Diethelm Reiner Kaminski

Verzettelte Liebe



Im vierten Jahr ihrer jungen Ehe kriselte es. Die Krise brach nicht plötzlich aus, sondern schleichend. Das Genörgel nahm zu, immer öfter stritten sie aus heiterem Himmel, gegenseitige Vorwürfe vermiesten die Stimmung.
„So geht das nicht weiter“, sagte Katja eines Tages. „Ein letzter Versuch. Wenn der misslingt, trenne ich mich von dir. Ich werde zwei Kartons aufstellen. Einen für dich und einen für mich. In die Deckel habe ich Schlitze geschnitten für die Zettel, die wir einen Monat lang schreiben werden. Auf die Zettel schreiben wir alles, was uns jeden Tag am anderen gefallen hat.“
„Du meinst, was uns geärgert hat“, wandte Erik missvergnügt ein.
„Nein, nein“, widersprach Katja, „du hast schon richtig gehört. Nur das, was dir an mir und mir an dir jeden Tag positiv aufgefallen ist.“
Erik guckte skeptisch, sagte aber: „Was soll schon dabei herauskommen als leere Kartons, aber wenn du meinst… Wir können es ja mal versuchen.“
Katja fügte noch hinzu: „Es mag ja sein, dass du Recht behältst, dann ist das ein sicheres Zeichen, dass es keinen Zweck mehr mit uns hat. Dann sollten wir uns das auch ehrlich eingestehen und die Konsequenz daraus ziehen. Ich jedenfalls würde mir Vorwürfe machen, es nicht wenigstens versucht zu haben, unsere Ehe zu retten."
Der folgende Monat war anders als die Monate davor, das spürten beide ganz deutlich, von Tag zu Tag mehr. Sie gingen freundlich und rücksichtsvoll miteinander um, sprachen leise und brüllten sich nicht an, achteten sorgfältig darauf, den anderen nicht wegen Nichtigkeiten zu kritisieren, sondern fragten stattdessen nach dessen Wünschen. Sie hatten immer stärker das Bedürfnis, dem anderen zu gefallen und ihm Gutes zu tun.
Als sie am Abend des letzten Tages im Monat die Schuhkartons öffneten, quollen diese fast über vor Zetteln. Viel mehr hätten nicht hineingepasst.
„Wie wollen wir vorgehen?“, fragte Erik.
„Wenn du nichts dagegen hast, lesen wir die Zettel abwechselnd vor“, sagte Katja, „du liest vor, was ich dir geschrieben habe, und ich, was du mir geschrieben hast. Einverstanden?“
„Dann fang du an“, stimmte Erik zu.
Katja angelte einen Zettel aus dem Karton und las: „Du hast heute so verführerisch gerochen. Ich mag dein Parfum. Du bist dran, Erik.“
„Du hast die letzte Nacht weder gelesen noch geschnarcht. Ich konnte endlich einmal durchschlafen. Danke. Jetzt wieder du, Katja.“
„Deine Augen haben vor Freude geleuchtet, als ich deinen guten Geschmack gelobt habe.“
„Du hast so lieb mit den Nachbarkindern gespielt. Du wärst unseren Kindern bestimmt ein sehr guter Vater.“
„Du bist die perfekte Gastgeberin. Alle unsere Gäste haben sich wohl gefühlt und deine Kochkünste bewundert. Völlig zu Recht.“
„Endlich hast du deinen Dreitagebart abrasiert. So gefällst du mir viel besser. Jetzt mag ich dich viel lieber küssen.“
So ging es noch lange weiter, bis sie endlich alle Zettel vorgelesen hatten.
Sie schauten sich ungläubig an. Sie konnten noch gar nicht recht fassen, was sie soeben alles an Lob und Komplimenten, Würdigungen, Anerkennungen und offenen oder versteckten Liebeserklärungen gehört hatten. Eh sie sich versahen, lagen sie sich in den Armen und küssten sich, wie im ersten verliebten Jahr ihrer Ehe.
„Und wir wollten uns trennen?“, sagte Erik schließlich. „Deine Idee mit den Zetteln hat uns vor der größten Dummheit unseres Lebens bewahrt.“
„Weißt du was?“, schlug Katja vor: „Lass uns doch weiterhin Zettel schreiben und am Ende eines jeden Monats die Kartons leeren. Wir sollten das Ganze aber ein wenig feierlicher gestalten und mit einem schönen Essen und einer Flasche Champagner oder Rotwein verbinden. Ich koche beim ersten Mal freiwillig. Nächsten Monat bist du dann dran. Was hältst du davon?“
„Sehr viel“, sagte Erik, „das ist eine schöne Idee.“
Auf dem ersten Zettel, den Katja in die neue Runde einbrachte, stand: „So schön war es schon lange nicht mehr mit dir. Danke. Ich habe danach herrlich geschlafen. Ich liebe dich.“
Erik hatte auf seinen ersten Zettel geschrieben: „Du bist eine wunderbar zärtliche Liebhaberin. Ich liebe dich, aber nicht nur dafür.“
Diese Botschaften durften sie natürlich erst dreißig Tage später lesen, zusammen mit vielen anderen Nettigkeiten und Liebesgeständnissen, die nicht nur auf dem Papier standen, sondern die sich Katja und Erik Tag für Tag zugeflüstert oder die sie in die Tat umgesetzt hatten.


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.10.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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