Philip M.

Der Augang

Der Ausgang

 
Ich weiß nicht mehr, wie lange es her ist, dass zuletzt das Tor offen stand. Auf dem Weg nach unten, weg von der Klinik, hatte ich beständig mein Ziel vor Augen. Den Ausweg aus diesem Ort, hinaus auf die Straße.
Sie wartet am Tor. Niemand außer ihr war zu sehen. Kein Mensch ging mit mir auf diesem schmalen Pfad nach unten. Auch weiter vorne konnte ich niemanden erkennen. Nur einer war noch da, in der Hütte des Portiers. Es fiel mir schwer sein Gesicht zu erkennen, er hatte so viele verschiedene und ständig schienen sie zu wechseln.

Der Mann saß direkt neben dem Fenster an seinem Pult. Darauf war ein Hebel, dick und schwarz. Innerlich wusste ich gleich, wofür er gemacht war. Ich konnte noch schreien, aber es war bereits zu spät. Er hatte den Hebel gezogen und das Tor, welches einen so freien Blick ermöglichte, beleuchtet von der Sonne selbst, begann sich zu schließen. Für einen kleinen Moment, mehr aus Entsetzten als aus Interesse, sah ich dem Portier in die Augen. Nur ganz kurz konnte ich ihn klar erkennen. Es waren dort in der Ferne meine Pupillen die auf die meinen blickten. Traurig schienen sie, aber auch sehr entschlossen waren sie, als er den Hebel zog. Mein Schreien mag er gehört haben, doch er wandte sich einfach ab.

Alleine, verlassen stand Sie da vor dem sich schließenden Tor. So sehr Sie sich auch vor dem Unaufhaltsamen zu wehren suchte, dass grün lackierte Eisen stoppte nicht. Ihre Arme suchten mich. Nur für einen Moment. Dann waren sie verzweifelt auf der Suche nach Halt, in der Luft wirrbelten sie umher. Doch es gab nichts zu fassen. Ihre wilden Versuche fanden jäh ein Ende, als das Tor letztlich einrastete. Es war geschlossen.

Einmal noch und nur für eine, zu schnell verstreichende, Sekunde sah ich ihren Arm, der forschend in den Himmel griff. Dann war Sie fort. Es wurde still. Noch stiller als zuvor. Kein Vogel, kein Auto, kein Radio, kein Leben, das man hören konnte. Gerade eben schien es noch ein sonniger Nachmittag zu sein, doch plötzlich verdunkelte sich der Horizont, die Sonne musste schon lange untergegangen sein.

Es war stockfinster, die Sicht gab nichts preis, auch das Tor war nicht mehr zu sehen. Ich war gezwungen einzuhalten, stehen zu bleiben. Mitten auf dem Weg, in tiefster Nacht stand ich da. Es war zu spät, alles.
Wie sehr wünschte ich mir ein Streichholz, es hätte nicht gereicht um den Ausgang zu finden, aber vielleicht wäre es genug Licht gewesen mich zurück, hinauf zur Klinik zu führen. Ich wollte schlaffen, einfach nur schlaffen. Dort oben hätten sie viellcht immer noch ein Zimmer für mich gehabt. Es wäre sicher, ein Schutz vor der Nacht. Wie früher.

Ich setzte mich auf den Asphalt. Es war nichts anderes zu tun, als zu warten. Es wäre ja möglich, dass doch irgendwann morgen werde, auch wenn ich es nicht recht glauben konnte. Halb versunken in einem wirren Traum versuchte ich die Zeit zu besiegen. In diesem war ich außerhalb dieser Anlage, oben auf dem Hügel hinter der Klinik am Zaun. Ausgesperrt blieb mir nichts als sehnsüchtig hinein auf die gläserne Schiebetür, den Eingang der Klinik, zu blicken.

Dort schien alles wie früher. Bekannte Gesichter waren zu sehen, vertraute Worte drangen an meine Ohren. Obwohl nur im Halbschlaff begann ich immer mehr zu denken es wäre doch real, diese zweite Welt in der eine anderer Sonne schien.
Plötzlich verließ ich diesen Traum und wurde in einen anderen gezogen. Mitten im Dunkeln, erst verschwommen, dann immer klarer, konnte ich ein kleines Mädchen erkennen. Sie hatte schwarze, leicht zerzauste Haare und mit ihren ebenfalls schwarzen Augen blickte sie in die meinen.

Getrieben von einem inneren Verlangen, nach was konnte ich selbst nicht begreifen, schien ich aufzustehen um ihr näher zu kommen. Endlich hatte ich sie erreicht, stand mit etwas Abstand vor ihr. Da legte sie langsam, in einer erhaben wirkenden Bewegung ihren Kopf zur Seite und sprach dabei zu mir: „Sieh mich an,“. Darauf folgte eine Pause, nicht mehr als eine Sekunde nur, doch dieser Augenblick erschien, quälend durch die unermesslich steigende Spannung, endlos.
Ihr zu Anfang verängstigt wirkender, kindlicher Gesichtsausdruck  begann sich nun im Klang ihrer folgenden Worte in ein höhnisch, teuflisches Grinsen zu wandeln: „ich brenne.“

Da gingen auch schon ihre weit ausgebreiteten Arme, die mich zu umarmen suchten, in lodernden Flammen auf. Fasziniert und vollkommen ihrem immer noch währenden Lächeln verfallen, willigte ich ohne Worte, allein mit meiner Gestik, auch die Arme auszubreiten, ein sie zu halten.
Eng umschlungen, ineinander verhakt standen wir dort im Feuer. Die Schmerzen, welche ich deutlich zu spüren glaubte ließen mich zweifeln ob das denn wirklich ein Traum sein könnte. Es war kein gewöhnliches Brennen, ein seltsam fremder Schmerz, der etwas zu bedeuten schien, etwas Wichtiges. Ein Ausweg aus der Dunkelheit, das Feuer. Ich kann auch heute nicht sagen, ob es ein Traum war.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit mein Gedächtnis ab da an verlor, aber es schien lange gewesen sein. Es war wieder Tag, wenn auch die Sonne völlig von Wolken verhangen und nur blass zu sehen war. Langsam begann ich wieder aufzustehen. Der Asphalt des Weges war so kalt gewesen, dass ich es mir auch nur noch schwer vorstellen konnte vor kurzem wirklich gebrannt zu haben. Meine Augen schienen noch nicht wirklich aufgewacht zu sein, denn als ich auf meine Arme sah, konnte ich nicht feststellen ob darauf denn Brandnarben sein. Als ich danach taste, ist da eine raue, unebene Schicht. Nicht zu erkennen was wahr ist. Das Bild des kleinen Mädchens habe ich vor mir, ich habe sie gesehen, für immer gesehen, werde sie niemals vergessen. Fast ist mir so, als stünde sie neben mir. Ich halte ihre Hand.

Der Blick wandert wieder hinab den Hügel zum Tor. Der strenge Portier mit den tausend Gesichtern sitzt noch immer auf seinem Platz. Er scheint sich nicht für mich zu interessieren, denn er blättert abwesend in einer Zeitung.
Mein Mund öffnet sich und ich kann nicht anders, als ungläubig zu staunen. Das Tor, es ist offen. Ich sehe mich um, damit ich sicher sein kein, immer noch auf dem mir bekannten Weg zu sein. Ja, ich bin es. Er scheint jedoch länger als zu vor. Außerdem war ich sicher, schon an den Büschen weiter vorne angelangt zu sein. Jetzt aber befinde ich mich vor dem Parkplatz, unweit dem Vorplatz der Klinik.
 
Ich sehe wieder zum Ausgang. Dort steht eine Frau. Sie ist hübsch, wirkt allerdings sehr fremd. Ich kann es kaum verstehen, aber sie fängt an mit mir zu sprechen. Was genau es für Worte sind kann ich nicht hören, doch ich lächle und es war wohl die richtige Antwort gewesen. Auch sie blickt freundlich zu mir herauf.
Suchend sehe ich für einen Augenblick an ihr vorbei, versuche zu erkennen ob dort noch jemand steht. Meine Blicke suchen, aber ich finde Sie nicht.

Ich richte meine Aufmerksam wieder auf diese Frau. Etwas undeutlich nur erscheint sie mir. Meine Augen sind wohl schlechter geworden über Nacht. Oder sind etwa mehr als eine vergangen? Diese Dame hat schöne, glatte Züge an sich, ein zartes Gesicht, braune, lange Haare und eine schwarze Brille mit daraus hervor funkelnden, dunklen Augen.
Es kommt mir süß vor, auch ist es eine besondere Ehre, dass sie mir ihre Aufmerksamkeit schenkt. Dabei habe ich nun wirklich nichts Besonderes an mir, schon gar nicht an meinem Äußeren.
Sie hat ein kleines Blatt Papier in der Hand und schreibt mit der anderen eine Zeile darauf. Danach befestigt sie einige glänzende, leicht gebogene Rechtecke daran. Das alles gibt sie in ein Kuvert und gibt es, mit einem bittenden Lächeln, dem Portier. Sie will wohl, dass er es mir bringt.

Völlig erstaunt darüber, dass er aus seinem Sessel aufsteht und offensichtlich mit ihrer Bitte einverstanden war, warte ich ab. Der Portier nun, ging mir mit trägen aber bemühten, Schritten den Hügel hinauf, entgegen. Nach einiger Zeit beginne ich ihn aus den Augen zu verlieren, dabei versuche ich ihn stetig neu anzuvisieren. Vielleicht täuschen mich meine Augen, doch ich beginne daran zu zweifeln, dass er wirklich mich erreichen will. Ich fühle mich plötzlich verloren, allein gelassen in der Zeit. Wenn diese Frau den Brief nicht für mich sandte, wieso lächelte sie mich an? Wahrscheinlich hatte ich mich wieder einmal für zu wichtig gehalten, mich zum wiederholten Male zu groß gemacht.

Meine Gedanken wandern wieder zu dem kleinen Mädchen, das in Flammen steht und mich ansieht. Wie gerne wollte ich wieder in ihren Armen liegen. Diesem Gefängnis zwischen Klinik und Tor entkommen.
Dann jedoch, ohne dass ich ihn hätte näherkommen gesehen, stand der Portier vor mir. Sein Gesicht, welches sich ständig in ein anderes verwandelte, wunderte mich nicht mehr. Lediglich kam mir die Frage in den Sinn, ob da wirklich nur ein Mann war, der vor mir steht. Aber so gleich verlor ich das Interesse an dieser Frage und versuchte das Kuvert zu nehmen, dass er mir nur sehr widerwillig entgegen zu strecken schien, Auch hielt er es für einen Moment noch unnötig fest an sich, als ich es bereits zu mir ziehen wollte.

Ich fing an es rasch zu öffnen, wagte aber nur zaghaft den ersten Blick hinein zu werfen. Darin verborgen war der Zettel mit einem kurzen Satz darauf. Ich las ihn mehrere Male, doch vergaß ich ihn gleich wieder. Ich gab es schnell auf und sah stattdessen auf das, was daran noch befestigt war. Die glänzenden Rechtecke waren also Fotos.
 
 Drei Bilder zeigten die Frau an meiner Seite vor einem Garten stehend. Das Vierte war nur von ihr alleine. Sie sieht mit sehnsüchtigen Augen auf eine länglich, geschwungene Blume. Ich kannte jene Blume, ich selbst hatte sie vor ewigen Zeiten gepflanzt. Nur wo das war hatte ich vergessen, vielleicht ja vor dem Garten? Doch ich war absolut überzeugt der Frau vorher weder begegnet noch ihr gar nähergekommen zu sein.

Mich allerdings beschäftigte alleine ihr zärtlich, schmachtender Blick auf diesem einen besonderen Foto. Was er auch bedeuten sollte, was oder wem er galt, ich wollte es unbedingt wissen. Es verzehrte mich nicht zu wissen, es auch nicht erfahren zu können. Lange blieb ich so stehen, mit den Augen auf diesem Bild verhangen.
Ich bemerkte erst viel später, dass der Portier noch neben mir stand. Er musste mich die ganze Zeit über beobachtet haben, denn er machte einen fast spöttisch, boshaften Blick. Erst auf mich, anschließend auf das Foto. Ich griff in die Tasche, zog einen Stift hervor und schrieb auf der Rückseite des kleinen Zettels ein paar Worte. Doch auch diese vergaß ich gleich nach dem Schreiben wieder.

Ich las sie noch öfter durch, um Fehler zu finden, aber es schien mir als konnte ich nicht anders, als an dem Geschriebenen vorbei zu lesen. Obwohl ich kein Wort erkennen konnte, war ich mir sicher, darin ihren Blick auf die Blume zu bewundern.
Wortlos packte ich den Zettel alleine ins Kuvert zurück und übergab es, ohne ihn anzusehen, mit ausgestrecktem Arm, dem Portier. Er nahm es so gleich gierig an sich und verschwand. Einmal blickte er noch, während er den Weg hinunter hetzte wie ein wilder Hund, über die Schulter zurück zu mir. Wieder schien es mir so, als trüge er mein Gesicht, genau wie in dem Moment als sich das Tor schloss.

Ich versuche an ihm vorbei, hinab zum Ausgang, zu sehen, vielleicht konnte ich ja die Frau wiederfinden. Da war sie, mir fiel ein Stein vom Herzen. Erleichtert und gespannt begann ich sie genauer zu studieren. Sie stand etwas abseits, am Rande des Tors. Sie suchte etwas in ihrer Tasche.
Ich hoffe immer noch, dass es nicht ihre Autoschlüssel sind. Würde sie jemals zurückkommen?
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.10.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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