Nicolai Rosemann

Die Flüstergalerie

Teil 1 - Er
Es ist ein seltsames Gefühl vier Stimmen in seinem Kopf zu hören. Seltsam, bis man sich daran gewöhnt hat. Danach ist es so stimulierend wie ein Sonnenaufgang.
Ich gönne mir aber keine Sonnenaufgänge. Meine Arbeit nimmt mich so sehr in Beschlag, dass ich manchmal vergesse ob es Tag oder Nacht, gar welcher Tag der Woche, ist. Nur im düsteren Zwielicht meiner Arbeit, mit dem Computer als einziger Lichtquelle und drei anderen Stimmen in meinem Kopf verbringe ich die Zeit.
Zu Beginn war ich schlecht stimuliert und machte Fehler. Doch mit der Zeit wurde die Stimulation der Stimmen besser, in das Chaos wurde Ordnung gebracht. Und dann, als unsere vier Stimmen zu einer einzigen verschmolzen waren, glaubten wir die Perfektion erreicht zu haben. Doch irgendetwas fehlte uns noch immer.
Bis sie in mein Leben trat. Die Muse. Es war an einem Mittwoch.
 
Wenn ich mich an die Banalität erinnern könnte, die Frage, die uns zusammenführte, würde ich vermutlich lachen. Doch mit dem Fluss der Zeit und der Masse an Arbeit ging das alles in den Wirren des Chaos, das in meinem Kopf nur zu oft herrscht, verloren.
Lange Zeit zog die Muse dann ihre Kreise um mich, ohne dass wir uns dessen bewusst waren. Viele Jahre lebten wir aneinander vorbei und eine weitere Stimulanz kam hinzu, ohne dass ich es bemerkte. Zur selben Zeit wurden die anderen Stimmen auch leiser, bis schließlich eines Tages eine der drei anderen Stimmen verstummte.
Zuerst nahm ich es gar nicht wahr, viel mehr konzentrierte ich mich nur noch auf die eine Muse, die meine Feder zum Glühen brachte. Die Ideen sprudelten aus meinem Kopf wie das Öl aus der Quelle.
Doch eines Tages, im Schlaf, kam es dann über mich. Die eine Stimme, die sonst vor allem in meinen Träumen zu mir gesprochen hatte, war verstummt. Dumpfe Leere erfüllte meinen Schlaf.
Deshalb ging ich gleich, nachdem ich aufgestanden war, in mein Arbeitszimmer und zog den Vorhang zurück, der die Galerie nachts verdeckte, damit nicht alle drei auf mich einsprechen konnten und mir den Schlaf rauben.
Monatelang musste ich den Zustand meiner drei Assistenten nur aus dem Augenwinkel verfolgt haben. Denn der Schädel in der Mitte war zusammengefallen, und als ich ihn anfasste zerbröselte er zu Staub. Zornig versetzte ich dem Regal einen Tritt, das die anderen zwei Schädel zum Wanken brachte. Sofort hörte ich zwei protestierende Stimmen in meinem Kopf.
„Wir brauchen Ersatz“, sagte ich dann laut zu ihnen, „und ich habe eine genaue Vorstellung wer in eure Mitte kommen wird!“
 
Es war ein Samstag als sie eintraf. Zwei Wochen waren inzwischen vergangen und meine anderen beiden Berater schwiegen. Sie hatten wohl gehofft, dass ich keinen Ersatz suchen würde und sie von nun an mein Treiben dominieren würden. So versuchten sie mich wohl zu quälen, zum Teil mit Erfolg. Meine Feder hatte kaum eine Seite verfasst, und an diesem Abend hatte ich sie in den Kamin geworfen als ich sah was da stand.
Zögernd betrat die Muse mein Anwesen. Sie trug ein wunderschönes Kleid, das farblich perfekt auf ihre Haare und Augen abgestimmt war.
Zum ersten Mal trafen wir uns nun persönlich, deshalb war sie zu Beginn noch etwas zögernd. Ich führte sie durch mein Anwesen, bis die Führung im Ballsaal endete, wo bereits ein ausreichendes Abendessen angerichtet war. Stumm genossen wir die Speisen, bis wir uns in Lounge zurückzogen.
Ich genehmigte mir einen Schluck Scotch, die Muse lehnte dankend mit dem Hinweis, das sie nicht trinke, ab.
„Ein kluger Entschluss. Aber einen guten Schluck sollte man niemals ablehnen“, entgegnete ich, schenkte dann aber doch nur für mich ein.
„Warum habt Ihr mich eingeladen, nach all den Wochen und Monaten?“
„Die Frage, die Sie quälen sollte, meine Liebe, ist nicht das Warum. Sondern warum es erst jetzt erfolgte“, antwortete ich verschwörerisch lächelnd und setzte das Glas mit dem Scotch ab. Dann ergriff ich ihre Hand.
Sie zuckte überrascht zurück, als sie spürte wie kalt meine Hände waren. Ich fühlte beinahe wie das diabolische Grinsen, das auf allen meinen Bildern mein Gesicht verzerrte, langsam aufstieg. Aber irgendwie war es mir recht.
„Gehen wir ein Stück. Einen Raum haben Sie noch nicht gesehen, meine Liebe. Doch er wird Ihnen wohl am besten gefallen. Es ist mein Arbeitszimmer.“
 
„In diesem, meinen Reich erscheint alles. Wörter werden Realität, nachdem Gedanken die Wörter geformt haben. Doch mangelt es mir im Moment an der Inspiration die Gedanken in Wörter zu fassen. Einst halfen mir dabei drei Stimmen, doch nun ist eine verstummt. Halte mich für verrückt, wenn ich es sage. Doch sieh, denn hier sind die beiden, die noch zu mir sprechen.“
Mit einem Ruck fiel der Vorhang vor der Galerie. Ein Schwall kalter Luft, als würde sie Geistern in ihrem Fahrwasser folgen, fegte durch den Raum und ließ meine Muse frösteln. Ich war die Kälte gewohnt und lächelte zufrieden die Schädel meiner Helfer an.
„Zu deiner Rechten siehst du Krushak, den letzten der dreizehn Schamanen eines längst untergegangen Volks. Sie nannten sich Orks, und riefen Geister namens Orcus an. In ihrem Glauben war es tief verankert andere ihrem Glauben zuzuführen. Doch die Menschen wollten sich nicht fügen und so kam es zu einem großen Krieg. Die Orks kämpften tapfer, doch waren sie der Masse an Menschen unterlegen. Es ist nicht wichtig für seinen Glauben zu sterben, sondern die anderen für ihren Glauben sterben zu lassen. Nachdem der letzte Ork durch die Klingen der Menschen sein Leben verlor, wurde jede Spur von diesem stolzen Volk aus der Geschichte getilgt. Es ist als hätten sie nie existiert, nur in Legenden treten sich manchmal als Diener des Bösen auf. Dabei waren sie gar nicht so viel anders als die nun führenden Weltreligionen.
Zu der Linken siehst du den Kopf von Vlad. Einst war er wie du, doch dann verschrieb er sich dunkleren Mächten. Lange Zeit regierte er ein für damalige Verhältnisse großes Reich mit eiserner Faust und vollführte unter dem Deckmantel des Glaubens unsägliche Gräueltaten. Doch eines Tages wurde man ihm überdrüssig und nutzte seine Verbrechen aus, um ihn an den Galgen zu bringen. Vlad war jedoch nicht nur mächtig, sondern auch äußerst geschickt darin seine Feinde zu täuschen. Er floh und ließ sie glauben, dass er gefallen sei. In seiner neuen Heimat wollte er dann erneut ein Regime des Grauens einrichten. Doch bevor es soweit war, traf er auf meine Wenigkeit. Und nun ist der große Vlad Tepesch, aus der Geschichte als Vlad der Pfähler bekannt, nur noch eine Stimme in meiner Galerie.
Doch warum ich dir das alles zeige, hat einen einfachen Grund. In der Mitte ist kürzlich ein Platz frei geworden. Nur jemand mit besonderen Gaben kann die Lücke wieder auffüllen und meinem Verlangen Genüge tun. In Zeiten wie diesen ist es nicht nur wichtig Geschichten zu erzählen, sondern sie so zu erzählen, dass sie Masse gefesselt ist. Genau das ist meine Intention, doch scheitere ich im Moment. Das wird aber anders sein, wenn du deinen Platz hier einnimmst. Meine Muse.“
Kein Wort kam aus dem Mund meiner Muse, die entsetzt die glatten Schädel der beiden Flüsterer betrachtete. Die krummen, scharfen Zähne des Orks und die überlangen Reißzähne von Vlad. Die leeren, schwarzen Augenhöhlen schienen zu ihr zu sprechen, denn ihr Mund formte Wörter, ohne dass ein Laut über ihre Lippen kam.
Erst als die Klinge, die neben meinen Arbeiten lag, aus der Scheide glitt, kehrte Leben in ihren Körper zurück. Blitzschnell fuhr sie auf der Stelle herum und suchte das Weite. Ihre Schritte verhallten bald in dem langen Gang, der hier her führte.
Doch ich war nicht in Eile. Dies hier war mein Reich und sie würde nicht entkommen. Gemächlich machte ich mich auf, ihr zu folgen und den Kopf einzufordern.
 
Überall im Haus hatte ich Augen und Ohren. Als sie durch die lange Allee der Familiengalerie eilte, verfolgte ich ihre Schritte als wäre ich an ihrer Seite. Beinahe spürte ich wie die Samtkordeln der Vorhänge über ihre Haut glitten, als wäre es meine.
Sie schien meine Anwesenheit auch zu spüren, denn plötzlich drehte sie sich um und starrte die Tür an, aus der ich gerade trat. In Sekunden hatte ich eine Strecke zurückgelegt, für die sie fast fünf Minuten gebraucht hatte.
„Deine Flucht endet hier. Du kannst dem Unvermeidlichen nicht entkommen!“ rief ich ihr nach und setzte zum Sprung an. Doch genau wie ich gekommen war, war sie im nächsten Moment verschwunden. Die Klinge, die ich hoch geschwungen hatte, durchschnitt nur die Luft und trennte den Kopf von einer wertvollen Büste.
Da spürte ich eine Klinge im Rücken und zog erschrocken die Luft durch die Zähne ein. Dann hörte ich die magischen Worte: „Deine Reise endet hier.“
 
Teil 2 – Sie
Lange verfolgte ich seine Schritte sehr genau und nutzte meine übermenschlichen Sinne um seine eingebildete Persönlichkeit zu unterwandern. Eine schwere Last lag auf seinen Schultern, das nahm ich von Anfang an wahr.
Er wollte aufhören, doch war er gierig nach den Worten der drei Flüsternden in seinem Kopf. Beinahe hatte ich Mitleid, doch wusste ich zu gut wie er an die Köpfe derer kam, die in seiner Galerie zu ihm sprachen. Vampir und Ork konnten lange Zeiten überdauern, waren fast unsterblich. Doch die Menschen vergingen immer schnell, und so war es Zeit etwas zu ändern.
 
Die Gier machte ihn so blind, dass er mir ohne Widerstand Zugang zu seinem Reich gewährte. Liebevoll nannte er mich immer nur die Muse. Es tat mir beinahe Leid, dass ich bald seine Hülle würde zerbrechen wie einen Käfer, um diesen Fluch zu beenden.
Doch als er mich in sein Arbeitszimmer führte, mir seine Helfer zeigte und mir ihre Geschichte erzählte, verlor ich das Mitleid mit seiner Seele. Denn als er zum Schwerte griff, erwachte Wahnsinn in seinen Augen, die meine tiefsten Angstgefühle zu erwecken vermögen. Eilig wollte ich meine eigene verkommene Seele in Sicherheit bringen. Doch schnell erkannte ich, dass in seinem Reich kein Ausweg für mich war. Nur einer von uns beiden würde dieses Haus lebendig verlassen.
So stellte ich mich meiner Angst und meinem Gegner.
 
Als er mir gegenüber stand, erinnerte mich das an eine Szene aus einem Film, als ein Vampir seinem Opfer gegenüber steht. Sogar das Ambiente hier war ähnlich, nur dass der Vampir dort kein Schwert in der Hand trägt, oder das Opfer eine Klinge im Ärmel verbirgt.
Seine letzten Worte schellten wie Glocken in meinen Ohren. Er war so von seinem Wahn eingenommen, dass er die Gefahr gar nicht wahr nahm. „Deine Flucht endet hier. Du kannst dem Unvermeidlichen nicht entkommen!“ Die Wörter brannten wie Feuer in meinen Ohren. Doch im selben Moment sprang er vor und schwang dabei seine Klinge. Es war der Hauch eines Atemzugs, den ich benötigte um auszuweichen.
Durch den kraftvollen Schlag verlor eine Büste ihr Haupt und der Wahnsinnige kniete halb vor mir und starrte den zerbrochenen Stein entsetzt an. Da setzte ich meine Klinge an seinen Hals und sprach meine letzten Worte an diesen armen Mann: „Deine Reise endet hier.“
 
Teil 3 – Er in der Galerie
Welch Schmerz in dem heißen Wasser liegt, die die Haut und das Fleisch sauber von den Knochen löst. Meine Augäpfel sind schon zerborsten und offenbaren das Gehirn eines Denkers. Ein Gehirn, das wohl bald Krähenfraß sein wird.
Die Ohren schmelzen ab wie Regentropfen, die an einer Fensterscheibe nach unten rinnen. Die Schmerzen vergehen dann schnell als die Nerven absterben. Es folgt eine unsägliche Kälte, gefolgt von einem Lufthauch, der eisig kalt und warm zugleich ist.
Leben kehrt in meine leere Hülle zurück und ihn sehne mich nach einem guten Schluck um die Geister zu rufen. Nur antwortet niemand. Denn nun werde ich gerufen.
 
Teil 4 – Sie in der Galerie
„Also, meine Freunde. Sprecht zu mir. Ich warte auf eure Inspiration.“
Sie blickte in ihre Galerie. Zur Linken der Schädel eines Dämons, die schwarzen Hörner dunkel wie eine Neumondnacht. Dazwischen der kleine Saum schwarzer Haare, der immer und immer wieder nachwächst.
Zur Rechten der Kopf eines Elfen. Einer vergessenen Rasse, die in den Wäldern versteckt vor neugierigen Augen der Menschen verborgen, die Bäume verehrten. Bis sie gekommen waren, die Machtgierigen, die nach den Geschichten der anderen Völker gierten. Es war schwierig gewesen den Schädel abzukochen, ohne die spitzen Ohren zu verlieren. Erst beim dritten Versuch war es ihr gelungen. Welch Ideen ihr so wohl entgangen waren? Sie verschwendete jedoch keinen Gedanken daran.
Denn in der Mitte war ihr neues Prunkstück. Wo einst ein Denker der Menschen gewesen war stand nun der Schädel des letzten Inkubus auf Erden. Gezeichnet durch die Vereinigung mit einem Dämon hatte er unsägliche Macht erlangt. Und doch war er ihrer Klinge erlegen. Die Vorstellung, dass er jetzt hier war und nicht sie in seiner Galerie, ließ er Herz frohlocken. Doch sie durfte keine Zeit verlieren. Es gab viel zu tun für den wahrlich letzten Inkubus. Alle anderen waren von dannen, bis sie auf sie. Sie streichelte liebevoll über den Kopf ihres Liebhabers, massierte seine Hörner.
„Also, meine Freunde. Sprecht zu mir. Ich warte auf eure Inspiration.“
 

Diese Geschichte ist eigentlich durch Zufall entstanden, als ich zwei zuerst komplett nicht zusammen passende Entwürfe zusammengelegt habeNicolai Rosemann, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.10.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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Die Welt von Terrestos scheint aus den Fugen zu geraten. Der grausame Feuermagier Rhabwyn, dessen Kräfte zunehmend stärker werden, versucht mit allen Mitteln, auch der übrigen Elemente Wasser, Erde und Luft habhaft zu werden, um über den gesamten Planeten herrschen und Angst und Schrecken verbreiten zu können. Die Wassermagierin Deanora nimmt Fanydra und Morlas in ihre Obhut, wie es vom Schicksal lange vorbestimmt war. Bei ihr und den Kriegern des Seins erlernen die beiden die Beherrschung der Elemente Erde und Luft, deren Kräfte sie schon, ohne es zu wissen, seit ihrer Kindheit bei sich tragen. Seite an Seite kämpfen die zwei jungen Leute mit Deanora und ihren Kriegern des Seins, um ihre Welt vor dem Untergang zu retten.

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