Margit Farwig

Nie und nimmer

 

Nie und nimmer

 

Im Leben wird man immer irgendwie zusammen geführt und zusammen geschweißt. Der Zufall spielt die Hauptrolle.

Vor vielen Jahren zogen wir in ein Vierfamilienhaus in die obere Etage. Der überdachte Balkon eignete sich hervorragend für ein Schwätzchen mit der alten Dame, die als alleinstehende Witwe ihr Dasein hier beschließen sollte. Die Glaswand täuschte nur eine Geborgenheit vor, jedes Wort konnte man verstehen, auch wenn man es nicht wollte. So habe ich dann oft gemeint, ach kommen sie doch gleich rüber, trinken wir eine Tasse Kaffee zusammen. Klug und mit einer gehörigen Portion Humor ausgestattet, kam sie sehr gelegen, unseren oder meinen Alltag ein wenig auf zu polieren. Sie eignete sich auch sehr zum Einhüten unserer beiden kleinen Kinder, wenn wir abends ein Fest besuchen wollten. Die Chöre feiern in jedem Jahr ihre Stiftungsfeste, die nach dem Konzert zum Tanzen freundlich einladen. Wenn man mitsingt, sollte man auch mitfeiern. Unsere Kinder freuten sich schon auf ein Toben mit ihrer geliebten Tante O. Und diese Tante O. wurde zu unserem dritten Kind. Sie war immer da, ob die Tür aufging, es gewitterte, die Angst trieb sie zu uns. Niemand sollte in unserer Nähe Angst haben. Tür auf und rein! Geburtstage, Karneval, eigentlich alle Feste feierten wir zusammen, selbst im ganzen Haus. Draußen beim Grillen aßen wir gemeinsam und sangen anschließend Lieder, Lieder des Volkes, die das Herz berührten. Wir sangen, wie es früher einmal war.

Die Jahre zogen dahin und plötzlich war nichts mehr wie es sein musste. Sie vergaß ihren Schlüssel, ich bog manche Stricknadel zum Dietrich, sie vergaß bald alles. Einige Hausarbeiten verrichtete ich stillschweigend, schob die herausgezogenen Wäschestücke wieder in den Schrank, die Mäntel und Kleider hängte ich zurück. Ich wurde ihr Vormund in Geldsachen, kaufte für sie ein, teilte ein, verband das Bein, wenn das Blut der Krampfader wie eine Fontäne spritzte. Oder am Weihnachtstag, wenn sie mir beim Kaffeetrinken den angebackenen Strumpf am Fußknöchel zeigte, ich eine Schüssel mit warmem Wasser zum Lösen bereitete und verband, den Strumpf wechselte.

Nun zog ich die Fürsorgerin zu Rate. Sie versicherte, sie würde sofort ein Bett in einem umliegenden Altenheim besorgen, wenn unser Sorgenkind nur bereit wäre. Die Verantwortung wurde zu groß. Doch unsere Frau O. wollte nie in ein Altenheim. Dies versicherte sie vehement schon Jahre voraus.

Würde sie heute bereit sein, das gewohnte, doch angstvolle Leben gegen ein beschütztes, betreutes ein zu tauschen? Die Angst, ist sie nun so groß, den Gedanken „Nie werde ich in ein Altersheim gehen, nie!“ auf zu geben?

Durch die Wände dringt Wimmern. Sie hadert mit ihrer Not, nichts mehr in den Griff zu bekommen. Tränenlos klagt sie in den Mörtel, die Laute dämmend.

Diesen Hilferuf kenne ich, Wand an Wand wohnend. Meistens helfen Worte, ein Herüberholen in die Geborgenheit unserer Familie.

Die Laute werden eindringlicher.

Mal sind es die Konfirmanden, die draußen auf der Mauer der gegenüber liegenden Kirche sitzen. ‚Sie dringen angeblich in ihre Wohnung ein.’

„Sehen Sie, alle Sachen haben die aus dem Kleiderschrank gezerrt. Sehen Sie, auch den Pelzmantel!“

Ja, ich sehe die verstreuten Wäschestücke und Kleider.

„Riechen Sie, die haben wieder geraucht!“

Nein, ich rieche nichts. Wortlos räume ich die Sachen zurück in den Schrank. Ich zähle nicht mit wie oft.

Die Verängstigte zittert, klagt weiter. „Das werde ich meinem Doktor sagen!“

Er hat immer ein Ohr für sie, nimmt sie ernst.

Heute brennt die Sonne vom Himmel. Ich bügele, eine Prozedur in der Hitze.

Das Wimmern nebenan schwillt an. Ich schalte das Eisen aus.

Es wird die Hitze sein, denke ich.

Ich klopfe. Die Tür wird aufgerissen.

„Nun sehen Sie sich das an!“ Aufgelöst läuft sie in die Küche, zeigt auf den Tisch, den Aschekasten, der halb aus der Öffnung des Kohleofens hängt.

Was ich sehe, ist nicht neu für mich, aber schlimmer als die letzten Male.

Der ganze Tisch ist mit Butter beschmiert, mit Käserinde bedeckt. Im Aschekasten liegt Aufschnitt, Brot.

„Nun sehen Sie sich das an!“

Ich hatte schon ganz andere Sachen gesehen. Bratwurst unterm Sofa, Aufschnitt hinterm Sofakissen, Käse in der Feuerstelle des Kohleofens.

Doch heute kommt die Hitze dazu!

Ich lasse alles wie es ist. Eindringlich schildere ich ihr das wunderschöne Wohnen in einem Altenheim. „Es ist wie im Hotel, Sie lassen sich bedienen, Sie können kommen und gehen wie Sie wollen. Und stellen Sie sich vor, wenn Ihre Eltern Sie so sehen könnten, wie die sich freuen würden. Alles ist aufgeräumt, kein Kochen mehr, kein Waschen mehr, kein Putzen.“

„Nie gehe ich in ein Altersheim!“

Nach einer halben Stunde gehe ich zurück in meine Wohnung, rufe die Fürsorgerin an: „Vielleicht brauchen wir ein Bett“, und ich bügele weiter.

Das muss erst wirken. Nach einer halben Stunde stehe ich wieder vor der unglücklichen Frau. Dieselben Worte, dieselbe Antwort.

„Und was das Beste ist, wenn Sie im Altenheim sind, Sie haben endlich Ruhe vor den Konfirmanden. Die wissen ja gar nicht, wo Sie sind. Also können die Sie nicht mehr ärgern. Das ist für immer vorbei. Von mir erfahren die auch nichts.“

Erleichterung, Erlösung huscht über ihr Gesicht. Endlich!

Sofort packe ich eine Reisetasche, lege das Nötigste rein, rufe die Fürsorgerin an und wir fahren los. Eine Stunde Fahrt bis zum Altenheim.

Drei Tage später besuchen wir unsere  Nachbarin im Heim.

„Dort“, Frau O. zeigt aus dem Fenster auf die Büsche, „dort habe ich zwei Tag gestanden und geweint. Jetzt bin ich froh.

Und ich erst! Natürlich haben wir sie bis zum Tode begleitet.

 

© Margit Farwig

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Margit Farwig).
Der Beitrag wurde von Margit Farwig auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.10.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Lebenstüren von Edeltrud Wisser



Die Autorin lädt Sie ein Türen zu erschließen, und in unterschiedliche Lebensräume hineinzuschlüpfen.

Gehen Sie auf Tuchfühlung mit deren Farben- und Facettenreichtum.

Hier berühren sich Traum und Wirklichkeit, verschmelzen zu poetischen Wortgemälden.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (13)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Wahre Geschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Margit Farwig

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Die Sorte Ankläger von Margit Farwig (Gesellschaftskritisches)
Willkommen zurück im Leben! von Bea Busch (Wahre Geschichten)
Der verschwundene Schnuller von Ingrid Drewing (Wahre Geschichten)