Talula Zimt

Der Weihnachtsengel

 Da ist er wieder! Das ganze vergangene Jahr hatte sie sich schon darauf gefreut ihn wieder zu sehen. Ihn dabei zu beobachten, wie er seelenruhig neben ihr her schwebt, oder über ihr fliegt, immer mit dem gleichen, herzerwärmendem Lächeln im Gesicht, das auch sie von innen strahlen lässt, sobald sie es erblickt. Marias Weihnachtsengel war wieder da. Seit sie sich erinnern kann, war er jedes Jahr zur selben Zeit an ihrer Seite und strahlte diese Ruhe und Ausgeglichenheit aus, die auf wundersame Weise immer auf sie abfärbt. Und das seit je her. Ob alle Anderen auch einen Weihnachtsengel haben wusste Maria nicht. Doch manchmal sah sie jemanden, der unwirsch durch die Straßen hastete und sich keine Sekunde der Ruhe gönnte, um wenigstens für einen kurzen Moment die liebevollen Weihnachtsdekorationen einiger Familien anzusehen, die diese in ihren Fenstern platziert hatten. Oder um kurz inne zu halten und die ersten Flocken eines beginnenden Schneefalls zu genießen, die, wie Maria fand, die schönsten von allen waren. Wenn sie so einen Menschen beobachtete, dann wurde ihr klar, dass wohl nicht jeder das gleiche Glück wie Maria hatte. Trotzdem war Maria sich absolut sicher, dass sie nicht die einzige sein konnte, die einen Weihnachtsengel besaß, der sie von kleinauf gelehrt hatte schöne Momente zu genießen, wenn sie auch manchmal unverhofft auf einen zustürzen. Sie genoss die Tage vom 23.12. bis 26.12. jedes Jahr, denn nur zu dieser Zeit sah sie ihn. Sobald sie am Morgen des 27.12. erwachte, war er fort. Das stimmte sie jedes Jahr ein wenig traurig, doch die Zuversicht, sie würde ihn bereits nächstes Jahr wieder sehen, machte den Schmerz der Trennung erträglicher. Seit 17 Jahren erfreute sie sich nun schon an diesem Besucher zur Weihnachtszeit. An ihrem Engel. Nie hatte er zu ihr gesprochen, oder irgendeine art Laut von sich gegeben. Er war stets schweigsam an ihrer Seite gewesen und wich ihr nie von dieser, solange er da war.
Die Erscheinung des Engels war jedes Jahr schwächer geworden. Sie hatte es nie mitbekommen, aber je älter Maria wurde, desto mehr verblasste ihr Engel. Dies war ein normaler Vorgang, auch wenn sie es nicht wusste.
An ihrem 17. Weihnachtsfest nun war sie überaus erstaunt. Freudig erstaunt, denn ihr Weihnachtsengel sprach das erste Mal zu ihr. „Ein frohes Weihnachtsfest wünsche ich dir Maria“, waren seine ersten Worte. Nie mehr würde Maria sie vergessen, obschon sie dass jetzt noch nicht wissen konnte. Seine Stimme hatte einen hellen, angenehmen Klang und war sehr sanft. So als ob eine Harfe seine Stimme wäre. Maria war so perplex, dass sie gar nicht wusste was sie antworten sollte. Sie stand einfach nur so da, mitten im Park, umgeben von den schönsten Schneegebilden und starrte ihren Engel wortlos an. Die Schneeflocken flogen langsam und behutsam durch die schattenhafte Erscheinung der Weihnacht hindurch, so als würde sie gar nicht existieren und der Engel sprach so zart wie zuvor weiter: „Maria, ich muss mich, an diesem wundervollen Tag, leider von dir verabschieden.“ Noch ehe sie Zeit hatte irgendeine Art von Protest einzuwerfen, fuhr er fort: „Ich werde dich nicht verlassen! Jedes Jahr zur Weihnachtszeit werde ich dich auf deinen Wegen begleiten und dir die kleinen Wunder des Alltags nahe bringen. Du wirst mich nur leider nicht mehr sehen können.“ Der Engel sah das Entsetzen und die Enttäuschung in Marias Gesicht, doch er wusste genau, dass er den Lauf der Dinge nicht ändern konnte, obwohl er es so sehr wollte. Er erklärte ihr also, dass all jene Menschen, die das Glück haben einen Weihnachtsengel an ihrer Seite zu wissen, mit 18 Jahren die Fähigkeit verlieren, ihn zu sehen. Maria wusste keine Worte der Trauer, doch ihr Gesicht verriet, was sie in diesem Moment des kommenden Verlustes fühlte. Sachte rann eine Träne an ihrer Wange herunter, in der sich Gefühle verbargen, die ihr Herz nicht zu fassen vermochte. Der Weihnachtsengel, der eben noch direkt vor ihr in der Luft geschwebt hatte, beugte sich nun vorsichtig zu ihr vor und küsste sie an der Stelle, wo die Träne sich gerade befand. Maria war tief berührt von dieser Hingabe und konnte sich ein zaghaftes Lächeln nicht verkneifen. Die Weihnachtserscheinung richtete sich wieder auf und beendete das „Gespräch“ mit: „Heute Abend, bevor du die Augen schließt, wirst du mich das letzte Mal in deinem Leben wahr nehmen können, aber ich werde dennoch immer bei dir sein.“ Maria schaute bedrückt auf ihre Füße und wusste nichts dazu zu sagen, weshalb sie stillschweigend weiter gingen.
Als sie am Morgen des 27.12. erwachte, war sie sehr traurig und diese Traurigkeit hielt noch eine Weile an. Etliche Jahre hielt sie ungeduldig und hoffend nach ihrem Weihnachtsengel Ausschau. Sie wollte es nicht glauben. Doch nie erblickte sie ihn. Er war tatsächlich verschwunden. An jedem der folgenden Weihnachtsfeste fühlte sie sich allein und ein wenig zurückgelassen, obwohl sie sich immer wieder sagte, dass er ja noch bei ihr ist. Dass sie ihn nun nur nicht mehr sehen kann.
Die Jahre vergingen, Maria wurde älter, fand einen Freund, heiratete und bekam 2 wundervolle Kinder. Sie liebte sie von ganzem Herzen und je älter ihre Kinder wurden, desto mehr lenkten sie sie zu Weihnachten von ihrem dumpfen Trennungsschmerz ab, der nie ganz verflogen war. Doch ihren Engel konnte sie nie ganz vergessen. Eines Tages dann, besuchte Maria mit ihren Kindern und ihrem Mann einen Weihnachtsmarkt. Es war Heiligabend und etliche andere Familien waren auf diesem Markt. Ihr kleiner Sohn lief, an Marias Hand gehend, voraus und wollte alles und jeden sehen. Willkürlich lief er zu Losbuden, Schießständen, Achterbahnen und anderen Kuriositäten, doch nichts wollte ihm so recht gefallen. Maria und ihr Mann hatten schon taube Füße, durch die eisigen Temperaturen und den Schneematsch, der überall lag. Hier erinnerte nichts an die wundervollen Spaziergänge durch den Schnee, die Maria mit ihrem Engel unternommen hatte, als sie ihn noch sehen konnte. Sofern er überhaupt noch da war. Denn das bezweifelte sie jedes Jahr mehr. An diesem Tag, als sie mit ihrer Familie über den Weihnachtsmarkt lief, hatte ihr Sohn nun endlich etwas ausfindig machen können, dass nach seinem Geschmack war. Ein kleines Kettenkarussell, das sich in der Mitte des Weihnachtsmarktes versteckt hatte. Mit großen Augen starrte Nicolas auf das Karussell und zerrte unwirsch am Arm seiner Mutter. „Mutti! Das da! Können wir das machen? Bitte Mutti. Ich will da mitfahren! Können wir? Können wir? Können wir? Biiiiiiiiiitteeeee!“ Maria hatte das Gefühl ihr Sohn wolle ihren Arm bei dem letzten Wort in die Länge ziehen, denn er zog unaufhörlich daran. Sie sah kurz zu ihrem Mann. Der schüttelte leicht den Kopf, was soviel bedeuten sollte wie: „Ich geh da bestimmt nicht mit rauf“, und dann sagte sie zu Nicolas: „Also gut.“ Die beiden liefen zu dem Karussell, während Marias Mann und ihre Tochter, eine Bude mit Räucherwerk ansahen, die sich in der Nähe des Karussells befand. Nicolas und Maria stellten sich beim Kettenkarussell an, sie bezahlte und danach suchten sie sich zwei Plätze neben einander. Während Nicolas ungeduldig und zappelnd in seinem Sitz saß, wurde Maria leicht nervös. Sie hat noch nie zuvor in einem solchen Gefährt gesessen. Wie so oft, wenn sie nervös wurde, versuchte sie sich auf etwas Anderes zu konzentrieren. Etwas Beruhigendes. Etwas, das absolut nichts mit dem zu tun hat, was sie nervös macht. Sie suchte also danach und fand es auch ungewöhnlich schnell. Es war ein Funkeln und Glitzern auf der Mütze ihres Vordermannes. Er hatte sich offenbar einen Pin an die Mütze gesteckt. Der Pin war rund und vermutlich ein Emblem irgendeines Fußballvereins. Sie versuchte angestrengt zu erkennen welcher Verein es wohl sein mochte, doch kaum hatte sich das Karussell in Bewegung gesetzt, interessierte es sie gar nicht mehr. Noch nervöser als zuvor sah Maria zu ihrem Sohn, der mit einem breiten Lächeln im Gesicht „Juhu! Es geht los, los, los!“, rief. Keine große Hilfe, dachte Maria. Ihr Mann konnte ihr nun auch nicht mehr helfen, dachte sie, und das Karussell wurde schneller und schneller. Maria schloss krampfhaft ihre Augen. Um keinen Preis wollte sie wissen wie es aussieht, wenn sie seitwärts an einem Karussell durch die Lüfte fliegt.
Doch dann hörte sie eine leise und kaum wahrnehmbare Stimme, die mit jedem Herzschlag lauter und klarer wurde. Bis Maria endlich erkannte was das Flüstern sagte: „Ein frohes Weihnachtsfest wünsche ich dir Maria. Hab keine Angst. Mach die Augen auf. Es ist alles okay.“ Erstaunt und fassungslos realisierte Maria, dass sie diese Stimme schon einmal gehört hatte. Nur ein einziges Mal in ihrem Leben. Sie schlug ihre Augen auf, insgeheim fürchtend sie würde niemanden sehen, doch da war er. Sie blickte ihm direkt in die Augen, denn er flog vor ihr, als wäre er nie fort gewesen und als wären sie noch immer in dem Park von damals, wo die Schneeflocken die einzigen Zeugen ihres Schmerzes waren.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.12.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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