Klaus-D. Heid

Oder etwa nicht?

Das erste, was meine halb geöffneten Augen sahen, als ich versuchte, mich an das unangenehme Licht zu gewöhnen, war das Gesicht meiner Schwester! Ihr faltiges, schrumpliges und immer leidend blickende Gesicht war für mich - seit ich denken konnte - ein Synonym für die Hölle auf Erden! Vielleicht lag dies daran, daß sie mit ihren zweiundsechzig Jahren zwanzig Jahre älter war, als ich; vielleicht lag es aber auch daran, daß das Leben ihr niemals etwas Gutes geschenkt hatte! Jede Falte in ihrem kummervoll blickenden Gesicht war der Beweis für den Umstand, daß Sarah es zutiefst bedauerte, jemals geboren worden zu sein...! Immer, wenn ich sie ansah, schien es mir, als ob sie bereits mit dem Gesicht auf die Welt gekommen war, das mir auch jetzt wieder all ihren Kummer und ihren Verdruß deutlich machte.

Ich hatte es schon längst aufgegeben, ihr ein wenig Lebensmut und Hoffnung zu vermitteln! Sarah gehörte eben zu den Menschen, die wahrscheinlich niemals damit klar kommen würden, nicht zu leiden! Für sie war es einfach eine Selbstverständlichkeit, unglücklich zu sein und niemals würde sie es akzeptieren, daß jemand ihr dieses Unglück wegnahm!

Seit beinahe dreißig Jahren lebte meine Schwester bei mir. Anfangs befürchtete ich ständig, daß sie irgendwelche Dummheiten machen würde; daß sie vielleicht mit dem Fön in die Wanne steigen würde - oder daß sie sich mit allen Tabletten vollpumpen würde, die sie in meiner Hausapotheke fand. Ich rechnete damit, daß sich Sarah heimlich aus der Wohnung schlich, um sich vor einen Laster zu werfen oder daß sie einfach eines Tages, wenn ich von der Arbeit zurückkam, tot an einem Strick hing, weil sie ihr Dasein nicht mehr ertragen konnte! Irgendwann jedoch wurde mir bewußt, daß meine Schwester nur ,leiden' wollte - ohne sterben zu wollen! Wie für jeden Menschen das Essen und Trinken eine Form der Lebenserhaltung war, brauchte Sarah ihr Unglück!

Welches Unglück? Es gab keines! Ich sorgte dafür, daß es ihr an nichts fehlte! Ich kümmerte mich so gut es ging um sie und ließ sie nur noch ganz selten alleine! Schon lange hatte ich meine schlecht bezahlte Arbeit als Parkhauswärter aufgegeben, um noch mehr Zeit mit meiner Schwester verbringen zu können. Natürlich fehlte mir das Geld, das ich dadurch verlor - aber irgendwie würden wir zwei schon mit unseren Ersparnissen und der kleinen Rente, die Sarah bezog, zurechtkommen! Da ich ohnehin niemand war, der auf großem Fuß lebte, fiel es mir nicht sonderlich schwer, mich noch ein wenig mehr einzuschränken und gleichzeitig war mir einfach besser zumute, wenn ich ständig in ihrer Nähe sein konnte! So verrückt es auch klingen mag, war Sarah kerngesund! Jedes Jahr drängte ich sie einmal dazu, einen Arzt aufzusuchen, um sie gründlich untersuchen zu lassen; und jedesmal attestierte der Arzt ihr, daß es keinerlei Grund für irgendwelche Sorgen gab! Und doch endete jeder dieser Arztbesuche damit, daß Sarah völlig in sich zusammen fiel, weil sie ihr baldiges Ende unter gräßlichen Schmerzen kommen sah!

"Es geht mit mir zu Ende, Albert...!", sagte sie dann zu mir und mit tränenerstickter Stimme schilderte sie mir, wieviel Angst sie vor einem Tod hatte, der langsam, qualvoll und jedes Organ in ihr befallend, in Kürze bevorstand. In solchen Momenten half es auch überhaupt nicht, wenn ich ihr hoch und heilig versicherte, daß es nicht den geringsten Grund für Todesängste gab! Dem Arzt glaubte sie kein Wort; mir glaubte sie ebenso wenig - und letztlich glaubte sie nur ihrem Gefühl, das sie bereits von Tumoren zerfressen, in einem Krankenhausbett sah, in dem sie ihre letzten qualvollen Tage verbrachte unter höllischen Schmerzen verbrachte! Tatsache jedoch war, daß Sarah kerngesund war! Im Gegensatz zu mir, erfreute sie sich einer Gesundheit, um die sie wirklich zu beneiden war!

Wenn ich nun sage, daß ich selbst sie um ihre Gesundheit beneide, liegt dies daran, daß ich nämlich diesen verfluchten Krebs in mir trage! Und bei mir ist es nicht nur ein unbestätigtes Gefühl; bei mir ist es - leider - das Ergebnis einer Untersuchung, die nun zwei Tage zurück liegt!

"Zwei, vielleicht drei Monate, Herr Schuberth! Es tut mir wirklich sehr leid - aber ich kann ihnen keinerlei Hoffnung machen...!"

Ist das nicht eine verrückte Welt, in der wir leben? Das erste Mal in meinem Leben gehe ich zu einer Krebsvorsorge - Untersuchung und erfahre gleich, daß meine Uhr abgelaufen ist!

Nicht etwas Sarah, meine Schwester, verläßt diese Welt, weil ihr Körper mehr Metastasen hat, als Muskelstränge - ich bin es! Ich, der ich niemals gejammert habe und der ich stets ein Musterbeispiel für einen Mann war, dessen einzige Krankheit darin bestand, alle zwei Jahre seinen Schnupfen zu bekommen, mußte abtreten!

Ohne langwierige Vorankündigung, ohne lange ,Ich fühle mich nicht wohl!' - Phase. Einfach so! Mir nichts, dir nichts! Das war's dann! Aus und Vorbei!

Einen winzigen Moment dachte ich daran, ob es nicht gerechter gewesen wäre, wenn diese Hiobsbotschaft meine Schwester getroffen hätte! Nur für den Bruchteil einer Sekunde wünschte ich mir, mit Sarah tauschen zu können...! Und wie jeder andere Mensch in meiner Situation wohl auch, stellte ich mir immer wieder die Frage: ,Warum ich?'. Warum ist der Tod so furchtbar unkalkulierbar, wenn er sich seine Opfer sucht? Welche Kriterien setzt dieser schwarze Teufel bloß, um sein Maß voll zu bekommen? Gibt's überhaupt so etwas, wie einen ,gerechten' Tod? Und wenn es ihn gibt; warum trifft es dann gerade mich?

Selbstverständlich verwarf ich alle Gedanken sofort, die meine Schwester an meiner Stelle sahen! Ich liebte Sarah so, wie man seine Schwester nur lieben kann! Und selbst, wenn mir ihr ewiges Gejammer mehr als einmal auf den Geist ging, wünschte ich ihr niemals etwas Schlechtes!

"Zwei, vielleicht drei Monate noch, Herr Schuberth...!"

Nicht gerade viel Zeit, um alles das zu schaffen, wofür man eigentlich noch ein halbes Jahrhundert eingeplant hatte! Am tragischsten war der Gedanke, daß ich Sarah verlassen würde! Wie sollte sie alleine zurecht kommen? Was würde aus ihr werden? War ich nicht gezwungen, sie einzuweihen, oder war es besser, mich still und heimlich um einen Pflegeplatz für sie zu kümmern, ohne ihr die Wahrheit zu sagen? Wie würde sie reagieren, wenn sie damit klarkommen mußte, daß ihr kleiner Bruder vor ihr stirbt? Liegt es nicht in meiner Verantwortung, ihr reinen Wein einzuschenken; egal wie sie damit zurecht kam? Vielleicht unterschätzte ich sie ja?

Die Zeit lief mir - im wahrsten Sinne des Wortes - davon!

Wenn ich mich entschloß, Sarah die Wahrheit zu sagen, mußte es schnell geschehen! Nicht in einer Woche oder im nächsten Monat, sondern jetzt! Gleich heute noch...! Nein! Erst mußte ich mich darum kümmern, was anschließend aus ihr werden sollte! Ich mußte unbedingt veranlassen, daß Sarah auch zukünftig in guten Händen bleibt! Dann, sobald ich alles erledigt hatte, würde ich mit ihr reden! Dann!

Eine Woche lang telefonierte ich mir die Ohren heiß! Ich suchte wie ein Verrückter nach einem Heim, in dem man Verständnis für die Eigenarten meiner Schwester zeigen würde. Es mußte eine Institution sein, die ausreichend Fachpersonal hatte, um Sarah so zu pflegen, wie sie es verdient hatte! Schon aus diesem Grund kam ein normales Altenheim nicht in Frage, in dem alte Menschen nichts anderes waren, als Nummern, die nach und nach zu sterben hatten! Es war meine Pflicht, Sarah dort unterzubringen, wo man Menschen wie Menschen behandelte und wo man nicht jeden Tag enttäuscht war, wenn die Alten immer noch am Leben waren und teure Betten für Neuzugänge blockierten...!

Eine Woche lang suchte ich, telefonierte ich - und schaute ich mir heimlich Pflegeheime an, die ich einerseits meinen Anforderungen genügten und die anderseits von meiner Lebensversicherung finanziert werden konnten! Ich sprach mit dem Pflegepersonal, den Heimleitungen, mit Fachärzten und mit Heiminsassen; ich rechnete und kalkulierte, verhandelte mit den Banken, um eine Vorfinanzierung zur Abdeckung der Heimkosten zu sichern und hörte mir gleichzeitig jeden Tag aufs Neue an, wie schlecht es Sarah ging!

"...in letzter Zeit bis du ständig unterwegs, Albert! Ich weiß ja, daß du viel zu tun hast - aber ich befürchte wirklich, daß ich dich bald verlassen werde!"

Wie recht sie doch hatte, die gute Sarah!

Die verzweifelte Suche nach einem Pflegeheim brachte mich zwar an den Rand eines Nervenzusammenbruchs; aber gleichzeitig lenkte sie mich auf eine wunderbare Weise davon ab, wie es um mich selbst stand! Ich war viel zu sehr damit beschäftigt, an Sarah zu denken, als mich in meinem Schicksal einzuigeln und mich zu bedauern.

Aber irgendwann kam der Zeitpunkt, wo ich ein geeignetes Heim für meine Schwester gefunden hatte und wo auch die Finanzierung auf festen Beinen stand. Der Moment war also gekommen, mich mit Sarah zu unterhalten und ihr die Wahrheit zu beichten!

Am folgenden Morgen wollte ich in aller Ruhe mit Sarah Kaffee trinken, ein oder zwei Stück leckere Torte verspeisen und sie ganz langsam, sanft und vorsichtig darauf vorbereiten, was passieren würde! Ich nahm mir vor, ihr alles so zu schildern, als wäre es eine völlig normale Selbstverständlichkeit, die mich kein bißchen meines Humors kosten würde! Ich nutzte die ganze Nacht vor dem Tag der Wahrheit, indem ich tausend und abertausend Varianten durchspielte, die es Sarah nicht zu schmerzhaft werden ließen, das Unvermeidliche zu akzeptieren. Jeden Satz meiner kleinen Ansprache übte ich und lernte ihn auswendig, wie ein kleines Kind, wenn es versucht, ein Gedicht fehlerfrei vorzutragen. Stunde um Stunde lag ich in meinem Bett, um auch ja den richtigen Tonfall zu treffen, der auf keinen Fall zu dramatisch oder zu radikal sein durfte.

Am nächsten Morgen war ich mir sicher, was ich ihr sagen würde. Jeder Satz war perfekt einstudiert und war so formuliert, daß ich mir sicher war, Sarah nicht zu sehr in die Verzweiflung zu treiben. Um diese Formulierungen auszuwählen, habe ich die ganze Nacht gebraucht! Todmüde und völlig am Ende meiner Nerven, kroch ich aus meinem Bett. Wie an jedem Morgen suchte ich kurz das Bad auf, um anschließend meine Schwester zu wecken. Dann würde ich den Kaffee aufsetzen, das Frühstück zubereiten und Sarah mit meinem strahlendsten Lächeln bitten, mir einen Moment zuzuhören...! Im Laufe der Jahrzehnte, in denen wir beiden zusammen wohnten, war es noch nie vorgekommen, daß Sarah vor mir wach wurde! Irgendwie schien sie einfach davon auszugehen, daß bei ihrem Erwachen alles so war, wie immer, wenn sie an den Frühstückstisch kam. Der Kaffee dampfte bereits in ihrer Tasse, zwei Scheiben Vollkornbrot mit Konfitüre bestrichen und in jeweils zwei Hälften geteilt, lagen vor ihr auf einem Teller - und im Hintergrund spielte unaufdringlich eine Musiksendung, die speziell für alte Menschen zugeschnitten war.

Im Bad zeigte mir der Blick in den Spiegel, daß ich zum einen unausgeschlafen und zerknittert aussah, und zum anderen zeigte mir ein Blick in mein Gesicht, daß der Krebs es immer eiliger hatte, sein Werk zu vollenden. Meine Wangen waren eingefallen, meine Augen steckten in einer tiefen Höhle und auch der Rest meines Körpers war nicht gerade in dem Zustand, den ich mir als zweiundvierzig Jahre junger Mann erträumte! Ich sah wie ein Wrack aus und die Zeit drängte mich!

Vorsichtig klopfte ich an Sarahs Tür an.

"Sarah! Das Frühstück ist fertig! Kommst du?"

Wie immer würde sie gleich - jammernd und klagend - antworten, daß sie schon längst wach sei! Sie wäre enttäuscht, wenn ich jemals erfuhr, daß sie niemals vor mir aufgewacht war!

Es kam aber keine Antwort von meiner Schwester!

"Sarah? Kommst du? Wach auf, Schwesterherz! Der Kaffee wartet auf dich...!"

Nichts! Das war ungewöhnlich! Mehr noch! Das hatte es in den letzten zwanzig Jahren nicht gegeben! Wenn man so lange gemeinsam in einer Wohnung lebt, ist jede Abweichung von eingefleischten Gewohnheiten, ein Indiz für ein Unglück! Noch einmal rief ich sie, bevor ich die Tür zu ihrem Zimmer öffnen würde.

"Sarah? Sag schon was und laß mich nicht warten, ja? Ist alles in Ordnung? Nun sag doch endlich etwas, Sarah!"

Der Anblick meiner toten Schwester traf mich um einiges schlimmer, als die Diagnose, die ich von meinem Arzt zu hören bekommen hatte. Das erste Mal in meinem Leben lag sie friedlich in ihrem Bett, ohne den geringsten Ausdruck von Furcht und Qualen in ihrem Gesicht! Als würde sie ganz friedlich vor sich hin schlummern, strahlte sie eine Ruhe und Gelassenheit aus, die ich immer an ihr vermißt hatte!

Sagte ich es nicht bereits?

Es ist eine verdreht und verrückte Welt, in der wir leben! An dem Tag, an dem ich Sarah mitteilen wollte, daß ich sterben mußte, blieb einfach ihr Herz stehen und hörte auf, zu schlagen!

Das alles liegt nun fast acht Jahre in der Vergangenheit!

Den Ärzten und mir selbst ist es immer unerklärlich geblieben, weshalb mein Körper sich ganz plötzlich entschlossen hat, den Krebs zu besiegen! Es gibt keinen medizinischen Grund und auch keine plausible Begründung, warum ich mit jedem Tag mehr und mehr gesünder wurde!

In der letzten Woche bin ich Fünfzig geworden! Ich fühle mich jünger, denn je und könnte Bäume ausreißen! Seit einigen Monaten lebe ich mit einer bezaubernden Frau zusammen, die ebenso optimistisch und humorvoll ist, wie ich und ich habe mir fest vorgenommen, mit ihr steinalt zu werden. Einmal im Jahr lasse ich mich gründlich untersuchen; aber der Arzt sieht mich jedesmal an, als würde er ein Gespenst abhören müssen! Ich bin mir sicher, daß er den Prozeß meiner Heilung irgendwie mit dem Tod meiner Schwester in Zusammenhang bringt - aber er traut sich natürlich nicht, darüber mit mir zu reden! Warum auch!

"Alles ist aus!" sollte man wirklich erst sagen, wenn alles aus ist! Aber dann kann man nichts mehr sagen! Folglich ist das Leben - bis zur allerletzten Sekunde - eine einzige Überraschung.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.10.2001. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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