Helmut Wurm

Sokrates und das egoistische Nachhilfe-Institut

 

Wenn Sokrates durch deutsche Städte geht und die Schullandschaft und das Schulwesen beobachtet, fallen ihm die relativ hohe Anzahl von privaten Nachhilfe-Anfragen in Zeitungen und die Angebote von Nachhilfe-Instituten auf, die per Anzeigen, Aufschriften an Häusern oder sogar mit Handzetteln auf sich aufmerksam machen. Das verwundert ihn zunehmend. Sind die deutschen Schulen prinzipiell so schlecht oder sind viele Lehrer so unfähig, dass die Schüler zunehmend noch Nachhilfe benötigen? Nachhilfe scheint zu einem Nischen-Wirtschaftszweig geworden zu sein, in dem man Geld verdienen kann. Es ist nicht so, dass Sokrates gegen Nachhilfe wäre. Nachhilfe ist für ihn in bestimmten Situationen und Formen sehr nützlich, aber es macht ihn nachdenklich, dass so umfangreich und öffentlich Nachhilfe angeboten wird.

 

Sokrates beschließt, sich darüber näher zu informieren. Und um etwas genauere Einblicke zu bekommen, möchte er inkognito Erfahrungen sammeln. Er beschließt deshalb, sich bei einem solchen Nachhilfe-Institut als Nachhilfe-Lehrer anzubieten. Er wählt eines aus, das besonders groß erscheint, zwei ganze Etage in einem großen Haus sind von diesem Institut angemietet worden, und das durch auffällige Schriftbänder über die Fensterfronten auf sich aufmerksam macht. Er geht hinein und folgt dem Hinweisschild „Zum Sekretariat“. Dort wird er an den Leiter dieses Nachhilfe-Instituts verwiesen und folgt dem Schild „Zum Schulleiter-Zimmer“.

Das ist ja eine Organisation in klein wie bei einer richtigen Schule, denkt Sokrates und  tritt ein.

Der Leiter begrüßt Sokrates und fragt:

 

Der Leiter (sehr freundlich): Guten Tag, Sie möchten sicher ein Enkelkind anmelden, das eine Förderung benötigt und dem Sie diese zusätzliche Förderung bezahlen möchten. Das haben wir öfter, dass die Großeltern die Ausbildung ihrer Enkel unterstützen, denn die Eltern können es oft nicht mehr bezahlen… Wir sind zugegeben nicht ganz billig, aber dafür sehr erfolgreich…

 

Worum handelt es sich genauer? Um ein Grundschulkind, um einen Realschüler, um einen Gymnasialschüler? Um welche Fächer soll es sich handeln? Wir können überall helfen, wir sind ein Universal-Schulinstitut und haben die besten Fachkräfte als Lehrer zur Verfügung. Wir bauen neuerdings sogar Förderhilfen in den wichtigsten Fremdsprachen-Kenntnissen für moderne Viel-Reisende auf. Wenn Sie mit Ihrer Frau z.B. mal nach Griechenland fahren möchten, wir unterrichten Sie gerne in den wichtigsten notwendigen Redewendungen beim Einkaufen, beim Essen in einem Restaurant…

 

Sokrates (lächelt in sich hinein): Danke, ich glaube, ich brauche keine Nachhilfe in Griechisch-Kenntnissen für einen Urlaub in Griechenland… Aber wenn ich Ihre Angebote so höre, dann leiten Sie hier mehr ein Universal-Fortbildungsinstitut als ein Nachhilfe-Institut. Wo bekommen Sie die Fachkräfte, die Lehrer dafür her?

 

Der Leiter (stolz): Als herkömmliches Nachhilfe-Institut verstehen wir uns hier schon lange nicht mehr. Wir sind eine wichtige Schule neben den Schulen, eine notwendige Schule… Die Lehrkräfte sind aktive Lehrer, die noch etwas dazu verdienen möchten, und Studenten, die ihr Studium damit finanzieren. Daneben haben wir noch einige Lehrer-Pensionäre unter Vertrag genommen und einige Dolmetscher aus der freien Wirtschaft, denen es etwas an Aufträgen mangelt.

 

Sokrates: Haben Sie auch ausgebildete Pädagogen hier im Einsatz, z.B. in der Instituts-Leitung oder in der Betreuung der Lehrer?

 

Der Leiter (abwehrend): Solche Fachkräfte wären für uns zu teuer, denn wir müssen uns selbst finanzieren… (und dann vertraulicher) Und wir benötigen sie eigentlich auch nicht, denn wir arbeiten mehr nach ökonomischen Aspekten… Meinetwegen, wenn sich ein anerkannter Pädagoge ehrenamtlich zur Verfügung stellen würde, zur Betreuung der aktiven Lehrer, dann würde ich mir das Angebot überlegen… Aber zurück zu Ihrem Anliegen. Wo brennt es bei ihrem Enkelkind?

 

Sokrates: Ich bin nicht wegen eines Enkelkindes gekommen, ich war langjährig Pädagoge, bin finanziell abgesichert und würde Ihnen meine Hilfe zur Beratung Ihrer Lehrkräfte ehrenamtlich anbieten.

 

Der Leiter (deutlich sachlicher): Hm, das ist ein neuer Fall für mich. Da müssten wir uns zuerst einmal genauer über Ihre Vorstellungen von Beratung unterhalten… Am besten zeige ich Ihnen zuerst einmal eines unserer Förderzimmer, den Ausdruck Nachhilferaum mögen wir hier nicht…

 

Der Leiter führt Sokrates in einen der Nachhilfe-Räume. Es stehen hier 2 Tische mit insgesamt 8 Stühlen, 1 Tafel und rundherum Regale mit allen Angeboten der Schulbuch-Verlage an Lehrbüchern, Arbeitsheften, Lehrerbegleitheften usw.

 

Der Leiter (stolz): Wir arbeiten möglichst in Gruppen mit bis zu 8 Schülern mit demselben Nachhilfebedarf, äh, Förderbedarf. Einzelunterricht vermeiden wir möglichst, weil er finanziell zu wenig lukrativ ist. Wenn Einzelförderung ausdrücklich gewünscht wird, müssen wir deshalb deutlich mehr an Gebühren verlangen.

 

Und hier an den Wänden stehen alle Arbeitsmaterialien, die derzeit auf dem Schulmarkt sind. Wir arbeiten sehr eng an den jeweiligen Unterrichtsabläufen in den einzelnen Schulen und Klassen. Wir wollen genau wissen, welche Themen, welche Texte, welche Übungen und welche Arbeiten in den einzelnen Schulen der Umgebung von den einzelnen Lehrern dort benutzt und gefordert werden… Wir arbeiten, wie gesagt, sehr unterrichtsnah. Das müssen wir tun, denn wir leben davon, dass die Schüler in ihrem jeweiligen Unterricht bei dem jeweiligen Lehrer so mitkommen, dass Zufriedenheit herrscht…, aber (der Leiter lacht vertraulich) dass sie zugleich weiter Nachhilfe, äh, Förderung benötigen, denn davon leben wir ja, ha, ha, ha.

 

Wir planen sogar, denjenigen aktiv im Schuldienst stehenden Lehrern kleine Anerkennungen 

zukommen zu lassen - Sie können sich denken, was ich meine – wenn sie uns die Arbeiten und Unterrichts-Konzepte ihrer Kollegen zukommen lassen. Dann können wir hier noch näher am jeweiligen Unterricht vor Ort Nachhilfe, äh, Förderung gestalten… Wir leben davon, wie schon angedeutet…

 

Und Sie können sich auch wohl nur schwer vorstellen, welch ein unnötiges Spezialwissen in einigen Fächern und von einigen Lehrern verlangt wird. In Englisch sollen Schüler manchmal sprachliche Spezialkenntnisse im Golfspielen erwerben, in Französisch Spezialkenntnisse über moderne Jugend-Musik-Kultur und in Biologie und Sozialkunde werden die Schüler mit Fach-Fremdworten bombardiert, die sie später nicht mehr benötigen… Alles das müssen wir wissen und darin Nachhilfe, äh, Förderung anbieten können…  

 

Sokrates: Wäre es nicht richtiger, den Schülern eine allgemeine gute Grundlage in Fächern

zu vermitteln, in denen sie Förderung benötigen, damit sie auf das ganze Schuljahr bezogen ausreichende Erfolge im Lernen erreichen können?

 

Der Leiter (entsetzt abwehrend): Was schlagen Sie da vor! Das wäre unser Ruin. Dann wären unsere Nachhilfeschüler, äh Förderschüler, ja nach einigen Monaten wieder weg, weil sie allein zurecht kämen… Hier in der Nähe war ein solch idealistisches Förder-Institut im Aufbau. Die Eltern und Schüler waren sehr zufrieden, denn dort wurden mehr die fehlenden allgemeinen Grundlagen gefüllt. Aber danach waren die Schüler wieder weg… Die junge Leiterin bekam an Weihnachten zwar dankbare Geschenkkörbe, aber davon konnte sie nicht leben und die Unkosten bezahlen und musste ihr Institut wieder schließen… Zu unserem Vorteil natürlich.

 

Aber jetzt einmal zu ihnen. Was würden Sie denn unseren aktiven Mitarbeitern hier empfehlen, wenn sie neue Nachhilfeschüler, äh, Förderschüler bekämen?

 

Sokrates: Das Erste wäre wohl, dass Ihre Lehrer versuchen zu klären, weshalb diese Schüler Nachhilfe benötigen und…

 

Der Leiter (unterbricht): Das ist nicht sehr wichtig… Wichtig ist allein, dass sie Nachhilfe, äh, Förderung benötigen… Weshalb die Schüler kommen, ist meistens immer Dasselbe. Entweder sind sie von ehrgeizigen Eltern auf der falschen Schule angemeldet worden, gehören also nicht auf das Gymnasium, sondern auf die Realschule, oder gehören auf die Hauptschule statt auf die Realschule… Uns ist das nur recht, so haben wir mehr Zulauf.

 

Oder die Schüler sind nebenher mit zu viel Programm und Ablenkung belastet, so dass sie keine richtige Zeit und Muße für Konzentration im Unterricht und für Hausaufgaben haben. Das nimmt immer mehr zu - glücklicherweise für uns, ha, ha, ha. Was heute so ein Schüler alles nebenher noch tut oder tun soll: Sportverein, Musikunterricht, Wochenendreisen mit den Eltern, nicht zu vergessen den Computer… Uns ist das nur recht, so haben wir mehr Zulauf.

 

Und dann werden Kinder zunehmend zu früh eingeschult, nicht unbedingt von ihrem Alter her, sondern von ihrer inneren Entwicklung her. Viele Kinder sind Spätentwickler und haben noch nicht die innere Reifestufe für den Stoff bestimmter Klassenstufen und benötigen eigentlich die Möglichkeit einer freiwilligen Wiederholung einer Klassenstufe. Aber das dürfen sie nach den neuen Schulgesetzen nicht mehr. Man möchte Geld sparen durch Reduzierung der Klassen-Wiederholungen… Uns ist das nur recht, so haben wir mehr Zulauf, ha, ha, ha.

 

Sokrates: Dann wäre es für mich das Nächste, mit den Eltern ein Gespräch zu führen, wo Zeit neben der Schule eingespart werden kann: welche Vereine gekündigt werden müssen, für eine gewisse Zeit zumindest; welche Wochenendfahrten unterbleiben können; wie man die Computer-Zeit verringert, usw., damit mehr Zeit und Ruhe für die Schule und für das Lernen zu Hause bleibt.  

 

Der Leiter (wütend): Dann würden wir uns ja selber das Wasser abgraben!... Wir leben doch von diesen Fehlplanungen im privaten Umfeld der Schüler und davon, dass im öffentlichen Schulwesen zunehmend das Geld statt das Schülerwohl im Vordergrund steht. Und das soll auch so bleiben oder möglichst noch schlimmer werden. Wenn die andere Seite zunehmend solche Fehler macht, geht es uns dafür besser. Solche Bemerkungen sparen Sie sich künftig, wenn Sie hier beraten wollen! Ich sehe schon, wir werden uns schwer tun, zusammen zu arbeiten.

 

Aber was würden Sie denn den Mitarbeitern hier bezüglich ihrer praktischen Nachhilfetätigkeit, äh, Fördertätigkeit empfehlen? Hoffentlich etwas, was uns hier nützt.  

 

Sokrates (ganz ruhig): Ich bin der Ansicht und das würde ich empfehlen, dass Nachhilfe keine permanente Hausaufgabenbetreuung sein darf, sondern eine Hilfe zur Selbsthilfe. Damit meine ich, dass man nicht nur die aktuellen Lücken in den Hausaufgaben betreut und speziell gezielt für Klassenarbeiten vorbereitet, sondern dass man die Wissens-Grundlagen verbessert und die allgemeinen Kenntnis- und Verständnislücken schließen hilft, die meistens hinter den aktuellen Notsituationen stehen. Der Schüler muss befähigt werden, nach einer Zeit der Unterstützung wieder alleine sein Lernen zu bewältigen. Das wird auch sein Selbstbewusstsein wieder heben, mehr als wenn er jahrelang von Nachhilfe abhängig ist.

 

Der Leiter (brüllt Sokrates an): Ihre Beratungen wären der größte Schaden für uns hier. Was interessiert mich das Selbstbewusstsein der Schüler… Mich interessiert, dass ich viele Schüler habe, die Nachhilfe benötigen, dass der Rubel rollt!... Hilfe zur Selbsthilfe für Schüler, lachhaft! Ich betreibe Hilfe zum Nutzen meines Instituts… Und das bedeutet, dass ich die Schüler in Not möglichst lange an mein Institut binde… Und das erreiche ich nicht, wenn ich die Belastungen und Fehler im Umfeld der Schüler beseitige und Hilfe zur Selbsthilfe anbiete… Wir passen mit unseren Auffassungen nicht zusammen, basta!

 

Sokrates: Es lohnt sich trotzdem, darüber nachzudenken, was zufriedener macht: Schülern  geholfen zu haben, wieder selbstständig ihr Schulleben bewältigen zu können, oder an der Lernnot von Schülern Geld zu verdienen. Ich benötige da eigentlich kein Nachdenken…

 

Der Leiter (zynisch und grimmig): Und ich benötige über dieses Thema auch kein weiteres Nachdenken. Ich bin ein Wirtschafts-Unternehmen und kein Wohltätigkeits-Institut. Je mehr Schüler ich länger zur Nachhilfe, äh, Förderung hier sitzen habe, desto besser geht es mir.

Bei mir finden Sie keine pädagogische Beratungsstelle und selbst wenn Sie mir noch Geld dafür bezahlen würden.

 

Aber vielleicht ist ja ein anderes Nachhilfe-Institut so idealistisch-selbstlos, dass es Sie und Ihre Ratschläge annimmt… Dann werden Sie und die Leitung zwar dankbare Präsentkörbe zu Weihnachten bekommen, aber dieses Institut wird bald eingehen… Zu unserem Vorteil hier, ha, ha, ha.

 

Sokrates (murmelt im Gehen vor sich hin): Ich kann mir nicht denken, dass so wie dieses Nachhilfe-Institut die anderen auch denken. Da habe ich sicher ein schwarzes Schaf getroffen.

Ich gehe mal zu einem anderen Nachhilfe-Institut… Da hinten sehe ich noch eines… Aber zumindest kenne ich jetzt zwei Hauptursachen für den zunehmenden Nachhilfe-Bedarf… Ob die Erziehungsberechtigten und Schulbehörden wissen, was sie mit manchen Entscheidungen anrichten?

 

 

 

(Aufgeschrieben von discipulus socratei, der mit Sokrates das andere Nachhilfe-Institut besucht und dort andere, positivere Eindrücke mitgenommen hat)

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.11.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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