Mario Hannink

Ende einer Beziehung



Angespannt fingerte er eine Zigarette aus seiner Schachtel. Schwermütig begann er sich dessen zu besinnen, was er morgens noch vor dem Spiegel geprobt hatte. Immer wieder hatte er sich seinen Text überlegt, Betonungen anders ausgeprägt, Nuancen in der Wortwahl revidiert. Und nun stand er hier und rang nach seinen Worten. Er wusste nicht so recht wie er beginnen sollte. Eine Beziehung zu beenden ist immer wieder schwer, egal wie oft man es schon getan hat.
„Also“, fing er an, „ich habe dir etwas wichtiges zu sagen“. Er schaute ihr ernst ins Gesicht, doch sie zeigte keinerlei Regung.  „Weißt du, es ist einfach schon seit einiger Zeit nicht mehr das zwischen uns, was da mal war. Diese heiße, flammende Lust, die Neugier, das Interesse an einer Frau wie dir, es ist in den letzten Monaten irgendwie erloschen.“
Ein sanftes, aufdringliches Stechen machte sich in seiner Brust breit. Es waren wohl die Schuldgefühle, die ihn überkamen. Was hatte sie ihm denn je getan? War es ihre Schuld? Sie hatte nie ein schlechtes Wort über ihn gesagt, ihm nie Vorhaltungen gemacht, wenn er sich tagelang nicht bei ihr gemeldet hatte. Niemals hätte sie ihn betrogen, niemals einem anderen auch nur hinterhergeschaut. Sie gehörte einfach nicht zu dieser Art von Frauen.Und trotzdem, es schien ihm, als wäre sie auch nicht anders als all die anderen Frauen zuvor.
„Ich bin selber ja auch zu Tode betrübt“, fuhr er beinah schluchzend fort,  „das ich das Gefühl habe, das mir kein anderer Ausweg bleibt. Aber du musst auch zugeben, das es nicht immer einfach mit dir ist. Sicher, ich habe wirklich selten eine Frau getroffen, die so gut zuhören kann, die mir nie Vorwürfe macht, die sich einfach all meine Sorgen und Probleme anhört ohne über mich zu urteilen. Und bitte glaube mir, ich bin nicht so oberflächlich, das ich das nicht zu schätzen weiß“.
Er ließ eine bedeutungsschwere Pause sich im Raum ausbreiten, drückte sein Zigarette in einem Aschenbecher aus, um sich sogleich eine neue anzuzünden und fortzufahren „Aber weißt du was ich mich seit Wochen jeden Morgen nach dem Aufstehen frage? Ich frage mich: soll das alles sein? Soll das wirklich schon alles sein?“
Vor seinem inneren Auge zogen all die Bilder noch mal langsam vorbei, wie eine einsame, langsam vor sich hin schiebende Wolke, die einen Sonnentag erst die letzte Würze gibt. Wie er sie das erste mal sah, ihr erster unbekümmerter Flirt, wie er das erste mal ihre zarte Hand in die seine nahm, sie langsam und bedächtig liebkoste während er den Mut fand, ihr all das zu erzählen, was er sonst niemanden je zu erzählen gewagt hatte. Alle seine Träume, seine Gefühle und Gedanken konnte er ihr eröffnen, weil er einfach wusste, das bei ihr der richtige, der behütete Platz für all dies war.
Ihr erster Kuss, den sie sanft mit ihren kühlen Lippen entgegen nahm, wie er anfangs immer wieder mit ihrer süssen kleinen Stupsnase zusammenstieß, und wie ihm diese süsse kleine Stupsnase jedesmal fast das Herz vor Zufriedenheit und Verlangen in tausend kleine Teile sprengte, aus dem jeweils einen neues Herz wachsen würde. Er schaute sie dann jedesmal lächelnd an, doch sie hatte ihre Augen nicht geöffnet, sondern gab sich voller Verlangen seinen Küssen hin.
Er stand damals total auf sie.
Er mochte es überhaupt nicht, wenn Frauen mit offenen Augen küssten. Er sagte sich, das man, um absoluten Genuss zu spüren, die Augen einfach schließen musste, damit nichts, absolut rein gar nichts einen vom Augenblick ablenken konnte.
Während er in all den schönen Momenten schwelgte, fühlte er sich langsam richtig mies. Sein Entschluß dem ganzen ein Ende zu setzten war in den vergangen Wochen nach und nach gereift, und jetzt, auf halbem Wege, konnte er ihn unmöglich rückgängig machen.
Er trat sich imaginär in den Hintern und fasste neuen Mut.
„Es ist schwierig, sich mit dir zu streiten. Jeder Experte, jeder Erwachsende, der eine funktionierende Beziehung führt, wird dir sagen, wie wichtig es ist, sich auch einmal vernünftig streiten zu können“. In einer Art Übersprungshandlung begann er mit dem Feuerzeug in seinen Händen zu spielen. „Aber das geht mit dir einfach nicht. Wenn ich schreie, wenn ich gemein werde, dir Vorwürfe mache, du reagierst einfach nicht.
Es mag seltsam klingen, aber manchmal wünsche ich mir regelrecht, das du einfach einmal mit einem Kissen, einer Vase, oder meinetwegen auch mit einem Möbelstück nach mir wirfst. Das du mich anschreißt, mir mal so richtig die Meinung geigst. Aber von dir kommt nichts.
Anklagend schaute er sie an, doch sie war anscheinend nicht in der Lage, seinen Blick zu erwidern. Er räusperte sich, und rutschte ein wenig nervös auf seinem Stuhl rum.
„Der Sex“, fing er an, „ja, der Sex war lange Zeit wunderbar. Weißt du, das ist vielleicht eine sehr chauvinistische Einstellung von mir, aber aber ich mag es, wenn ich im Bett der alleinige Herr bin. Und du warst als Sexualpartnerin wie geschaffen für mich. Immer hast du dich meine Wünschen bedingungslos gefügt, nie hast du eine Praktik oder Stellung abgelehnt, nur weil du sie nicht mochtest. Ich habe es genossen, jedesmal habe ich es genossen, wenn ich meine Hand über deine blasse, ungebräunte Haut wandern ließ, deine wunderbare junge Haut, ganz ohne Falten, so wunderbar straff. Deine wunderbar festen Brüste, deine spitzen, herausfordernen Brustwarzen, die ich so gerne mit meinen Lippen umschlossen habe, während meine Zunge einen Kampf mit ihnen ausfechtete. Oh ja, die Erregung hat meinen Körper sofort wieder, sobald ich nur daran denke. Ich habe es immer wieder genossen, wenn ich meinen Kopf nach dem Höhepunkt stundenlang auf deinem Bauch anschmiegen konnte, ohne das zwischen uns ein einziges Wort gefallen ist. Ich liebe diese schweigsamen Momente, die Stille“
Nostalgisch lächelte er vor sich hin. Ein wehmütiges Seufzen hallte durch den Raum. Doch dann schüttelte er entschieden den Kopf. „Es war eine zeitlang wirklich wunderbar mit dir, aber ich sage es dir jetzt klipp und klar: Es ist aus!“ Er schaute ihr noch einmal ins Gesicht, doch sie schien sich unter Kontrolle zu haben, sie tat ihm den Gefallen, nicht zu weinen. War auch nicht anders zu erwarten, dachte er. Er drückte ihr noch einen letzten Abschiedskuss auf die Stirn. „Es war schön mit dir, schade das es soweit kommen musste. Aber ich werde dich nie vergessen“
Er gab sich einen Ruck und stand auf.
Es gab keine Ausflüchte mehr, jetzt hatte er ihr Herz gebrochen.
Ein gebrochenes Herz und zwei Dutzend, teils letale Knochenbrüche.
Er deckte sie ein letztes Mal zu, schob sie wieder zurück in die Schublade, knipste das Licht aus, und verließ die Leichenhalle.
Der Pathologe Dr. Rainer Bartel war wieder Solo.



© Mario Hannink, 2010

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Mario Hannink).
Der Beitrag wurde von Mario Hannink auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.10.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  • Autorensteckbrief
  • MarioHanninkweb.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)

  Mario Hannink als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Männer wie Vokabeln von Brit Brint



Elvira fühlt sich verfolgt - zunächst lediglich vom Pech. Sie hat ihren Job verloren, wird vom Freund verlassen und meistert ihr Leben immer weniger. Eines Abends begegnet ihr in der Disco ein Mann, der augenblicklich eine unerklärliche Macht auf sie ausübt. Von da an hat Elvira einen Verfolger. Sobald er auftaucht, ist sie wie gelähmt.

Elviras Leben wird zunehmend von Angst bestimmt, und sie zieht sich fast vollständig von ihrer Umwelt zurück. Bis zu dem Tag, an dem die Mutter ihren Besuch ankündigt ... Nur, um vor der strengen Mutter nicht als Versagerin dazustehen, rappelt sich Elvira noch einmal auf. Nimmt ihr Leben nun die entscheidende positive Wende, oder steuert sie direkt auf eine Katastrophe zu?

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Skurriles" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Mario Hannink

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Das Geständnis eines reuigen Verkehrssünders von Heideli . (Skurriles)
Abschied von Dir von Klaus-D. Heid (Trauriges / Verzweiflung)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen