Evelyn Goßmann

Himmelsmedizin


 
Astrid kommt mit hochroten Wangen heim, erzählt begeistert vom Toben im Schnee und wie viel Spaß es gemacht hat. Plötzlich wird sie nachdenklich und still. Die Mama wundert sich darüber, denn sonst steht das kleine Mäulchen nie still. Sie fragt ob alles in Ordnung sei weil die Kleine so plötzlich verstummt.
„Ja weißt du, da war doch wieder Herr Knötterich, der griesgrämige alte Kauz der immer so wütend wird wenn wir recht nah an seinem Gartenzaun den Hügel runtersausen oder spielen und dabei etwas lärmen,“  beginnt sie zögerlich.
Er war von den Kindern so getauft worden weil er immer knötterte und grummelte wenn sie zu nah an sein Grundstück kamen. Sein bloßer Anblick und seine mächtige dröhnende Stimme, die verblüffende Ähnlichkeit mit den Geräuschen eines heftigen Gewitters hatte jagten ihnen großen Schrecken ein. Beängstigend sah er aus mit den buschigen dunklen Augenbrauen, den schwarzen, wütend funkelnden Augen und wild fuchtelnden Armen. Astrid hatte ihn manchmal zu Hause mit Räuber Hotzenplotz verglichen. „Besonders Uta hat er immer auf dem Kieker auch wenn die gar nichts macht,“ fuhr sie fort. „Er kann sie einfach nicht leiden, sicher weil sie ihn mal gefragt hat, warum er nie mal mit uns lachen kann.“ Die Mama musste sich auf die Lippen beißen damit ihr nicht ein lautes Lachen herausrutschte. Kinder sind halt sehr direkt, und mancher Erwachsene fühlt sich dann so richtig auf den Schlips getreten.
„Ich habe genau gesehen dass sich die Gardine bewegte“ sprudelte es aus Astrid heraus, „ er stand da, sah uns zu und grinste. Sicher hat es ihm Vergnügen gemacht uns beim Toben zuzusehen. Er hat nicht mal geschimpft wie sonst, ich glaube er hat sogar gewinkt. Warum schimpft er dann immer mit uns?“
Oja, nickte die Mama, etwas überrascht aber auch erfreut. Was Kinder alles so sehen und wahrnehmen, dachte sie flüchtig. Kein Wunder, sie waren oft  eingeschüchtert worden durch das Schimpfen des alten Herrn sodass sie öfter mal zu den Fenstern schielten um zu sehen ob er gleich wieder um die Ecke biegen würde um sie mit seinem donnernden Knöttern zu vergraulen.
„ In der Weihnachtszeit sehen manche Menschen das alles etwas anders“, erklärte sie ihrer kleinen Tochter die sich, nachdem der bedrückende Ballast von der kleinen Seele geplumpst war genüsslich das kleine Mundwerk mit Keksen voll stopfte. „Alle freuen sich auf Weihnachten, das stimmt oft auch so Brummbären recht milde. Er ist sicher viel allein oder hat Schlimmes erlebt, und verhält sich darum etwas seltsam,“ erklärte die Mutter behutsam,“ mag sein er ist nur traurig, nicht böse.“ Wieso fragte die Kleine keck: „gibt es einen
Himmelsdoktor der extra vorher die Herzen heil macht damit sie alle voll Freude und mild gestimmt sind statt zu schimpfen wie sonst?“
Die Mama schmunzelte: „ja so ähnlich mein Schatz, die Ankunft des Christkindes ist auch so was wie eine Himmelsmedizin, denn sie öffnet die Herzen und macht sie weicher, für Freude empfänglich, stimmt manchmal auch alte Grantler milde. Weißt du, oft sind sie nur zu viel allein, etwas einsam, daher scheinen sie oft unfreundlich und hartherzig. Um diese Zeit wenn Schneeflocken zu tanzen beginnen, überall weihnachtliche Musik erklingt, Fenster und Häuser festlich geschmückt sind wie auch Geschäfte und Straßen denken viele an die eigenen, schönen Weihnachtsfeste von früher und die eigene Kindheit zurück, das rührt sie dann schon. Böse ist der alte Herr nicht. Man sollte sich etwas mehr um ihn kümmern, dann hätte er auch mehr Freude.“ Ernsthaft lauschte das kleine Mädchen und nickte.
„Kommt die Medizin auch gleich mit den Schneeflocken vom Himmel, dann würde überall gleich alles Böse geheilt“ meinte die Kleine nachdenklich, mit blitzenden Augen über ihren guten Einfall.
 „Nee meine Kleine, so einfach wird es nicht sein aber es ist schon so, dass die Vorfreude auf das Christkind alle Menschen freundlicher stimmt, die Herzen offener sind und allgemein Freude einzieht.“
„Schade, wäre schön wenn immer alle nett wären,“ meinte Astrid.“ Es sollte ganz viel Himmelsmedizin geben, vielleicht kann ich mir die wünschen und gebe davon Herrn Knötterich was ab, dann ist er bestimmt immer nett und freundlich.“
Mutter lächelte still bei den klugen Worten ihres gutherzigen Töchterchens. Tiefe, erlösende Seufzer dann nachdenkliche, ungewohnte Stille herrschten in der gemütlichen Küche in der das Feuer lustig prasselte. Viele ähnliche Gedanken schwebten fast spürbar im Raum. Schneeflocken mit Himmelmedizin, eine schöne Vorstellung. Wünschen wir uns so etwas ähnliches nicht alle?

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.12.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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