Gerald Schwetlik

Besuch

Tine streckte sich. Ihre steifen Glieder knackten dabei nur leise, so wie es sich für eine junge Frau gehörte. Sie starrte die weiße Raufasertapete über ihrem Bett an. Für eine Millisekunde blieben ihre Gedanken an dem roten Klecks hängen. Dort hatte diese Nacht eine fette Mü-cke, vollgesogen mit ihrem frischen Blut, ein sinnloses Leben ausgehaucht.
Tine verabscheute Mücken und sie fragte sich in diesem Augenblick, was Gott sich bei der Erschaffung von Mücken wohl gedacht haben mag. Jedes Tier oder jede Pflanze passte in irgendeine ökologische Nische. Alles in der Natur machte irgendwie Sinn.
Aber wozu um Himmels Willen waren Mücken da?
Sie lockerten keinen Boden auf, sie bestäubten keine Blüten, sie verspeisten keine Schäd-linge, sie erfreuten nicht einmal das Auge durch ein farbenfrohes Aussehen. Nein, sie hielten einzig Lebewesen vom Schlaf ab und saugten ihren Opfern in einem kurzen Moment der Unachtsamkeit das Blut aus dem Körper, um es dann lediglich zu verdauen und den Prozess von vorne zu beginnen. Mücken waren einfach nur da, ohne für Tine ersichtlichen Sinn und Verstand. Sie hasste die Biester.
Genau aus diesem Grund riss sie sich aus ihrer Erstarrung und warf die Bettdecke mit einem Schwung zur Seite. Die Kälte empfing sie unfreundlich und kletterte sofort stechend durch ihre Fußsohlen, als Tines nackte Füße den Parkettboden berührten.
Der Bewegungsmelder schaltete den flachen Fernseher ein, der an der gegenüberliegenden Wand hing. Seit das fremde Raumschiff auf der Erde gelandet war, gab es keine anderen Nachrichten mehr.
Tine fror ein, als sie den Sprecher in gewohnt sachlicher Art, frei jeglicher Emotion vortragen hörte:
„Präsident Obama ist jetzt seit 24 Stunden in dem Raumschiff der Besucher. Er war zu der friedlichen Konferenz mit den Außerirdischen zusammen mit seiner Familie aufgebrochen. Die Kontaktaufnahme mit den Fremden ist seither erfolglos gewesen. Das Weiße Haus mel-det, dass man dennoch davon ausgehe, dass der Präsident wohlauf sei. Jon Vogel, der Sprecher des Weißen Hauses ließ verlauten, dass eine Spezies, die technologisch so weit sei, dass sie Zeit und Raum überwinden könne, sich mit an Sicherheit grenzender Wahr-scheinlichkeit darum bemühen würde, eine friedliche und auf Erlangung neuer Erkenntnisse orientierte Erforschung des Universums zu betreiben. Die US Spezialeinheiten sind zwar in Alarmbereitschaft versetzt worden, aber man sieht keinen Anlass zur Besorgnis. Kanzlerin Merkel lobte Präsident Obama für seinen persönlichen Einsatz zum Verständnis mit den Neuankömmlingen. Sie ist sich sicher, dass es dem Präsidenten sehr gut an Bord des frem-den Raumschiffes gehe.
Der russische Präsident Medjewew hingegen warnte zur Vorsicht. Auch in Moskau befindet sich eine der riesigen Röhren, die über beinahe allen Hauptstädten unseres Planeten schweben. Auf der kommenden Sicherheitskonferenz in München wird das Verhalten ge-genüber den Besuchern ein wichtiges Thema sein. …„
Tine schüttelte den Kopf und fragte sich, ob diese Herrenmenschen jemals lernen würden, sich auf ihre Instinkte zu verlassen. Offensichtlich machte Macht blind. Tine hatte keine ein-zige ruhige Nacht mehr, seit die Röhren über ihrem Heimatplaneten schwebten. Über jeder verdammten Hauptstadt. In Deutschland gab es sogar zwei, eine über Berlin und eine über Bonn. Die Außerirdischen hatten wohl noch nichts von der Wiedervereinigung gehört. Ein entspannendes innerliches Kichern löste sie von der Mattscheibe und sie widmete sich ihrer Morgentoilette. Der Fernseher beschäftigte sich währenddessen weiter mit der Weltpolitik. Seltsam, dachte Tine, während sie die elektrische Zahnbürste über ihren Oberkiefer vibrieren ließ, die berichten in einem Atemzug über die Raumschiffe, Afghanistan, die olympischen Spiele und Priester, die sich an kleinen Kindern vergreifen. Nach zwei Wochen waren die Fremden schon Bestandteil der Gesellschaft geworden, obwohl wirklich nicht jeden Tag Au-ßerirdische auf dem Planeten landen und bisher noch keine Kamera auch nur ein Haar von ihnen hätte filmen können. Beunruhigte denn niemanden, dass diese Wesen, wie auch im-mer sie aussahen und wo auch immer sie herkamen, es nicht für nötig hielten, sich zu zei-gen?
Tine spukte aus. Seit einiger Zeit war die weiße Paste jeden Morgen mit frischem Blut ver-mengt. Diese verdammte Parodontose, dachte sie. Schnell spülte sie um, damit der metalli-sche Blutgeschmack verschwand. Erst ein frischer Kaffee würde hier richtig helfen.
Der Fernseher im Wohnzimmer sprang automatisch an, während das Gerät im Schlafzimmer verstummte. Es war eine halbe Stunde vergangen, seit sie aufgestanden war und dieselben Nachrichten flimmerten wieder über den Bildschirm. Obama war immer noch wohlauf, ob-wohl er jetzt 24.5 Stunden ohne Lebenszeichen verschwunden war und der Nachrichten-sprecher leierte immer noch seine Informationen emotionslos herunter.
Sie nahm den fertigen Cappuccino aus der Maschine und das aufgebackene Brötchen vom Toaster. Irgendetwas juckte an ihrem Oberarm. Tine zog das T-Shirt hoch und betrachtete die Bescherung. Dort hatte sich der fiese Blutsauger in der Nacht bedient. Die Stelle war geschwollen und zu einer roten Quaddel geworden.
Ihre Suche nach der Bephanthen Salbe wurde von einem aufdringlich klingelnden Telefon unterbrochen.
„Verdammt!“ knurrte sie und griff nach dem Hörer. Das Display meldete ihr, dass Heiner, ihr Lebensabschnittspartner, nach ihr verlangte. Eigentlich war die Quaddel jetzt wichtiger, aber Heiner gab nicht auf, also gab Tine nach dem zehnten Klingeln seufzend nach.
„Tine?“ Heiners Stimme am anderen Ende der Leitung kam ein wenig atemlos herüber.
„Was gibt’s?“ fragte sie gelassen und betont gelangweilt.
„Fernsehen! CNN! Mach an!“ polterte Heiner in den Apparat. Seine ansonsten ruhige Stimme überschlug sich.
„Was?“ Jetzt begann Heiner zu stören. Warum sollte sie auf CNN umschalten? Das Zweite zeigte schon genug Deprimierendes. Wieso sich dann noch zusätzlich über amerikanisches Chaos informieren?
„Bitte, Tine! Schalt um! Die Außerirdischen…!“ Heiners Stimme verschwand in einem Hus-tenanfall.
Tine drehte sich dem Fernseher zu und rief in den Raum: „Umschalten! CNN!“
Das Gesicht von Christiane Amanpour erschien, wie immer sehr besorgt, auf der Bildfläche. Christianes Text flog an Tines Wahrnehmung vorbei, denn das Bild wechselte zu dem Raumschiff über Washington. Genauer gesagt, es wechselte zu der riesigen Röhre, deren Dimensionen man erst in diesem Moment erkennen konnte, denn das Schiff war auf Wa-shington gelandet. Man sah an der rechten Seite das Weiße Haus in Trümmern liegen und eine Spitze des Obelisken lugte unter der Frontseite des Schiffes hervor. Tine wurde ein we-nig warm. Bei solchen Bildern wusste man zunächst nicht, ob man sie glauben sollte. Da-mals als die Flugzeuge in das World Trade Center geflogen waren, hatte sie ein ähnliches Gefühl im Bauch verspürt, obwohl sie noch sehr jung gewesen war. Die Kamera fuhr an dem Schiff entlang und es schien wirklich als sei es einfach auf der Hauptstadt des mächtigsten Landes der Welt gelandet. So musste sich eine Ameise fühlen, deren Welt soeben von ei-nem menschlichen Fuß, Größe 46, zertrümmert worden war. Tine hörte die aufgeregte Stimme der Reporterin, sie nahm aber immer noch nichts davon auf.
„Ist das ein Fake?“ fragte sie ihren Freund, als wenn man sich gemeinsam ein Youtube Vi-deo betrachten würde.
„Spinnst du? Das ist total real. Die Typen haben halb Washington in Schutt und Asche ge-legt. Alles platt. Dieses Raumschiff ist riesig. Tine, was geht da vor?“
Tine roch die Angst, die durch den Telefonhörer gekrochen kam. Sie hätte ihre eigene zu-rücksenden können. Die Bilder wurden immer ungeordneter. Jetzt war Hillary Clinton zu se-hen. Hillary wirkte seltsam gelangweilt.
„Tine!“ krächzte es aus der Leitung, „das Raumschiff öffnet sich!“
„Wo?“ auf Tines Bildschirm war die Röhre immer noch geschlossen und außer den unzähli-gen Rauchwolken, die dem wolkenlosen Himmel über Washington entgegen strebten, war keine Bewegung zu erkennen.
„Nicht auf CNN, auf NTV!“ schrie Heiner.
„Umschalten! NTV!“
Ein Stich traf ihr Herz. Das Bild zeigte nicht Washington sondern eindeutig Berlin. Oder ge-nauer gesagt, was davon übrig war. Das Raumschiff hatte die Stadt platt gewalzt und nur weil das Brandenburger Tor direkt vor dem Ende der Röhre klein und verloren zu erkennen war, wusste Tine, wo dieses Geschehen auf der Mattscheibe vor sich ging. Lange würde es dort allerdings nicht mehr stehen, denn ein gewaltiges Stück Metall, offensichtlich eine Ram-pe, öffnete sich langsam. Die Stimmen der deutschen Reporter schlugen Saltos. Die Quadri-ga krachte zu Boden.
Was geschieht hier nur, dachte Tine. Vor einer drei viertel Stunde war die Welt noch völlig in ihren Fugen und jetzt werden wir von Außerirdischen überrannt?
Als wenn Frau Merkel Tines Gedanken gelesen hätte, erschien ihr Gesicht auf dem Bild-schirm. Die Mundwinkel der Schwerkraft strebten mit aller Macht nach unten!
„Liebe Mitbürger und Mitbürgerinnen“, setzte Merkel lispelnd an. „Soeben ist unsere Haupt-stadt von einer fremden Macht angegriffen worden. Wir haben die Bundeswehr alarmiert und werden gegen das Raumschiff vorgehen. Das gesamte Bündnis wird zeitgleich einen Angriff starten, denn die Schiffe sind auf dem ganzen Planeten gelandet. Ich darf sie bitten, Ruhe zu bewahren und in ihren Häusern zu bleiben. Wir werden die Lage bald im Griff haben. Die erste Bürgerpflicht ist heute unseren Streitkräften zu vertrauen. ….“.
„Komm her!“ sagte Tine leise in den Hörer. „Schnell!“ Jetzt pochte ihr Herz ein Stakkato.
Heiner konnte nicht mehr antworten. Sie hatte schon aufgelegt. Die Kanzlerin sprach immer noch im Hintergrund, als die Säulen des Brandenburger Tores unter der gewaltigen Rampe zermalmt wurden.
Tine stellte den Fernseher auf zwei Sender gleichzeitig ein. Links NTV, rechts CNN. Auch in Washington hatte sich die Rampe gesenkt und Hillary wechselte sich mit Larry King, Joe Biden und John Boehner ab. Der letztere schimpfte in sachlichem Ton auf die Demokraten, die er zur Abwechslung einmal nicht für die Einführung einer Krankenversicherung als Teufel ansah, sondern denen er unverblümt jetzt die Schuld an der Zerstörung Washingtons gab. Tine wollte ihren Augen nicht trauen, als auf dem linken Schirm beinahe zeitgleich Renate Künast erschien, die Angela Merkel fehlendes Verhandlungsgeschick mit den Außerirdi-schen vorwarf und gleichzeitig darauf hinwies, dass so etwas mit einer grün-rot-roten Koaliti-on nicht passiert wäre. Czem Özdemir nickte allwissend und sehr wichtig neben ihr. Hektisch wechselte das Bild auf Sarah Wagenknecht, die neben Gregor Gysi stehend die Verfehlun-gen der kapitalistischen Bundesregierung anprangerte. Tine folgte dem Text nicht sondern studierte Gysis Gesichtsausdruck. Sie vertraute diesem Mann, dessen scharfer Verstand den anderen Politikern immer ein paar Nasen voraus war. Ganz gegen seine sonstige An-gewohnheit schien er verstummt, seltsam ruhig und sehr bleich. Die Kamera war ihm offen-sichtlich unangenehm und Tine fühlte seine Fluchtgedanken.
Genau diese sprangen zu ihr über. Aber wohin sollte sie fliehen? Was war denn noch sicher, wenn jetzt die Außerirdischen kommen würden? Woher wusste man eigentlich, dass diese Wesen gefährlich waren? Nur weil sie auf allen Hauptstädten einfach gelandet waren? Viel-leicht sahen sie uns als eine nicht bemerkenswerte Spezies an? Vielleicht rollten dort jetzt einfach irgendwelche Sonden raus, die unseren Planeten auf Leben untersuchten? Aber nein, Obama war ja mit einem Helikopter zu einem der Schiffe geflogen und hatte dort auch Einlass gefunden. Sie mussten uns bemerkt haben. Wir waren doch nicht zu übersehen, mit unseren Städten, Fabrikschloten, Autobahnen und vor allen Dingen mit den ganzen Satelli-ten, die den Orbit um die Erde unsicher machten. Wir waren doch von Bedeutung auf diesem Planeten. Man kam doch nicht hierher, um uns zu übersehen! Wir sind Menschen, keine Mü-cken!
Tines Gedanken wurden jäh zerrissen.
CNN zeigte ein riesiges viereckiges Gefährt, das aus dem Raumschiff schwebte. Es sah aus wie einer dieser gewöhnlichen Truppentransporter, den die Armeen dieser Welt verwende-ten, um an fremden Küsten mit dunklen Absichten zu landen. Grau schien auch auf fernen Planeten die Farbe des Militärs zu sein.
Als der riesige Transporter den Boden erreichte, wirbelte Staub und Dreck zu beiden Seiten des Fahrzeugs auf. Anscheinend handelte es sich um eine Art Luftkissenboot.
Das gleiche, nur an einem anderen Ort, fand jetzt auf der linken Seite des Fernsehers statt. Als auf dem rechten Bild ein amerikanischer Panzer erschien, hielt sie die Luft an. Erst jetzt erkannte sie, wie gewaltig die Luftkissen-Fahrzeuge sein mussten. Der Panzer wirkte wie eine Ameise. Auch die Helikopter umschwirrten den Koloss wie Mücken.
Was wollten diese Wesen? Waren es überhaupt Wesen? Bisher hatte man nur Maschinen gesehen. Wieso zeigten sie sich nicht?
In Berlin rollte das Fahrzeug ungehindert los und es kam schon das zweite aus dem Bauch des Schiffes heraus. Warum um Himmels Willen zeigte sich niemand? Der Gedanke ließ sie nicht mehr los.
„Das gibt es doch nicht!“ schimpfte sie den Fernseher an. „Wer sitzt in diesen verdammten Maschinen?!“
Tine rannte in das Schlafzimmer und schaltete RAI und die BBC an. Überall das gleiche Bild. Rom lag in Trümmern ebenso wie London. Das konnten keine friedlichen Besucher sein. Unmöglich! Was geschieht denn jetzt nur mit uns? Man kann uns doch nicht einfach überrol-len.
Im Wohnzimmer wendete sich derweil der zweite Berliner Koloss dem Kamerateam zu. Auf dem Bildschirm konnte man den Weg der Erkenntnis bis zum Bildausfall verfolgen. Erst schien die Kamera ganz ruhig. Einzig der hektische Berichterstatter im Hintergrund gab der Situation etwas Dramatisches. Das Bild wackelte kurz. Die graue Wand des Fahrzeuges baute sich bedrohlich schnell vor den Kameraleuten auf. Als Bewegung in die Kamera hi-neinkam, war es schon zu spät. Das Fahrzeug rollte über die in alle Richtungen auseinander rennenden Menschen einfach hinweg. NTV hatte nicht einmal mehr die Übertragung abbre-chen können.
War das Ende der Menschheit nahe? Tine glaubte jetzt sicher, dass die Dinge, die sich da vor ihr abspielten, so real wie ihr Mückenstich waren.
„Berlin ist weit weg!“ beruhigte sie sich.
Gleichsam als Antwort zeigte CNN jetzt ein Bild des Luftraumes über irgendeinem Staat in den USA. Große graue Punkte wuchsen dort im Himmel heran. Und zwar so schnell, dass man seinen Augen kaum glauben mochte. Es waren weitere Röhrenraumschiffe, die sich der Planetenüberfläche offensichtlich im Landeanflug näherten. In Berlin rollten immer mehr Fahrzeuge aus dem Bauch des Schiffes. Sie verteilten sich schnell in alle Windrichtungen.
Tine wohnte in der Anflugschneise des Düsseldorfer Flughafens und sie war an den Krach von Düsentriebwerken gewöhnt, aber dort vor ihrem Fenster schwoll ein Geräusch an, wie sie es noch nie zuvor vernommen. Beinahe als wenn die Windgeräusche eines vorbeifah-renden Zuges sich mit dem Summen eines gewaltigen Elektromagneten vermischten.
Sie spähte aus dem Fenster und das Blut in ihren Adern hörte auf zu fließen. Ein Röhren-raumschiff landete soeben auf der nahen Stadt Kempen. Atemlos lief sie zum Schlafzimmer, um die andere Richtung zu inspizieren. Auch dort, auf Krefeld, landete eine Röhre.
Jetzt war es klar. Im Fernsehen sah man zwar immer wieder, abwechselnd mit den Katast-rophenbildern, die betroffen schauenden Gesichter der Politiker, die weiterhin die Bevölke-rung beruhigten und sich in irgendwelche Kameras drängten, aber die Menschheit wurde angegriffen.
Merkel hielt eine dritte Rede. Immerhin, in einer Stunde drei Mal im Fernsehen und jedes Mal hatte sie etwas Wichtiges mitzuteilen. Auch Czem Özdemir, Sarah Wagenknecht und der sehr betroffene Herr Steinmeier meldeten sich noch einmal zu Wort. Sie beruhigten die Be-völkerung und gaben der Regierung die Schuld, insbesondere natürlich Guido Westerwelle, der mit seinem anmaßenden Auftreten die Besucher verschreckt hätte. Der gute Guido war jetzt nicht ihr ausgesprochener Liebling, aber sie fragte sich trotzdem, wo und wann er die Gelegenheit beim Schopf ergriffen haben mag, selbst die unsichtbaren Außerirdischen zu erzürnen. Genervt schaltete sie auf das Zweite. Eine zerzauste Gundula Gause teilte dem staunenden Zuschauer mit, dass man offensichtlich nicht wisse, was die Fremden wollten. Man hätte auf allen Sendern und Frequenzen versucht, Kontakt aufzunehmen, aber alles wäre unbeantwortet geblieben. Beim zweiten Hinschauen stellte Tine fest, dass auch von dem pikfeinen ZDF Hauptstadtstudio nur Trümmer geblieben waren. Den protzigen Holztisch hatte man fein säuberlich abgestaubt, damit Gundula mit wichtigem Gesicht, ihre wohl letz-ten Nachrichten vortragen konnte. Tine rief sich selber zur Ordnung. Sie war zu kritisch, schließlich hatte man im ZDF wenigstens die Hilflosigkeit der Menschheit attestiert.
Als sie den Schlüssel vernahm, der sich des Schlosses ihrer Wohnungstüre bemächtigte, erschrak sie beinahe Tode. Sie rechnete mit einem Echsenmann oder mit einem Romulaner, aber es war nur Heiners breites Gesicht, das da im Türspalt erschien und die beiden fielen sich in die Arme. Wortlos teilten sie ihre Angst.
„War es das?“ fragte Heiner seine Freundin.
„Sieht so aus!“ nickte sie. Was sollte sie auch sonst sagen. Die Landefahrzeuge der Außerir-dischen waren sicherlich nicht zum Blümchenpflücken gedacht.
„Schau mal!“ rief Heiner. Er zeigte auf den Flachbildfernseher im Wohnzimmer.
„Sie schießen!“
Tatsächlich war auf dem Washingtoner Bildschirm ein Feuergefecht entbrannt. Granaten und Geschosse schlugen aus den Rohren der Panzer und Helikopter in das graue Gefährt ein. Ein wahres Feuerwerk. Leider zeigten sie überhaupt keine Wirkung. Der Koloss stand unbe-weglich. Der eifrige CNN Reporter wusste genau zu berichten, welcher Art Geschosse, mit welcher Zerstörungskraft man verwendet hatte. Ihre militaristische Verliebtheit hilft den Amis jetzt auch nichts mehr, dachte Tine. Als sich der Rauch verzog, schwieg der Reporter laut, denn die graue Außenhaut des Fahrzeugs verblieb vollkommen intakt.
„Oh mein Gott!“ schluchzte Tine.
„Schau!“ Heiner zeigte auf das Schiff, welches Kempen zermalmt hatte.
Die Landefahrzeuge flossen aus dem Bauch des Raumschiffes wie Quecksilber. Kaum wa-ren sie von der Rampe, schien sie sich statistisch auf die Umgebung zu verteilen. Eines kam sehr schnell auf Tines und Heiners Standort zu. Die beiden starrten nicht mehr auf die Matt-scheibe, auf der die zweite Angriffswelle in Washington soeben los brach, sondern sie hatten nur noch Augen für das Fahrzeug vor ihrer Haustüre.
„Heiner!“ Tines Stimme brach. Was sollten sie nur tun? Ins Auto? In den Keller? Auf die Straße?
„Ist unser Leben jetzt zu Ende?!“
Heiner presste die Lippen zusammen und sagte nichts.
Plötzlich jaulten die Alarmsirenen los, als wenn die englischen und amerikanischen Bomber zurückgekehrt seien. Das Landefahrzeug hatte die Stadtgrenze erreicht.
„Warum warten die dort? Sollen Sie doch kommen und uns endlich überrollen!“
„Ich glaube nicht, dass die uns überrollen wollen!“ erwiderte Heiner sachlich und seltsam gefasst. „Schau!“
Auf dem Bildschirm waren Aufnahmen aus den USA zu sehen. Aus einem der Fahrzeuge fuhren plötzlich seltsame Röhren heraus, die sich über die ganze Seitenfront mit sehr gleichmäßigen Abständen verteilten. Die Röhren schienen beweglich wie Elefantenrüssel. Sie tasteten Gebäude ab, als wenn sie etwas suchen würden und tatsächlich saugten sie immer wieder irgendetwas auf. Die Aufnahmen waren aus sehr großer Entfernung gemacht und man konnte nicht genau erkennen, was sich durch die flexiblen Röhren in das Innere des Fahrzeuges bewegte.
Tine überkam eine böse Ahnung.
Dann wechselte das Bild auf Berlin und CNN zeigte Bilder aus Berlin. Die Rüssel der Fahr-zeuge durchbrachen Hauswände, Fensterscheiben, ja sogar Stahltüren und suchten nur nach einem: Menschen! Autos wurden wie Konservendosen aufgebrochen, um dann die zappelnden und schreienden Menschen in den Bauch des Kolosses zu saugen.
Als Czem Özdemir im ZDF wiederum zur Ruhe aufrief, kam Tine ihr Lieblingsbild von Bedard in den Sinn. Die Enten, die dort singend in einer Nussschale auf einem tosenden Meer um-hertanzten, erhielten Czems, Angelas und Hillarys Gesichtszüge. Sie lachte bitter.
Der Koloss aus Kempen hatte seine Röhren ebenfalls zum Vorschein gebracht und rollte auf sie zu.
Es gab immer noch keine Spur von einem fremdartigen Lebewesen.
Die beiden setzten sich auf Tines Sofa und kuschelten sich aneinander. Draußen im Flur polterte eine Familie auf der Flucht die Treppe herunter. Kinder weinten, ein Vater fluchte und die Mutter zeterte.
Tine hörte ihr Herz klopfen. Was würde wohl aus dem Planeten werden? Wieso fingen diese Wesen alle Menschen? Was machte man mit so vielen Menschen?
Als der Rüssel sie wenig später erfasste, merkte sie wie Heiners Bein warm wurde. In rasen-der Geschwindigkeit schien Unterdruck die beiden nach oben zu befördern.
Sie wurden in eine Kammer voller Menschen gespukt. Es war dunkel. Es roch nach Angst, Schweiß und Fäkalien. Man sprach erstaunlich wenig. Eigentlich gar nicht. Ein oder zwei Kinder schluchzten leise. Ein Baby jammerte. Das regelmäßige Poltern der Körper, die den Raum anfüllten, war beinahe das einzige Geräusch. Angst hatte den Menschen die Sprache genommen. Tine und Heiner waren kaum auf den Beinen, als eine der Seitenwände sich zu bewegen begann. Murrend aber dennoch wenig Widerstand leistend folgten die Menschen dem Druck. Ein Tunnel öffnete sich zum Inneren des Fahrzeuges.
Ein für Tine vertrauter Geruch kroch in ihre Nase: Blut. Der dazugehörende metallische Ge-schmack lies keine Zweifel zu. Die Menschen, die direkt vor der Öffnung standen, versuch-ten sich an die anderen zu klammern. Es half nichts. Erbarmungslos wurden sie hinunter geschoben. Immer noch schrie kaum jemand. Tine hielt Heiners Hand sehr fest. Als Heiner die Röhre erreichte, wurden sie in der Menge getrennt. Heiner raste die Röhre hinunter. Wortlos. Tine spürt, dass es für immer sein würde. Dann war sie an der Reihe und zusam-men mit einem Jungen trat sie ihre kurze Reise an. Das Kind schaute ängstlich aber teil-nahmslos.
Rhythmisches Stampfen, welches von irgendeiner rotierenden Mechanik zu stammen schien, erfüllte den Raum. Tine bemerkte sofort, dass sie auf einem Förderband gelandet waren. Ein Förderband! Menschen auf einem Förderband! Haben diese Gesellen denn kei-nen Respekt vor intelligentem Leben?
Suchend schaute sie sich um und dann gefror ihr das Blut zum letzten Mal in ihrem Leben in den Adern. Ein riesiges Insektenartiges Wesen stand dort vorne neben der Maschine in die das Band unbarmherzig hinein führte. Die Mücke trug eine Schutzmaske vor dem Esswerk-zeug. Ein Rüssel schaute aus dem seltsamen Gesicht heraus und kalte Facettenaugen be-trachteten die verängstigten Menschen mitleidlos. Immer wenn fünf Menschen in der Ma-schine verschwunden waren, schloss sich die Öffnung, in die das Band hineinführte. Das mechanische Geräusch arbeitete daraufhin für einige Sekunden deutlich schwerer, dann schwang die Tür auf und die Menschen waren verschwunden.
So endete ihr Leben? Als Proteinquelle für eine außerirdische Rasse von Mücken?
„Tine!“, sagte sie zu sich selbst, als die Tür sich hinter ihr schloss, „es ist Zeit, aufzuwachen.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.09.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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