Hans Witteborg

Ich bin ein Intellektueller




 
Ich habe es lange nicht gewusst. Nur ein Zufall brachte es ans Tageslicht. Aber der Reihe nach, damit nichts durcheinander gerät.
Vor Jahren habe ich mir ein Buch gekauft, weil ich wissen wollte, wie man sich im Karneval so verhält. Der Titel hatte es mir angetan: “Der Frosch mit der Maske“ von einem gewissen Edgar Wallis oder Wallace (hab´gerade nachgeschaut). Das versprach lustig zu sein, allein die Vorstellung, dass ein Frosch eine Maske trägt!
Nach etwa fünfzig Seiten habe ich es gemerkt, es ist ein Kriminalroman. Da er aber gut zu lesen war, habe ich ihn bis zum Ende gelesen. Er hat mir gefallen und deshalb habe ich ihn aufbewahrt und in einem Regal zu meinen Pfeifen gestellt. Er ist sehr dekorativ zumal es das einzige Buch ist, das ich besitze. Es ist  mein Buch. Schon etwas zerlesen, gewiss, aber es gehört mir. Wie das besitzanzeigende Fürwort „ mein“ ja schon ausdrückt. Nicht so ein „mein“, das nur die Zugehörigkeit aussagt wie z.B. „meine Frau“, die ich ja nicht besitze sondern die zu mir gehört. Nein, das „MEIN“ ist genauso gemeint, wie wenn ein Araber von „meiner Frau“ spricht (gemeint ist natürlich seine Frau, ihr wisst schon wie ich das meine). Meine Frau bedeutet beim Araber ja er besitzt sie, sie ist sein Eigentum, er kann damit machen was er will, sie schlagen, ihr den Umgang mit anderen Menschen verbieten, sie daran hindern Auto zu fahren und dergleichen Besitzansprüche mehr. Also so ähnlich verhält es sich mit meinem Buch, nur dass ich es nicht schlage sondern hin und wieder aufschlage. Soweit also die Vorgeschichte. Nun komme ich zum Kern meiner Behauptung.
Neulich hatte ich Besuch von „außerhalb“. Das mag manchen erstaunen, denn Lippborg ist nicht unbedingt auf der Landkarte zu finden. War aber so. Mein Besucher sah sich in meiner Wohnung um und entdeckte mein Buch.
„Ich habe nicht gewusst, dass du liest, du bist ja ein Intellektueller!“ bemerkte er ganz beiläufig. Ich konnte mit dem Wort „Intellektueller“ nichts anfangen, wollte mich auch nicht beleidigen lassen, also fragte ich vorsorglich nach.
„Ein Intellektueller ist jemand der etwas anders sagt als er meint das es jemand verstehen soll und darüber nachdenkt wie es wohl gemeint sei, wenn man es verständlicher hätte ausdrücken können!“ Ich glaubte verstanden zu haben und entgegnete: „so wie Politiker?“ Nein, Politiker seien keine Intellektuellen, weil das was sie sagten immer missverstanden würde. Politiker seien eher Abartige, die das was sie sagten schon nicht mehr geglaubt hätten, bevor sie es sagten. Sie seien eher Opfer der Journalisten und die hielten sich für intellektuell, weil sie die Wahrheit aufdeckten und dann sprachlich einwandfrei wiedergäben. Ich glaubte zu verstehen: Journalisten berichten, wenn Camilla Prinz Charles schlägt und manchmal die Frage aufgeworfen wird, ob die Queen im hohen Alter noch einmal schwanger wird. Und da ich z.B. diese Berichte lese und verstehe, bin auch ich intellektuell. Nein, deshalb nicht, aber weil ich offenbar ein Buch besitze und demnach lese, wäre das ein Indiz dafür, dass ich mich zu den Intellektuellen zählen dürfte, zumindest in Deutschland. Auf dem Lande hätte er das sowieso nicht erwartet. Die letzte Bemerkung hat mich denn doch verärgert. Lippborg ist zwar klein, doch es führen viele Wege dorthin. Es kommen Besucher aus aller Welt von weit her z.B. aus Soest, Hamm , Beckum oder aus der heimlichen Hauptstadt Deutschlands, aus Bielefeld, das es angeblich gar nicht gibt – ihr versteht  h e i m l i c h e  - u.sw.
Das hat mein Besucher letztlich auch eingesehen und er meinte auch eher, dass er Intelektueller mehr ironisch gemeint hätte. In Deutsch hätte ich das sofort verstanden aber ironisch? Was ist denn das für eine Sprache?
 
Offenbar scheint mein Regal mit dem Buch und meinen Pfeifen vielen zu gefallen.
Erst neulich fragte mich ein Gast, ob ich das Buch auch schon gelesen hätte. Als ich entrüstet bejahte, empfahl er mir eine alte Brille neben das Buch zu legen, dann wüsste jeder Bescheid und die Brille wäre zudem auch noch dekorativ. Wenn ich mich zudem als die größte aller Pfeifen daneben stellen würde wäre das „phänomenal“. Da das wieder so etwas Ausländisches ist, habe ich vorsorglich nicht nachgefragt. Es reicht ein Intellektueller zu sein.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.10.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Vom Ufer aus von Hans Witteborg



Die Gedichte begleiten durch die vier Jahreszeiten und erzählen wie die Natur erwacht, blüht und welkt, wissen von reicher Ernte zu berichten. Der Spätsommer im Park, winterliche Gefilde oder Mailandschaften scheinen auf. Der Autor verwendet meist gereimte Zeilen, zeigt sich als Suchender, der neues Terrain entdecken möchte. Der Band spricht von den Zeiten der Liebe, zeigt enttäuschte Hoffnungen und die Spur der Einsamkeit. Wut und Trauer werden nicht ausgespart. Es dreht sich das Kaleidoskop der Emotionen. Der kritische Blick auf die Gesellschaft und sich selbst kommt zum Zuge. Kassandras Rufe sind zu hören. Zu guter Letzt würzt ein Kapitel Humor und Satire. So nimmt der Autor seine Zettelwirtschaft aufs Korn, ein hoffnungsloser Fall.

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