Diethelm Reiner Kaminski

Eingestellt



In Wotzelhausen ist schon vieles eingestellt worden: Der Betrieb von Schwimmbädern, Jugendfreizeitheimen, Suppenküchen, Kinderkrippen, öffentlichen WCs, Anlaufstellen für Drogenabhängige, aber immer war die Haushaltslage schuld daran, tiefere sachliche Begründungen gab es nicht. Ganz anders bei dem heutigen Beschluss, die Rolltreppen in U-Bahn-Stationen und Kaufhäusern stillzulegen. Eine längst überfällige öffentliche Maßnahme zur Förderung der Volksgesundheit.
Wotzelhausen hatte sich mit Wettangeln, Tischfußball und Moorhühnerschießen seit langem den Ruf im Lande erworben, mehr als andere Kommunen für den Breitensport zu tun.
Dennoch war die bisherige Bilanz nicht unbedingt ermutigend gewesen.
Die Sportveranstaltungen und -initiativen hatten alles in allem höchstens zwanzig Prozent der Bürgerinnen und Bürger mobilisiert, während die restlichen achtzig Prozent unbeeindruckt und verantwortungslos weiter Fett ansetzten und sich kaum einmal von Sofa, Gartenschaukel oder Barhocker erhoben.
„Menschen bewegen“ ist als Slogan leicht in die Welt gesetzt, aber nur schwer umzusetzen. Ohne sanften Druck geht es eben nicht.
Im Gesundheitsausschuss wurde deshalb hitzig diskutiert, wie man diesem Übel beikommen könne, um die trägen Massen fit zu machen. Das entscheidende Stichwort gab Konrad Wangenroth, das jüngste Ratsmitglied, mit seinem Antrag, die Rollläden wegen des starken Sonnenlichteinfalls herunterziehen zu dürfen. Von „Rollläden“ über „rollen“ zu „Rolltreppen“ war es dann nicht mehr weit. Das erfahrene Ratsmitglied Burghard Ortlieb entwickelte genüsslich seine Visionen:
„Wie wäre es, wenn wir sämtliche Rolltreppen in der Stadt stilllegten? Wenn wir die Kaufhäuser dazu brächten, unsere Fitness-Aktion aktiv zu unterstützen, sind das, schätze ich mal, alles in allem an die dreihundert Rolltreppen. Steile Stufen, also ganz in unserem Sinne. Da müssen sich die Sportmuffel, ob sie wollen oder nicht, ganz schön abstrampeln. Aufs Shoppen in der City werden sie kaum verzichten wollen, und die Bahnen müssen sie ja schließlich auch erreichen, zumal wir wegen der Feinstaubbelastung ohnehin die Innenstadt für den Autoverkehr sperren werden. Wir schlagen mehrere Fliegen mit einer Klappe. Wir bringen die Sportmuffel auf Trab und tragen damit in erheblichem Maße zur Verbesserung der Volksgesundheit bei, ohne dass das den Stadtsäckel auch nur mit einem Cent belastet, im Gegenteil, wir sparen sogar noch Kosten ein, weil zukünftig Wartung und Reparaturen entfallen.“
Der Vorschlag wurde mit lautem Beifall begrüßt. Nur Edmund Grübchen, der sich grämte, dass ihm diese Idee nicht selber eingefallen war, stellte, um sich doch noch zu profilieren, den weitergehenden Antrag, auch die Lifts in allen städtischen Einrichtungen stillzulegen. „Treppensteigen ist schließlich gesund und beugt gegen Herzinfarkt vor. Und dann erst die enormen Stromeinsparungen.“
„Sehr gut, sehr gut“, lobte ihn der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses, „schon jetzt kann ich sagen, dass das heute eine sehr erfolgreiche Sitzung war. Ich möchte mich aber doch dafür stark machen, dass der Ausschuss, bevor er seine Vorschläge dem Rat zur Entscheidung vorlegt, zur empirischen Absicherung der Pläne in die Hauptstadt Schlampibias reist, wo man, vermute ich mal,  weder Fahrstühle noch Rolltreppen kennt, damit wir uns dort an Ort und Stelle informieren, welche positiven Auswirkungen das Fehlen von Fahrstühlen und Rolltreppen langfristig auf die Gesundheit der Bevölkerung hat.“
„Bei der Gelegenheit könnten wir auch herauszufinden versuchen, wie groß das Interesse der schlampibischen Regierung ist, uns unsere überflüssig gewordenen Rolltreppen und Fahrstühle abzukaufen“, schlug Werner Schratte vor, womit er sich den wohlwollenden Blick des Vorsitzenden einfing. „Und deshalb sollten uns auch Wirtschaftsvertreter und Mitglieder der Aufsichtsräte begleiten.“
Marion Füßlings kleinliche Bedenken, der Antrag könnte am Widerstand des Bürgermeisters scheitern, wurden schnell zerstreut. „Den Boss nehmen wir selbstverständlich mit. Wenn wir die Reise in den April legen, ist in  Schlampibia gerade Karneval. Eine einmalige Gelegenheit, die Bande zwischen beiden Städten brauchtumsmäßig zu festigen. Wenn wir zu unserer eigenen sportlichen Ertüchtigung und zum Erhalt unserer Arbeitskraft noch eine vierzehntägige Safari anhängen, kann selbst unser Stadtoberhaupt nicht nein sagen.“
 


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.12.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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