Rebecca Wolf

Eine Geschichte über das Warten

Bahnsteig 7. Überfüllt und schmutzig. Alles ist grau in grau. Grauer Beton, grauer Stahl und graue Menschen. Manche von ihnen haben keinen Kopf, sondern nur einen Regenschirm, der aus ihren Kragen ragt. Bunte Farbtupfer in der Masse. Die Schirme wippen auf und ab. Überhaupt ist alles in Bewegung. Nur ich nicht. Ich warte und gucke dabei auf meine roten Stiefel. An der Spitze ist die Farbe schon abgestoßen. Und ich weiß auch, dass der Strumpf, gut verhüllt vom Schuh, ein Loch hat, durch das mein dicker Zeh raus guckt. Die Schuhe bleiben heute also an. Noch 30 Minuten. Das sind 1800 Sekunden.

 
Selbst mit den Stiefeln fühle ich mich nackt. Man hat mir meine Hütte genommen. Nun bin ich ein Männlein im Walde, ganz still und stumm. Ich hab vor lauter Kälte…nein, mein Mäntelein nahm man mir auch. Man verließ mich im Wald, und alles, was man mir gab, war ein Blatt. Daran zerrt der Wind beharrlich. Der Wind… “Hey, kannst Du mal Platz machen“, schreit er in meine Gedanken hinein. Ich blicke auf und sehe den Gilb, der die Tapeten schmutzig macht. Grimmig blickt er auf mich hinab. Missmutig nehme ich meine Tasche und rücke sie ein Stück weg. Und gleich drauf ein Stück ab, denn der Gilb stinkt. Und er pfeift. Ein Lied, das ich kenne. Das Pfeifen, das unbewusst und ungewollt kommt. Ein Gruß von der Lunge, die uns sagt, sie macht es nicht mehr lange. Fast tut er mir leid. Das Pfeifen wird lauter und lauter. Mein Schädel will explodieren. Erschocken blicke ich zum Gilb. Und keine 2 Sekunden später fährt ein Zug in den Bahnhof ein. Daher das Pfeifen. Mein Mitleid fällt in sich zusammen wie ein Kartenhaus, als mir zum Abschied noch ein Ellenbogen in die Rippen gedonnert wird.

 
Ich bin wieder allein. Die roten Stiefel wippen auf und ab. Den bewussten Befehl dazu haben sie von mir nicht erhalten. Es ist nirgends schöner als daheim. Bringt mich nach Oz. Es ist 18:06. Noch 20 Minuten. 20 Minuten bis zum Anfang. 20 Minuten bis zum Ende. 20 Minuten vom Rest meines Lebens. 20 Minuten, das sind 1200 Sekunden. Ich kann sie runterzählen. Und wieder rauf. Der Zug fährt ab und hinterlässt Papierfetzen, Müll, die Moleküle 200 verschiedener Duftwasser und mich. Ich bin allein. Der Regen lässt nicht nach. Sommerregen. Die Luft riecht grün.

 
Ein kleines Mädchen beginnt ein paar Meter weiter zu weinen. Die Mutter steuert mit dem Kind auf mich zu, herrscht es an, sich neben mich zu setzen. Zwischen 2 Schluchzern sieht das Mädchen mich an. „Mami, was hat die Frau?“ „Psst. So was fragt man nicht!“ Doch Mami. Das fragt man. Immer und immer wieder. Bis dass die Frage die Antwort ist. „Duuuuu?“ „Ja?“ „Kannst du ein Krokodil malen? Meine Mami sagt, dass Krokodile so schwer gehen.“ „Ja, manchmal geht alles schwer. Gib mir den Stift.“ Und ich zeichne. Wie sieht ein Krokodil aus? Wie dieses jedenfalls nicht. Mein Krokodil ist ein Pferd mit zu kurzen Beinen und Zacken. Findet auch meine Freundin. „Hm.“ Sie ist wohl der Meinung, Krokodile wohnen im Sumpf, also gehört auch diese Zeichnung dahin. Sie lässt mein Krokodil in die Pfütze fallen. Da schwimmt es zusammen mit der Hoffnung, die sie in mich gesetzt hat, davon. Kritisch sieht sie mich an. „Gehen Deine Hände auch nicht richtig?“ Wortlos starre ich geradeaus. Warum sind Schienen gebogen? Schienen sollten gerade sein. Alles sollte gerade sein. Ohne Biegung, ohne Krümmung, ohne Komplikationen. „Anna“, zischt die Mutter. „Heute Abend gibt es keinen Nachtisch, wenn Du die Frau jetzt nicht in Ruhe lässt.“ Ich lächele die Mutter an. Wie bei einer Krähe zuckt ihr Kopf nach vorne und wieder zurück. In die Augen sehen will sie mir nicht. Ein erneutes Pfeifen kündigt den nächsten Zug an. Anna steht auf, ihre Mutter nimmt sie bei der Hand. Die Krähe und das Mädchen steigen in den Zug.

 
Noch 13 Minuten. 13 Minuten, das sind 780 Sekunden. Tick Tack. Ein Tick Tack erfrischt Ihren Atem 30 Minuten lang. Mein Atem ist mir egal. Er riecht, wie Atem nun mal riecht. Verbraucht und veratmet. Tot fast. Wie kann toter Atem frisch riechen? Und warum soll er das? Wieder wippen die roten Stiefel auf und ab. Eine Hand berührt sie. Die Hand, die es nicht gibt. Die Stimme, die es ebenfalls nicht gibt, spricht zu mir. Ich blende sie aus. Lange hab ich ausgeblendet. Vieles. Und nun ist es zu spät, Dinge einzublenden, auf die es nicht mehr ankommt.
„Haben Sie Feuer für mich?“ wird die gestaltlose Person neben mir gefragt. Ich höre Kramen in der Tasche, dann das charakteristische Geräusch des automatischen Feuerzeuges. „Danke.“ Der Fragensteller wendet sich mir zu. „Na? Die Sonne wohl lange nicht mehr gesehen, was? Auch im Vampirfieber?“ Dann lacht er über seinen eigenen Witz. Ich lache nicht. Aussaugen will ich ihn dennoch. Gib mir Dein Blut, ich brauche es. Ein Windstoß lässt die Oberfläche verrutschen. Der Mann verstummt. Er murmelt. Erfahrungsgemäß eine Entschuldigung. Ich antworte nicht. Ich denke an Blut. Rot wie meine Stiefel. Der Mann mit seiner Zigarette verlässt uns und steigt zu den anderen Grauen Herren in die S-Bahn.

 
Noch 8 Minuten. 8 Minuten, das sind 480 Sekunden. Ich summe. Ich spiele mir selber das Lied vom Tod. Eine alte Frau setzt sich neben mich. Sie starrt mich nicht an und faltet ihre Hände im Schoß. Es sind alte Hände. Voller Falten und Altersflecken. Eine Warze sprießt auf dem Handrücken. Die Frau lächelt. Ich beneide sie um diese Hände. Ich lächele nicht. Meine Muskeln gehorchen mir nicht mehr. Die Frau öffnet ihre Handtasche und schält sich eine Banane. Jetzt riecht es grün und gelb. Mein Magen knurrt. Die Frau sieht mich an. „Haben Sie heute noch nichts gegessen?“ Ich beiße die Zähne zusammen und schüttel den Kopf. Kurzerhand bricht die Frau ein Stück ihrer Banane ab und hält es mir hin. „So junge Menschen müssen essen, um bei Kräften zu bleiben.“ Ich kann nicht essen. Und Kräfte brauch ich nicht. Dennoch nehme ich die Banane. „Danke“, flüstere ich. Und in meiner Hand wird die Banane schnell matschig. „Wollen Sie die Banane denn nicht essen?“ Doch, ich will. Manche Dinge will ich so sehr, dass es schmerzt. Sie sind nicht erlaubt. Die Frau wendet sich ab. Es tut mir leid, sie enttäuscht zu haben. Ich merke, wie sich in meinen Augen Tränen sammeln. Sie werden nicht lange verborgen bleiben. Sie sind so schlecht geschützt. „Mein Zug kommt nun. Bitte, essen Sie etwas. Sie sind ja ganz abgemagert.“ Sie steht auf, und geht langsam, aber zielstrebig auf den eingefahrenen Zug zu.

 
Noch 3 Minuten. 3 Minuten, das sind 180 Sekunden. Die Stimme ohne Körper spricht wieder zu mir. „Lena.“ Lena, so heiße ich. So hieß ich. So werde ich geheißen haben. Namen sind Schall und Rausch. Erinnerungen sind nur so lange vorhanden, wie es Menschen gibt, die sich erinnern wollen. „Lena. Wir haben noch 2 Minuten Zeit. Meinst Du nicht, Du solltest mir langsam verzeihen?“ Ich kneife die Augen zusammen und schreie. Schreie mit aller Wut, mit aller Kraft und aller Hoffnung, die mir noch bleibt. Ein Paar sieht zu mir herüber. Sie sehen auch meine gestaltlose Stimme. Meine stimmlose Gestalt. Neugierig kommen sie zu ihr herüber. „Können wir helfen?“. Die Stimme lehnt ab, geht auf Abstand und holt ihr Handy heraus. Sie wartet und spricht nach einer Weile in das Telefon. „Ich bin am Ende meiner Kräfte“, schluchzt die verhasste Stimme. „Unsere Tochter spricht nicht mehr mit mir. In 2 Minuten kommt der Zug. Sie sitzt hier und schreit. Haben wir die richtige Entscheidung getroffen?“
Das Paar sieht neugierig zu mir. „Kleine Rebellin, hm?“ Ich antworte nicht. Noch eine Minute. Eine Minute, das sind 60 Sekunden.

 
Schweigen. Dann dröhnt eine Stimme durch den Lautsprecher „Achtung Achtung, der Zug nach München fährt nun ein. Bitte zurücktreten.“

 
Mein Leben, das waren 19 Jahre. 19 Jahre, das sind 590976000 Sekunden. Und jede weitere ist gezählt. Die Stimme meiner Mutter neben mir drängelt. Sie kann es nicht abwarten, bis dass ich weg bin.Hastig schiebt sie den Rollstuhl auf den Zug zu. Der Pfleger neben ihr legt ihr die Hand auf die Schulter. Nicht einmal reisen kann ich alleine. Meine Eltern sind mit der Pflege einer Leukämiekranken überfordert. Sie schicken mich ins Hospiz. Endstation Sehnsucht. Endstation Hoffnung. Endstation ich.

 
Der Zug steht vor uns. Tick Tack.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.09.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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