Paul Rudolf Uhl

Der Kramergeist

 

Der Kramer, ein 1985 m hoher, im oberen Bereich recht felsiger Berg, begrenzt das Loisachtal bei Garmisch-Partenkirchen im Nordwesten. Sein Gipfel liegt fast 1300 m über dem Tal und seine Besteigung wird gewöhnlich mit 3  ½ Stunden angesetzt.
 
Kurz über dem Talgrund hat man den Kramerplateauweg gebaut, einen Wanderweg – um nicht zu sagen, eine Rentner-Rennbahn… In dieser Höhe – etwa 75 m über dem Tal – gibt es die Kriegergedächtniskapelle und – westlicher – gab`s damals noch die „Windbeutel-Alm“, ein beliebtes Ausflugslokal, das man auch mit dem Auto erreichen konnte. Heute  gehört das Gebäude einem Öl-scheich, ist nicht mehr zugänglich und durch Wachttürme und durch Überwachungskameras gesichert…
 
Mehrere Wildbachschluchten - im Werdenfelser Land  Loana ge-nannt - ziehen von Kramer herunter und queren die Straße zur Windbeutelalm, weswegen dort nach Unwettern auch Vermurrun-gen auftreten können.
 
Weiter oben, etwa 300 m über Garmisch, befindet sich das Berg-gasthaus St.Martin, im Volksmund auch „der Grasberg“ genannt. Eine Schotterstraße zur Bewirtschaftung führt hinauf, sie ist gleichzeitig der untere Teil des Aufstiegs zum Kramergipfel vom Feldkreuz am Leitle und vom Garmischer Friedhof aus. Zum Grasberg fällt mir ein, dass wir als Jugendliche im Winter dort hinauf mit Schlitten (und Mädchen) gezogen sind, mit groben Schuhen zu Gitarre und „Ziach“ (Accordeon) getanzt haben und dann abgefah-ren sind. Umgeworfen wurde auch mal, und bei solchen Abfahrten gab es manchmal schon ernsthaft Verletzte, wenn einer die Kurve nicht kriegte… Der „Magnetbaum“, an dem viele in einer Kehre vorbei zu lenken nicht schafften, war dafür berüchtigt…
 
Auf den Gipfel bin ich zum ersten Mal mit 10 Jahren gestiegen, mit dem Papa, an einem Sonntag im Sommer, als dort eine Messe gelesen wurde, die alljährliche Kramermesse. Ich ging barfuß,
 denn Bergschuhe hatte ich keine und meine guten Halbschuhe hätte ich dabei wohl ruiniert… Dabei lernte ich Kameraden kennen und fand auch die Begeisterung fürs Bergsteigen. Während der Brotzeit nach der Messe hörte ich, wie die Großen sich über un-erklärliche Dinge unterhielten. Dabei fiel auch das Wort „Kramer-geist“.
 
Vom Kramergeist hatte fast jeder Garmischer schon mal gehört. Ein Schulkamerad erzählte, seinem Vater sei er schon mal im Nebel dort oben begegnet, als dieser sich erst bei einsetzender Dunkelheit vom Gipfel auf den Weg ins Tal gemacht hatte.
Niemand aber wusste und weiß noch heute genaueres über ihn: Ein alter Mann mit weißem Haar und Vollbart – so war die landläufige Vorstellung. Ein Phantom? Einbildung? Oder nur ein Mythos?
Geschichten über ihn wurden immer nur hinter vorgehaltener Hand erzählt, aber zu vier Anlässen kam auch meine Familie mit ihm in „Kontakt“. Jedoch nicht direkt, mehr fiktiv, nicht exakt zu beschreiben…
 
In einer nördlich vom Grasberg herunterziehenden Schlucht stieg ich im Sommer als Schulbub öfters mit Kameraden herum, da war in den Felsen oft ganz deftig zu kraxeln! Einmal – etwa 1947 – fanden wir da oben einen langen, mit scharfer Munition gefüllten MG- Gurt!
Ich sagte es meinem Papa, der es der Polizei meldete. So war es kein Wunder, dass mich eines Tages (aber Wochen später) zwei Polizisten aus der Schulklasse holten, ich sollte sie dort hin führen. Ich stieg mit ihnen die Loan hinauf, aber der Gurt war nicht mehr da, jemand hatte ihn wohl brauchen können…
Ob uns Buben vielleicht der „Kramergeist“ beobachtet und den Gurt vorsichtshalber hatte verschwinden lassen?
 
Dann war da die Sache mit unserem Onkel Johannes, dem Bruder meiner Mutter. Er war Geistlicher, Mönch und Redakteur des Klosterverlages in Landshut. Er wurde dort Pater Guardian genannt, war also Vorsteher des Franziskanerkonvents! Der Onkel – wie meine Mutter – in München geboren, stieg im Urlaub gerne      und häufig auf den Kramer, um sich dort in der Bergeinsamkeit  vom Stress des Jobs  im Kloster zu erholen.
Er stieg immer in Zivil in die Berge – verständlich, weil die Kutte hinderlich war und er auch unerkannt bleiben wollte, auch, wenn er damit der Vorschrift seines Ordens zuwider handelte.
Der Onkel hatte Probleme mit Zucker. Nach einer Brotzeit und ein paar kräftigen Schlucken aus dem Flachmann (!) musste er wohl einmal am Gipfel einen Schwächeanfall gehabt haben, wie auch schon gelegentlich in meinem Elternhaus auch. Ganz schön leichtsinnig, dann noch  alleine in die Berge zu gehen!
Damals gab es in Werdenfels noch mehrere Adlerpärchen. Offen-sichtlich hielten ihn die Tiere für tot und sie versuchten, ihm die Brust aufzupicken.  Dass sie ihn wirklich bei lebendigem Leib auf-gefressen hätten, ist sicher unwahrscheinlich. Aber schwere Ver-letzungen waren bei weiteren Attacken wohl unvermeidlich. Onkel Johannes schwor später Stein und Bein, dass er durch den Warn-ruf einer Männerstimme zu sich gekommen sei und die Tiere ab-wehren konnte. Er sei dann sofort abgestiegen.
 
Ein Bergsteiger konnte das ja nicht gewesen sein, der wäre bei ihm geblieben oder hätte sich mit ihm unterhalten oder sogar beim Abstieg Hilfe geleistet. Es könnte ja der Kramergeist gewesen sein, der zwar warnte, aber – menschenscheu – unerkannt bleiben wollte.
 
Meine Nichte Lore – ein gutes Medium in okkulten Angelegenhei-ten – welcher Johannes seine Geschichte auch erzählte, war sicher, das ihn der Kramergeist gerettet hatte – Wer sonst?
Der Kramergeist nahm, wie man zu wissen glaubte, nie direkt Kontakt mit Menschen auf, er wurde meist nur gehört oder im Nebel verschwommen gesehen. Dennoch hinterließ er nie Spuren…
 
Mit 17 nahm ich als Mitglied der Garmischer „Jung-Kolping“- Gruppe an der Vorbereitung und Durchführung eines Johanni-feuers am Kanzelkopf teil. Wir durften kleinere dürre Bäume fällen und liegendes Holz zerkleinern und für das Feuer verwen-den. Natürlich schleppten wir auch Kanister weise Altöl hinauf, um    dem Feuer „mehr Pep“ zu geben. An Umweltschutz dachte damals fast noch niemand…
Beim Holzhacken war ich einmal recht weit abseits der Gruppe und durch eine Unachtsamkeit prallte meine kleine Axt ab und fuhr mir am rechten Unterschenkel ins Bein. Die Wunde war drei-eckig, etwa drei Zentimeter lang und fast zwei Zentimeter tief. Ich war entsetzt, bewegte den Fuß und sah in der Wunde die Sehne auf-und-ab ziehen! Blut lief erst nach etwa 20 Sekunden  heraus und da wurde mir schlecht…  Offenbar  verging geraume Zeit, bis ich wieder zu mir kam.
Ich sah an mir herunter. Die Wunde war sauber, und blutete nicht mehr. Ich hinkte zurück zum Kanzelkopf, wo der Gruppenführer mir aus seinem Rucksack einen Verband anlegte und mich mit einem weiteren Burschen ins Tal schickte. Der Mutter sagte ich aus Feigheit nichts von meiner Verletzung (sie hätte mich sicher zum Nähen geschickt). Nach drei Tagen hatte sich der Spalt mit Plasma gefüllt, die Wunde heilte rasch und völlig ohne Komplika-tion.
- Seltsam! Hatte mir etwa der Kramergeist geholfen und während meiner Ohnmacht heilsame Kräuter aufgelegt?
 
Mit 46 Jahren bestieg ich den Kramer mit meiner Ehefrau Anschi und unserer 10-jährigen Petra. Es war erst Juli, fast ein wenig zu früh im Jahr, weil am Grat da noch mit Schneefeldern gerechnet werden musste. Ich ermahnte meine Familie kurz unter dem Grat, diesbezüg-lich doch recht aufmerksam und vorsichtig zu sein. Beim Aufstieg zum „Mittergern“, dem Vorgipfel, stieg Petra rechts oberhalb  ihrer Mutter, es wurde steil, geröllig und ein bisschen eisig. Ich war gerade dabei, ein Foto von Vorgipfel zu knipsen, als ich einen Schrei hörte.
Dann sah ich, wie Petra ausrutschte und in Gefahr war, ein steiles Geröllfeld hinunter zu kugeln. Anschi griff geistesgegenwärtig zu und erwischte sie an ihren langen Haaren…
Wer von ihnen denn geschrieen hätte, fragte ich die beiden. Beide sagten, da war keine Zeit für Schreien, von ihnen sei es keiner gewesen. Wieder war es eher eine männliche Stimme. Anschi stellte dann fest, dass sie erst nach dem Schrei zu Petra hingesehen und dabei bemerkt habe, dass sie ins Rutschen   geraten war....
Seltsam!
 
Ich erinnerte mich an die Mär vom Kramergeist. Hatte er uns gewarnt? Ich zog unser Fernglas aus dem Rucksack und suchte das Gelände ab – es war niemand zu sehen… Es begegnete uns auch niemand und am Gipfel und beim Abstieg waren wir allein…
 
Der Leser mag lächeln und die Geschichten als erfundene Mär-chen abtun. –
Dennoch:  Wieso hat jeder Garmischer (die Partenkirchner meiden ja den Kramer, weil es ein „Garmischer Berg“ ist)  Kenntnis darüber, dass es ihn gegeben haben soll?
 
Oder gibt es ihn vielleicht noch immer? Ist er nur „der gute Geist“ des Kramers oder der Schutzengel dieses schönen, aber einsamen Aussichtsberges?
 
P.U.  26.08.09

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