Jürgen Berndt-Lüders

Der alte Womanizer auf der verrückten Weihnachtsfeier



Da lag sie nun auf dem Tisch, die Einladung des Bürgermeisters zur Senioren-Weihnachtsfeier meines 2.000 Seelen-Heimatdorfes, wo ich seit wenigen Jahren wohne.
 
Sollte ich hin gehen? Was sollte schon sein? Ein Kinderchor würde singen, ein Männergesangverein, die Ansprache des Bürgermeisters, Kaffee und Kuchen würd’s geben und hinterher Smalltalk alter Leute, die sich schon lange kennen und über ihre Krankheiten reden.
 
So dachte ich jedenfalls.
 
Stell dich nicht so an, sagte ich zu mir selbst. Da hockst du nun Tage, Monate, Jahre vor deinem PC, arbeitest, schreibst irgend welches kurzlebige Zeug, was letztlich keiner lesen will, hättest manchmal gern eine Partnerin im Arm oder wenigstens ein paar Freunde, mit denen du dich austauschen kannst und rührst dich nicht von der Stelle.
 
Also Sprung auf Marsch, Marsch, Kollege Innerer Schweinehund. So lautete mein Kommando an mich selbst.
 
Ich war pünktlich, und es gab gegen alle Erwartungen nur noch wenige Plätze, und zwar in der Witwenecke.
 
Witwer-Ecken gibt’s ja nicht, weil Frauen länger leben. Ich pflanzte mich also widerstrebend  zu den frisch ondulierten Damen meines Alters und wartete ab.
 
Links neben mir war frei. Eine kleine, flinke Siebzigerin setzte sich neben mich, zückte ihren Stift und einen Block, wie ihn Kellner zum Notieren von Bestellungen nutzen.
 
„Ich darf mich vorstellen, ich bin die Vorsitzende des hiesigen Seniorenclubs“, rief sie bestimmt und hielt mir die Hand vor die Nase. Ich ergriff und schüttelte sie. Als ich mich selber vorstellen wollte, meinte sie, sie kenne mich  vom Sehen  und sie habe sich bereits über meine Verhältnisse erkundigt.
 
„Sie leben seit drei Jahren getrennt. Wenn Sie nach rechts schauen“, sagte sie, „sehen Sie einige Freundinnen von mir, die im Seniorenclub Mitglied sind. Wollen Sie nicht auch Mitglied werden?“
 
Ich zögerte. „Das muss ich mir überlegen“, murmelte ich, war aber in diesem Moment eher abgeneigt.
 
„Ich komme wieder“, entschied sie und machte sich wohl auf zu  weiteren Kandidaten.
 
„Es schneit schon wieder“, rief die Frau rechts neben mir. „Mein Gott, ich muss heute Abend noch sechsunddreißig Meter Fußweg vorm Hause reinigen. Manchmal hilft mir ja mein Sohn, aber der hat selber Familie. Was macht denn ihre Ex-Frau?“
 
„Die sucht seit längerem einen Mann“ murmelte ich.
 
„Hier gibt’s keine“, behauptete sie. „Ich suche auch schon länger, und derjenige könnte es so gut bei mir haben, aber hier im Ort sind alle Männer besetzt. Fast alle“, betonte sie und sah mich von der Seite her an.
 
Gegenüber tauchte ein Pärchen auf, beide über siebzig. Sie gut gestylt und er ein wenig verträumt.
 
„Woher kennt ihr beide euch? Aus der Zeitung?“, fragte die Frau meine Nachbarin und mich.
 
„Wir kennen uns überhaupt nicht“, stellte ich fest. „Ich sitze hier, weil hier frei war.“
 
„Ihr passt aber so gut zusammen. Ich war fest davon überzeugt, dass ihr zusammen gehört.“
 
Meingott, dachte ich. Hier wirst du vermarktet.
 
„Seid ihr schon lange verheiratet?“, fragte ich die Frau gegenüber.
 
„Wir sind überhaupt nicht verheiratet. Wir haben uns beim Sommerfest kennen gelernt und sind seitdem zusammen. Wir wohnen aber getrennt. Gehen wir zu mir oder gehen wir zu dir, fragen wir uns jeden Tag.“
 
Zwei Siebziger in Wilder Ehe? Gibt's sowas, auch auf dem Lande?
 
Tanzmusik setzte ein. Ich bin leidenschaftlicher Nichttänzer und wurde sofort aufgefordert. Ich lehnte ab, so wie zwei, drei Männer außer mir, und weil wesentlich mehr Frauen als Männer da waren, tanzten die Frauen miteinander.
 
Inzwischen war meine Stimmung aufgelockert. „Ihr braucht ja überhaupt keine Männer“, stellte ich fest.
 
„Doch, aber nur für gewisse Stunden“, meinte meine Nachbarin und lächelte verwegen..
 
Ich lachte mich schief. Innerlich natürlich. Da saßen Leute wie ich, die nur noch an die zwanzig Jahre zu leben haben, und anstatt über den Sinn des Lebens zu philosohieren suchen sie wie die Teenager nach Liebe und Zärtlichkeit, ja nach Sex.
Am Ende des Abends wurde ich gefragt:
 
„Was machst du Silvester?“
 
„Bisher noch nichts. Warum?“
 
„Komm doch zu uns. Dann sind wir zwei Pärchen“, meinte die Frau gegenüber.
 
Wie kann man sich nur so täuschen? Da denkt man, man müsse teure Annoncen aufgeben um eine Frau kennen zu lernen, man müsse wer weiß wie weit fahren, und in Wirklichkeit hocken sie dutzendweise im Ort und warten auf einen wie dich.
 
Und du kannst dich ins gemachte Nest hocken, wenn du willst.
 
Mein Fazit:
 
Jahrelang müssen sie mich gesehen und registriert haben. Kennst du den? Wer ist denn das? Klar. Und ich habe von alldem nichts gemerkt. Ich habe freundlich gegrüßt, wie es sich gehört, habe Spuren hinterlassen, ohne dies zu beabsichtigen.
 
Und dann?
 
Dann ist dieser Typ, ich, auf einer Weihnachtsfeier aufgetaucht, und sie haben ihn "einvernahmt", eingeplant und eingetaktet.
 
Du bist jetzt hier der Womanizer, spottet meine Tochter. Will ich hier der "Woman-Enteiser" sein? Irgendwie komisch...

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.12.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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