Markus Schoppen

Ein Tropfen sticht in See

Losgelöst durch einen Windstoß und mit taumelnden Bewegungen fiel dieser kleinste noch sichtbare Vertreter seines Elements voller Minderwertigkeits-Komplexe und einer kränklich wirkenden Durchsichtigkeit aus einer dunklen Wolke, die ihm, dem ehemaligen Bestandteil eines großen Flusses, vorübergehendes Asyl bot und in der er sich nach langem Flug Richtung Himmel endlich wieder unter seinesgleichen fühlen konnte. Er war noch zu jung um zu wissen, dass die irdischen Naturgesetze ihm diese Reise aufnötigten, kannte keinen Zwang. Er war noch nicht oft verdampft, hatte den Aggregats-Zustand erst selten gewechselt, wie die Physiker sagen. Eben sowenig war ihm bewusst, dass er Teil eines Kreislaufs war, aber selber keinen hatte. Zelle eines Gehirns dessen Synapsen er verdammte. Oft belauschte er ältere Verwandte, wenn sie prahlten, dass sie Fässer zum Überlaufen bringen könnten. Schlimmer noch, ganze Landstriche würden überflutet und Tausende Menschen stürben, wenn sie sich nur verbündeten und jedem heißen Stein aus dem Weg gingen. Sie führten ein grausames Regiment.
Trotzdem: Flora und Fauna wären ohne sie nicht denkbar. Sie mussten nur in großen Mengen antreten, um ihre Arbeit zu verrichten, egal ob es gut oder böse ausging. "Wüsten sind überall dort wo wir nicht sind", war ihre arrogante Losung. Nun, er wollte anders sein. Töten war nicht sein Ding. Gleichwohl, welche Wirkmächtigkeit könne er als Einzelner ausüben, dachte er im Sturz aus großer Höhe und in Anbetracht der durch den Fallwind bedingten Verformungen seines nassen Körpers. Allein war er zu weich und nur bei Kälte hart, aber dafür unbeweglich.
Er fühlte sich machtlos angesichts der Übermacht seiner Artgenossen. Gerne würde er wie die Menschen sein Handeln selbst bestimmen. Er war jedoch nur Teil einer Masse, die man, wenn überhaupt, nur mit Atomen oder Ameisen vergleichen kann. Für sich genommen fast ohne Bedeutung, aber in ihrer Gesamtheit unberechenbar und wie von unsichtbarer Hand gesteuert.
Er wollte sich indes nicht an Naturkatastrophen und Seuchen beteiligen, sondern Leben retten und bewahren, wenn er es schon nicht selbst erzeugen konnte. Lieber würde er in der Erde versickern um an der Speisung einer Quelle mitzuwirken als wieder so schnell zu verpuffen wie beim letzten Sonnenschein. In eine durstige Kehle fließen – nicht in die Luftröhre eines Ertrinkenden – das wäre die gute Tat, die seine Sippe nicht zu schätzen wusste. Doch plötzlich wurde er von einem übermächtigen Tiefdruckgebiet aus seinem mitfühlenden Tagtraum geschüttelt. Er regnete in einem aufgewühlten Ozean ab, löste sich auf, und formte mit unzähligen Brüdern, die er gegen seinen Willen umarmte einen fürchterlichen Kaventsmann, der ein großes Passagierschiff zum Kentern brachte - seine Sehnsucht blieb unerfüllt!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.09.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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