Peter Alexander Lutze

Vergewaltigung!

Ich weiss,das Vergewaltigung ein Thema und ein Ereignis ist,das in unserer Gesellschaft immer noch
gerne“unter den Teppich“gekehrt oder totgeschwiegen wird.Ich möchte es gerne einmal aus der Sicht
eines Mannes aufgreifen.
Es ist jetz fünf Jahre her.Ich war zu einer Langzeittherapie in einer Klinik.Dort lernte ich nach
etwa einem Monat eine junge Frau kennen.Ich nenne sie “Sylvia“.Sie war magersüchtig und bei einer
Größe von 1,74cm wog sie nur noch 48Kg.Sie war bildhübsch und ich machte mir lange Gedanken,warum eine hübsche,junge Frau mit aller Gewalt versuchte,sich durch hungern umzubringen.Ich hatte von
Magersucht keine Ahnung.Das einzige was ich zu wissen glaubte war,das Mädchen oder jüngere Frauen
dem Schönheitswahn erlegen waren,der heutzutage überall,in den Medien,Zeitungen,Filmen und in der
Werbung alls das Nullplusulltra gilt.Schön sein ist in,sei es auch auf Kosten der Gesungheit.

Menschen die diesem “Ideal“nicht entsprechen fühlen sich ausgeschlossen und werden es auch oft.So
macht es uns die Werbung vor.
Aber zurück zu Sylvia.Ich wußte nicht,wie ich mich ihr nähern sollte denn sie machte einen sehr
verschlossenen Eindruck.An einem Sonntag sollte unsrere Gruppe,in der wir beide gemeinsam waren
einen Ausflug in die nächste Stadt machen.Für diesen Tag nahm ich mir vor,die Mauer des Schweigens,
mit der sie sich umgab zumindest anzukratzen.Als wir in ein Kaffee gingen,setzte ich mich an ihren
Tisch.Es war sehr ruhig an diesem Tisch und so fing ich an zu reden.Wir redeten über alles denkbare,nur nicht über das,was uns zusammen in diese Klinik gebracht hatte.

Es war ein schöner Tag,Mitte Juni und ich fasste mir ein Herz und bat Sylvia,ein bißchen mit mir
spazieren zu gehen.Ich sagte unserem Therapeuten, das ich vorhatte mit Sylvia ein paar Schritte
zu gehen und wir uns nicht weit entfernen würden.Einige Zeit liefen wir stumm nebeneinander her bis
zu meiner Verwunderung Sylvia das Wort ergriff.Du willst bestimmt gerne wissen,was mit mir los ist
und warum ein so hübsches Mädchen wie ich,was sie besonders betonte,versucht sich auf eine solche
Art und Weise umzubringen.Ich sagte ihr daß es mich schon interessieren würde,sie aber nicht darüber
sprechen müsse,wenn sie nicht wolle.Das wisse sie auch,sagte sie etwas pazieg und bat sofort danach
um Entschuldigung.Sie sei nur diese ständige Fragerei leid,warum,wieso und weshalb ein so junges,
hübsches Mädchen,was doch scheinbar alles hat,eine liebe Familie usw.sich soetwas antun würde.

Ich hatte mich schon auf einiges vorbereitet,was ich vielleicht zu hören bekäme,aber das was sie
mir dann erzählte,übertraf es bei weitem.Es fing damit an,das ihr Vater sie schon als kleines
Mädchen sexuell mißhandelt,ja sogar vergewaltigt hatte.Als das später heraus kam,hätte ihre Mutter
getan,als wäre es etwas,was sie sich ausgedacht hätte,vielleicht um sich in den Mittelpunkt zu
stellen.Sie erzählte mir,das dies fast noch schlimmer für sie gewesen sei,als das was ihr Vater
ihr angetan hatte.Ihre eigenen Mutter stellte sich gegen sie und bezichtete sie der Lüge.Später
hätte sich herausgestellt,das es ihr sehrwohl bekannt war,aber sie mit allen Mitteln den Schein
waren wollte.

Sie erzählte,das sie mit 18 Jahren das Elternhaus verlassen habe und in eine Wohngemeinschaft gezo=
gen wäre.Dort sei ein junger Mann gewesen,der Jura studierte und in den sie sich verliebt hätte.
In Wirklichkeit habe sie nur Nähe gesucht und ein bisschen Zuwendung.Dieser junge Mann interpretierte Ihre Beweggründe aber etwas anders und so wurde er eines Abends zudringlich und sie
wurde ein zweites Mal von einem Mann ihres Vertrauens vergewaltigt.Scheinbar wie so oft bei dieser
Art von Gewalt,gab sie sich die Schuld und versuchte sogar das Verhalten dieses jungen Mannes zu
entschuldigen.Ich merkte,wie in mir langsam Wut hochstieg,nicht auf diese Männer,nein auf Sylvia.
Ich konnte nicht begreifen,warum sie sogar jetzt noch versuchte sich die Schuld an diesen schlim=
men Erlebnissen zu geben.
Aber ich blieb still und hörte weiter zu.Sie erzählte mir,wenn es von ihr ausging,das Männer sie
so behandelten,dann müsse sie etwas tun,was sie in den Augen der Männer unattraktiv mache und so
fing sie an zu hungern.Sie war nicht das erste Mädchen,das magersüchtig war und deren Geschichte
ich kannte.Aber die meisten waren ein Opfer des gängigen Schönheitsideals, von dem ich zu Anfang
berichtigte.Aber sich so zu bestrafen und langsam umzubringen,nur weil ihre einzige “Schuld“darin
bestand gut auszusehen,das verstetzte mir einen Schock und ich schämte mich,weil ich wütend auf
sie gewesen war.Ich bin ein Mann und in meine eigene Falle getappt.Ich hatte ihr auch insgeheim
Schuld zugewiesen.Der Grund was mich aufgebracht hatte war der Gedanke,warum lässt eine Frau soetwas mit sich machen und wehrt sich nicht.Versucht stattdessen sich umzubringen.Darin lag mein
Denkfehler.Sie hatte doch nichts mit sich machen lassen.Es wurde ihr Gewalt angetan und ich in
meinem wirren Kopf tat so,als hätte sie noch ihre Zustimmung gegeben.

Ich hätte es besser wissen sollen,denn auch ich bin im Alter von 14 Jahren sexuell mißbraucht und
vergewaltigt worden.Diese Menschen die soetwas mit einem anderem Menschen machen,sind sich voll=
kommen im klaren darüber,was sie tun.Worüber sie nicht nachdenken ist,welchen Schaden sie dem
Opfer zufügen.Es ist nicht “nur“ der körperliche Schaden,die Schmerzen des Körpers,die Veletzungen,
nein was viel schlimmer ist,ist der Schaden den die Psyche des Opfers nimmt.

Noch heute quälen mich Alpträume und diese unermeßliche Wut,die ich empfinde,wenn ich in den Medien oder Zeitungen Berichte darüber höre oder lese.Schlimm ist auch,wie die Presse oft mit den Opfern
umgeht.Schlimm sind auch die Gerichtsverhandlungen,wenn sie stattfinden,weil ein Opfer den Mut hatte,den Täter anzuzeigen.Was an diesem Ort nochmals in dem Opfer aufgewühlt wird und der Anwalt
des Täters noch alles tut,nur um seinen Mandanten als Opfer darzustellen,ist menschenverachtend.Alle
Opfer einer solchen Gewalttat haben mein tiefstes Mitgefühl und die Täter meine größte Verachtung.
Männlichkeit hat nichts damit zu tun, sondern absolute Feigheit.

Ich habe heute morgen einen Film gesehen,in dem eine
versuchte Vergewaligung vorkam.In meinen Augen und
meiner Auffassung ist dies nicht weniger schlimm für
die Psyche des Opfers.Normalerweise mache ich bei
Filmen,in denen diese Form einer Gewaltat das Fernsehen aus oder stehe auf und gehe raus,um tief
durchzuatmen.Ich ertrage es noch heute nicht,30 Jahre
nachdem mir dasselbe wiederfahren ist.Das Fernsehen
ist es nicht schuld,würde ich weitersehen,wären seine
Überlebenchancen gering.In mir steigt dann ein Zorn
hoch,der mich erschreckt.Wäre ich Zeuge einer solchen
Tat,ich könnte für nichts garantieren,obwohl ich kein
Mensch bin,für den Gewalt anzuwenden in Frage kommt.
Was ich mit diesem Bericht erreichen möchte,vielmehr
die Hoffnung habe,daß dieser bestimmten,beinnahe all=
täglichen Gewalttat,vielleicht sogar in unserer unmit=
telbaren Nähe,mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird.Vor
allem sollte klar sein,daß den Opfern unser Mitgefühl
gelten sollte und nicht den Tätern,die im höchsten
Falle vielleicht für drei Jahre in der Psychatrie ihre
Heimat finden.Unter Umständen bei guter Führung und
stettigem Beteuern ihres Schuldbewußtseins nach ärzt=
licher Begutachtung auch noch vorzeitig entlassen
werden,um im schlimmsten Fall Stunden nach ihrer Ent=
lassung ihrem Trieb wieder freien Lauf lassen.Hätte
ich eine Entscheidung zu treffen,bekämen solche Täter
dieselbe Strafe wie ein Totschläger.Denn sie schlagen
in ihren Opfern manchmal unwiederbringlich die Mög=
lichkeit tot,in ihrem Leben nochmal mit einem anderen
Menschen glücklich zu werden.
Peter Alexander Lutze, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.01.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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