Schon bald nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft besuchte uns Bruder Heinz mit seiner früheren Freundin. Wir hatten uns darüber unterhalten, dass der Vater im Sauerland war, einen großen Eimer voll Blaubeeren gesucht und mitgebracht hatte. Seine Freundin Friedel wusste zu berichten, dass Familien aus der Nachbarschaft im Oldenburger –Land gewesen und voll beladen zurückgekommen sind. Nur der Zug nach dort wäre weit überladen gewesen
In der Woche sagte meine Frau, ich möchte gern am Sonntag auch mal unser Glück bei den Blaubeersträuchern in Oldenburg versuchen. Gesagt, getan, am Sonntagmorgen ging es los. Am Samstag wurde damals noch voll gearbeitet. Am Bahnhof Bergkamen stiegen wir in den Zug nach Hamm. Der Zug nach Oldenburg war mehr als überfüllt. Ich hatte noch keine Prothese für meinen rechten Unterschenkel und lief mit Armstützen Ich hatte den Fuß in Russland verloren. Obwohl teils viele Mitfahrer schon auf den Trittbrettern standen, machte man uns Platz zum Einstegen. So viel Rücksichtnahme hätte ich nicht erwartet
Wir hatten uns erkundigt, welche Haltestelle im Oldenburger-Land, für uns zum Blaubeerensuchen besonders günstig sei. Waren dort entsprechend ausgestiegen..
Ein riesiger Wald nahm uns bald auf. . Hier fanden wir unter den Bäumen große Flächen Blaubeerensträucher vor. Einen Wassereimer und zwei Pflückgefäße hatten wir mitgenommen. Ich selber erst 23 Jahre alt, schon zwei Jahre mit den Armstützen eingelaufen, hatte auch beim Beerenpflücken keine besonderen Schwierigkeiten. Bei meiner Frau ging es schon etwas schlechter. Darum legten wir bald eine größere Pause ein. Wir hatten unsere Butterbrote noch nicht auf, sahen in einen riesig, langen Waldschneisenweg hinunter. Unser ausgesuchtes, im Wald gelegenes Blaubeerenfeld war vollkommen menschenleer. Unkenntlich noch in weiter Ferne näherten sich und zwei Menschen. Dieses Paar kam uns bald so nahe, dass wir es erkennen konnten. Wir trauten unseren Augen nicht. Es war mein Bruder mit seiner Freundin Friedel. Das war mehr als ein Zufall.
Wir füllten unsere Eimer mit mehr oder weniger Lust- und Kraftreserven und fuhren gemeinsam nach Hause. Diesen Zufall wollte uns dort einfach keiner abnehmen. Die Blaubeeren wurden in Gläser eingeweckt. In den Blaubeerengläsern hatten sich schnell Flächen von Schimmel gebildet. Die Nachbarin aus Bayern, mit dem Wein ansetzen vertraut, sagte ganz aufgeregt, Frau Henke, die Gläser dürfen sie doch nicht im Kompost ausschütten. Davon macht man doch den besten Wein. Sie haben Johannisbeeren und Stachelbeeren im Garten. Setzen sie die gemeinsam in einer Weinkruke an. Sie bekommen einen wunderbaren Wein. Wir hatten den Wein ausgären lassen und in Weinflaschen abgefüllt. Woher wir die leeren Weinflaschen hatten ist mit heute nicht mehr bewusst.
Tochter Kirsten war l949 geboren. Zu einer Feier zur Geburt, die volle Verwandtschaft zusammen zu bekommen, war wegen der großen Anfahrschwierigkeiten nicht einfach. Das gelang uns 1950. Mein Vater hatte im Münsterland, er arbeitete dort viel bei einem Bauern, ein Teil vom Vorderschwein besorgt. Meine Frau verstand sich darauf, daraus ein Festessen zu zaubern. Für die Getränke am Nachmittag hatte ich Sorge getragen. Die abgefüllten Flaschen Wein wurden trinkkühl gestellt. Eine dieser Flaschen im Etikett gut erhalten, hatte die Aufmerksamkeit unseres Onkels Karl angeregt. Dieser war Vorsitzender eines Gesangvereins in dem die Weingläser oft die Runde machten. Vielleicht spielte auch der besonders wohlklingende Name auf dem Flaschenetikett eine wichtige Rolle.
Als ich zum zweiten Mal die Gläser füllte, war die bewusste Flasche schon halb leer. Onkel Karl hielt mich zurück und flüsterte mir zu, stell die Flasche zurück. Der ist viel zu gut für alle die nichts davon verstehen. Er hat dann mit viel Genus im Laufe des Nachmittags die Flasche geleert. Während ich die übrigen Gästen aus anderen Flaschen bediente
Es verging eine Zeit. Ich kreuzte mit Frau und Tochter in Ickern auf Wie gewöhnlich spielten wir am Nachmittag Doppelkopf. Mit von der Partie waren die Neffen und der Schwager meiner Frau Marga. Im Laufe des Gespräches wurde die Tauffeier bei uns erwähnt. Auch kamen wir auf den Weinkenner Onkel Karl und meinen Selbstangesetzten zu sprechen.
Als der Onkel aus diesem Kreis, von wen auch immer, später die wahre Geschichte von der Weinpartie erfuhr, hat er einige Jahre beleidigt nicht mehr mit uns gesprochen.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.10.2010.
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