Babette und Jeremias hatten sich nun schon stundenlang durch dichten Wald und noch dichteres Unterholz gekämpft, und immer noch zeigte sich kein Pfad, der sie aus dem Wald hätte herausführen können. Das hatten sie nun von ihrem Ungehorsam. Ihr Vater hatte sie oft genug davor gewarnt, in dem Urwald zu spielen. Doch welches Kind hält sich schon an solche Verbote. Lange hatten die Kinder der Verlockung widerstanden, nicht aus Gehorsam, sondern aus Furcht vor dem unheimlichen Wald und aus Furcht vor Strafe, doch dann hatte ein Streit mit der Stiefmutter den Ausschlag gegeben:
„Bei dieser Hexe bleibe ich keinen Tag länger“, hatte Babette zu Jeremias gesagt. „Ich laufe weg. Kommst du mit oder nicht? Sonst gehe ich allein.“
Was blieb dem jüngeren Jeremias übrig, als sich der Flucht seiner Schwester anzuschließen? Ohne den Beistand Babettes allein mit der bösen Stiefmutter? Nicht auszudenken. Und irgendwie lockten auch Abenteuer und Freiheit.
Vor ihnen öffnete sich auf einmal eine Lichtung. Überglücklich, sich endlich wieder frei bewegen zu können, ohne sich Arme, Beine und Gesicht zu zerkratzen, stürmten die Kinder voran, blieben aber mit ihren Holzpantinen in einer zähen, klebrigen, goldgelben Masse stecken, die überall, größtenteils verdeckt durch Gräser und Blumen, den Boden bedeckte.
„Verdammt“, rief Babette, „was ist das? Eine schöne Schweinerei, in die wir da geraten sind. Und wie penetrant das riecht. So süßlich.“
Jeremias hatte sich gebückt und mit dem Zeigefinger eine Probe der gelben Masse genommen, erst daran gerochen und dann ganz vorsichtig daran geleckt.
„Honig“, rief Jeremias, „das ist bester Bienenhonig. Probier mal. Lecker.“
„Ich habe Honig noch nie gemocht“, rief Babette, „und ohne Brot und Butter schon gar nicht. Vielleicht ist der ja auch vergiftet. Lass uns lieber zusehen, dass wir hier rauskommen, bevor wir von dem grässlichen Zeug ganz verklebt sind.“
Sie nahm Jeremias bei der Hand und zog ihn hinter sich her an den Rand der Lichtung auf der gegenüberliegenden Seite. Dort plätscherte, deutlich hörbar, ein kleiner Bach.
„Hier können wir uns die Füße waschen und auch unsere Schuhe von dem verdammten Honig reinigen“, sagte Babette.
„Aber das Wasser ist ja ganz weiß“, sagte Jeremias, der die Gräser am Rand des Baches beiseite gedrückt hatte.
Babette schaute ihm über die Schulter und rief: „Das ist Milch. Frische Milch. Sogar mit Fettaugen drauf.“ Schon legte sie beide Hände aneinander und schöpfte mit dieser künstlichen Kelle Milch, um sie begierig zu trinken.“
„Köstlich“, sagte Babette. „Und nicht so stark mit Wasser verdünnt wie zu Hause.“
Jeremias tat es seiner Schwester nach, rutschte aber aus und landete bäuchlings im Milchbach.
„Solchen Luxus können sich sonst nur Königinnen leisten“, sagte Babette. „Ich komme gleich nach, aber ich bin klüger und zieh mich vorher aus. Du kannst ja auch nie abwarten.“
Nachdem sie eine Weile im Milchbach geplanscht hatten, sagte Jeremias. „Ich habe einen Mordshunger. Wir haben nicht einmal gefrühstückt, weil wir die Eltern nicht wecken wollten.“
Gerade wollte Babette ihren Bruder vertrösten und ihm sagen, dass es in einem Wald mit Honigböden und Milchbächen vielleicht ja auch Schokoladenbäume und Kuchenpilze gäbe, da rauschte es über ihren Köpfen, und ein braunes fußballgroßes Gebilde prallte zwischen ihnen auf den Rasen.
„Ein Brathuhn“, schrie Jeremias begeistert, „ein Brathuhn, schön braun und knusperig.“
„Das ist kein Brathuhn, du Depp“, sagte Babette, „schau hin, das ist eine Gans, genug zu essen für uns für heute und morgen.“ Und schon machten sie sich hungrig über den schmackhaften Vogel her.
„Ich glaube, wir sind im Schlaraffenland“, sagte Babette. „Hier bleiben wir und lassen es uns wohl sein.“
„Wenn du meinst“, sagte Jeremias, der der ganzen Sache noch nicht traute.
Sie bauten sich am Waldrand eine Hütte aus Reisig und legten den Boden mit weichem Moos und Gras aus.
Sie ernährten sich von gebratenen Gänsen und tranken fettige Milch dazu.
Da konnten Übelkeit und Durchfall nicht ausbleiben, aber was sollten sie machen, irgendwie mussten sie sich schließlich ernähren, und was anderes außer Milch, Honig und goldbraun gebackenen Gänsen gab es weit und breit nicht.
Darüber hinaus blieben sie misstrauisch und vorsichtig, aber es tauchte keine Hexe auf, die sie in einen Käfig gesperrt, zum eigenen Verzehr gemästet oder sie in Wildschweine oder Eulen verzaubert hätte.
Sie fanden keine anderen Speisen, so sehr sie auch suchten, und einen Ausweg aus dem Wald fanden sie erst recht nicht.
Sie ernährten sich von knusperig braunen Bratgänsen, tranken Milch, in der sie in Ermangelung von Wasser oder Regen auch weiterhin badeten, und Jeremias, das Leckermaul, schleckte zusätzlich hin und wieder von dem Honig, aber nach einigen Monaten empfanden sie ihre Umgebung nicht mehr als Schlaraffenland, sondern als Hölle und sehnten sich zurück nach Hause, wo sie selbst die Gehässigkeiten ihrer bösen Stiefmutter in Kauf genommen hätten, nur um nicht länger Bratgänse essen und Milch trinken zu müssen. Sie träumten von Schwarzbrot und Wasser, von Zwiebeln und Radieschen, Kopfsalat und Mohrrüben, doch jedes Mal, wenn wieder eine schwere geröstete Gansauf das Hüttendach prallte, wurden sie durch den Knall jäh aus den schönsten Träumen gerissen. Sie hatten das Dach schon mehrmals mit Ästen und Zweigen verstärken müssen, um nicht im Schlaf erschlagen zu werden.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.11.2010.
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