Wolfgang Scholmanns

Weihnachten 1971


Violettrote Schleier wandern zu welken Mondlicht am Himmelzelt entlang, und im fahlen Laternenschein werfen die an der Strasse stehenden Bäume ihre mächtigen Schatten auf den gefrorenen Schnee. Fenster zeigen bunten, weihnachtlichen Schmuck, und manchmal sehe ich Kinder an ihnen sitzen, die erwartungsvoll zum Himmel hinaufschauen. Vielleicht glauben sie ja, irgendwann den Nikolaus mit seinem großen Schlitten und den vielen Geschenken zu entdecken. Ich muss schmunzeln, erinnere ich mich doch an meine Kinderjahre. Genauso, stand ich oft am Fenster, voller Erwartung dort den Weihnachtsschlitten mit den vorgespannten Rentieren zu erspähen.
Bei uns zu Hause, ging diese vorweihnachtliche Zeit immer ganz gemütlich vonstatten. Ich half meiner Mutter immer gerne beim Plätzchenbacken, mmh, wie das duftete. Abends saßen wir oft zusammen im Wohnzimmer, knackten Nüsse und sangen Weihnachtslieder. Geheizt wurde zu dieser Zeit noch mit Kohle. Die Wärme dieser alten Kohleöfen war viel angenehmer als die von den heute üblichen Zentralheizungen. Ich erinnere mich an ein Jahr, ich war zwölf oder dreizehn Jahre alt, da schlug mein Vater mir vor, mit ihm zusammen, eine neue Krippe zu bauen. Wir verbrachten einige Abende im Keller, sägten, hämmerten, leimten und schraubten, bis schließlich ein kleines Meisterwerk entstanden war. Traurig darüber, dass nun unsere Bastelabende, die mir doch so viel Freude bereitet hatten, beendet waren, hatte ich plötzlich eine Idee. Meine kleine Schwester, die zu Weihnachten eine Puppe geschenkt bekommen sollte, würde sich doch bestimmt darüber freuen, wenn sie diese in einem kleinen Bettchen vorfinden würde. Wieder verschwanden wir für einige Abende im Keller und bastelten und werkelten, bis wir am Ende ein wunderschönes Puppenbettchen vor uns stehen hatten. “Da wird sich die Kleine aber freuen, so ein großzügiges Christkind!“, sagte meine Mutter.
 Der heilige Abend kam und ich durfte meinem Vater dabei helfen den Christbaum zu schmücken. Wunderschön sah er aus. Rote Kugeln, goldenes Lametta und goldene Glöckchen schmückten ihn. Meiner Mutter fiel auf, dass wir das Wichtigste vergessen hatten, nämlich die Strohsterne, die sie mit mir gebastelt hatte. Ach ja, die hatte ich tatsächlich vergessen und dabei war es doch so spannend gewesen sie herzustellen.
Die Strohhalme wurden zum aufweichen in Wasser gelegt, dann vorsichtig mit einem Messer der Länge nach halbiert und zum Schluss mit einem heißen Bügeleisen glatt gebügelt. Mit einer Schere wurden unterschiedliche Längen geschnitten, die Ränder vorsichtig eingekerbt und die Halme sternförmig zusammengelegt. Dann kam das Schwierigste. Jeder einzelne Stern musste nun mit einem Zwirnsfaden zusammengebunden werden. Meine Mutter war darin eine Künstlerin. Wie schnell und ordentlich ihr diese Bindetechnik doch von der Hand ging. Mir war diese Montage zu aufwendig und so beschloss ich, die Halme, so wie ich es in der Schule gelernt hatte, mit einem Kleber zu verbinden.
Schnell holte ich  den Schuhkarton, in den wir unsere Kunstwerke gelegt hatten, aus dem Schrank und kurze Zeit später zierten unsere kleinen Strohsternchen den wunderschön gewachsenen  Christbaum.
Nach dem Mittagessen setzte Schneefall ein der, wie sich hinterher herausstellte, bis zum Morgen des ersten Weihnachtstages angehalten hatte. Die Bescherung sollte um 19 Uhr sein. Vorher gingen wir zum Gottesdienst, nur mein Vater blieb zu Hause. Er musste angeblich schon mal das Essen vorbereiten. Ich wusste natürlich, dass er, während unserer Abwesenheit, alles festlich herrichten würde.  Als wir zurückkehrten, duftete es im Haus nach Tannengrün und Wachskerzen. Den Weihnachtsbraten hatte unser Vater auch schon in die Backröhre geschoben, und Mutter begoss ihn jetzt manchmal mit heißer Butter. „Damit er schön knusprig wird.“, lächelte sie. Dann war es so weit. Das Bimmeln eines Glöckchens kündigte an, dass wir jetzt das Wohnzimmer betreten durften. Langsam, und mit hochroten Köpfen, gingen wir hinein. Aus dem Lautsprecher unseres Radios klang leise das alte Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“, und das am Christbaum tänzelnde Licht der Kerzen spiegelte sich in erwartungsvollen Kinderaugen wider. Wunderkerzen warfen ihre feurigen Funken in das Tannengrün und die unter dem Weihnachtsbaum stehende neue Krippe, die mit Moos und Stroh ausgelegt war, sah mit ihren bunten Figuren wunderschön aus. Dann wuchs die Spannung, die Geschenke wurden ausgepackt und bestaunt. Meine Schwester war so voller Freude, dass sie mit ihrer Puppe samt dem Bettchen hin und her tanzte. Ich bekam einen Chemiekasten und einige Bücher, die ich mir gewünscht hatte. Natürlich hatten wir auch etwas für unsere Eltern. Mein Schwesterchen hatte ein schönes Bild gemalt und ich, von meinem Taschengeld, für jeden ein Buch gekauft. Vor dem Heiligabendessen las Vater das Weihnachtsevangelium vor. Es schmeckte wie immer köstlich und Mutter freute sich, dass alle mächtig zulangten.
  

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.12.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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