Klaus-D. Heid

Gute Seele ...

John Phillip Steel, Vorstandsvorsitzender der Steel, Steel & Company Trust, sinnierte in einer der äußerst selten gewordenen Minuten ohne Entscheidungsgespräche, über die Entwicklung des Unternehmens, dem er vorstand. In den letzten Jahren hatten sich alle Entscheidungsprozesse nicht nur dramatisch beschleunigt - es gab auch immer wieder Versuche konkurrierender Unternehmen, die Steel, Steel & Company Trust, durch feindliche, freundliche, brutale, verlockende und manchmal auch kriminelle Angebote zu übernehmen und einzuverleiben. Steel, der kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag stand, haßte derartige Aktivitäten! Viel zu sehr war er durch und durch ein Teil des Unternehmens, das sein Großvater vor beinahe zweihundert Jahren gegründet hatte. Während nun Steel über seinen Großvater sinnierte und versuchte, den heißen Tee zu trinken, den ihm seine gute Seele, Karla Thompson, gebracht hatte, bemerkte er immer mehr, daß er eigentlich nicht in diese Zeit paßte, die nur noch von elektronischer Datenkommunikation und Chip gesteuerten Entscheidungskriterien beherrscht wurde. Bereits nach der Hälfte seines Tees wurde Steel bewußt, daß seine Art, ein Unternehmen zu führen, nicht mit den üblichen Gepflogenheiten eines ,Big-Bussines' konform ging! Steel konnte sich einfach nicht mit dem kalten, verschlungenen und seelenlosen Management abfinden, dem er - und sein Unternehmen - immer mehr ausgeliefert war!

Um den Tee in dem bißchen Zeit zu trinken, das ihm die Pause gestattete, hatte sich Steel die Lippen verbrannt! Jedoch purzelten seine Gedanken derart wild und wirr durch seinen Kopf, daß er gar nicht bemerkte, wie sehr ihn das schmerzte! In allerhöchstens einer Minute würde die gute Karla Thompson an seine Tür klopfen, um ihm zu signalisieren, daß der Vorstand der Steel, Steel & Company Trust, ungeduldig auf seinen Vorsitzenden wartete! John Phillip Steel hatte - weiß Gott - keine Lust auf das, was ihm nun bevorstand! Er hatte sich so lange gesträubt, das heutige Gespräch stattfinden zu lassen, daß ihm speiübel wurde, wenn er sich den Verlauf dieses Gespräches, das mit einer Entscheidung enden mußte, vorstellte! Heute war also der Moment gekommen, an dem sich sieben weitere Mitglieder des Vorstandes darauf freuten, ihrem Vorsitzenden das Fell über die Ohren zu ziehen...! Heute sollte das große Finale stattfinden, an dessen Ende sich sieben Geier über den Kadaver ihres lästig gewordenen Opfers hermachten! Einzig Karla Thompson würde mit Tränen in den alt gewordenen Augen ihrem Chef hinterher weinen, wenn die Geier ihr Mahl beendet hatten!

Es klopfte an der Tür!

Karla würde niemals eintreten, ohne vorher geklopft zu haben und ohne jenes "Ja bitte!" gehört zu haben, für das sie jederzeit ihr Leben geopfert hätte. Sie hatte niemals ein Hehl daraus gemacht, daß ihr Chef für sie so etwas wie eine ,unerreichbare Ikone' darstellte, die sie abgöttisch anbetete, ohne dabei jemals auf Stil und Würde zu verzichten. Seit vierunddreißig Jahren, fünf Monaten und drei Tagen gab es für Karla nur einen Lebensinhalt, der sie tagein, tagaus, ins Büro trieb: John Phillip Steel! Und Karla Thompson wußte ganz genau, daß heute der Tag gekommen war, an dem sich eine hungrige Meute auf Steel stürzen würde, um seinen Platz neu zu besetzen!

In dem Moment, als Steel "Ja bitte!" rief, war ihm klar, daß es vielleicht das letzte Mal sein würde, daß er diese Worte von diesem Platz aus, aussprechen durfte. Es war gut möglich, daß er bereits in ein oder zwei Stunden - je nach dem, wie lange man brauchte, ihn zu verspeisen - nichts, als ein unbeschäftigter Privatmann war! Aber alle diese Gedanken halfen nichts und änderten nichts an dem, was ihn nun blühte! Steel lächelte Karla Thompson an, als sei es das letzte Mal, daß sich die beiden Augenpaare auf diese seltsam distanzierte und doch sehr persönliche Art trafen.

"Die Herren wünschen also jetzt mein Blut zu trinken? Richten Sie ihnen bitte aus, daß ich in zwei Minuten erscheinen werde! Vielen Dank, Karla!"

Waren das eben tatsächlich Tränen, die Steel in den Augen seiner Sekretärin bemerkte? "Gute Seele!" dachte sich der Vorstandsvorsitzende und machte sich auf den Weg in die Höhle der hungrigen Löwen! Ein letzter abschätzender Blick wanderte durch sein freundlich und exklusiv eingerichtetes Chefbüro; ein letztes Mal genoß er den Luxus, fast ein Leben lang zur geschäftlichen Elite des Landes gehört zu haben - und dann marschierte er los...!

Da saßen sie alle!

Nigel Burns, Rider Burns, der Bruder von Nigel, Arthur Polanski, der tatsächlich ein entfernter Verwandter des polnischen Regisseurs war, Morris Cook, Nathaniel Laubstein, Jefferson Pellham und als letzter, Gordon Steel, der leibliche Bruder von John Phillip und gleichzeitig die unangenehmste Hyäne in der Horde verwilderter Raubtiere!

Dieser Gordon Steel war es dann auch, der sich als erster erhob, um seinen Bruder mit überschwenglicher Gestik zu begrüßen.

"Hallo, John! Fein, daß Du da bist! Im Namen aller hier versammelten..."

John Phillip Steel hatte in diesem Moment keine Lust auf leere Floskeln! Ihm war klar, was folgen mußte, und deshalb wollte er nun ein Ende, ohne schleimige Verzögerungen!

"Hallo, meine Herren, Hallo, Gordon! Lassen Sie mich gleich zur Sache kommen, bevor Sie mir umständlich erläutern, weshalb ich diesen Tag nicht als Vorstandsvorsitzender überleben werde! In den wenigen Minuten, die ich mir heute zur Besinnung gegönnt habe, ist ein Entschluß gereift, den Sie mit Sicherheit allesamt mit freudigem Grinsen quittieren werden! Dieser Entschluß besagt, daß ich mich nicht von Ihnen zerfleischen lassen möchte - und daß ich deshalb selbst, mit sofortiger Wirkung, von meinem Posten als Aufs..."

Was die Rede von John Phillip Steel so brutal beendete, war weniger der laute Knall des Schusses, als vielmehr der Anblick des riesigen Loches, das in der Stirn von Gordon Steel klaffte! Mit offenem Mund und starr vor Entsetzen, nahm John weitere sechs Schüsse wahr, die treffsicher die Schädeldecken der anderen Männer durchschlugen. Plötzlich lagen sieben blutüberströmte, in Nadelstreifen gehüllte Leichen im Raum! Eine furchtbare, dramatische Stille ersetzte von einer Minute zur anderen ein Szenario, in dem sich John wie ein Gladiator inmitten halb verhungerter Raubtiere vorgekommen war. Unfähig, einen Laut des Entsetzens von sich zu geben, starrte John auf sieben Leichen!

Die Stimme von Karla Thompson war es dann, die diese unheimliche Ruhe unterbrach:

"Du wußtest nicht, daß ich schießen kann? Woher solltest Du es auch wissen! Ich konnte einfach nicht anders, John! Ich konnte nicht anders...! Wie sollte ich jemals damit leben, wenn die Dich dazu gedrängt hätten, Dich zu demütigen...!"

John Phillip Steel erlag nur wenige Minuten später einem Herzanfall! Für ihn kam jede Hilfe zu spät und irgendwie war es so auch das Beste für ihn. Die letzten Worte, die er - bereits auf dem Boden liegend und sterbend - murmelte, lauteten:

"...gute Seele, Karla! Gute Seele...!

Auch, wenn es sich unglaublich anhören mag, ist es doch wahr, daß John Phillip Steel mit einem Lächeln auf den Lippen starb. Eigentlich wußte nur eine einzige Person, was dieses Lächeln zu bedeuten hatte; aber eben jene Karla mußte sich nun damit abfinden, daß der Vater ihres Sohnes, den sie vor fünfundzwanzig Jahren geboren hatte, tot war! Niemals hatte sie es übers Herz gebracht, einen integeren Mann wie John damit zu konfrontieren, daß ein einziger Moment der Schwäche, Johns Leben zerstören würde. Wie sollte sie auch ahnen, daß John Phillip Steel sein gesamtes Vermögen seinem Sohn Mike hinterlassen hatte! Ihm - und dessen Mutter Karla Thompson, dieser wirklich...

...guten Seele von Mensch!

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Klaus-D. Heid).
Der Beitrag wurde von Klaus-D. Heid auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.10.2001. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Buch von Klaus-D. Heid:

cover

Sex für Motorradfahrer von Klaus-D. Heid



Warum kann 69 bei 200 gefährlich sein? Was ist der Unterschied zwischen Kawasaki und Kamasutra? Wie kommt man am besten auf 18000 Touren? Was hat ein überfälliger Orgasmus mit kostenlosen Ersatzteilen für eine BMW zu tun? Die Welt der heißen Öfen steckt voller Fragen, auf die Ihnen Klaus-D. Heid und Cartoonistin Regina Vetter amüsant erotische Antworten geben.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Krimi" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Klaus-D. Heid

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Die Ausnahmefrau von Klaus-D. Heid (Humor)
19“ von Klaus-D. Heid (Krimi)
Bis an die Grenze - Ein Tatsachenbericht ( Fortsetzung 1 ) von Ralph Bruse (Autobiografisches)