Diethelm Reiner Kaminski

Unser Inselglück



Dass wir auf der Insel der Glückseligen wohnen, wurde mir erst richtig klar, nachdem ich kürzlich meinen Urlaub auf einer echten Insel verbracht hatte. Wo wir wohnen, sind wir nicht umgeben von bedrohenden Wasser-, sondern von schützenden Landmassen, die uns jederzeit die Flucht in alle Richtungen erlauben. Nicht dass wir unsere geliebte Heimat verlassen möchten, aber man kann ja nie wissen, was kommt. Deswegen haben wir zwar ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit, aber keine Inselmentalität entwickelt, schauen uns aber umso lieber auf echten Inseln um, um uns in unserer Meinung bestätigt zu finden: Es gibt keine schönere Insel als unsere und kein ruhigeres Meer als unsere endlosen Zuckerrüben- und Kartoffelfelder. Nahrungsvorräte bis zum Horizont.
Der Besuch der echten Insel bot alles, was einen echten Urlaub ausmacht: Sonne, gutes Essen, schöne Landschaften und passable Preise für die ungezählten Gläser Wein und Bier, die helfen mussten, mein Heimweh zu ersticken. Dennoch vergällte mir ein Gefühl der Angst permanent die Freude an all dem Schönen. Wohin bei Erdbeben, Wirbelstürmen, Kriegen oder Hungersnot? Vollkommen isoliert, wäre ich all dem ausgeliefert und sähe meine Heimat womöglich niemals wieder.
Das bereitete mir Unbehagen. Der einzige Flughafen vielleicht zerstört, kein Schiff mehr im Hafen, die Küsten von Kanonenbooten belagert, und alle Straßen enden am steilen Inselrand. Ein einziger Albtraum. Von meinem Wohnort aus liefe ich im Falle eines Falles einfach nur immer geradeaus, aber von der Insel gäbe es ein Entkommen, allenfalls per Hubschrauber für die Familie des Präsidenten und einige hochrangige Politiker. Der ganze Rest könnte verhungern und verderben. Verstecke gibt es auf der Insel genügend: hohe Berge, tiefe Schluchten, dunkle Höhlen, aber sie würden mich weder wärmen noch ernähren. Und vor Angriffen aus der Luft wäre ich trotzdem nicht sicher.
In unserer extrem flachen und bequem begehbaren Tiefebene könnte ich mich im Augenblick der Gefahr nur zwischen Zuckerrüben- oder Kartoffelkraut verstecken, dafür aber jeden Feind auf Meilen erkennen und mich beizeiten aus dem Kraut machen.
Beneidet habe ich die Insulaner um ihre köstlichen exotischen Früchte, die bei ihnen im Überfluss wachsen wie bei uns Zwetschgen und Kruschgen. Nicht lange verborgen blieb mir aber auch, in welchem Maße es den Bewohnern an erstklassigen Erdäpfeln mangelte, von nahrhaftem Rübenzucker ganz zu schweigen. Und schon war der Tauschhandel perfekt. Ein wackerer Bürger denkt immer erst an das Wohl seines Gemeinwesens und dann erst an sich selbst. Mit allen Vollmachten unseres weltoffenen Bürgermeisters versehen, schloss ich einen langjährigen Vertrag über die Lieferung von zehn Tonnen Papayas, Maracuyas, Mangos und Grenadillos, wofür wir uns im Gegenzug zur Lieferung von hundert Tonnen Erdäpfeln und Zuckerrüben verpflichten. Bei der Gelegenheit wurde auch ein Nichtangriffspakt unterzeichnet. Sicher ist sicher. Nicht dass die Insulaner noch auf den Gedanken kommen, gewaltsam in unsere fruchtbare Ebene umzusiedeln.
Seit meinem Urlaub weht ein Duft von Exotik durch unsere Gemüseläden und Küchen, und die echten Insulaner träumen vom sicheren Leben in unserer kühlen Tiefebene. Wir hingegen brauchen keine Träume. Unser Traum ist längst dort verwirklicht, wo wir wohnen.
 


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