Leid erweckt die Seele zum Leben
Die alte Frau, die ich oft im Heim besuche, hat bisher immer nur geweint, gejammert und geschimpft. Nur mein Hund konnte ihr manches Mal ein Lächeln und eine gewisse Sanftheit entlocken. An Gott glaubt sie nicht, das hatte sie schon einmal betont. Und wenn es ihn gäbe, würde er sich gewiss nicht um sie kümmern, weil sie ja keine "Kirchgängerin" sei. Sie fühle sich eingesperrt und wolle sich am liebsten "aufhängen", sagte sie fast jedes Mal, wenn wir uns trafen. Nun kamen körperliche Schmerzen hinzu. Sie war am Ende, sogar in Panik. ... "Ich" kramte in seinem Repertoire, fand aber nichts. Da sagte ES: "Ich werde für Sie beten." "Ich" fand das schlecht: Sie glaubte ja nicht an Gott und würde darüber womöglich lachen oder gar schimpfen. Doch ES wusste ES besser. Ein Ruck ging durch die Frau, wie elektrisiert wandte sie sich mir zu, voller Aufmerksamkeit. Sie schaute mich offen und direkt an und es war als sähen wir uns zum ersten Mal wirklich an. Ein Strahlen, das von weit aus dem Innern zu kommen schien, überwand ihre Tränen und den Nebel in ihren Augen. "Wirklich?", fragte sie. "Ja“, nickte ich. Sie lehnte sich entspannt zurück. Ruhe breitete sich aus. So saßen wir schweigend, und alles war gut. Es war wie eine Begegnung mit mir selbst.
Schiffe, Häuser und Bäume
Guerrino, der alte Mann aus Fiume spricht fünf Sprachen, am liebsten italienisch, seine Muttersprache. Er sitzt im Rollstuhl, kann nicht gehen. Seine Augen sehen schlecht. Auf einem Foto von 10x20 Zentimetern, das ich ihm unter die Nase halte, kann er nichts erkennen. Es ist eine Aufnahme von ihm, vom Faschingsabend. Das war vor zwei Wochen. Es ist Äonen her und hat keine Bedeutung mehr. Auf seinen Reisen erkennt er sich und sieht alles in vollkommener Klarheit. Er erzählt, dass er manchmal seinen Körper verlässt. Es geschieht plötzlich, unerwartet, manchmal verwirrt es ihn. Er sieht helles Licht, spürt Wärme, sieht "Ihn". Dann verschwindet alles wieder, "Er" verschwindet, und er findet sich in seinem Rollstuhl wieder, verwirrt und schwindelig. - Denke an Gott. - Er lächelt. Die Verwirrung ist verschwunden. Der Schwindel auch. Guerrino blickt mit seinen tränenden, entzündeten Augen, die nichts sehen, aus dem Fenster. Er sagt: "Vedi quella nave?" Ich frage: "Du siehst dort draußen ein Schiff?" Er sagt: "Ja, Du nicht?" Ich sage: "No." Er fragt: "Was siehst Du denn?" Ich sage: "Vedo case e alberi." Er antwortet belustigt: "Ah, Du siehst Häuser und Bäume." Wir schauen uns an und lachen laut. Ich muss gehen, wir verabschieden uns. "Ciao, bis nächste Woche. Vediamo un po cosa vediamo poi." (“Schaun wir mal, was wir dann sehen.”) Herzenswärme fließt, ungestört von Schiffen, Häusern und Bäumen, deren Existenz bezweifelt werden darf.
Von oben
"Man muss sich das von oben anschauen", sagt der Mann mit den 90jährigen Händen, die zwar ein paar Schrammen haben aber sonst noch ganz gut taugen. Er dreht sie in alle Richtungen, um das zu demonstrieren. Dimitrij hat sich über die Schrammen lustig gemacht... „Der soll seinen frechen Mund halten“, sagt der 90jährige schmunzelnd, „der ist außerdem erst 87!“
"Ja, man muss sich das von oben anschauen... da sitzen wir, hatten alle unterschiedliche Berufe, haben unterschiedliche Ansichten, und nun sind wir hier alle beisammen. - Es fehlen die Jungen! Wir waren doch auch mal jung! Kommt rein und unterhaltet euch mit uns! Uns ist langweilig!" - Die 19jährige Laura unterhält sich in der Zeit mit Dimitrij aus Weißrussland. Er und der 90jährige sind gute Freunde. Dimitrij und Laura sprechen viel und laut und ihr Lachen erfüllt den Raum. Dimitrij ist erst seit zwei Wochen hier und seitdem geht es hier viel lustiger zu. Das gefällt nicht allen. Die verbitterte Frau, die sich eingesperrt fühlt, ist wütend auf Dimitrij. Sie sagt, sie möchte ihm am liebsten "in die Fresse schlagen", so wütend ist sie auf ihn. Sie kann sein Lachen und Fröhlichsein nicht ertragen. - "Man muss sich das wirklich mal von oben anschauen!" Und das tut Guerrino. Während all dessen schwebt er im obersten Stockwerk in anderen Sphären. Seine Augen sind geschlossen, er lächelt. Wir wollen seine Reise nicht unterbrechen und gehen für heute wieder.
Wir lerrrnen alle immer weiter
Der neue Heimbewohner aus Polen sitzt in sich versunken mit gesenktem Kopf da. "Dschjen dobri. Jak sche nasewasch?" Das ist polnisch und heißt: "Guten Tag, wie heißt du?" Er schaut überrascht auf, seine hellblauen Augen leuchten freudig auf und lächelnd antwortet er: "Bolek. Und du?" "Jestem Ute." Dann fängt er an, wie ein Wasserfall auf polnisch zu sprechen. "Halt, Stopp, das war fast schon alles! Ich muss erst noch weiterlernen!" sage ich lachend. Er lächelt weiter mit seinen unglaublich hellblauen Augen, die einen starken Kontrast zu seinen pechschwarzen Haaren bilden, und sagt freundlich mit scharfem polnischem Akzent: "Das ist keine Schande. Du lerrrnst schon. Wir lerrrnen alle immer weiter." - Die anderen Heimbewohner, die in der Nähe sitzen, sind aus ihrem Dämmerzustand aufgewacht und hören zu, und auch sie fangen an zu lächeln. Es tut sich was. Man hört ein lustiges Gespräch, nicht sehr bedeutungsvoll vielleicht, aber lustig. Das ist interessant. Von Fernseher und Radio wird man genug berieselt, das erregt kein Interesse mehr.
Alte Leute und Schildkröten
Die Situation im 1. Stock eskaliert. Während Dimitrij und Laura sich lachend unterhalten tigert die verbitterte Frau hin und her wie ein Raubtier im Käfig und schimpft mit giftigen Seitenblicken auf die beiden vor sich hin. Schließlich hält sie es nicht mehr aus. Sie nähert sich Laura und ihrem kleinen Hund, streichelt zuerst den Hund, und als niemand sie beachtet, faucht sie Dimitrij an: "Hören Sie endlich mal auf! Hier sind noch andere Leute, die sich unterhalten wollen, nicht nur Sie alleine!" Allseits erstarrtes Schweigen für einige Sekunden. Kurzzeitig befriedigt dreht sie sich um und geht wieder. Laura grinst etwas verlegen. Dimitrij macht ein gleichmütiges Gesicht und sagt leise zu ihr: "Wir haben ein russisches Sprichwort, das heißt: Es gibt alte Leute und Schildkröten." Laura, die eh am Boden neben Dimitrijs Stuhl sitzt, weil zu wenige Stühle da sind, kugelt sich fast am Boden vor Lachen. Die „Schildkröte“ hat es nicht gehört. Als ich zu ihr hingehe und sie beruhigen will, weint sie wieder und sagt, dass sie endlich alleine sein will. Immer war sie alleine gewesen, und jetzt all diese Leute, sie hält es nicht aus. Arm in Arm gehen wir ein Stück, sie wird ruhiger. Hildegard, eine Mitbewohnerin, hat sich uns angeschlossen. Sie fragt: "Haben Sie sich denn noch nicht eingefügt? Man muss sich eben einfügen!"
„Bandita Russka“
"Ja, ja, im Leben geht so mancher Schuss daneben", singt Bolek und seine hellblauen Augen lachen fröhlich. Er erzählt von dem polnischen Dorf, wo er aufwuchs. Mit 16 Jahren musste er Soldat sein, wurde verraten und von den Russen verschleppt. Er spricht auf polnisch weiter, das einzige, was ich noch verstehe ist: "bandita russka". Seine Miene ist gleichbleibend hell, er erzählt einfach, was war, investiert keine großen Gefühle in die Vergangenheit. Sonst war es schön in Polen. Polen ist ein schönes Land. Die Natur atmet dort. Der Pfarrer in seinem Dorf war ein sehr lieber Mensch. "Und beten muss man doch", sagt er, und schaut mich an. Mit seiner Frau ist er in der Stadt manchmal spazieren gegangen; er hat vergessen, in welcher. Er hat vier Kinder, sie sind alle in Polen. Er zuckt mit den Schultern: "Jetzt bin ich hier und kann nicht mehr zurück." Egal, was er erzählt, immer strahlt er diese tiefe Fröhlichkeit und Unverletzlichkeit aus. "Jetzt ist das Leben ganz anders", sagt er. Und ist es schön? Er nickt lächelnd. - Er ist überzeugt davon, dass ich alles verstehe, was er sagt, auch wenn er zwischendurch immer wieder polnisch spricht. Was er einmal auf polnisch gesagt hat, wiederholt er nicht mehr auf deutsch, sondern lächelt mich nur an, wenn ich ihn darum bitte. Er hat ja Recht, ich muss kein Polnisch verstehen, um ihn zu verstehen. Zum Abschied gibt er mir einen Kuss auf die Hand und wünscht mir "gute Reise".
Ein guter Schuss
Oberstes Stockwerk, Guerrino erwartet mich schon: „Wo warst du denn so lange?“ „Ich war krank, hatte Durchfall, wie Wasser kam zwei Tage lang alles rausgeschossen. Jetzt geht’s mir gut, fühl mich ganz sauber“, sage ich. Er lacht: „Dann ist es gut.“ Er bestellt Wein, als ob wir im Restaurant säßen. Doch die Bedienung kommt nicht. „Immer stellen sie mir Sachen hin, um die ich nicht gebeten habe“, sagt er, und schaut leicht angeekelt auf das kleine Glas mit abgestandenem Saft vor sich. Ich verspreche, das nächste Mal Wein mitzubringen. Ja, vino rosso, sagt er. „Und, was hast du gemacht, als du krank warst“, fragt er. „Ich hab ein Buch über Jesus von Nazareth gelesen. Ein sehr schönes Buch. Es ist schwer, so ein Leben zu leben, wie er“, sage ich. Guerrino sagt: Nein, es ist nicht schwer. Dinge sind nur dann schwer, wenn man sie nicht will!“ Das war ein guter Schuss, 1:0 für ihn.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.11.2010.
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