Martina Klimkeit

Von Schwänen und einer Kröte - die erste Krieger-Parabel

Die erste Parabel der Kriegerserie

 
 

Die Geschichte von zwei weißen Schwänen

 
Zwei weiße Schwäne waren auf der Suche nach einem schönen Ort. Sie hatten in ihrer Vergangenheit so manches Drama erlebt. Nun suchten sie ein ruhiges Plätzchen im Sonnenlicht. Das, was sie belastet hatte, wollten sie nie wieder sehen.
Sie fanden einen schönen Teich, er war einfach perfekt. Das Wasser glitzerte im Sonnenlicht, saftiges Grün umsäumte ihn. Sie waren so glücklich, sie schwammen sofort los und planschten fröhlich um die Wette. Der Teich war so groß, dass es viel Neues zu entdecken gäbe. An einem Ende des Sees sahen sie vier andere Schwäne. Sie schwommen freudig auf sie zu und wollten sie begrüßen. Doch die vier Schwäne wichen aus, sie sagten nur Belangloses. Die beiden Schwäne gaben nicht auf, sie blieben in der Nähe.  Einer der vier Schwäne schien sehr bedrückt, doch er wollte nichts erzählen. Die beiden Schwäne gaben es auf, sich mit ihm zu unterhalten.
Als einer der beiden Schwäne an einem Tag allein den See umrundete, fiel ihm eine Baumgruppe auf, deren Wipfel in den See hinein ragten. Neugierig schwamm der Schwan dorthin. Da war ein schöner Platz. Auf einem Grasvorsprung blühte Gras, in den Seealgen schwommen Kaulquappen. Der schöne Schwan fraß voller Lust. Auf einmal sah er jedoch, wie auf einem großen Stein eine dicke Kröte saß. So eine große Kröte hatte er noch nie gesehen; sie schien ihn anzustarren. Der Schwan näherte sich vorsichtig an und fragte nach dem Wohlergehen.
Die Kröte antwortete erst nicht, sie starrte den Schwan nur an. Schließlich, als der schon davon schwimmen wollte, quakte sie ihn an. Sie sagte ihm, dass sie diesen See kontrollieren würde. Sie sagte, dass hier kein Lebewesen ohne ihren Segen bliebe. Sie sagte, dass es an der Zeit sei, dass der Schwan dies verstünde und wie alle anderen auch seinen Beitrag zum Wohlergehen der Kröte brächte.
Der Schwan war verwirrt, doch er war freundlich. So schwamm er dichter heran und fragte die Kröte, was sie wohl meine, ob sie hungrig sei oder krank. „Nein“, sagte die Kröte, „das bin ich nicht, aber ich bin nie satt. Ich erwarte von deiner Beute an jedem Tag  die Hälfte ab.“ – Der Schwan war verwundert, er dachte sich: „Na gut, wenn das hier denn so Sitte ist.“ – Er wollte sich abwenden, da rief die Kröte hinterher: „Für deine Gefährtin gilt das Gleiche, ich brauche von ihr sogar mehr.“
Nun wunderte sich der schöne Schwan schon sehr. Was fiel der Kröte ein? – Dieser dicke Nimmersattbrocken wollte wohl nie zufrieden sein? – Der Schwan schwamm zurück und sagte dann: „Wieso bittest du nicht? – Ich bin sicher, du erhältst auf freundliche Art alles, was du brauchst.“
Die Kröte lachte, dass es quakte, und spuckte den Schwan an: „Willst du mir drohen, so komm nur näher, ich vernichte dich dann.“ Nun wurde es dem Schwan zu bunt. Laut sprach er: „Was fällt dir ein, mich herumzukommandieren? – Ich bin frei, und dies ist nicht dein Teich.“

Nun quakte die Kröte, dass es hallte. Die anderen Schwäne kamen herbei und beobachteten die Szene von sicherer Distanz aus. Die Kröte beugte sich vor und sagte dann ganz leise: „Ich beobachte dich ganz genau, und ich bestimme, ob du bleibst oder ob du davongejagt wirst. Also merke dir: Wenn du nicht das tust, was ich aussende, dann steht es schlecht für dich.“
Nun war es dem Schwan zu bunt, er schwamm einfach davon. Er sah, dass seine Gefährtin alles aus sicherem Abstand mitbekam. Er schwomm zu ihr und empörte sich, aber sie war voller Angst. Sie sagte leise: „Komm, lass uns jagen, damit er Beute kriegt.“
Auch die anderen Schwäne machten sich daran, Futter für die Kröte zu sammeln. Der Schwan verstand den Teich nicht mehr. Laut rief er zu den anderen: „Wovor habt ihr solche Angst? – Das ist doch nur eine Kröte. Wir sind größer, stärker, schöner als dieses armselige Häufchen auf dem Stein da.“
Doch es schien, als verhallten seine Worte. Die anderen stoben durcheinander, denn die dicke Kröte hatte einen dicken Ast bestiegen und schwamm unaufhörlich heran. „Halt, schrie der Schwan, wo wollt ihr hin, dieses Ding kann nicht einmal schwimmen!“ Doch es half nichts, die anderen flohen und gaben vor, ihn nicht zu hören. Die Kröte schaffte es wie durch ein Wunder, den Ast so zu manövrieren, dass er sich auf den Schwan zubewegte. Es kam ihm unheimlich vor. Als die Kröte den Schwan erreichte, sagte sie ganz leise: „Lass dir dies eine Warnung sein, wiegele nie die anderen gegen mich auf.“ Der Ast machte eine Drehung – das konnte doch nicht sein! – und trug die Kröte fort. Fortan spürte der schöne Schwan den bohrenden Blick kleiner Krötenaugen, wo immer er auch schwamm.
Er war ein großer, freier Schwan; stolz, gesund und schnell. Doch irgendetwas hatte Raum in ihm, das vorher noch nicht da war. Er schwamm zwar noch frei über den Teich, aber seine Gedanken waren es nicht. Ständig hielt er Ausschau nach dem feisten Krötengesicht.  
Seine Gefährtin war schon immer scheu und schüchtern gewesen, aber jetzt schien es, als wären ihre Flügel gelähmt, ihr Blick ging leer nach innen. Der Schwan wurde wütend, er wollte dieses Paradies nicht verlassen. Er wusste genau: So ein Krötengesicht verfolgt jeden über alle Grenzen. Doch so stark er sich auch redete, so sehr er seine Federn striegelte, so sehr bemühte er sich auch vergeblich, den Raum, den die Kröte sich genommen hatte, wieder für sich zu gewinnen. Er war verzweifelt: „Was mache ich nur, wie werde ich ihn los, diesen Schatten?“ – denn mehr als ein Schatten war es nicht, was ihn Tag und Nacht verfolgte. Die Kröte saß irgendwo, aber nicht in seinen Bahnen. Ständig beobachtete er den See, er sah gar nicht mehr seine Schönheit. Ständig war er am Überlegen, wie er der Kröte am besten begegnete.
Eines Nachts hatte er einen Traum. Ein riesiger weißer Schwan, der von einem goldenen Strahlen umgeben war, sagte ihm deutlich und klar: „ Sieh, mein großer Krieger: Das, was dir die Flügeln stutzt, ist nicht das, was du mit deinen Blicken suchst. Das, was dich klein sein lässt, ist deine Angst. Dass die Kröte nur eine Kröte ist, vergaßt du schon vor langer Zeit. Nun ist in deinem Sinn ein riesengroßer Moloch, der seine Größe nur daher nimmt, dass du ihn von der Kröte trennst.“
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.12.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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