Diethelm Reiner Kaminski

Über die Brücke



Namen möchte ich nicht nennen, um die Menschen in meiner Geschichte nicht zu gefährden. Denn noch heute, zehn Jahre später, würden ihnen hohe Strafen drohen. Aber was ich berichte, ist wahr, denn ich war einer von ihnen.
Der Rio Negro, wild und reißend und gefürchtet wegen seiner unberechenbaren Stromschnellen, trennt zwei südamerikanische Bergländer, deren diplomatische Beziehungen sich von Jahr zu Jahr verschlechtert hatten, bis sie eines Tages gänzlich abgebrochen und die Grenzen geschlossen wurden. Von dem Dorf, in dem ich wohnte, führte eine alte Hängebrücke zum Dorf auf der anderen Seite. Man hatte es nicht für nötig gehalten, sie zu zerstören, denn sie war so baufällig, dass man sich auf die Angst der Anwohner auf beiden Seiten verließ. Oder man wollte die letzte Lebensader zwischen beiden Ländern nicht kappen. Das mit den USA verbündete Land X jenseits des Flusses war wirtschaftlich deutlich besser gestellt als unser sozialistisches Paradies, in dem es Kaffee und ausländische Zigaretten, Parfüm und Nylonstrümpfe höchstens an den Revolutionsfeiertagen zu kaufen gab. Unser Dorf wiederum war bekannt für seine Naturheilmittel gegen Impotenz und Frigidität. Die idealen Voraussetzungen für einen lebhaften Schmuggel, denn die begehrten Waren von der Gegenseite ließen sich mit hohem Gewinn in unseren Nachbardörfern weiterverkaufen. Mut gehörte auf jeden Fall dazu, die Brücke zu überwinden, in deren Mitte über mehrere Meter die Bretter fehlten, so dass man in den brodelnden Abgrund blickte. Unseren Leuten bereitete das keine Bauchschmerzen. Seit altersher pflücken sie Orchideen und Heilpflanzen in den höchsten Bäumen und an den steilsten Hängen. Sie gelten als schwindelfrei. Wir hangelten uns also, unsere Schmuggelware fest auf den Rücken geschnallt, entlang der Lücke das Tragseil entlang, bis wir wieder festen Boden unter den Füßen verspürten. Die Bewohner der Gegenseite trauten sich nie, was uns dazu veranlasste, unsere Produkte mit einer „Gefahrensteuer“ zu belegen. Es gab nicht einmal Protest. Vermutlich verhökerten sie unsere Naturmedizin für den zehnfachen Preis an wohlhabende Ausländer. Dieser Handel, von dem beide Dörfer profitierten, hätte bis zur unwahrscheinlichen Versöhnung beider Länder andauern können, wenn wir uns nicht darauf eingelassen hätten, ein neues „Produkt“ in unser Sortiment aufzunehmen. Mädchen. Im Land X herrschte akuter Frauenmangel, weil viele junge Mädchen in die USA oder nach Kanada geheiratet hatten, in unserem Land – ohne jede Verbindung ins westliche Ausland – ein chronischer Frauenüberschuss. Da lag es nahe, von unserem Überschuss gegen hohe Gebühren den Bedürftigen abzugeben. Unsere Mädchen sind feingliedrig, schlank, selten größer als 1,60 m. Wir schnallten sie uns in gleicher Weise auf den Rücken wie die Rucksäcke mit der Naturmedizin. Schnell sprach sich der neue Handel herum, und wir konnten uns vor Umsiedlungswilligen auf unserer und Bestellern auf der anderen Seite kaum retten. Nacht für Nacht trugen wir ein halbes Dutzend Mädchen über den Abgrund, bis … bis Margarita, meine siebzehnjährige Lieblingstochter, mir ihren Wunsch anvertraute, ebenfalls hinübergetragen zu werden.
„Ich möchte hier nicht versauern. Was erwartet mich hier schon? Gib mir eine Chance.“
„Wir werden sehen“, wich ich einer Antwort aus.
Kaum zurück von der nächtlichen Tour, schlich ich zurück zum Fluss und kappte die dicken Bambusseile der Hängebrücke mit meiner Machete. Mit einem sausenden Geräusch stürzte sie in den schwach vom Mondlicht beschienenen Fluss. Margarita würde mich hassen für diese Tat, obwohl ich natürlich leugnen würde, dass ich es getan hatte. Auch auf Kaffee und ausländische Zigaretten und den satten Nebenverdienst würde ich verzichten müssen. Aber mein größter Reichtum war mir geblieben.
Noch im selben Jahr nahmen unsere so lange verfeindeten Länder diplomatische Beziehungen auf. Die Grenzen wurden geöffnet, Brücken über den Rio Negro gebaut. Margarita, kaum achtzehn geworden, stellte einen Ausreiseantrag in die USA. Sie kehrte nie wieder zurück.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.09.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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