René Oberholzer

Der Weiterbildungskurs

Wenn wir putzen, denken wir sofort an Tante Julia. Sie hatte ihren Romeo in einem Putzweiterbildungskurs kennen und lieben gelernt. Romeo hiess eigentlich nicht Romeo, sondern Walter und hatte einen dicken Bauch. Er rauchte Zigarren und fuhr einen roten Porsche. Walter wollte im Weiterbildungskurs herausfinden, wie er seinen roten Porsche noch mehr zum Strahlen bringen könnte. Tante Julia, sie ist die Schwester meiner Mutter Gudrun, wollte herausfinden, wie die Urne meines verstorbenen Onkels Pirmin am besten poliert werden könnte. Walter und meine Tante Gudrun lernten sich beim Schritt 1 „Boden putzen auf den Knien“ kennen. Die 12 Kursteilnehmer krochen gerade auf dem Boden herum, versuchten einen Quadratmeter Holzboden sauber zu putzen, als Walter den Hintern meiner Tante Julia erblickte und fortan an nichts anderes mehr als an ihren Hintern dachte. Sein Quadratmeter wurde nach 10 Minuten auch nicht so sauber, dafür zeigte er am Mittag meiner Tante den roten Porsche. „Toll, sieht der aus“, soll meine Tante gesagt haben. Er sieht nicht nur toll aus, er ist auch toll zum Fahren. Als der Weiterbildungskurs nach 3 Tagen zu Ende war, lud Walter meine Tante Julia zu einer Spritztour ein. Es regnete in Strömen, doch Tante Julia gefiel es. Sie sagte immer wieder: „Wenn wir dann zurück sind, putze ich Ihnen dafür einen Viertel der Badewanne.“ Es sollte nicht nur bei dem bleiben. In der Folge putzte sie auch seine ganze Badewanne. Und manchmal putzen sie gemeinsam am Wochenende den Küchenboden. Er kriecht dann hinter ihr her und schaut ihr auf den Hintern. Und manchmal wackelt sie dabei ein wenig mit ihm. Im Winter kriechen sie auch unter der Woche auf dem kalten Küchenboden hintereinander her und putzen und putzen. Nächstes Jahr melden sie sich wieder für einen Fortbildungskurs an, unter fremden Namen, und werden so tun, als ob sie sich nicht kennen würden. Ich möchte auch einmal einen Freund, der Walter heisst und einen dicken Bauch hat.


© René Oberholzer






 

EV: Die Liebe wurde an einem Dienstag erfunden, Nimrod-Literaturverlag, Zürich (CH), 2006
V: e-Stories, Internet-Portal, Nauheim (D), 2010
V: WebStories, Internet-Portal, Berlin (D), 2012
V: Schreiber Netzwerk, Internet-Portal, Leinfelden-Echterdingen (D), 2012
René Oberholzer, Anmerkung zur Geschichte

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Während eines Berlinaufenthalts lockt eine schöne Unbekannte den Schriftsteller Alexander Veldo in die Räume einer Vernissage. Dort wird er mit einem Bild konfrontiert, das ihn völlig in den Bann schlägt. Am nächsten Morgen ist das Gemälde verschwunden. Die Suche nach dem Bild führt Veldo tief in die faszinierende und vielfältige Welt der Kunst. Im Kunstmilieu selbst begegnen ihm Anne, Julia und Antonie, drei sehr eigenwillige Frauen, mit denen bald ein verwirrendes Beziehungsspiel beginnt. Im Hintergrund des Geschehens agiert der Händler Panduli, der Veldo für seine zwielichtigen Kunstgeschäfte zu nutzen sucht. Veldo macht sich in seinem Auftrag mit Julia auf die Suche nach dem verlorenen Bild. Auf der Reise intensiviert sich das kunstvolle Spiel ihrer Verbindung. Doch bald zerstören Pandulis dunkle Geschäfte die Idylle. Julia verlässt ihn und Veldo lebt kurz mit Anne und dann mit Antonie zusammen. Eine unbestimmte Drohung lastet über den Beziehungen, vor der Veldo nach Ägypten flieht. Vergeblich, denn während einer Schiffsfahrt auf dem Nil treten ihm erneut Anne, Antonie und Julia entgegen und Veldo verliert sich mit ihnen in einer surrealen, Angst erfüllten Traumwelt, aus der er nur mit Mühen entkommt. Schließlich kehrt er mit Anne nach Deutschland zurück, aber ihre Beziehung scheitert erneut. Monate vergehen, die er mit der Verarbeitung und der Niederschrift seiner seltsamen Erlebnisse verbringt. Und eines Tages macht Veldo eine eigenartige Entdeckung.

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