Engelbert Blabsreiter

Oma....warum lachst du nie ?

 
Sie wurde in dem Jahr geboren, in dem Bismarck seine Macht verloren hatte und eine intensive Phase
politischer Veränderungen ihren Beginn hatte.
Ein Kaiser war Herrscher über dieses Land in einer Zeit, in der das Ausmaß der Not und der Gegensätze,
heute nur noch schwer vorstellbar sind.
Trotzdem wurde ihr eine fundierte Schulausbildung zu teil und sie fand auch eine Anstellung die ihr zusagte.

Der Beginn des ersten Weltkrieges fügte ihr einen ersten schweren Schicksalsschlag zu, als ihre erste Liebe
den Stellungsbefehl erhielt und an die Front im Westen eingezogen wurde.
Als der Krieg zu Ende war kam er als schwerbehinderter Mann zurück. Eine Granate hatte ihm ein Bein
komplett abgerissen und der seelische Schmerz hatte den körperlichen Schmerz längst in den Schatten gestellt.
Ein Schmerz den sie mittragen wollte und musste.
Wie soll in der damaligen Zeit ein Mann mit so einer Behinderung eine Familie ernähren hieß es dann .....
Die Heirat wurde hinsichtlich der Not und Umstände verboten und so nahm ihr der erste Weltkrieg ihre erste Liebe.

Nach mehreren Jahren heiratete sie schließlich einen Anderen und gebar ihm zwei Söhne. Als die Kinder
noch klein waren verstarb ihr Ehemann jedoch an einer Blutvergiftung,
die durch eine kleine Wunde am Bein ausgelöst wurde.
Jetzt war sie mit ihren zwei Söhnen alleine und musste sich mit den Schikanen der Geschwister des Ehemannes
auf dessen Hof sie wohnte auseinandersetzen.
Der christliche Glaube gab ihr immer wieder Hoffnung und Zuversicht und war für sie eine mächtige Kraft
die sie zu einer Festung gegen Willkür und Ungerechtigkeit machte.
Auch wenn sie körperlich eine sehr zarte Frau war, so waren doch Seele und Geist sehr kraftvoll und wach.
So kraftvoll, dass bald ein anderer Mann auf sie und ihre Kinder aufmerksam wurde und mit ihr den Stand der Ehe einging.
Auch damals ein nicht selbstverständlicher Vorgang in dieser Zeit der Not und Veränderung.
Ein weiterer Sohn komplettierte die glückliche Familie schließlich und so erlebte sie trotz Weltwirtschaftskrise
und anderen schweren Zeiten auf ihrem Hof eine glückliche Zeit, die allerdings bald von einem weiteren Weltkrieg getrübt wurde.
Ihre zwei ersten Söhne erhielten schnell den Musterungsbescheid und wurden  in einen  sinnlosen Krieg eingezogen.
Nur die Zuversicht die ihr der Glauben verschaffte, konnte Ihre Ängste um die Söhne lindern.
Immer mehr der jungen Dorfbewohner ließen in diesem schrecklichen Krieg ihr Leben.
Das ganze Dorf nahm Anteil an jedem Verlust ihrer Lieben aus den verschiedenen Familien.
Jede Verlustmeldung sprach sich sofort im Dorf herum, denn jeder kannte ja den Gefallenen aus noch glücklicheren Zeiten.
Eventuell hätte ja auch eine Information oder Nachricht über den eigenen Sohn um den man Sorge hatte und schon lange
keine Nachricht erhalten hat in Erfahrung gebracht werden können.
Jeden Tag wartete sie auf ein Lebenszeichen von ihren Söhnen und so hatte sie jeden Tag heftiges Herzklopfen
wenn der Briefträger zum Hof kam.
Wie bei so vielen anderen Familien in dieser Zeit, kam schließlich dann auch die Hiobsbotschaft in ihr Haus.
Ein Brief in dem ihr der „Heldentod“ ihres ältesten Sohnes mitgeteilt wurde.
Der Dank des Vaterlandes sei ihr gewiss hieß es….. nur…..wie kann ein Vaterland den Tod eines Sohnes
oder einer Tochter danken oder trösten ? Einen Verlust der untröstlich ist….
Er starb in einem Lazarett hinter der Front und der behandelnde Oberarzt und eine Schwester hatten ihr
wenig später einen Brief geschickt in dem sie seine Verwundung und sein Sterben dokumentierten. 
Dieser Brief stürzte sie in tiefe Bedrängnis, aus der, der nachfolgende Brief an den Militärgeistlichen entstanden ist:

Ein Brief geschrieben in Altdeutscher Schrift, winzig klein und gestochen scharf .
Jeder Buchstabe ein exaktes Abbild des gleichen Buchstaben vorher.
 
Ein Brief und Bekenntnis tiefen Glaubens und Liebe.... auch……oder gerade in größter Not….

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7.4.1943
 Werther Herr Hochwürden,
 
Durch Hrn. Oberarzt ist mir heute mitgeteilt worden, dass mein Sohn Georg  der am 1.3. gestorben ist
die Sterbesakramente nicht erhalten hat.
Darüber bin ich höchst unglücklich und habe nun wieder schlaflose Nächte, weil das einer Mutter die ihre Kinder
richtig erzogen hat furchtbar schmerzt.
Voriges Jahr als er zu Ostersonntag Urlaub hatte sind die Brüder mitsammen zur Osterbeichte gegangen
und waren nebeneinander am Kommuniontisch.
Und heuer war es dem Georg nicht mehr möglich am Sterbebett die Osterbeichte zu verrichten.
Der andere Sohn Franz steht auch an der Ostfront.
Immer hatte ich mir gedacht es ist doch ein großes Glück, dass er noch ins Lazarett eingeliefert werden konnte,
weil ich der sicheren Hoffnung war, es wäre dort bestimmt nicht versäumt worden die Sterbesakramente zu erteilen.
Der Arzt sowie die Schwester haben geschrieben, dass er anfangs noch bei Bewusstsein war,
aber schon in einem sterbenden Zustand eingeliefert worden ist.
Hat er vielleicht nicht geahnt, dass sein Zustand so schwer sei und noch Hoffnung zu einer Genesung sei ?  
Der Oberarzt schrieb, er hat keinen Wunsch geäußert. Auch nicht von seinen Angehörigen gesprochen.
Wird den Schwerkranken nicht zugesprochen, betreff der Hl. Sterbesakramente ?  
Ich denke nicht dass er es abgelehnt hätte.
Sind da nicht braune Schwestern als Pflegerinnen oder Berufsschwestern?
 
Wenn er das Bewusstsein verloren hatte durch die Blutleere,
so hätte er doch noch die letzte heilige Ölung erhalten können?
Glauben sie mir, die Nachricht, dass Georg die Sterbesakramente nicht erhalten hat,
war für mich ein Schlag genauso wie die Todesnachricht.
 
Ich bitte sie ..schreiben sie mir doch wie es war und ob er ohne Heiland sterben musste.
 
Er war ein anständiger Bursche und ging jeden Sonn-und Feiertag in die Kirche.
Darüber ist die ganze Gemeinde Zeuge.
Dass er nicht beichten wollte wenn er dazu angehalten wurde glaube ich in keinem Fall.
Zumal wenn er seinen Zustand erkannt hat. Er ging so schwer vom Elternhaus fort,
als er im Genesungsurlaub da war.
Ich bitte sie nochmals inständig, schreiben sie mir gleich, ich habe keine Ruh wenn ich nicht weiß warum er
ohne die Hl. Sterbesakramente sterben musste.
Beim Heldengottesdienst waren außergewöhnlich viele Leute weil er überall beliebt und geschätzt war.
Er war auch im elterlichen Anwesen sehr tüchtig. Und nun ist jetzt die Sorge um seinen Bruder Franz noch größer.
In der Hoffnung dass sie mir recht bald Antwort zukommen lassen, ihre ergebenste trauernde Maria Blabsreiter.
 
Ich sage ihnen im Voraus meinen herzlichen Dank für ihre Antwort auf die ich mit größter Sehnsucht warte,
dass ich wieder etwas Ruhe finden kann.
Wenn ich ihm doch beim Sterben beistehen hätte können…
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Der Militärgeistliche schrieb ihr nachdem er ihren Brief erhalten hatte tatsächlich eine Antwort.
Eine Antwort die ihr das Herz brach. Ihr ältester Sohn hatte nicht nach den hl. Sterbesakramenten gefragt
und somit auch keine bekommen. Es war für sie nicht von belang ob er dazu in der Lage war oder nicht.
 
Als kurze Zeit später auch der zweite Sohn fiel, gab es in der Wehrmacht schon keinen Ansprechpartner mehr,
für ihre Fragen und Ängste die sie zum zweiten mal quälten.
 
Nur der Glaube, ihre Gebete und die restliche Familie bewahrten sie davor,
durch den unermesslichen Schmerz wahnsinnig zu werden.
Als Ihr Mann dann Jahre später durch einem tödlichen Verkehrsunfall ums Leben kam
wurde ich kurz darauf als ihr Enkel geboren.

Aber ihr herzliches Lachen blieb mir immer verborgen....bis sie uns im Alter von 87 Jahren verlassen hat.....
 
 
 

Im Bewusstsein dessen,
dass die Toten der Kriege in aller Welt mehr zurücklassen als Leichen,
die im günstigsten Fall mit einer Nationalfahne überführt und bestattet werden. 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.10.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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