Christa Astl

EIN VATER ?



Es ist ein gemütlicher Samstagabend. Noch sitzen die Mutter und ihre vier Kinder beim Abendessen, noch machen die Zwillinge ihre Späße, noch erzählt Maria von der Geburtstagsparty bei ihrer Freundin, den Spielen dort und wie lustig es war, als bei einem Tanzspiel sogar deren Eltern mitgemacht haben. Da fällt ein Schatten über Mutters eben noch sorglos lachendes Gesicht. „Es wird Zeit zum Schlafengehen…“ meint sie.
„Nur noch ein bisschen aufbleiben, nur noch so lange, bis....“ betteln die Kleinen. „Na gut, so lange, bis er….“ Für einen Moment wird es still. Jeder weiß es. Unausgesprochen hängt die Angst vor der drohenden Gefahr über ihnen.
Die Kleinen vertiefen sich bald wieder ins Spiel, Maria liest, ab und zu beteiligt sie sich an ihrem Geplauder. Nur die Mutter wird stiller. Um den Mund bekommt sie die harten Falten, die den Kindern gar nicht gefallen. Ihre Lippen werden schmal, streng, fast böse schaut sie so aus. Das denkt auch Marco, der auf der Couch in der Zimmerecke liegt und die anderen beobachtet. Hass steigt in ihm auf, Hass auf den Vater, aber auch auf die Mutter. Warum lässt sie sich das alles gefallen, warum wehrt sie sich nicht? Er möchte ihr helfen können, möchte groß und stark sein um sie zu beschützen. Sperr doch die Tür zu, stell doch einen Stuhl unter die Klinke, schieb den Schrank vor, lass ihn nicht herein... rufen seine Gedanken. Aber die Mutter sitzt da, die Hände im Schoß. Sie lächelt abwesend über den Unfug der kleinen Zwillinge, ihre Gedanken sind aber wo anders. Immer wieder wandert ihr Blick zur Uhr, ängstlich lauscht sie auf die Straße. Da – unartikulierte Laute, wüstes Schreien. „Schnell, er kommt!“ – Die Kleinen raffen ihr Spielzeug zusammen rennen aus der Küche und in ihr Zimmer. Sie ziehen die Decken über den Kopf um nichts mehr zu sehen und fast nichts zu hören. Auch Maria geht, aus Angst vor ihm und voller Sorge um die Mutter, in ihr Zimmer und versteckt ihr Buch unter dem Polster. Abwartend steht sie im Dunkeln am Fenster. Schon sieht sie ihn auf der Straße daherschwanken.
Marco und die Mutter sind allein. Sie will auch ihn aus der Tür schieben, spürt seinen Widerstand. Ganz kurz nur schmiegt er sich an sie, möchte selber beschützt werden, macht sich aber dann hart, steif, bleibt an seinem Platz stehen. Grölend rumpelt der Vater ins Haus, fluchend tappt er Stufe um Stufe hinauf. Mutter und Marco halten sich noch an der Hand, als er durch die Tür stolpert. Der Junge macht einen Sprung zur Seite, die Mutter streckt die Arme aus um den Strauchelnden aufzufangen. Die blutunterlaufenen Augen, das bläuliche aufgedunsene Gesicht, die beschmutzte Kleidung, der nach Alkohol stinkende Atem, im Moment vergisst sie das alles, als sie versucht, den schweren Körper wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Brutal stößt sie der Mann zur Seite, gibt ihr wüste Schimpfworte, stumm lässt sie alles mit sich geschehen. Bleich wie die Wand steht sie da. Nur einen Schritt weicht sie zurück, als der Betrunkene auf sie einzuschlagen beginnt. Wird sie es auch diesmal überstehen? Da kann Marco seinen Zorn nicht mehr beherrschen. Hass auf diesen vom Alkohol vergifteten, brutalen Menschen, den er nicht mehr seinen Vater nennen kann, treibt ihn vorwärts. Mit einem Sprung hängt er am Rücken dieses Mannes, klammert die Arme um dessen Hals und versucht ihn von der Mutter wegzureißen. Er sieht ihre angstgeweiteten Augen, der Schlag, der ihr zugedacht gewesen war, streckt nun ihn zu Boden.
Erst im Krankenhaus erwacht er mit dick verbundenem Kopf aus seiner Bewußtlosigkeit.
Maria sitzt an seinem Bett. Marco kann noch nicht klar sehen, erkennt aber, dass sie weint. Mit dem Handrücken wischt sie sich über Wange und Nase. „Die Mutter liegt im Bett und will nimmer aufstehen. Die Zwillinge sind auf der Straße, sie haben Hunger und Angst…“
Das hört Schwester Cilli, die soeben das Bett neben Marco frisch überzieht. Sie schenkt Maria, als diese sich verabschieden muss, eine große Tüte Gebäck. Dann führt sie ein langes Gespräch mit dem Oberarzt. Der schickt gleich eine Fürsorgerin heim zur Mutter, um dort nach dem Rechten zu sehen. Der Vater darf für lange Zeit nicht mehr in seine Wohnung, sondern er kommt in ein Heim, wo er von seiner Trunksucht geheilt wird.
Aber die traurige Erinnerung an diese furchtbare Zeit lastet noch lange auf der Familie, auch wenn das Leben danach um vieles besser wird.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.10.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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