Diethelm Reiner Kaminski

Lernumgebungen



„Wohnt hier nicht auch dieser Niklas irgendwo?“, fragte Inke unvermittelt. Niklas war einer unserer Kommilitonen. Ein schüchterner, sehr ungeselliger Bursche, den wir uns aber warm hielten, weil er mustergültige Mitschriften der Vorlesungen anfertigte, die er uns bereitwillig überließ. Wir nahmen es mit dem Studieren nicht so genau. Viele Vorlesungen fingen ja auch schon in aller Herrgottsfrühe an. Da konnte man von uns Nachtschwärmern keine regelmäßige Teilnahme erwarten.
„Das haben wir gleich“, sagte Inke und fing an, in ihrem Rucksack nach ihrem Adressbüchlein zu kramen. „Wie heißt er noch mal mit Nachnamen?“
In Namen war ich der Bessere. Namen konnte ich mir gut merken, vor allem die ungewöhnlichen.
„Heppelkausen“, sagte ich, was Inke mit der Bemerkung kommentierte: „Der passt auch zu ihm.“
„Und? Wohnt er nun hier in der Canisiusstraße oder nicht?“, fragte ich ungeduldig. Vielleicht lag ja ein üppiges Zweitfrühstück drin.
„Tut er“, sagte Inke. „Nummer 17. Ganz in der Nähe.“
„Worauf warten wir dann noch? Dann können wir ihm gleich die Vorlesungen der letzten Tage entreißen.“
Niklas zeigte nicht die erwartete Freude über unseren Überfall. Fast widerstrebend bat er uns in seine Bude. Kaum hatten wir sie betreten, verstanden wir auch, warum ihm unser Besuch gar nicht recht war. Er schämte sich. Er hauste in einem Loch von wenigen Quadratmetern. Ein Bett, ein Stuhl, ein schmaler Schreibtisch, ein behelfsmäßiger Plastikschrank mit Reißverschluss, eine Kommode mit einer Elektroplatte und ein winziges Waschbecken. Vermutlich hatte seine Bude nicht mal eine Dusche. „Wie romantisch“, sagte Inke auch noch überflüssigerweise.
Niklas räumte hastig die Bücherstapel und Papierbündel vom Bett und bat uns, Platz zu nehmen.
„Wie wär´s mit einem Kaffee?“, fragte ich, um die peinliche Stille zu überbrücken.
„Kaffee ist mir gerade ausgegangen, aber einen Tee könnte ich euch kochen“, sagte Niklas, „nur …“
Wir blickten ihn verständnislos an: War ihm auch der Tee ausgegangen?
„Nur“, vollendete Niklas den begonnenen Satz, „ich habe leider nur eine Tasse. Mehr brauche ich nicht. Ich kriege nie Besuch.“
„No problem“, sagte Inke leichthin. „Wir beide trinken aus einer.“
„Vielleicht hast du ja drei Strohhalme“, machte ich einen Gegenvorschlag.
„Ich mag sowieso keinen Tee mehr“, sagte Niklas. „Ich hatte heute schon zwei Tassen. Mehr macht mich nur kribbelig.“
Während Niklas Wasser in einem verbeulten Aluminiumtopf erhitzte, entschuldigte er sich schon wieder. „Bestimmt habt ihr schon gefrühstückt. Es ist ja schon fast zwölf. Ich kann euch, fürchte ich, gar nichts anbieten. Ich habe ganz vergessen, was einzukaufen. Ich esse gewöhnlich in der Mensa, und abends hol ich mir schnell was von der Imbissbude. Im Übrigen: Plenus venter non studet libenter.“
Das sah diesem Streber ähnlich. Der stopfte sich lieber den Kopf als den Magen voll. Bei uns war das eher umgekehrt.
Inke und ich schlürften den dünnen ungesüßten Tee, denn der Zucker war diesem Bücherwurm natürlich auch gerade ausgegangen.
Wir verabschiedeten uns dann ziemlich rasch. Bei unserem Italiener ist es in der Mittagszeit ziemlich voll, sodass man Gefahr läuft, keinen freien Tisch mehr zu finden. „War schön, dich in deiner Lernumgebung zu erleben“, höhnte Inke. Und ich setzte noch eins drauf: „Ablenkung und Luxus sind des Geistes größte Feinde. Das wusste schon Diogenes. Fast könnte man dich beneiden.“
Auf der Straße fragte Inke: „Hätten wir Niklas nicht zum Italiener einladen sollen?“
„Ich weiß nicht so recht“, sagte ich, „vermutlich wäre ihm das gar nicht recht gewesen. Er hat uns doch deutlich merken lassen, dass wir ihm nur seine Zeit gestohlen haben. Ich hoffe nur, du hast seine Mitschriften nicht vergessen.“
 

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