Wolfhart Willimczik

In der Höhle des Bösen


Die Zelle war frisch gebohnert und sauber, in die man mich höflich aber bestimmt hinein dirigierte. Es roch nur nach Bohnerwachs. Es war nicht der mir bekannte Duft einer bewohnten Zelle. Es gab sogar fließendes Wasser und ein Klo. Was für ein Fortschritt gegenüber den bulgarischen Gefängnissen, frohlockte ich, und genoss erst einmal so viel frisches Wasser, wie ich nur konnte. Als Fenster gab es die berühmten Glasbausteine. Sie nahmen die Sicht nach Außen, aber was würde es auf dem Hof beim SSD in Potsdam schon zu sehen geben...

Der Bewohner dieser Zelle, ein Gefangener mittleren Alters namens Harald Leipold, begrüßte mich freundlich. Ich erkannte sofort den Polizisten in ihm, denn seine Haare hatten eine deutliche Delle, dort, wo sich der Rand einer Schirmmütze immer eindrückte, wenn sie dauernd getragen wird. Es gab aber noch mehr Indizien für die wahre Identität meines Zellengenossen. Seine Zahnpastatube war unberührt. Seine Schuhsohlen hatten noch deutliche Spuren von der Straße und mir erzählt er gerade, dass er hier schon viele Monate in dieser Zelle sitzen würde. Er hatte sehr gepflegte Hände, die keine Arbeit gesehen hatten, besonders gut manikürte Fingernägel und redete viel, so viel, als ob er es bezahlt bekäme. Dies alles kannte ich schon aus Bulgarien. Dort hatte man ausschließlich Spione in meine Zelle gesetzt gehabt, um mich auszuhorchen. (Die Protokolle kann man nachlesen.) Richtige Gefangene konnte man schon am Geruch erkennen, jeder stank in seinen persönlichen Farben, hatte ungepflegte Fingernägel, weil es keine Nagelfeilen gab und die Ungeziefer in der Zelle störten ihn auch schon lange nicht mehr... An meinem "Zellengenossen" war alles frisch und poliert. Es gab kein einziges Detail, das auf eine längere Aufenthaltsdauer als 20 Minuten in dieser Zelle hindeutete, als ich zu ihm in die Zelle geführt worden war. Er war alles andere, aber kein Gefangener. Dass er mich für so blöd hielt, es nicht zu merken, war beleidigend. Andererseits gefiel mir die Idee, dass die Genossen sich jetzt selber einsperrten. Also sagte ich nichts.

Neu eingekleidet und frisch rasiert sass ich am nächsten Morgen an einem Ende eines überlangen Tisches. Am anderen Ende sass der junge Unterleutnant des SSD, Hohenschild, der ruhig, ja fast höflich, das erste Verhör begann. (Durchsucht, Fingerabdrücke genommen und mir in den Ar... geguckt hatten schon andere). Ja wenn das alles war, dann sind die schockierenden Gerüchte, die sich um das Wort "Stasi" rankten, alle falsch. Dann würde alles seinen normalen sozialistischen Gang gehen und wir, meine Familie und ich, könnten nach einigen Monaten Wartezeit ausreisen. Meine Zelle war ja nichts weiter als die Wartehalle für den berühmten Bus in den Westen und Warten hatte man als "DDR-Bürger" ja gelernt. (Die Geheimverträge, die nun in der "DDR" in aller Munde waren, öffneten eine Tür für alle politischen Gefangenen in den Westen, weshalb die Untersuchungsgefängnisse nun alle überfüllt waren und einige Stasi-Offiziere den Alptraum bekamen, dass sich das ganze Volk nun einsperren ließ, um ausreisen zu können.) Die Vernehmung war so lasch und langweilig, dass ich schon von meiner Zukunft träumte. Ich sah mich schon mit meiner Familie in West-Berlin auf dem Kuhdamm bummeln gehen, als plötzlich die Tür aufflog und ein schwarzer Mann herein stürmte, der die Figur eines Schwergewichtringers hatte. Den Unterleutnant, der bei seinem Erscheinen, wie von einer Tarantel gestochen, aufgesprungen war, völlig missachtend, riss er einen Stuhl heraus und setzte sich breitbeinig, die Stuhllehne vor sich, direkt vor meine Nase. Seine fleischigen nackten Unterarme ruhten schwer auf der Stuhllehne, die dabei ächzte. Sein Getue war eindeutig, der brauchte gar nichts mehr zu sagen. Er war der Chef hier. Er bestimmte über Tod und Leben! Zwei tief-schwarze stechende Augen blitzten mich an und ließen mich nicht mehr los. Ich war in ihrem Bann.

"Ich will ihnen helfen," begann er so süßlich, wie er es eben nur konnte.

Was zum Henker meint ein Henker damit, wenn er einem "helfen" will? Er könnte den Knoten so machen, dass man sich beim Fall sofort das Genick bricht und sich nicht quält, oder gab es da noch mehr? Was sollte ich darauf antworten? Meine Stimme - mein Verstand versagten. Ich sah nur einen riesigen Wolf vor mir, der gerade 7 Geißlein samt der Großmutter verschlungen hatte und nun Rotkäppchen vor seiner riesigen Schnauze hatte. Unersättlich wie er nun einmal war, wollte er jetzt sein nächstes Opfer verschlingen...

Das Dumme an diesem schönen deutschen Märchen war nur, dass ich wirklich in einem der gefürchteten Gefängnisse des SSD sass, und einen der blutrünstigsten Offiziere des SSD, Hauptmann Wagner, vor mir hatte, der mit seinen Worten sicherlich nicht meinte, mich und meine Familie schnell und unbeschadet in den Westen - in die ersehnte Freiheit - ausreisen zu lassen. Ich grübelte und wusste nicht, wie ich darauf zu reagieren hatte. Er hatte mich überrascht - darauf war ich nicht vorbereitet. Mein Instinkt machte mir nur eines klar: Dieser Mann ist gefährlich! Er war es sicherlich gewesen, der mir gleich zur Begrüßung eine Schlinge gelegt hatte, indem er mir einen Spitzel in meine Zelle gesteckt hatte. Derselbe Mann bot mir also seine "Hilfe" an. Ist er verrückt? Wie unwichtig diese Frage doch war. Er war jetzt am Hebel der Macht - und ich sein Delinquent - das war alles, was jetzt zählte.

Ich wollte natürlich nur noch eines: die Entlassungsurkunde aus der "DDR" und eine gute Ausreise für meine Familie, um meine Kinder vor solchen Ungeheuern wie ihm zu retten. Dann wollte ich in meinem Leben nie wieder daran erinnert werden, dass es Kommunisten überhaupt je gegeben hatte. Wie erkläre ich das ihm jetzt? Die Gedanken flogen in meinem Gehirn wild umher - Worte kamen dabei nicht heraus. Ich folgte meiner Regel Nr. 1 in einer Gefahrensituation: Wenn man nicht weiß was zu tun ist, mache man erst einmal gar nichts. Ich fühlte mich sowieso bei seinem Auftauchen wie ein in die Ecke gedrängter Köter, der jetzt lieber nicht knurrte. Also tat ich gar nichts. Ich wusste nicht mehr weiter. Der vor mir sitzende Genosse Hauptmann Wagner, der bei allen politischen Gefangenen als besonders brutal und menschenverachtend unter dem Namen "Schwarzer Hauptmann" gefürchtet war, wusste es. Er fragte mich allerdings nichts, seine ungezählten Spione, die mich ein Leben lang begleiteten, hatten ihm ja schon alles erzählt. Seine stechenden Augen sagten mir, dass er sowieso schon alles über mich wusste und schon die nächsten Worte mein Schicksal entscheiden würden.

Die Worte eines Hauptmanns der Staatssicherheit hatten Gewicht, sie waren für die einen undiskutierbare Befehle, auf den anderen fielen sie wie Ziegelsteine herab. Für einen Gefangenen konnten sie die gleiche Bedeutung haben, wie die Kugeln aus einer Kalaschnikow. Ihre Mündungen waren ja die Quelle der Macht, die ich jetzt gleich spüren werde, auch wenn es unter dem schönen Überschrift "Hilfe" geschah. Ich wusste ja nur zu gut, wie Kommunisten ihre wahren Absichten hinter schönen Worten verbergen konnten. Sie sagten nie das, was sie dachten.

Das hast du nun davon, dass du in die Höhle des Löwen gegangen bist, sagte mein zweites ich; wie konntest du glauben, die Kommunisten lassen sich von dir erpressen worauf ihr alle ausreisen könnt? Wie sollte das denn funktionieren? Vielleicht durch die "Hilfe" eines Hauptmanns der Stasi, der euch aus lauter Mitgefühl zum Schluss auch noch nach winkt? Jetzt brauchst du dich nur noch auf die Geheimverträge zu berufen, dann wird er dich die nächsten Jahre nur noch fragen, woher du die kennst... Was? Ein Buch würdest du auch darüber schreiben, damit die Welt erfährt, was hier wirklich gespielt wird? Ha - Tote schreiben keine Bücher!

Okay, also dann sagt er mir jetzt nur noch, was man auf meinen Grabstein schreiben sollte.

Was auch immer, ich werde es gleich wissen. Das spürte ich, denn die Stille war nun nicht mehr zum Aushalten.

So explodierte der Schwarze Hauptmann endlich und gravierte seine berühmt-berüchtigten Worte in mein Gehirn, die von nun an mein Leben - oder meinen Tod - bestimmen sollten:...
Den Rest können sie hier sofort und unentgeltlich lesen: wolfhartus.ipage.com/buch.htm
 

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