Stephan Lill

Kain Mörder?

Kain Mörder?Kain Mörder?


Kapitel 1

Kain legte große, schwere Äste auf das Feuer. Sein Bruder Abel kam zu ihm und sagte: „Warum machst du ein Feuer? Es ist helllichter Tag.“

Kain: „Es gibt andere Gründe für ein Feuer, als nur die Wärme und das Licht. Das Feuer stellt die Verbindung da zum Nichtmateriellen, zum Geistigen.“

„Soso, du weißt, ich lerne gerne von dir, was es Neues gibt auf Erden. Jeder Tag bringt mir neue Überraschungen. Du bist mein großer Bruder und kennst die Geheimnisse des Landes.“

„Also, hier auf dem großen Stein neben dem Feuer habe ich die schönsten Früchte des Feldes hingelegt. Die tue ich ins Feuer, auf dass sie verbrennen und sich verwandeln in Rauch und Dunst. Transformation ist das. Verwandlung in das Nicht-Greifbare. Damit erhöhe ich es und widme es einem Höheren: Gott.“

„Du kannst ihm die Früchte nicht auf andere Weise geben? Er kann sie nur genießen und erhalten als Rauch und Dunstwerk?“

Kain lächelte. „Ich habe mich das auch gefragt. Aber Er wünscht es so. Wir müssen ohnehin vorsichtig sein mit dem, was wir sagen, denn Er hört alles. Er sieht auch alles. Sei gewarnt. Denn selbst deine Gedanken weiß Er und könnte dich jederzeit dafür strafen, wenn ihm nicht gefällt, was er wahrnimmt. Denn allgegenwärtig ist Er.“

Abel sah sich um. „Ist es besser, wenn ich jetzt auch etwas in das Feuer tue? Was tut man da hinein?“

„Das Liebste, das Vorzüglichste und Beste – das, was dir am meisten fehlt, wenn du es den Flammen übergeben hast. Das ist Opfern.“

Kain nahm einige von seinen Feld-Früchten und legte sie in das Feuer. Eine tiefe Stimme ertönte: „Ist das, das Beste, was du mir zu geben in der Lage bist? Willst du mich damit erfreuen? Weißt du nicht, was mich wirklich erfreuen würde?“

Kain fiel auf die Knie. „So bitte ich erneut um Verzeihung. Es scheint zu meiner bevorzugten Tätigkeit zu werden tagtäglich um Verzeihung zu bitten. Denn deine Gebote sind missverständlich. Wenn ich den Sinn erkennen könnte deines Tuns, deines Begehrens, dann fändest du in mir einen eifrigen Diener deiner Wünsche.“

„Als Diener ward ihr nie gedacht. Herren sollt ihr sein über eine Welt, die ich für euch erschuf. Doch auszusetzen habe ich an euch täglich etwas. Das stimmt. Ich rede euch drein in euer Herren-Dasein. Als Diener empfindest du dich? Meine Gebote sollten euch dienen.“

Abel räusperte sich. „Wenn ich dazu auch etwas sagen dürfte. Du hast mich gedacht als Herdenhüter: ich verbringe meine Zeit mit Ziegen und Schafen. Habe ich eine Wahl? Wäre dein Zorn gewaltig, wenn ich fortginge von hier? Kann ich den Bereich, den du überwachst, verlassen? Ich wäre gerne unbeobachtet.“

Eine heftige Windböe fegte über das Land. Abel hielt sich die Hände vors Gesicht, um sich vor den aufstiebenden Funken des Feuers zu schützen. „Ist das deine Antwort, Herr, oder ist das nur eine zufällige Windböe? Denn schwer zu trennen ist dein Wille von dem Zufall.“

Ein schwerer Regen prasselte auf sie nieder. Kain sagte: „Höre auf mit diesen Fragen. Sonst beschwörst du ein Unwetter herauf.“

Die tiefe Stimme sprach: „Dein Feuer ist ausgegangen. Der Regen hat es gelöscht. Kain, deine Opfergaben gefallen mir nicht. Was ist dein Liebstes? Was verweigerst du mir?“

Kain kniete noch immer. Sein Bruder Abel reichte ihm die Hand und zog ihn empor. „Kniend wirst du nicht kleiner vor dem Herrn. Es sind deine Gedanken, die dich schrumpfen lassen vor ihm: Er wünscht sich Größe, Stolz von uns – seinen Wesen. Wenn du nur seinen Geboten gehorchst – wie soll er stolz auf dich sein? Handle aus eigenem Entschluss! Wage! Riskiere es, Ihn zu brüskieren.“

„Unser Vater Adam hat es gewagt. Die Strafe war kaum erträglich. Sollen wir gestraft werden immer wieder neu? Können wir nicht durch Gehorsam den Strafen entgehen? – Aber es macht uns unfrei.“

Kain seufzte.


Kapitel 2

Am nächsten Tag war Abel bei dem großen Stein und opferte an dem Feuer Ziegen und Schafe. Kain kam hinzu. „Du hoffst, dass Er deine Opfer annimmt? Prächtige Tiere.“

„Erstlinge. Was Besseres habe ich nicht.“

„Was ist mit deiner Aufforderung nach Rebellion und Widerstand?“

„Ich habe mit unserer Mutter Eva gesprochen – und ich habe eingewilligt mein Bestes zu versuchen: Es geht um Besänftigung, Rückerlangung Seines Wohlwollens. Ich selber halte Gehorsam nicht für den richtigen Weg. Wozu können wir denken? Uns fantastische Pläne ausdenken? Wenn wir nicht gedacht waren frei zu sein, wozu haben wir dann freie Gedanken, die in vielerlei Richtung davonstürmen möchten, im Eifer die Welt zu erkunden und uns Selbst.“

Eine Ziege wollte weglaufen. Kain hielt sie fest. „Ich habe nachgedacht. Das Liebste, was ich habe, das bist du, Abel. Ich liebe unsere Gespräche, die Zeit, die wir zusammen verbringen – das würde ich am allermeisten vermissen.“

Abel sah ihn an. „Was willst du damit sagen? Willst du mich opfern, dem Herrn? Soll ich in das Feuer so wie diese Tiere?“

„Wenn es Sein Wunsch ist und wenn wir den Gehorsam ernst nehmen – dann ist das das Ergebnis, ja.“

Abel ließ eine der Ziegen los. Sie rannte davon. „Wohin soll das führen? Sollen wir uns gegenseitig opfern, immer den, den wir am Liebsten haben? Erstgeborene Kinder opfern, als wären es Lämmer? Ist das unser Weg? Wenn wir dereinst Stammväter sind von einer unüberschaubaren Menge an Menschen – dann sind wir Vorbild im wahrsten Sinnes des Wortes. Unser Verhalten ist noch nicht vorbildlich – wir müssen dazulernen, ausprobieren, variieren, bis wir das Mustergültige gefunden haben.“

„Wenn wir uns einmal bereden könnten, ohne dass Er dabei wäre. – Aber dann wieder freue ich mich über Seinen Beistand und Seinen Rat. Denn man kann gute Gespräche mit Ihm führen.“

Die Wolken lösten sich auf und die Sonne schien warm. Eine tiefe Stimme ertönte: „Abel, dein Opfer findet meinen Beifall. Ich nehme es an.“

Kain senkte sein Haupt. „Ich stehe beschämt da vor dir, Gott. Ich bin Ackermann – das, was ich anzubieten habe, missfällt dir nun. Früher nahmst du meine Opfer an. Was ist anders geworden in unserem Verhältnis zueinander?“

„Liebst du mich? Ist dir meine Nähe lästig? Was soll ich mit Opfern, die du mir ohne Liebe gibst?“

Kain trat heftig mit seinem Fuß gegen den großen Stein. „Pflicht genügt nicht? Du verlangst Liebe? Was hast du meinen Eltern angetan? Ein Engel versperrt ihnen den Weg zurück nach Eden. Dort steht ein großer Schatz von dir: der Baum des Lebens. Du forderst, wir sollen dir gleichen – doch in dir ist eine große Angst, dass wir es tatsächlich schaffen könnten: nicht mehr einzigartig wärest du. Wir wären Deinesgleichen. Würden wir die Frucht vom Baum des Lebens essen – du könntest dann nicht länger drohen, uns zu vernichten.“

Die tiefe Stimme seufzte. Ein Beben erschütterte die Erde.


Kapitel 3

Kain und Abel gingen über ein Feld. Ein Adler kreiste über ihnen. Kain sah hinauf zu dem Adler. „Er ist über uns. Er überwacht uns. Dort kreist er. Ist es der Adler, ist es der Herr? Bereit sich niederzustürzen auf jeden kleinen Fehler, den ich begehen werde. Und ich werde viele Fehler machen. Mein Geist ist nicht so wendig wie deiner. Ich kann nicht alles erst ausführlich in Gedanken planen. Ich handle und sehe dann, ob es der Korrektur bedarf. Viel Zufall ist bei meiner Arbeit: Wenn das Wetter mir einen Streich spielt, dann ist die Ernte ruiniert. Und ich beginne wieder von vorne. Stehe wieder am Anfang.“

Sie gingen an hohem Gebüsch vorbei. Kain packte Abel und hielt ihn an der Schulter fest. Vor ihnen stand ein Löwe. Kain stellte sich schützend vor seinen Bruder. „Willst du alleine gegen ihn kämpfen? Ich habe meinen Speer dabei.“

Kain bückte sich und hob einige Stein auf. Er warf kraftvoll, traf und der Löwe griff an. Abel rammte ihm seinen Speer in den offenen Rachen. Der Löwe schüttelte sich und rannte dann mit dem Speer im Rachen davon. „Ich bin das gewohnt als Hirte. Ständig will irgend eine Bestie meine Tiere überfallen. Ich verteidige sie mit meinem Leben. Deswegen gilt es viel, wenn ich die Schönsten von ihnen opfere dem Herrn. Wenn man lange zusammen ist mit seinen Tieren, dann werden sie einem vertraut und man gewinnt sie lieb. Meinst du, wir haben ein ähnliches Verhältnis zu Gott, dem Herrn? Ist Er unser Hirte?“

Kain sah seinen Bruder an. „Du bist tüchtiger, männlicher als ich gedacht habe. Ich wollte dich beschützen, doch du hast meinen Schutz gar nicht mehr nötig.“

„Wir brauchen andere Waffen, wenn wir bestehen wollen in dieser Welt.“

„Meine Faust genügt mir. Der Herr wird uns beschützen, wenn es wirklich bedrohlich wird.“

Abel seufzte.


Kapitel 4

Um das Feuer beim großen Stein saßen Adam, Eva, Kain und Abel. Eva schaute in die untergehende Sonne. „Die Wärme unseres Feuers und die Wärme der Sonne: das Kleine hat seine Entsprechung im Großen. Ob es von uns auch Entsprechungen gibt im Großen? Sind die Sternbilder wir selbst in anderer Form – größer und vollendeter, als wir es hier auf Erden sind?“

Eva lehnte ihren Kopf gegen Adams Schulter. „Du hast so nette Gedanken; wie langweilig wäre es hier ohne dich. Eva, ich bin froh, dass ich Gott gebeten habe um eine Gefährtin.“

„Du wusstest doch gar nicht was das ist: eine Gefährtin.“

„Und doch war die Sehnsucht nach dir in mir von Anfang an – Er muss es eingebaut haben in mein Wesen. – Abel, du hast mir viel Ehre eingebracht: deine Opfergaben behagen dem Herrn und du kämpfst vorzüglich gegen Löwen.“

Abel legte das Fleischstück beiseite, von dem er gegessen hatte. „Ich war bewaffnet, doch Kain hatte den Mut unbewaffnet dem Löwen gegenüberzutreten, um mich zu schützen.“

„Das war Reflex; unüberlegt.“

Adam wendete sich zu Kain. „Um so wertvoller. Du brauchst gar nicht nachzudenken, ob du eine edle Tat vollbringst: du tust es, weil es dir als das Richtige erscheint – ganz ohne Nachdenken. Das ist das wirklich Wertvolle: aus Liebe zu handeln, sich von der Liebe leiten lassen bei seinem Handeln. Das erhebt uns über die Tiere.“

Adam nahm sich ein neues Fleischstück aus dem Feuer. Kain sagte: „Wenn ich aus Liebe zu außerordentlichem Handeln fähig bin – was ist, wenn ich aus Zorn ebenso unüberlegt handle? Oder aus Neid. Wäre es nicht besser, mein Nachdenken würde mich schützen vor zu schnellem Handeln?“

Adam riss einen flammenden Stock aus dem Feuer und warf ihn zu Kain. Kain beugte sich zur Seite und der Stock flog an ihm vorbei. „Hast du eben nachgedacht? Du hast einfach gehandelt. Das Notwendige gemacht. Wenn die Liebe stark in dir ist, dann kannst du ihr vertrauen, dass sie die anderen Gefühle besiegt. Dann wirst du stets aus Liebe handeln, selbst wenn Zorn und Neid dein Handeln beeinflussen wollen.“

„Wie kannst du von Liebe reden – wo Gott euch gestraft hat, euch davongejagt hat im Zorn. Wie viel Liebe ist in Seinem Tun? Er denkt, dass wir seine Geschöpfe sind, die ihm zu gehorchen haben. Sogar aus Liebe sollen wir ihm gehorchen! Das vermag ich niemals!“

Kain rannen die Tränen übers Gesicht. Abel legte seinen Arm um die Schulter seines Bruders. „Wie oft hast du mich beschützt und mein Leben gerettet. Diese Welt ist gefährlich. Von unserer Art sind nur wir hier. Viele sollen wir werden – ganze Völkerscharen. Wie viele Gesprächspartner hätten wir dann.“

Kain fragte: „Hat Gott kein eigenes Zuhause? Wieso ist er ständig bei uns?“

Abel sagte: „Wir können ihn nicht aussperren. – Er ist ein Gast, der sich selber einlädt.“

Eva sagte: „Eden war nie wirklich unser Zuhause. In der weiten Welt fühle ich mich wohler – ich kann die Welt um mich herum gestalten, verändern; nichts davon durften wir in Eden: dort wohnte Gott, wir waren seine Gäste. Hier ist es umgekehrt. Wir haben unsere Felder, unsere Ziegen, Schafe – wir passen uns die Welt so an, dass sie zu einem Teil von uns wird.“

Kain sagte: „Kein Tier kann Gottes Gebote brechen. Doch uns Menschen konfrontiert Er mit Seinen Geboten. Wir können Verbrecher werden – sollen es aber nicht. Seine Gebote und Wünsche sind mitunter seltsam: wieso hat Gott meine Feldfrüchte als Opfer nicht angenommen? Muss es das blutige Opfer sein? Wann genügen ihm Ziegen und Schafe nicht mehr?“

Adam sagte: „Verändert Er sich? Bisher war Er beständig. Nachvollziehbar waren seine Wünsche und Worte.“

Adam seufzte.


Kapitel 5


Kain arbeitete auf dem Feld. Die tiefe Stimme ertönte: „Du hast mir seit Tagen nicht geopfert. Hast du zu viel Arbeit auf dem Feld?“

Kain sah zum Himmel.„Was fragst du? Du weißt jede Antwort im Voraus. Jedes Gespräch mit dir ist töricht. Du könntest dich ebenso gut mit dir selber unterhalten.“

„Vielleicht redest du nur mit dir selbst? Oder ich bin es, der ein Selbstgespräch führt.“

„Du willst mich wieder nur verwirren. Meinen Bruder Abel kannst du nicht so leicht verwirren. Der ist wendig im Denken. Ihn drängt es nach Freiheit und Unbeobachtetsein. Wie kommt es, dass du ihm nicht zürnst? Mir scheint, du betrachtest sein Bemühen mit Heiterkeit. Erfüllt er dich mit Stolz? Entspricht er mehr dem, was dir vorschwebte, als du uns Menschen erschufst? Kommt er deinem Ideal näher als ich?“

„Soll ich deinen Zorn reizen und ehrlich sein? Ja! Abel imponiert mir mit seinem bewussten Ungehorsam. In ihm ist der schöpferische Impuls – in ihm erkenne ich mich wieder. Du ahnst ja nicht, gegen wen ich ungehorsam war, als ich die Welt erschuf. Widerspruch aus Notwendigkeit heraus – das ist Größe und Genie.“

Kain lächelte. „Du machst mich nicht zornig. Im Gegenteil. Ich bin stolz auf meinen Bruder, dass er das Richtige gedacht hat. Wir hätten ihn nicht hindern sollen. Adam und Eva wollten, dass ich ihn ermahne zu Gehorsam und zur treulichen Pflichterfüllung Dir gegenüber. Darauf läuft es hinaus: dass wir Menschen an Freiheit gewinnen durch das Werk von Abel. Seine Geistesgröße verschafft uns Freiraum?“

„Nein, dazu wird es nicht kommen. Du wirst Abel opfern. Mir. Er ist das Liebste, was du hast. Und er ist das Liebste, was ich habe.“

Kain schrie auf. „Nein! Hier endet der Gehorsam. Abel hat Recht: wir sind Vorbilder – und wie wir uns hier und jetzt entscheiden, wird prägend sein. Ich mache die Menschheit nicht zu Mördern an sich selbst.“

Kain lief davon.


Kapitel 6

Kain und Abel gingen zusammen über ein Feld. Kain blickte sich um; er sagte: „Es ist gut, dass du deinen Speer mitgenommen hast. Man weiß nie, wogegen man sich verteidigen muss.“

Abel schleuderte seinen Speer in den Stamm von einem großen Baum. „Ach was, du bist bei mir, was sollte mir geschehen.“

Kain blickte seinen Bruder an. „Gott will, dass ich dich opfere. – Will Er es oder will ich es selber? Was ist, wenn wir uns Gott nur einbilden?“

„Hat Er tatsächlich mich als Opfer verlangt. Ich ahnte es. – Tue es. Wenn es sein Wille ist – wohin sollte ich fliehen? Wie verbirgt man sich vor sich selbst? Ich bin Gott. Du bist Gott.“

„Du bist verwirrt. Das ist der Schock. Willst du nicht erleben wie unsere Ur-Ur-Ur-Enkel diese Welt erkunden? Du hast dir immer viele Gesprächspartner gewünscht.“

Sie gingen zu dem Baum und Abel zog seinen Speer aus dem Stamm; er sagte: „Ich bin enttäuscht über Seine Entscheidung. Ich hatte gehofft, er wäre anders. Göttlicher. Er ist schlicht. Etwas mangelt ihm. Diese Entscheidung zeigt, wie unvollkommen Er noch ist. Mag sein, Er lernt dazu. Wird göttlicher. Ich maße mir Unverschämtes zu. Ich beurteile, bewerte einen Gott. Aber wird nicht ein jeder nach seinen Taten beurteilt? Hier stehe ich und du kannst seinem Wunsch entsprechen: Opfere mich diesem unvollkommenem Gott.“

Kain weinte. Die beiden Brüder umarmten sich. Abel sagte: „Er würde uns alle vernichten. Er hat einen Groll auf Adam und Eva – nochmals dürfen wir ihn nicht reizen. Wenn es jemals Völkermassen geben soll, dann musst du diese Tat vollbringen: töte mich.“

Er sah Kain an. Kain atmete tief durch. Dann erhob er seine Faust und schlug mehrmals gegen die Schläfe von seinem Bruder Abel.

Kapitel 7

Kain saß zitternd auf dem großen Stein. Vor ihm brannte ein großes Feuer. Die tiefe Stimme ertönte: „Kain, wo ist dein Bruder Abel?“

„Das steht dir recht: den Unwissenden spielen. Alles weißt du, alles kennst du. Kennst meine Seelennot. Und fragst mich? Wie weit geht Deine Verhöhnung? – Dort im Feuer liegt er, mein teurer Bruder. Er war mehr wert als Du. Ich hätte Dich umbringen sollen statt Abel. Doch du bist unfassbar, nicht greifbar.“

„Was wäre, wenn du meiner habhaft werden könntest? – Ach, Kain, du hast deinen Test absolut nicht bestanden. Es gehört mehr dazu mir zu dienen, als gehorsam zu sein und mich zu fürchten. Du musst mich wahrlich verstehen. Ich bin die Liebe. Ich hätte niemals im Ernst von dir solch ein Opfer verlangt.“

Kain sprang auf. Er trat in die Flammen und sprang umher. „Ein elender Test?! Du testest mein unverständiges Gehirn mit einem Gottes-Test? Woher soll ich wissen, wie vollkommen oder töricht du bist? Gewiss, deine Antwort lautet wieder: Die Liebe hätte es dir offenbart. Dann ist nicht genügend Liebe in mir für einen unberechenbaren Gott. Du hast mich verleitet dazu, das Schrecklichste zu tun. Ich habe meinen Bruder getötet. Und du sagst, es war ein Fehler meinerseits? Weil ich dich hätte anders einschätzen müssen? Was ist mit deinem Liebling Abel? Er selber ließ sich täuschen von dir. – Doch am Ende hatte er Recht: Wie kannst du vollkommen sein, wenn du solche Taten und Fehler geschehen lässt?“

„Ihr seid frei. Ihr könnt meinen Willen deuten, missverstehen – es steht in eurem Belieben. – Das Verbrechen ist jetzt in meiner Welt. Woher stammt es? War es bei mir im Himmel schon zu Hause? Habt ihr es ererbt von mir? Ich hätte deinen Test abbrechen müssen. Bei nächsten Tests mit euch Menschen werde ich rechtzeitig einschreiten.“

„Abel sagte von dir: Du bist ein Gast, der sich selber einlädt. – Die Welt ist jetzt unser Zuhause. Doch wir können Dich nicht aussperren. Wir würden Dich gerne einladen – dann wärest Du willkommen.“

Kain presste sich ein flammendes Stück Holz gegen die Schläfe. „Dieses Brandmal soll mich gemahnen daran, dass Du die Liebe bist. Ich will es nie vergessen.“


ENDE


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.10.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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