodieb. Diese Frau hier behauptet, du warst ein Autodieb.“

Hektor sah zu Samantha. „Sind Sie von der Polizei?“

Samantha sagte: „Ich überlege gerade, ob Sie mit Ihrer Pistole gleich jemanden erschießen. Ich habe ein Problem: Ich weiß, dass in dieser Eingangshalle gleich ein Schuss fallen wird, doch ich weiß nicht, wer schießt.“

Hektor machte mit seinem Zeigefinger kreisende Bewegungen neben seinem Kopf. Er wandte sich zu dem Portier. „Okay, die Frau ist völlig plemplem. Soll ich sie jetzt gleich vor die Tür setzen oder willst du erst ihre Personalien aufnehmen?“

Hugh Wesley erhob sich von seinem Ledersessel und stellte sich neben Samantha. Er sagte zum Wachmann Hektor: „Sie werden niemanden hinausschmeißen. Durch Zufall weiß ich, dass Sie tatsächlich ein Autodieb waren.“

Hugh zog aus seinem Jackett seine Kriminaldienstmarke hervor. Der Portier: „Wenn das mit dem Autodieb stimmt, dann stimmt womöglich auch die andere Behauptung von dieser Frau. Hektor, hast du ein Verhältnis mit meiner Frau?“

Hektor grinste. „Ein super Verhältnis. Deine Frau ist sehr liebeshungrig.“

Der Portier sprang über den Empfangstresen und packte Hektor am Kragen. Die beiden prügelten sich. Hugh, der Polizist, sagte zu Samantha: „Ich beobachte Hektor schon seit Tagen. Er ist inzwischen Hoteldieb. Ich hatte gehofft hier Näheres über seine Hehler zu erfahren.“

Clarissa sagte: „Ich sehe es ganz gerne, wenn sich starke Männer prügeln. Etwas Ähnliches müssen Männer empfinden, wenn sie Frauen zusehen beim Schlammringen.“

Die andere Frau machte Fotos mit ihrem Handy. „Dann haben wir etwas zu erzählen, wenn wir wieder im Büro sind.“

Clarissa sagte zu Samantha: „Sind Sie wirklich so etwas wie eine Hellseherin? - Also, bis jetzt ist kein Schuss gefallen. Könnten wir das nicht irgendwie verhindern?“

Samantha: „Manchmal gelingt es mir die Zukunft abzuwenden, umzubiegen, aber es kostet enorme Kraft und Konzentration. Ich selber darf nicht zu unruhig werden. Deshalb habe ich eben schon einen Tee getrunken.“

Hugh beugte sich zu Samantha hinüber: „Ich wäre gerne behilflich. Würde ein gefühlvoller Kuss Sie beruhigen?“

Samantha nickte. Hugh küsste sie. Der Portier haute des öfteren mit einem Telefonhörer auf den Kopf von Hektor. Clarissa reichte Hektor eine der Blumenvasen, die auf dem Empfangstresen standen. „Sag‘s ihm doch mit Blumen.“ Hektor zertrümmerte die Blumenvase auf dem Rücken von dem Portier.

Ramon Castellano, der Wissenschaftler, erhob sich von seinem Ledersessel und kam zu ihnen herüber. Er sagte: „Beinahe flehe ich darum, dass endlich dieser Schuss fällt. Diese Schlägerei hier, der Whiskey, diese Wahrsagerin – alles das verwirrt mich. Ich muss heute den wichtigsten Vortrag meines Lebens halten. Was ich zu verkünden habe, ist eine Sensation: die Batterie, die mein Labor entwickelt hat, könnte es ermöglichen, dass die Autos weltweit ohne Benzin auskommen. Abgasfreie Städte!“

Sein Handy klingelte. Er telefonierte. „Was? Mein Labor ist abgebrannt? Eine Explosion?“

Ramon ließ sein Handy fallen. Clarissa hob es wieder auf für ihn. Sie sagte: „Sie brauchen wirklich bessere Nerven. Sehen sie sich diese beiden prügelnden Männer an. Voller Ausdauer würgen sie einander und versuchen gute Treffer zu landen. Körperliche Betätigung baut Stress ab.“

Ramon hielt sich am Empfangstresen fest. Clarissa legte einen Arm um seine Schulter. „Rückschläge müssen wir alle hinnehmen. Das Schicksal ist trickreich, hinterlistig und manchmal überraschend nett.“

Ramon atmete tief durch. „Sie haben recht. Ich werde meinen Vortrag halten und Investoren finden.“

Hugh, der Polizist, packte Hektor, drehte ihm die Arme auf den Rücken und legte ihm Handschellen an. Hugh sagte zu Samantha: „Ich möchte Sie bitten, mich aufs Polizeirevier zu begleiten. Sie sind eine wichtige Zeugin und außerdem benötige ich dringend Ihre Adresse.“

Samantha zog Hugh zu sich heran. „Deine Nähe tut mir gut: Du stabilisierst meine Zukunftssicht. Meine Visionen werden deutlicher. Ich spüre, dass es Ramon ist, der in Gefahr ist. Der Schuss wird ihn treffen.“

Clarissa sagte zu Samantha: „Das ist jetzt aber nicht nett. Ich hatte Ramon gerade ein wenig beruhigt. Jetzt zittert er erneut wie Espenlaub.“

Der Portier tupfte sich das Blut von seiner aufgeplatzten Lippe. „Mich tröstet niemand.“

Er zündete sich eine Zigarette an. „Ich stehe vor den rauchenden Trümmern meiner zerstörten Ehe. - Und meine Zigarette saugt sich mit meinem Blut voll. Ach ja, gleich soll hier ein Schuss fallen. Hoffentlich trifft es mich!“

Ramon, der Wissenschaftler, sagte: „Ich muss sie enttäuschen, dieses Privileg habe ich. - Könnte ich auch eine Zigarette haben? Ich habe immer gesund gelebt. Wozu noch verzichten auf die Freuden und die Sünden dieser verteufelt sündigen Welt? - Die Welt verbessern wollte ich mit meiner Erfindung. Schaut euch an, wie das Schicksal mich auslacht. Mein Labor zerstört. Und ich ebenfalls – wie viel Minuten habe ich noch?“

Samantha zuckte mit den Schultern; sie sagte: „Die Zukunft – das sind Wahrscheinlichkeiten, die fluktuieren, schwappen hoch und türmen sich auf, bis sie Realitäts-Höhe erreichen. Manche von diesen Wahrscheinlichkeitswellen verbleiben im Bereich des Möglichen, realisieren sich nicht.“

Ramon: „Soll ich fliehen? Türmen?“

Samantha schüttelte den Kopf. „Du musst dich hier deinem Schicksal stellen. Denke an High Noon – den Film mit Gary Cooper.“

Clarissa: „Der hatte keine Wahrsagerin an seiner Seite. Nur Grace Kelly: Quäkerin, Pazifistin. Also ich würde dich verteidigen. Ich finde, du siehst Gary Cooper sogar ein bisschen ähnlich.“

Ramon sagte: „Du bist mindestens genau so hübsch wie Grace Kelly. Es ist sehr tröstlich, wenn man in der Not nicht alleine dasteht.“

Ramon nahm einen tiefen Zug aus der Zigarette, die ihm der Portier aus seiner Packung angeboten hatte. Er hustete. Clarissa nahm ihm die Zigarette aus dem Mund und sagte: „Also wenn du schon sündigen willst, dann mit mir. Habe ich es nötig mit einer Zigarette zu konkurrieren?“

Ramon sagte: „Du hast eigentlich Recht. Wenn schon sündigen – dann richtig sündigen.“

Sie schlang die Arme um seinen Nacken. Ramon: „Ich bin hin- und hergerissen zwischen Panik und Ekstase.“

Die Seitentür, aus der Hektor gekommen war, öffnete sich schwungvoll. Ein Mann mit einer Gesichtsmaske stürmte in die Eingangshalle. In jeder Hand hielt er eine Pistole. Samantha stellte sich vor Ramon. Hugh griff nach seiner Dienstwaffe. Der Mann rief: „Keiner rührt sich! Ich will nur einen erschießen. Ihr anderen dürft weiterleben. Gnädige Frau, wenn Sie bitte einen Schritt zur Seite treten würden.“

Samantha schüttelte den Kopf. „Es wird ihnen nicht gelingen Ramon zu erschießen. Meine Zukunfts-Visionen zeigen mir, dass sie scheitern werden.“

Der Mann mit der Gesichtsmaske näherte sich Samantha mit wiegenden Schritten. „Willst du mich zweifeln lassen an meinen Fähigkeiten? Ich bin der beste, bestbezahlte und skrupelloseste Auftragskiller im ganzen Land. Mich zu entmutigen – dazu gehört mehr!“

Samantha: „Ich weiß Ihren Namen: Benjamin.“

Der Mann blieb stehen. „So steht es in meinem Pass. In einem meiner vielen Pässe. Ich habe viele Namen; aber du hast durch Zufall meinen Geburtsnamen genannt. Woher weißt du den?“

Clarissa: „Sie ist eine Wahrsagerin. - Los erzähle diesem Auftragskiller was ihn für ein fürchterliches Schicksal erwartet in der Hölle. Viellicht bekehrt ihn das und er wird reuig.“

Der Mann lachte. „Ramon Castellano, da hast du zwei wundervolle Schutzengel an deiner Seite. Und dazu noch so hübsche. Sollen sie dich begleiten auf deinem Flug ins Himmelreich?“

Er drückte eine seiner Pistolen gegen die Schläfe von Ramon. Samantha sah Benjamin in die Augen. Sie sagte: „Abgasfreie Städte – das wäre doch schön. Warum willst du das zerstören mit einem Pistolen-Schuss?“

Benjamin: „Weil ich viel Geld kriege dafür? Klingt für mich wie ein schlagkräftiges Argument.“

Benjamin haute den Knauf von seinem Revolver gegen die Schläfe von Ramon. Ramon sackte zu Boden. Samantha: „Enrico hat dich angeheuert. Und Enrico wird dafür sorgen, dass du bereits heute Abend verschnürt in einem Kofferraum liegst.“

Benjamin zielte mit seiner Pistole auf Samantha. Er sagte: „Du machst mich tatsächlich ein bisschen besorgt mit deinen Worten. - Enrico ist mein Auftraggeber, das stimmt. - Du scheinst wirklich etwas von Wahrsagerei zu verstehen. Leute, die etwas verstehen von ihrem Handwerk, die imponieren mir. - Los, erzähle weiter. Was ist mit Enrico und mit mir? Wer legt wen wann um? Ich brauche Klarheit.“

Samantha: „Dazu müsste ich deine Handgelenke anfassen und deinen Puls fühlen. - Je intensiver ich dich wahrnehme, um so genauer sind meine Prognosen. Und um die Details geht es dir doch? Die sind entscheidend.“

Benjamin streckte ihr seine Hände entgegen. Mit dem Revolver zielte er auf ihren Bauch.

Clarissa beugte sich über Ramon, der immer noch bewusstlos auf dem Boden lag. Sie gab ihm einen Kuss auf den Mund. Ihre Freundin sagte: „Das hier ist wie bei Dornröschen und Schneewittchen. Nur die Rollen sind vertauscht. Küsse ihn kräftiger! So wacht der nie auf.“

Clarissa küsste Ramon erneut. Diesmal intensiver. Ramon öffnete seine Augen und sprang vom Boden auf. „Was ist? - Danke, dass du mich aus meiner Ohnmacht herausgeholt hast. Dann kann ich live miterleben, wie ich erschossen werde.“

Clarissa: „Ich liebe Männer mit Humor.“

Ramon: „Ich bin verheiratet. Und in circa fünf Minuten ist meine Frau Witwe.“

Samantha: „Das kann ich dir nicht versprechen. Es könnte durchaus sein, dass du weiterlebst. Ich prüfe das gerade.“

Ramon: „Ich bin noch nie zu einer Wahrsagerin gegangen. Habe nie etwas von solchem Hokuspokus gehalten. Und nun hängt mein Leben ab von den Fähigkeiten einer Wahrsagerin. Das passiert mir, einem Wissenschaftler, der die Mathematik zu seiner Göttin gemacht hat! Alles habe ich erhofft von der Mathematik. Habe ihr mein Leben gewidmet. Sie flüsterte mir ihre geheimen Formeln zu und ich formte daraus technische Geräte mit wunderbaren Eigenschaften. Hunderte von Patenten gehören mir. Soll ich damit vor den himmlischen Richter treten? - Bin ich reich? Habe ich die Welt bereichert mit meinem Leben? - Benjamin, ich könnte Ihnen das Doppelte zahlen, was Ihre Auftraggeber ...“

Benjamin unterbrach ihn: „Ruhe! Ich muss was Wichtiges über meine Zukunft erfahren. Das mit Deinem Erschießen klären wir später.“

Der Portier griff zum Telefon und sagte: „Ich ruf nur mal meine Frau an. Ich will wissen, warum sie mich mit Hektor betrogen hat. Ich habe sogar einen Kursus für fernöstliche Liebestechniken besucht.“

Benjamin sagte zu ihm: „Meine Frau hat mich auch betrogen. Mit unserem Gärtner. Wissen Sie, wie ich das Problem gelöst habe?“

Der Portier sagte zu Hektor, der mit Handschellen gefesselt am Empfangstresen lehnte: „Genial! Das ist es. Ich werde dich erschießen. Schön langsam. Erst in die Beine und dann ...“

Hektor biss ihm in die Hand. Samantha: „Könntet ihr ein bisschen ruhiger sein? Auch wenn es nicht so aussieht, aber meine Wahrsagerei erfordert Konzentration, Einfühlungsvermögen. Feinste Schwingungen zu spüren, die mich wie Wellen erreichen, die aus der Zukunft zu mir schwappen – das gelingt am Besten, wenn ich in mir Seelenruhe habe.“

Benjamin schrie. „Gebt der Lady Seelenruhe! Sonst erschieße ich euch allesamt!“

Hugh, der Polizist, sagte: „Da könnte ich behilflich sein. Sie entspannt sich vorzüglich beim Küssen. Ich wäre bereit ihr meine Dienste anzubieten.“

Benjamin nickte. „Also gut. Das dient auch meiner Sicherheit. Mit Enrico ist nicht zu spaßen. Den muss ich richtig einschätzen. Am Besten, den leg ich auch noch um.“

Hugh und Samantha küssten sich. Clarissa beugte sich zu ihrer Freundin und sagte: „Ich wurde schon lange nicht mehr so geküsst. Wir verbringen unser Leben im Büro, kommen abends hundemüde nach Hause. Wann sollen wir auf Männerjagd gehen?“

Ihre Freundin nickte. „Ja, früher da machten die Männer Jagd: Frauen waren Freiwild. Verfluchte Emanzipation.“

Hugh wischte sich den Lippenstift von seinem Mund. „Ist meine Entspannungstherapie gut? Das muss man regelmäßig wiederholen, um dauerhaften Erfolg zu erzielen.“

Samantha lächelte. „Ich sehe jetzt genau vor mir, wie Benjamin sein Leben retten kann: Wenn Enrico sicher verwahrt ist, dann ist Benjamin sorgenfrei und außerdem gut bei Kasse. Denn Ramon wird ihm das Doppelte zahlen von Enricos mickerigem Lohn.“

Ramon nickte und zog sein Portemonnaie hervor. Er hielt Enrico ein dickes Geldbündel entgegen und sagte: „Das wäre die Anzahlung. Ich kann sofort mehr Geld auftreiben.“

Enrico blätterte die Geldscheine durch. Dann steckte er sie in seine Jacke. „Das wird reichen. Das ist jetzt schon das Dreifache von Enricos Lohn. Ihr schätzt meinen Wert deutlich zu hoch ein. Na, kein Wunder, wenn man dafür sein eigenes Leben kaufen kann. Das erscheint einem selbst immer unbezahlbar. Für andere hingegen hat es einen genau berechenbaren Wert. Und der ist spotthaft billig. - Mein Sohn und meine Tochter gehen beide auf die Universität. - Und jetzt kommt der Hammer: wisst Ihr, was mein Sohn studiert? Kriminologie! Der hat keine Ahnung, was für einen beschissenen Job ich habe.“

Samantha sagte zu ihm: „Tue, das , was du gestern gemacht hast. Tue das immer.“

Benjamin: „Ich habe gestern am See gemalt. Ein schönes friedliches Seebild mit zarten Aquarell-Farben. Das mache ich stets, wenn ich einen Auftrag vor mir habe: es beruhigt meine Nerven. Das Malen ist meine Leidenschaft. Das Erschießen bringt mir keinen Spaß. Ich wünschte, es wäre so – ich würde zu gerne dem Klischee des Bösewichts entsprechen. Aber bei mir will bei meinem Beruf keine rechte Freude aufkommen.“

Clarissa: „Wer seinen Beruf lustlos ausübt, der verfehlt sein Lebensziel. Ich bin gerne Managerin. Aber ich bin ungern eine einsame Managerin. Die Männer, die mich interessieren, sind entweder brav verheiratet, so wie Ramon, oder aber Wüstlinge, wie Hektor.“

Der Portier: „Sag mal, machen wir hier eine Psychotherapiesitzung, wo jeder einfach munter drauflos von seinen Alltagssorgen berichtet? Ihr habt unverschämtes Glück, dass kein weiterer Hotelgast bisher in die Eingangshalle gekommen ist. Das gibt doch ein Blutbad, wenn Benjamin seine Pistolen abfeuert. Also mir wäre es recht, wenn sich eine der Kugeln dann in Hektors Körper wiederfindet. - Wie viel kostet ein Auftragsmord? Was würde es mich kosten, wenn ich Hektor erschießen lasse?“

Benjamin: „Tut mir leid, ich nehme keine Aufträge mehr an. Ich höre auf den Rat von dieser Wahrsagerin und werde mich fortan meiner Malerei widmen. - Madame, Sie haben eine große Überzeugungskraft. Ich kann ihre Aura zwar nicht erkennen, aber sie muss mächtig sein, kräftig strahlend und weit.“

Benjamin schrieb etwas auf einen der Notizzettel, die auf dem Empfangstresen lagen. Dann reichte er den Zettel Hugh, dem Polizisten. „Sie finden Enrico mit diesen Informationen, die ich ihnen aufgeschrieben habe.“

Benjamin wandte sich zu Samantha. „Sie hätten Psychotherapeutin werden sollen. Mit ihrem Blick in die Seele eines Menschen – da könnten sie Wunder vollbringen.“

Samantha: „Ich bin Psychotherapeutin. Und im Laufe meiner Berufsjahre habe ich gelernt, die Seele meiner Patienten immer besser erfassen zu können, zu spüren, wohin es sie drängt und welche Zukunftswellen auf sie zukommen. Ist es ein Tsunami, eine Riesenwelle, die sie bedroht – rollt sie heran in der Ferne? Ich bin dankbar für meine Gabe, die sich bei mir entwickelt hat. Jeder möge seine Gabe hüten, bewahren und vergrößern – dann wird er sein Glück mehren und das seiner Mitmenschen. Ich spreche sehr salbungsvoll – unterbricht mich denn keiner? Ich lasse mich fortreißen von meiner Mission.“

Hugh sagte zu ihr: „Begeisterung für das, was man liebt, ist erlaubt, erwünscht – und man muss es riskieren, dass man von anderen belächelt wird dafür.“

Benjamin ging rückwärts – die Pistolen auf sie gerichtet – aus dem Hotel.

Ramon umarmte Samantha. „Sie haben mich gerettet. Ohne Sie, wäre ich jetzt nicht mehr in dieser Welt.“

Samantha: „Bedanken Sie sich nicht bei mir, sondern bei demjenigen, der mir diese Gabe geschenkt hat.“

Sie wandte sich zu Hugh und sagte: „Jetzt wäre Zeit für das Flirten und alles Weitere. Du warst mir sehr hilfreich: Von Deiner Entspannungstechnik würde ich gerne noch oft profitieren.“

Hugh küsste sie und sagte dann: „Das ist ganz in meinem Sinne. - Ich nutze meine Gaben – du wirst es sehen und spüren.“


ENDE

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.09.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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