Christa Astl

Die Bötin

„Was hamms ma denn heit aufgladn?“, denkt die Barbl, als sie sich zum Rasten auf ihren Schirm stützt und den schweren Buckelkorb an einen Baum lehnt. Die Allerjüngste ist sie ja nimmer, aber heut fällt ihr das Steigen besonders schwer.
Der Wald wird schon langsam etwas lichter, bald ist sie auf dem Joch, und dann geht es nur mehr bergab. In Gedanken sieht sie sich schon in der Stube beim Einheizen, das Essen richten für die kranke Mutter, die seit dem Sommer nicht mehr aus dem Bett kommt.
Barbl, die Bötin, wie sie talauf, talab genannt wird, ist seit den frühen Morgenstunden unterwegs. Gestern war sie in der Stadt, um ihre Besorgungen zu machen und die Aufträge ihrer Dienstgeber zu erledigen. Da waren Leute unterwegs, fast nicht zum Durchkommen mit ihrem Buckelkorb! Und ein Reden, Rufen und Schreien. Sogar fremde Sprachen konnte sie hören! Der Kaiser hatte ja befohlen, dass sich jeder in seiner Heimatstadt, wo er geboren wurde einschreiben ließ. Dieses Geschäft hat die Barbl schnell erledigt, sie war ja in der Stadt und in den Ratsstuben bestens bekannt. Auch hatte sie längere Zeit beim „Lamplwirt“ gearbeitet, wo ihr Jörgl, der jüngere Wirtssohn, schöne Augen gemacht hatte. Dann war er bei einem Unfall unter den Wagen gekommen, beide Beine wurden ihm abgetrennt. Tag und Nacht saß die Barbl, die damals eines der schönsten Mädchen im Tal war, an seinem Bett und wachte über jeden Funken Leben, der noch in ihm war. Jedoch alle Pflege und Sorge half nichts, um Ostern wurde er begraben. Die Barbl kehrte wieder heim in ihr Dörfchen, um der Mutter, die auch nicht mehr ganz gesund war, den Haushalt zu führen. Doch das Leben in dem kleinen Häusl engte sie ein, auch wollte sie das Grab ihres Liebsten betreuen. So zog sie oft übers Joch in die Stadt und besorgte dabei die Geschäfte der Nachbarn. Sie wurde bekannt und immer mehr Leute kamen mit einem Auftrag, mit einer Bitte zu ihr und das Mädchen führte alles zur Zufriedenheit aus. Ihren Dank brachten die Leute in Lebensmitteln oder Gaben aus der eigenen Landwirtschaft. So lebten die zwei Frauen bescheiden, aber zufrieden.
Jetzt mit ihren gut fünfzig Jahren ist Barbl noch immer eine stattliche Frau, in ihrem vollen schwarzen hoch aufgesteckten Haar zeigen sich erst ein paar weiße Fäden.
„Jetz magst aber weitermarschiern!“, weckt sie sich selber aus den Gedanken. „Sonst weards dunkl, und du vasaamst ’s Wegkreiz und kaamst ins Gschröf!“ Mit einem Ruck stößt sie sich vom Baum ab und schreitet wieder rüstig aus. Schon ist sie auf dem nicht mehr so steilen Almweg. Unter einzelnen Lärchen kauern die Schafe, bald muss sie den Unterstand der Hirten erreichen. Freudig wird sie begrüßt und eingeladen zum Bleiben. Überall ist die Barbl gerne gesehen. Sie weiß zu erzählen, was sich in den Dörfern zugetragen hat, bringt Grüße, nimmt Botschaften mit. Doch heut haben die Hirten eine Neuigkeit: „Der Heiland ist letzte Nacht geboren, der Engel hat’s verkünd’t.“ Sie erzählen vom Glanz der himmlischen Heere, und wie der Engel sie hingeführt hat zu dem Stall, zu dem armen Kindl auf dem Stroh. – Das muss die Barbl auch sehen! Sie lässt sich den Weg ganz genau beschreiben, dann kann sie nichts mehr halten. Eilig schnürt sie die Schuhe fester, bindet ihr Tüchl um, nimmt den schweren Buckelkorb wieder auf, die Hirten packen noch schnell ein Lammfell oben drauf, „- fürs Kindl -“. Den Regenschirm klemmt sie sich unter den Arm, dann verlässt sie die gastliche Stätte. Sie muss sich nun beeilen, dass sie den Weg nicht verfehlt. Die Tage sind kurz um die Zeit, schon streift die Sonne nur mehr die höchsten Gipfel. Der erste Stern blinkt. „Der is ja heit besonders hell, fast wia a kloane Sunn!?“, denkt sich die Bötin.
Bis nach Hause hätte sie nur noch ein schwaches Stündchen gehabt, aber jetzt will sie diesen Umweg machen. Wenn das wirklich der neugeborene Heiland ist, der alle Menschen erlöst, der Kriege abschafft, der macht, dass alle Menschen sich lieben....?
Bald ist ringsum dunkle Nacht. Der helle Stern leucht noch heller als zuvor. Langsam und leise zieht er am Himmel seine Bahn. Und die Barbl auf der Erde versucht, seiner Richtung zu folgen. Längst hat sie den vertrauten Weg verlassen, quert den winterlich kahlen Laubwald, kommt endlich wieder auf eine Wiese. Da sieht sie wie der Stern sich senkt und genau über einer Almhütte stehen bleibt. Die Barbl schlägt ein Kreuzzeichen, bleibt erschrocken stehen. Sie hat Angst, das Dach könnte zu brennen anfangen. Ein Mann tritt aus der Hütte, sucht ein paar dürre Zweige, entfacht ein Feuer. Da hört sie Kinderweinen und bald darauf tritt eine junge Frau mit einem kleinen Kindlein im Arm herzu und lagert sich an der Glut.
Ein wundersamer heiliger Frieden geht von dieser Familie aus, ganz eigen wird es der Bötin. Langsam geht sie aus dem Dunkel des Waldes in den Schein, mit dem der Stern die Lichtung erhellt, und sie kann nicht anders, sie stellt den Korb ab und muss niederknien vor dem göttlichen Kind und ihm ein Gebet sagen. Die Mutter lächelt ihr freundlich zu, als die Barbl das Kindlein mit dem weichen Lammfell der Hirten zudeckt.
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.12.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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