Helmut Wurm

Beispiel für eine übliche Gefälligkeitsrede bei Entlassfeiern

 

 

Teil I:

 

Liebe Schüler, liebe Eltern, liebe Kollegen, liebe Gäste.

 

Ich habe Euch, liebe Schüler und liebe Eltern, bewusst zuerst in meiner Begrüßung genannt, weil, es heute "Euer Tag" ist, der Tag des Abschlusses Eurer Schulzeit und der Tag des Beginnes Eures künftigen Berufslebens. Solch ein Tag ist Grund für einen dankbaren Rückblick und für einen hoffnungsvollen Ausblick. Rückblickend kann dankbar festgehalten werden, dass Ihr, liebe Schüler, Euch bemüht habt, Euer Bestes zu geben, auch wenn manche Mühe als schwer empfunden wurde.

 

Aber Ihr habt nicht aufgegeben, habt letztlich kontinuierlich versucht, weiterzukommen und habt nun verdient das erstrebte Ziel erreicht, den Realschul-Abschluss. Viele von Euch haben dieses Ziel nicht nur verdient erreicht, sie haben auch lobenswerte Leistungen bestätigt bekommen, auf die sie mit Recht stolz sein können. Das ist nicht nur für Euch ein Stück verdienter Selbstbestätigung, sondern auch für Euere Lehrer. Dafür herzlichen Dank.

 

Dank auch für Euer Verhalten. Man hört so viele Klagen über die heutige Jugend und insbesondere über die Zustände an den heutigen Schulen. Ihr habt ein besseres Bild von der heutigen Jugend hinterlassen. Ihr wart zwar auch Jugendliche mit Fehlern und Schwierigkeiten, aber Ihr habt Euch bemüht, die positiven Erinnerungen an Euch überwiegen zu lassen. Ihr wart auch in Euerem Sozialverhalten für die Schule ein Erfolgserlebnis, denn es ist neben dem zu vermittelnden Fachwissen auch das Ziel der Schule gewesen, Euch zu Menschen zu erziehen, die ein rücksichtsvolles und höfliches Sozialverhalten zeigen. Wenn alle Schulen solche Schüler und solches Sozialverhalten aufzuweisen hätten, dann würde in der Öffentlichkeit ein positiveres Bild von den heutigen Schülern existieren. Auch dafür noch einmal herzlichen Dank.

 

An diesem positiven schulischen Leistungserfolg und Sozialverhalten sind natürlich auch Euere Eltern formend mit beteiligt gewesen. Sie haben Euch erkennbar immer wieder Mut gemacht, Schwierigkeiten zu überwinden und haben die Schule in ihrer Bemühung unterstützt, Euch für das Leben vorzubereiten. In den vergangenheitlichen Zusammentreffen mit Eueren Eltern ist uns Lehrern diese erfreuliche Tatsache deutlich geworden, dass Euere Eltern weitgehend hinter den pädagogischen Zielsetzungen der Schule gestanden haben, so dass etwas von einer großen Schulfamilie Wirklichkeit gewesen ist. Es heißt zunehmend in der Öffentlichkeit, Eltern würden sich immer weniger um ihre Kinder kümmern und Erziehung immer mehr an die Schule delegieren. Das konnten wir so nicht feststellen. Aber vielleicht haben wir an unserer Schule noch besonders günstige Bedingungen. Wie dem auch sei, ein Dank auch an die Eltern.

 

In solch einer Stunde der Rückbesinnung und Voraus schau sollen auch die Lehrer nicht vergessen werden. Das Lehrersein ist keine leichte Sache, die jeder mit ein bisschen Geschick für Erziehung erfolgreich ausfüllen könnte. Die Voraussetzungen für das Lehrersein sind eine gute Allgemeinbildung und Fachbildung, um die Lehrinhalte zu vermitteln und richtig einordnen zu können. Dafür muss man sich der Mühe des erfolgreichen Abiturs, eines erfolgreichen Hochschulstudiums und einer 2jährigen pädagogische Ausbildung an einem Studienseminar unterziehen. Ein Handwerker, der mit 18 Jahren die Gesellenprüfung bestanden und regelmäßig gearbeitet hat, hat mit ca. 25 Jahren bereits ca. 150 000 DM verdient, während der Lehrer in diesem Alter frühestens anfängt zu verdienen. Das ist der Preis für den Erwerb der notwendigen Allgemeinbildung und Fachbildung, die der Lehrer für seinen Berufswunsch zahlen muss. Und auf seinem Wissensstand darf er sich nicht ausruhen. Er ist verpflichtet, sich ständig fortzubilden.

 

Die Lehrerschaft benötigt für ihren Beruf umfangreiche Kompetenz und Leistungsbereitschaft und sie hat diese Kompetenz und zeigt diese Leistungsbereitschaft. Darauf muss in unserer Zeit der Lehrerabwertung regelmäßig hingewiesen werden. Und unsere bisherigen Schüler sind Beweise für diese Kompetenz und diese Leistungsbereitschaft der Lehrer unserer Schule, denn wir haben bisher von Berufsschulen und weiterführenden Schulen überwiegend positive Rückmeldungen über unsere abgegebenen Schüler bekommen.

 

Wenn ich einleitend den Schülern ins Gedächtnis gerufen haben, dass sie auch Stunden der Bitterkeit über die Anforderungen, Stunden des Mühens und vielleicht sogar der Verzweiflung durchgemacht haben und dass manche vielleicht enttäuscht sein werden über die Endnoten, dann kann ich diese Schüler nur bitten, guten Mutes nach vorn zu schauen und alle Bitterkeit zurückzulassen. Sie haben das angestrebte Ziel, den erfolgreichen Abschluss erreicht. Das zählt letztlich allein. Mühen und bewältigte Schwierigkeiten machen den Erfolg nur schöner.

 

Das ist wie ein Brückenbau. Welche Schwierigkeiten sind da häufig zu überwinden. Aber endlich ist die Brücke fertig und der Verkehr kann auf die andere Seite rollen. Und mit Euerem erfolgreichen Abschluss habt Ihr die Brücke ins Berufsleben geschlagen. Das zählt. Aus den Fehlern der Schulzeit kann man lernen, künftig zügiger und erfolgreichen voranzukommen. Was zählen schon für den späteren beruflichen Erfolg die jetzt erreichten Noten? Oft haben die so genannten guten Schüler später 1m Berufsleben nur mäßigen Erfolg gehabt, während die angeblich Schwachen und Faulen die große Karriere und das große Geld machten. Für letzteres drücke ich Euch allen die Daumen. Denkt daran, alles ist noch offen, Hauptsache, Ihr habt den Abschluss erreicht. Dazu beglückwünsche ich Euch.

 

(vermutlicher Applaus von Seiten der Zuhörer)

 

 

Teil 2: Demaskierung dieses üblichen Musters von Abschlussreden.

 

Liebe Schüler, liebe Eltern, liebe Kollegen, liebe Gäste, 

ich bin mit meiner Rede noch nicht am Ende. Denn ich würde es bedauern, wenn diese nach den einfachsten Grundmustern der Redekunst entworfene Rede als meine inhaltlich wirklich so gemeinte Rede gehalten würde.

 

Das Grundmuster können Sie in allen Handbüchern der Redekunst nachlesen. Diese Redekunst wurde bereits bei den Alten Griechen entwickelt und als Rhetorik bezeichnet. Sie diente dazu, sich allseits beliebt zu machen und seine Meinung durchzusetzen. Kurse in Rhetorik gehören auch heute noch zur Grundbildung von Politikern, Journalisten und Meinungsführern. Ich will kurz die drei von mir berücksichtigten rhetorischen Grundempfehlungen vorstellen.

 

Grundempfehlung Nr. 1: Man soll so viel wie möglich loben, Negatives zwar nicht verschweigen, damit die Rede einen Anflug von Echtheit behält, es aber als unbedeutend im Vergleich mit den positiven Seiten darstellen. Dadurch gewinnt man die Sympathie der Zuhörer.

 

Zuerst habe ich die Schüler gelobt. Die Wirklichkeit sieht natürlich nicht so einseitig aus. In vielen Fällen war der Lernerfolg nicht so lobenswert, das Bemühen nicht so stetig gewesen, wie sich das die Schule gewünscht hat. Und auch Euer Sozialverhalten ließ öfter zu wünschen übrig, sowohl untereinander als auch gegenüber den Lehrern und vermutlich auch zuhause gegenüber den Eltern. Hier konnte in der Vergangenheit und sollte zukünftig noch vieles besser werden. Lernen lernt man nur durch stetiges Lernen, und dann am besten, wenn es nicht leicht fällt. Und bezüglich des Sozialverhaltens sollte mehr Verständnis und Rücksicht auf Ängstliche und weniger Durchsetzungsfähige, auf die Schwächen der Mitmenschen allgemein genommen und die eigene Person weniger in den Vordergrund gespielt werden. Wer die Menschheit bessern will, wer das künftige Leben der Menschen friedlicher und harmonischer mitgestalten will, muss zuerst einmal bei sich selber anfangen.

 

Solche Hinweise und solche Kritik lösen natürlich keinen Beifall aus, obwohl sie für die Zukunft der Menschheit wichtiger sind als Lobesketten. Natürlich sollen Lob und Tadel gemeinsam in der Erziehung eingesetzt werden, aber nicht nur überwiegend Lob und nur gelegentlich Tadel, um dem jungen Menschen den Schmerz der Kritik zu ersparen. Vielleicht kommt es durch dieses häufige Ungleichgewicht von Lob und Tadel zu dem auffälligen Tatbestand, dass junge Menschen geradezu brutal die Fehler der anderen offen legen und kritisieren, bezüglich Kritik an der eigenen Person aber äußerst empfindlich reagieren.

 

Dann habe ich die Eltern gelobt. Auch da habe ich nur die halbe Wahrheit dargestellt. Viele Eltern haben die Schule nicht unterstützt, haben bei Elterngesprächen und sicher noch mehr zu Hause massive Kritik geäußert und Misserfolge ihrer Kinder einseitig der Schule angelastet. Und manche Eltern haben sich um die schulischen Leistungen und das schulische Verhalten ihrer Kinder zu wenig gekümmert, sondern Erziehung tatsächlich weitgehend an die Schule delegiert und sind höchsten dann in Erscheinung getreten, wenn Misserfolge eintraten. Aber auch mit solchen Hinweisen dürfte man kaum seine Anerkennung als Lehrer steigern.

 

Grundempfehlung Nr. 2: Stelle die eigene Person und den eigenen Berufsstand so dar, dass deine Position gestärkt wird und du in der Achtung der Zuhörer steigst. Dann werden deine Argumente unkritischer aufgenommen.

 

Deshalb habe ich den Berufsstand der Lehrer in seiner fachlichen Kompetenz und in seiner Leistungsbereitschaft in positivstem Licht dargestellt. Auch dabei handelt es sich natürlich nur um eine Halbwahrheit. Nicht alle Lehrer haben ihren Beruf aus pädagogischer Begeisterung und Verantwortung ergriffen, nicht alle haben gern Gymnasium und Universität besucht und nachher regelmäßig Fortbildung betrieben. Mit Sicherheit haben die Vorzüge der Verbeamtung und die Möglichkeit, seine Zeit selber einteilen zu k8nnen, häufig eine Bedeutung bei dem Entschluss gehabt, Lehrer zu werden. Und wie in allen Berufszweigen gibt es natürlich auch in der Lehrerschaft mehr und weniger Engagierte, mehr Belastete (z.B. mit Hauptfächern) und weniger Belastete (z.B. mit sogen. Nebenfächern). Aber solche Feststellungen könnten das öffentliche Ansehen der Lehrerschaft mindern und werden deshalb von klugen Rednern gemieden.

 

Grundempfehlung Nr. 3: Biege Zusammenhänge so um, ja verändere wirkliche Tatbestände derart, dass sie in ihrer neuen Form für deine angestrebten Zwecke nützlich werden.

 

Der angestrebte Zweck war hier, dass in der an diese Rede folgenden Zeugnisausgabe keine unnötige Enttäuschung aufkommt und die Harmonie der Veranstaltung nicht gestört wird. Ich habe deswegen den vermutlich weniger erfolgreichen und unzufriedenen Schülern einzureden versucht, dass es letztlich nur darauf ankomme, den Abschluss erreicht zu haben. Noten spielten nur eine untergeordnete Rolle. Ich habe das in übertriebener Form mit. dem Hinweis. zu untermauern versucht, dass die Leistungsbeurteilungen im Zeugnis häufig nichts über den Erfolg im späteren Lebensweg aussagen.

 

Das ist natürlich wieder nur die halbe Wahrheit. Es ist Naivität anzunehmen, bei den Bewerbungsverfahren würden die erreichten Zeugnisnoten nicht mit berücksichtigt und die erreichten Ergebnisse in den einzelnen Fächergruppen nicht sorgfältig interpretiert. Und bald merken die Ausbildungsbetriebe, ob hinter guten Noten auch wirklich gute Leistungen stehen.

 

Natürlich bleibt weiterhin alles offen für das spätere Berufsleben, aber ein schlechtes Gesamtnotenbild in einem Abschlusszeugnis ist ärgerlich und sollte in dem einen oder anderen Fall zum Nachdenken führen, ob es sich wirklich gelohnt hat, sich auf einer weiterführenden Schule gemüht zu haben. Aber auch dieser Hinweis dürfte trotz seiner Berechtigung keine Beifallsstürme auslösen. Ein kluger Lehrer-Rhetoriker wird solch einen Hinweis vermeiden.

 

Aber so wie bis hierher sollte man keine Abschlussrede beenden. Das waren bisher keine nützlichen Rückblicke und Geleitworte für Eueren künftigen Weg. Lobespädagogik, zweckbedingte Wirklichkeitsverdrehungen und vorwiegend negative Betrachtensweisen sind für Euch keine sinnvollen Hilfen. Ich kann euch eine bessere Wegbegleitung für Euer späteres Leben anbieten, auch aus der Zeit des Alten Griechenlandes.

 

Gleichzeitig mit den gewissenlosen, erfolgssüchtigen Rhetorikern lebte in Athen auch der Philosoph, der den damaligen jungen Menschen ,den Weg wies, sich nicht von geschickten Rednern beeinflussen zu lassen und zu wirklich geistig freien Menschen und mündigen Bürgern zu werden. Es war Sokrates, der Begründer der modernen Wissenschaft. Eigentlich von Beruf Handwerker machte er es sich zur Lebensaufgabe, junge Menschen so zu erziehen, dass es diesen allein von Nutzen war. Täglich saß er auf dem Marktplatz von Athen und unterhielt sich mit den jungen Erwachsenen darüber, was richtig und falsch sein könnte, was gut und schlecht, was edel und gemein. Und täglich entlarvte er die Halbwahrheiten, Unwahrheiten und zweckbedingten Redeinhalte der damaligen Rhetoriker. Er stellte selber keine neuen, eigenen Theorien auf, er wollte niemanden von seiner eigenen Meinung überzeugen, er bat die Athener nur immer wieder, über alles kritisch selber nachzudenken, niemandem ungeprüft zu glauben, alles selber nachzuprüfen und mit dieser kritischen Lebenseinstellung bei sich selber anzufangen. Er schloss deshalb seine Gespräche immer nur mit der Empfehlung: "Lasst uns darüber nachdenken". Das, meine ich, ist der wichtigste Rat überhaupt, den man jungen Menschen mitgeben kann. Wer über alles kritisch nachdenkt, geht den Meinungsführern nicht auf den Leim. Lasst Euch keine Meinung in geschickter Weise einreden, seid misstrauisch allen guten Rednern gegenüber, seid misstrauisch allen denjenigen gegenüber, die Euch angebliche einfache soziologische Heilslehren anbieten, bleibt dem als richtig erkannten Weg und Ziel treu, denkt daran, dass alles verschiedene Seiten hat, legt keinen unnötigen Wert auf den Beifall Eurer Mitmenschen und schließt in diese Eure schonungslose Vorsicht und Kritik die eigene Person mit ein.

 

Denn wer die Gesellschaft, die Menschheit bessern will, muss bei sich selber anfangen.
Lasst uns darüber nachdenken.

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.12.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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