Wilhelm Westerkamp

Alles nur Täuschung?



Die leuchtenden Augen, die klar wie eine Glasscherbe, die von der Sonne angestrahlt,
blitzend jene erwischt und diese Augen, diese wunderbaren blauen Augen, die einer
seltenen Briefmarke ähnelnd, nicht so oft auszumachen sind und Frauen mit ihren
glänzenden schönen blonden langen Haaren, das gewisse Extra verleiht und ihre fla-
mmende Schönheit den Männern den Verstand rauben kann, diese Frauen hochleben
lassen, aber nicht für die Ewigkeit, denn das Schöne, das Äußere, die Gestalt des Me-
nschen, gerade bei Frauen, raubt ihnen die fortschreitende Zeit, Stück für Stück, bis nur
noch eine alte Frau, vielleicht im Rollstuhl, mit dünnen Beinen und Flecken und Falten
im Gesicht, den Männern symbolisieren will, das sie nicht mehr fruchtbar ist, sie als
mögliche Partnerin nicht mehr zur Verfügung steht und das Alte und Nekrotische die
Oberhand gewonnen hat und der Tod nicht mehr lange auf sich warten lassen wird.

Der Tod ist wie eine Eule, die in tiefschwarzer Nacht mit ihren hellen Augen ihre Be-
ute schlägt. Manche Männer, die selber den Abschied vom Leben zur Kenntnis neh-
men müssen und manchmal ihre Frau, damals noch junge Frau, bildlich vor Ihren
Augen sehen und diese Erinnerung, Tränen in ihre Augen treiben lässt, Tränen des
Abschieds, Tränen des Selbstmitleides und dann sehen sie wieder und wieder ihre
damals so überaus schöne Frau, ihren wunderbaren Körper, von dem nur noch ihr
strahlendes Lächeln übrig geblieben ist, so wie als junge Frau, ja wenigstens dieses
bezaubernde Lächeln ist geblieben und ihr nun altes, greises Gesicht, will er gar nicht
wahrhaben, es sieht aus wie der kommende Abschied, ein Abschied für immer, aus
dieser Welt, die so schön, aber auch so hässlich sein kann, wie Ebbe und Flut. Die
„Ebbe“ steht für das Schöne in der Welt, doch dann bricht das Übel, das Schlechte
und Bösartige auf der Welt, wie eine Flut über die Kostbarkeiten der Erde herein und
die Welt verdunkelt sich plötzlich und Licht wird zu Schatten, Sonne zur Finsternis
und das „Feuer“ des Lebens erscheint erloschen und nur noch graue Asche ist sche-
menhaft zu erkennen. Aber der Mensch, der Primat, der entscheidet, ob Krieg oder
Frieden sei, hat gelernt zu kämpfen, versucht die Dunkelheit, die bösen Geister zu
verbannen, um wieder zu leben, das Schöne im Leben wieder atmen zu können und
dann strahlen die Augen der Menschen wieder und das Leben pulsiert in alter Stärke
und Intensität und dann weinen die Menschen wieder, aber nicht vor Trauer, sondern
voller Glück, einem Glück, das in die Glieder fährt wie ein Fieber, dass den Plus nach
oben treibt, den Körper arg zum Schwitzen bringt und auf vollen Touren fahren lässt.

Alte Bäume werden beispielsweise gefällt, die Neuen hingegen lässt man gedeihen
und wachsen, bis auch sie zu alt werden, bis sie dann wiederum der Erde gleich ge-
macht werden.

Das Leben ist in seiner Gesamtheit kaum zu verstehen, alleine wissen wir nur, das
wir geboren werden und mit großer Sicherheit, dem Ableben zu streben werden.
Wann das sein wird, das weiß niemand so genau, man will es auch gar nicht wissen,
weil das Herz des Lebens noch in uns pulsiert, dass das Blut durch die Adern treiben
lässt und das Gehirn mit Sauerstoff versorgt, diesem „Wunderding“ der Schöpfung,
dass die Gedanken, die Gefühle, aus den grauen Zellen schießen lässt und wir dann
manchmal aus dem Augenblick heraus, herzlich an zu lachen fangen, aber auch
ins andere extrem verfallen können und sich tiefe Trauer manifestiert.

Als Erwachsener verkneift man sich häufig Gefühle, im Gegensatz zu kleinen Kin-
dern, die ihren Unmut ohne jegliche Scham, munter heraus schreien dürfen, auch
wenn es den Eltern der Kinder, laut in den Ohren klingen mag. Wie sagte Nietzsche
einst: „Alles ist zuerst Täuschung auf der Welt“. Wir sollten demnach danach streben,
die Wahrheit im Leben zu erkennen, welches nicht so einfach ist, wie es scheinen
mag, wenn man sich die Werke bedeutender Philosophen einmal zur Brust nimmt.

Manchmal läuft man eben wie ein Blinder durch die Welt, ehe man auf den Pfad der
Wahrheit angelangt ist und hoffentlich ein glückliches, zumindest aufrechtes Leben
leben kann, welches immer wieder, durch das Üble und Schlechte unter Beschuss ge-
stellt werden kann, aber die Individuen gelernt haben, sich dagegen zu wehren, um
auf der glücklichen Seite des Lebens zu verharren, auch wenn das Glücklichsein ihre
zeitliche Begrenzung hat, durch den Tod, den wir wie den Teufel fürchten, der uns
feindlich gesinnt, der Gottes nah, uns bald unter die Erde bringt, dies Alles verdrän-
gen müssen, denn der Lebende interessiert sich natürlich für das Leben an sich, in
seiner kleinen Welt, in der er sich zurecht finden muss. Aber sollte man den Tod des-
halb verdammen? Das kann jeder sehen wie er will, aber der Mensch muss mit sei-
nem Ableben, dem Tod leider leben. Er kann ihn lange Zeit verdrängen, aber irgend-
wann ist jeder an der Reihe, er weiß nur noch nicht genau wann. Aber sollte er das
denn wirklich wissen? Wenn er es wissen würde, würde das Individuum wohl ver-
zweifeln und vor Aufregung eines möglichen Ablebens, in eine Art „Schizophrenie“
verfallen, von der er sich nie wieder erholen würde.

© Wilhelm Westerkamp, Oktober 2010

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