Ute Abele

Begegnungen im Altenheim

 
 
Leid erweckt die Seele zum Leben
 
Die alte Frau, die ich oft im Heim besuche, hat bisher immer nur geweint, gejammert und geschimpft. Nur mein Hund konnte ihr manches Mal ein Lächeln und eine gewisse Sanftheit entlocken. An Gott glaubt sie nicht, das hatte sie schon einmal betont. Und wenn es ihn gäbe, würde er sich gewiss nicht um sie kümmern, weil sie ja keine "Kirchgängerin" sei. Sie fühle sich eingesperrt und wolle sich am liebsten "aufhängen", sagte sie fast jedes Mal, wenn wir uns trafen. Nun kamen körperliche Schmerzen hinzu. Sie war am Ende, sogar in Panik. ... "Ich" kramte in seinem Repertoire, fand aber nichts. Da sagte ES: "Ich werde für Sie beten." "Ich" fand das schlecht: Sie glaubte ja nicht an Gott und würde darüber womöglich lachen oder gar schimpfen. Doch ES wusste ES besser. Ein Ruck ging durch die Frau, wie elektrisiert wandte sie sich mir zu, voller Aufmerksamkeit. Sie schaute mich offen und direkt an und es war als sähen wir uns zum ersten Mal wirklich an. Ein Strahlen, das von weit aus dem Innern zu kommen schien, überwand ihre Tränen und den Nebel in ihren Augen. "Wirklich?", fragte sie. "Ja“, nickte ich. Sie lehnte sich entspannt zurück. Ruhe breitete sich aus. So saßen wir schweigend, und alles war gut. Es war wie eine Begegnung mit mir selbst.
 
 
Schiffe, Häuser und Bäume
 
Guerrino, der alte Mann aus Fiume spricht fünf Sprachen, am liebsten italienisch, seine Muttersprache. Er sitzt im Rollstuhl, kann nicht gehen. Seine Augen sehen schlecht. Auf einem Foto von 10x20 Zentimetern, das ich ihm unter die Nase halte, kann er nichts erkennen. Es ist eine Aufnahme von ihm, vom Faschingsabend. Das war vor zwei Wochen. Es ist Äonen her und hat keine Bedeutung mehr. Auf seinen Reisen erkennt er sich und sieht alles in vollkommener Klarheit. Er erzählt, dass er manchmal seinen Körper verlässt. Es geschieht plötzlich, unerwartet, manchmal verwirrt es ihn. Er sieht helles Licht, spürt Wärme, sieht "Ihn". Dann verschwindet alles wieder, "Er" verschwindet, und er findet sich in seinem Rollstuhl wieder, verwirrt und schwindelig. - Denke an Gott. - Er lächelt. Die Verwirrung ist verschwunden. Der Schwindel auch. Guerrino blickt mit seinen tränenden, entzündeten Augen, die nichts sehen, aus dem Fenster. Er sagt: "Vedi quella nave?" Ich frage: "Du siehst dort draußen ein Schiff?" Er sagt: "Ja, Du nicht?" Ich sage: "No." Er fragt: "Was siehst Du denn?" Ich sage: "Vedo case e alberi." Er antwortet belustigt: "Ah, Du siehst Häuser und Bäume." Wir schauen uns an und lachen laut. Ich muss gehen, wir verabschieden uns. "Ciao, bis nächste Woche. Vediamo un po cosa vediamo poi." (“Schaun wir mal, was wir dann sehen.”) Herzenswärme fließt, ungestört von Schiffen, Häusern und Bäumen, deren Existenz bezweifelt werden darf.
 
 
Von oben
 
"Man muss sich das von oben anschauen", sagt der Mann mit den 90jährigen Händen, die zwar ein paar Schrammen haben aber sonst noch ganz gut taugen. Er dreht sie in alle Richtungen, um das zu demonstrieren. Dimitrij hat sich über die Schrammen lustig gemacht... „Der soll seinen frechen Mund halten“, sagt der 90jährige schmunzelnd, „der ist außerdem erst 87!“
"Ja, man muss sich das von oben anschauen... da sitzen wir, hatten alle unterschiedliche Berufe, haben unterschiedliche Ansichten, und nun sind wir hier alle beisammen. - Es fehlen die Jungen! Wir waren doch auch mal jung! Kommt rein und unterhaltet euch mit uns! Uns ist langweilig!" -  Die 19jährige Laura unterhält sich in der Zeit mit Dimitrij aus Weißrussland. Er und der 90jährige sind gute Freunde. Dimitrij und Laura sprechen viel und laut und ihr Lachen erfüllt den Raum. Dimitrij ist erst seit zwei Wochen hier und seitdem geht es hier viel lustiger zu. Das gefällt nicht allen. Die verbitterte Frau, die sich eingesperrt fühlt, ist wütend auf Dimitrij. Sie sagt, sie möchte ihm am liebsten "in die Fresse schlagen", so wütend ist sie auf ihn. Sie kann sein Lachen und Fröhlichsein nicht ertragen. - "Man muss sich das wirklich mal von oben anschauen!" Und das tut Guerrino. Während all dessen schwebt er im obersten Stockwerk in anderen Sphären. Seine Augen sind geschlossen, er lächelt. Wir wollen seine Reise nicht unterbrechen und gehen für heute wieder.
 
 
Wir lerrrnen alle immer weiter
 
Der neue Heimbewohner aus Polen sitzt in sich versunken mit gesenktem Kopf da. "Dschjen dobri. Jak sche nasewasch?" Das ist polnisch und heißt: "Guten Tag, wie heißt du?" Er schaut überrascht auf, seine hellblauen Augen leuchten freudig auf und lächelnd antwortet er: "Bolek. Und du?" "Jestem Ute." Dann fängt er an, wie ein Wasserfall auf polnisch zu sprechen. "Halt, Stopp, das war fast schon alles! Ich muss erst noch weiterlernen!" sage ich lachend. Er lächelt weiter mit seinen unglaublich hellblauen Augen, die einen starken Kontrast zu seinen pechschwarzen Haaren bilden, und sagt freundlich mit scharfem polnischem Akzent: "Das ist keine Schande. Du lerrrnst schon. Wir lerrrnen alle immer weiter." - Die anderen Heimbewohner, die in der Nähe sitzen, sind aus ihrem Dämmerzustand aufgewacht und hören zu, und auch sie fangen an zu lächeln. Es tut sich was. Man hört ein lustiges Gespräch, nicht sehr bedeutungsvoll vielleicht, aber lustig. Das ist interessant. Von Fernseher und Radio wird man genug berieselt, das erregt kein Interesse mehr.
 
 
 
Alte Leute und Schildkröten
 
Die Situation im 1. Stock eskaliert. Während Dimitrij und Laura sich lachend unterhalten tigert die verbitterte Frau hin und her wie ein Raubtier im Käfig und schimpft mit giftigen Seitenblicken auf die beiden vor sich hin. Schließlich hält sie es nicht mehr aus. Sie nähert sich Laura und ihrem kleinen Hund, streichelt zuerst den Hund, und als niemand sie beachtet, faucht sie Dimitrij an: "Hören Sie endlich mal auf! Hier sind noch andere Leute, die sich unterhalten wollen, nicht nur Sie alleine!" Allseits erstarrtes Schweigen für einige Sekunden. Kurzzeitig befriedigt dreht sie sich um und geht wieder. Laura grinst etwas verlegen. Dimitrij macht ein gleichmütiges Gesicht und sagt leise zu ihr: "Wir haben ein russisches Sprichwort, das heißt: Es gibt alte Leute und Schildkröten." Laura, die eh am Boden neben Dimitrijs Stuhl sitzt, weil zu wenige Stühle da sind, kugelt sich fast am Boden vor Lachen. Die „Schildkröte“ hat es nicht gehört. Als ich zu ihr hingehe und sie beruhigen will, weint sie wieder und sagt, dass sie endlich alleine sein will. Immer war sie alleine gewesen, und jetzt all diese Leute, sie hält es nicht aus. Arm in Arm gehen wir ein Stück, sie wird ruhiger. Hildegard, eine Mitbewohnerin, hat sich uns angeschlossen. Sie fragt: "Haben Sie sich denn noch nicht eingefügt? Man muss sich eben einfügen!"
 
 
 
„Bandita Russka“
 
"Ja, ja, im Leben geht so mancher Schuss daneben", singt Bolek und seine hellblauen Augen lachen fröhlich. Er erzählt von dem polnischen Dorf, wo er aufwuchs. Mit 16 Jahren musste er Soldat sein, wurde verraten und von den Russen verschleppt. Er spricht auf polnisch weiter, das einzige, was ich noch verstehe ist: "bandita russka". Seine Miene ist gleichbleibend hell, er erzählt einfach, was war, investiert keine großen Gefühle in die Vergangenheit. Sonst war es schön in Polen. Polen ist ein schönes Land. Die Natur atmet dort. Der Pfarrer in seinem Dorf war ein sehr lieber Mensch. "Und beten muss man doch", sagt er, und schaut mich an. Mit seiner Frau ist er in der Stadt manchmal spazieren gegangen; er hat vergessen, in welcher. Er hat vier Kinder, sie sind alle in Polen. Er zuckt mit den Schultern: "Jetzt bin ich hier und kann nicht mehr zurück." Egal, was er erzählt, immer strahlt er diese tiefe Fröhlichkeit und Unverletzlichkeit aus. "Jetzt ist das Leben ganz anders", sagt er. Und ist es schön? Er nickt lächelnd. - Er ist überzeugt davon, dass ich alles verstehe, was er sagt, auch wenn er zwischendurch immer wieder polnisch spricht. Was er einmal auf polnisch gesagt hat, wiederholt er nicht mehr auf deutsch, sondern lächelt mich nur an, wenn ich ihn darum bitte. Er hat ja Recht, ich muss kein Polnisch verstehen, um ihn zu verstehen. Zum Abschied gibt er mir einen Kuss auf die Hand und wünscht mir "gute Reise".
 
 
Ein guter Schuss
 
Oberstes Stockwerk, Guerrino erwartet mich schon: „Wo warst du denn so lange?“ „Ich war krank, hatte Durchfall, wie Wasser kam zwei Tage lang alles rausgeschossen. Jetzt geht’s mir gut, fühl mich ganz sauber“, sage ich. Er lacht: „Dann ist es gut.“ Er bestellt Wein, als ob wir im Restaurant säßen. Doch die Bedienung kommt nicht. „Immer stellen sie mir Sachen hin, um die ich nicht gebeten habe“, sagt er, und schaut leicht angeekelt auf das kleine Glas mit abgestandenem Saft vor sich. Ich verspreche, das nächste Mal Wein mitzubringen. Ja, vino rosso, sagt er. „Und, was hast du gemacht, als du krank warst“, fragt er. „Ich hab ein Buch über Jesus von Nazareth gelesen. Ein sehr schönes Buch. Es ist schwer, so ein Leben zu leben, wie er“, sage ich. Guerrino sagt: Nein, es ist nicht schwer. Dinge sind nur dann schwer, wenn man sie nicht will!“ Das war ein guter Schuss, 1:0 für ihn.
 

Per santete durch das Licht fahren

 Die Frau Dr. ist seit einigen Jahren im Seniorenheim. Anfangs mit ihrem Mann, der dann starb. Sie ist dement, wie viele andere auch. Es hieß, sie spreche niemals, antworte nur, wenn sie etwas gefragt werde, und nur auf allereinfachste Dinge. "Haben Sie Hunger?" "Sind Sie satt?" "Möchten Sie in den Garten gefahren werden?" Mehr gehe da nicht mehr. So war es auch - äußerlich betrachtet - die ersten drei Monate lang, seit ich sie kannte. Unsere Unterhaltungen bestanden meist aus einem liebevollen, sehr intensiven Augenkontakt. Sie hatte ein unglaubliches Lächeln in den Augen. Und ein unglaubliches Wissen. Ich fühlte mich oft von ihr durchschaut. - Heute nun fing sie an, mit mir zu sprechen. Sie sagte: "Ich muss auf die Limbe!" Ich fragte: "Ich verstehe nicht, was ist Limbe?" "Dann kann ich es Ihnen ja erklären." "Ja, gerne, bitte erklären Sie es mir." "Also die Limbe ist, wie soll ich sagen...", sie überlegte, ihr Blick ging in die Weite. Nach einer Minute schaute sie mich an und sagte: "Das ist wie Mazir." Ich: "Ich habe das noch nie gehört. Was ist Mazir?" Sie überlegte wieder, suchte angestrengt nach einem Wort, das ich verstehen würde, man sah es ihr an, schließlich sagte sie: "Geist!" Ich war glücklich, etwas verstanden zu haben: "Oh ja, Geist, ich verstehe.“ Doch sie ist nicht zufrieden. Zögernd sagt sie: "Neiiin.... Es ist mehr wie.... Barbara-Füllung." Sie deutete zur Lampe. "Sie meinen Licht!" Sie: "Ja!" Dann blickte sie mich sehr intensiv an und sagte: "Ich will nach Hause. Sie können mich hinbringen. Lassen Sie uns gehen!" Ich antwortete: "Wohin soll ich Sie bringen?" "Nach ....... " Langes Nachsinnen. Dann, wieder mit diesem tiefen, intensiven Blick, ihre Augen, sonst dunkelbraun, waren tiefschwarz: "Sie müssen einfach die Straße finden!" Ich: "Wie kann ich die Straße denn finden?" Sie, mit Nachdruck: "SIE MÜSSEN PER SANTETE DURCH DAS LICHT FAHREN." Ich sagte ihr, daß ich mich nach der Straße erkundigen würde. Sie war einverstanden.
 
 
Engel
 
Die dünne alte Frau mit ihren 93 Jahren ist geistig klar, hört allerdings schwer und kann nicht mehr laufen. Sie liegt den ganzen Tag im Bett. Doch auch in dieser Situation will sie das ihr maximal mögliche selber machen. Morgens beim Waschen - nachdem ihr Gesicht und ihr Oberkörper gewaschen wurden - rubbelt sie sich selber trocken, und das mit solcher Vehemenz und solcher Entschlossenheit, dass es das Herz berührt, wenn man ihr zuschaut. Ihr Hände sind zu zittrig, um selber zu essen, also wird sie gefüttert. Sie isst mit gutem Appetit und zügig, und als der Teller Dreiviertels leer ist, sagt sie plötzlich: "Na, das schmeckt aber mal miserabel." Ich muss lachen, denn nachdem sie mit so großem Appetit gegessen hat, hätte ich eher vermutet, dass es ihr gut schmeckte. Sie schaut mich an, und mit ihrer lieben, vertrauten Art sagt sie zu mir, leicht tadelnd, wie zu einer Tochter: "Das ist aber nicht zum Lachen!" - Während sie weiter isst schaut sie zum Fenster und auf einmal sagt sie: "Da steht wieder einer und schaut zu mir herüber." Ich frage: "Wer ist es denn?" Sie sagt: "Ich weiß es nicht. Weißt du es nicht?" Ich sage: "Nein. Vielleicht ist es ein Engel?" Sie schaut genauer hin. Dann sagt sie: "Nein, ein Engel ist es nicht. Der hat ja keine Flügel." Ich frage: "War schon mal ein Engel hier?" Erst sagt sie: "Nein." Dann, nachdem sie kurz überlegt hat: "Ach doch, es war mal einer da. Aber das ist schon lange her."
 
 

Abschied?

 
Die Sonne ist hinter dicken Wolken verhüllt, doch dafür strahlt Guerrino heute. Ich hatte nicht gesagt, dass ich heute zu ihm komme, da ich es vorher selber noch nicht wusste, doch er wusste es. Im Aufenthaltsraum läuft der Fernseher, einen Tag nach der Beerdigung des Papstes wird nun Hochzeit auf der Insel gefeiert. Weder das eine noch das andere interessiert ihn. Er erzählt mir, dass er die vergangenen zwei Nächte das Gefühl gehabt hatte, dass es soweit wäre, dass er sterben würde. "Aber ich bin noch da", sagt er lachend und ein bisschen verwundert. Sein Blick schweift weit weit weg, während er mehr zu sich selbst sagt: "Wie es wohl sein wird?" Und dann schaut er mich wieder fest an und sagt, als hätte ich diese Frage gestellt: "Das weiß niemand, solange er noch hier ist. Es sind zwei Welten. Zwei Welten. Und diese Welt ist solange nicht zu Ende, wie es noch Wünsche gibt. Ich habe keine Wünsche mehr." Da er noch hier ist, muss er, wenn er recht hat, wohl doch noch einen haben... vielleicht den, zu gehen? Und auch der muss überwunden sein? -  "Glaubst du, dass wir immer wieder geboren werden? Oder meinst du, wir haben nur dieses eine Leben?" frage ich Guerrino. "Ich glaube nicht an Reinkarnation", antwortet er, "aber Gott kann machen, was er will. Meine Meinung hat keine Bedeutung. Wir wissen gar nichts. Wenn einer etwas sagt, und ein anderer sagt das Gegenteil, hat keiner von beiden die Wahrheit. Der Wahrheit kann man nicht widersprechen. Wenn wir uns nicht mehr widersprechen, sind wir DA." -  Nach fast einer Stunde mit Guerrino sage ich: "Ich muss jetzt gehen." Er antwortet: "Was, wir haben doch eben erst angefangen zu reden!" Er lacht und sagt: "Aber, das ist richtig, wenn du sagst, du musst gehen. Siehst du, es ist Gottes Wille, der geschieht. Du musst gehen, auch wenn du vielleicht nicht willst. Du musst deine Pflicht tun. Dann geh, mein Mädchen, und tu immer mit Freude, was du tun musst." Ein Kuss auf die Wange, ein Lächeln aus tiefstem Herzen. "Ciao, Guerrino. Ich danke Dir. Ich denk an dich." "Ciao, mia bambina, ich danke dir auch." - Ich weiß nicht, wann er seinen letzten Wunsch überwindet und ob ich ihn hier wiedersehen werde. Obwohl unser Abschiednehmen wie immer ist, fühlt es sich heute anders an. Was ich jetzt ganz deutlich spüre ist jedoch, dass der Tod uns nicht trennen kann.

 

Vorsehung

 
Neues von Frau Dr. Beim nächtlichen Rundgang fand ich sie quer im Bett liegend, die Beine über das Bettgitter hängend. Das bedeutet bei ihr: Sie ist bereit zu sprechen. Wenn sie "ordentlich" im Bett liegt, tut sie es fast nie. Sie begann: "Da sind diese Lumpen, das war Vorsehung." "Vorsehung?" fragte ich. "Ja, ich wusste das vorher, dass das so sein würde. Ich habe die Lumpen alle in so einen... Sack getan und dann konnte ich sie anziehen." "Fanden Sie es nicht schlimm, Lumpen anzuziehen?" "Nein, das war gar nicht schlimm!" Pause. Sie schien weit weg zu sein, dann: "Da waren noch die Reisenden, sie gingen dort hinein, wo die Lumpen waren. Und die Lumpen waren sehr geglückt!" Ich fragte: "Und was taten die Reisenden dann? Reisten sie weiter?" "Ja." "Und wohin?" Sie schaute mich mit ihrem allerdurchdringendsten Blick aus tiefschwarzen Augen an und antwortete: "Sie wissen das! Das spürt man doch!"
 

Bunte Augen

 
Frau B. hält mich fest am Arm, damit ich nicht wieder gehe. Sie will sprechen. Es ist am besten, man schweigt einfach, dann erzählt sie alles, was sie gerade sieht oder erlebt hat. Dieses mal sagt sie: "Jetzt haben sie mir neue Augen reingemacht. So bunte. Ich hab's gesehen wie sie das gemacht haben. Ich weiß gar nicht, warum das so ist, aber sie machen solche Sachen. Und dann ziehen sie an mir herum. Die Beine tun mir weh davon. Und ich denke, alles läuft mir davon. Ich weiß auch gar nicht, warum ich noch hier bin." Sie nennt den Ort, wo wir uns befinden, betont ihn wie eine Frage und sagt: "Das kann doch gar nicht sein. Die Schwestern sagen immer, ich bin in G. Aber das stimmt doch nicht!"
 
Man lebt einfach
 
Frau Dr. liegt wieder quer im Bett. Wir sprechen über Leben und Tod. "Wie kann man nur richtig leben?", frage ich sie, während ich ihre Bettdecke frisch überziehe. Ich spüre bei ihr oft, dass sie viel Näher an den Dingen ist, denen wir anderen oft ausweichen. "Man lebt einfach.", sagt sie schlicht. "Viele sind unzufrieden mit dem Leben." - "Ja", sagt sie, "ich bin unzufrieden". "Weshalb?", frage ich. "Wegen der Krähenfüße“, sagt sie und lacht. Humor hat sie auch! - Etwas später kommen wir auf den Mann aus dem Nachbarort zu sprechen, von dem gerade alle sprechen... er hat sich getötet. Ich sagte ihr, was die Menschen so darüber reden. "Niemand versteht das und alle fragen sich, warum er das nur getan hat." Sie antwortet: "Das sagt man nicht!" Ich frage sie: "Was sagt man nicht?" Sie: "Man sagt nicht: ,warum'." "Sie meinen, man soll nicht fragen, warum er das getan hat?" "Ja!" - Nach längerem Schweigen sagt sie: "Ich ziehe bald um." "Wohin denn?" "In die Peine." Ich frage: "Peine?" Sie sagt: "Ja, Peine. Sie kennen das!" - Ich muss gehen und sage, dass ich später wieder vorbeischaue. Sie lächelt sehr herzlich und nickt.


© Ute Abele

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.11.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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