Beate Minderjahn

Deutsche Gründlichkeit - Unser neues Leben...

15.) Deutsche Gruendlichkeit!
Unser neues Leben am Ende der Welt – Neuseeland 29. November 1999
Heute hat der Brieftraeger endlich mal ein Brieflein in unsere Letterbox geworfen. Freudig bin ich rausgerannt und fand einen Fragebogen bezueglich unserer 137 Kartons of „household goods“, die immer noch im Container uebers Meer schippern. Der Neuseelaendische Zoll will nun alles ganz genau wissen. Was ist bloss in den vielen Kartons? Man wundert sich, ob wir Weihnachtsschmuck eingepackt haben (wenn ja, aus welchem Material), Gartengeraete (wenn ja, haengt da noch Erde dran?), lebende Tiere oder Tierprodukte (wenn ja, von welchem Saeugetier), getrocknete Blumen und Pflanzen (wenn ja welche Sorten, wie alt, gefriergetrocknet), Lebensmittel (wenn ja, wann ist das Verfallsdatum), Rattengift (wenn ja, hat es schon mal geholfen), Wein (wenn ja, aus welcher Traube), Haus, Auto, Boot, Geschenke, Waffen, Munition, Atomkraftwerk, Drogen (wenn ja, wie teuer), Holz (wenn ja, aus welchem Tropischen Regenwald?), Schlangen (wenn ja, welche Muster), Krokotaschen (wenn ja, wer ist der Designer), Sportschuhe (wenn ja, welche Groesse und welche Duftnote), Staubsauger (wenn ja, ist im Staubsaugerbeutel noch Staub drin?), Elefanten, Popkorn (wenn ja, mit Butter oder Zucker?), ausgestopfte Haustiere und „Ornaments“. Habe leider keine Ahnung was „ornaments“ sind, steht auch nicht im Woerterbuch. Oh, Du heiliger Salat!
Wie gut, dass ich in Deutschland hochschwanger und in geheimer Mission (wie ein Eichhoernchen bei den Wintervorbereitungen) alles persoenlich eingepackt und in weiser Vorahnung ein Notebook angelegt habe, in dem jeder einzelne Karton numeriert und jedes einzelne, noch so winzige Teil unseres gesamten Hab und Gutes aufgelistet ist. (Mann weiss ja nie...) Das nennt man Deutsche Gruendlichkeit und jahrelange Erfahrung in Buero-Organisation! So hat es nur ungefaehr drei Stunden gedauert, die siebenundzwanzig Seiten des Zoll-Fragebogen auszufuellen. Mit bestem Wissen und Gewissen (und einer Hand auf der Bibel von der Vermieterin) habe ich die kleinen Kreuzchen gerecht auf allen Seiten verteilt und die Akte an die staatliche Zollbehoerde zurueckgesendet.
Dank des Telefonates am speateren Abend mit meiner Schwester, deren Freundin in Berlin eine Freundin in Amerika hat, deren Freundin aus Australien eine Freundin hat, die auch nach Neuseeland ausgewandert ist, weiss ich jetzt, dass „ornaments“ so viel heisst wie Wohnaccessoires, Krimskrams oder Dekoration. Gemeint ist das ganze Zeug, das im Regal Staub ansammelt und dass man eigentlich ueberhaupt nicht braucht, aber irgendwie dran haengt und es durch die ganze Welt mitschleppt. Dinge wie Holzskulpturen, getrocknete Blumen, Rattan-Koerbe, Wandschmuck, Elfenbein, Kruemelkacke in Glasbehaeltern, gehaekelte Toilettenrollen-Tarnung, Muscheln von allen Kontinenten, Kleine Dackelfiguren mit losem Kopf, Sandbilder aus Mallorca, die kleinen Automodelle in limitierter Auflage und alles andere, wonach die Zollbeamten gerne suchen. Hatte mal vorsorglich ja angekreuzt!
Ich hoffe nur, dass die offensichtlich sehr besorgte Behoerde jetzt nicht jedes einzelne Teil bei der Ankunft im Hafen sehen will und dabei den echten Nerzkragen an meinem alten Wintermantel findet oder das Schlangenetui fuer meinen Lippenstift, oder das Brotkoerbchen aus echtem Bambusgeflecht und meine selbstgebastelten Weihnachtsterne aus Stroh....
Fortsetzung folgt...
(c) Beate Minderjahn

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