Angelika Sommer

Hochzeitsreise


Ich sitze in meinem Garten am Kamin, der Bernhardiner schläft zu den Füßen meines Mannes, der Dackel hat sich neben mir wohlig zusammengekringelt und sieht mich anbetungsvoll an Die Frühlingssonne leuchtet golden auf die ersten Blüten und weiße Wölkchen steigen hinter den dunklen Tannenwäldern auf. Meine kleine Welt ist heil und ich kann es kaum glauben, dass es heute vor 33 Jahren (1945) so ganz anders war.
 

 
Wir hatten vor 14 Tagen geheiratet, das Glück beisammen zu sein überstrahlte das Elend der Kriegswirren, als die plötzliche Einberufung meines Mannes (damals 54 Jahre alt) zum Wehrdienst uns jäh aus unserem siebenten Himmel herunterriss. Wir beide: mein Mann Schauspieler und ich Geigerin im Stadttheaterorchester in Würzburg, nur den Künsten lebend, standen plötzlich mitten in der harten Kriegswirklichkeit. Ein Sonderkommando rief meinen Mann als Soldat nach Bad Kissingen und da ich mich in diesen wirren Tagen nicht von ihm trennen wollte, zog ich mit ihm nach, nahm das alte Fahrrad meines Bruders mit, bepackte es mit den dringlichsten Habseligkeiten, oben drauf – für alle Fälle- meine DRK Uniform ( Ich hatte eine Ausbildung zur Schwesternhelferin in Würzburg im Standortlazarett während meiner Semesterferien im Musikstudium bekommen) In Bad Kissingen nahm ich mir in Kasernennähe ein Zimmer, um möglichst viel bei meinem Mann zu sein. Wenn er Wache schob, schob ich mit, wenn er seinen Napf mit Reissuppe bekam, löffelten wir zusammen. Jeden Abend trennten wir uns tränenreich vor dem Kasernentor „vielleicht für immer“, denn ein baldiger Abzug dieses Häufleins Soldaten lag in der Luft.
 
Und dann war es eines Tages wirklich so weit, der Abmarsch nach Nürnberg wurde bekannt gegeben und gleich morgen sollte es losgehen. Ein gutmütiger Kumpel, der uns schon eine Zeit lang beobachtet hatte, kam auf die Idee: “Wenn ich meine Frau hier hätte und die wäre Rotkreuzschwerster, ich tät mich nicht trennen, ich nähme sie mit……“ Wir waren sofort begeistert. Rein in die Uniform, hin zum obersten Offizier. Der hörte uns erst mal ruhig an und meinte dann: „Ja wenn Sie den Mut haben einander sterben zu sehen – ich habe nichts dagegen, ziehen sie ruhig mit. Und ob ich den Mut hatte! War es doch besser, in allerschlimmsten Nöten beisammen zu sein, als vielleicht ein Leben lang von der Meldung „Vermisst“ bedrückt zu werden.
 
So zog ich in die Kaserne ein. Die alten „Krieger“ – es waren wirklich alte, die allerletzte Reserve der über 50jährigen – gaben mir von ihrem Brot, von ihrer Marschverpflegung, denn das stand mir natürlich nicht zu. Ich stand am Fenster der Stube und sah aus dem Fenster, wie die Herren Offizier mit Lastautos voll Lebensmittel die Kaserne fast fluchtartig verließen. Die Ausfallstraßen waren von den nahenden amerikanischen Truppen besetzt und wir, ein trauriger Haufen verließen auf der noch einzigen freien Straße die schützende, friedliche Weltbadstadt.
 
Ich hatte das alte Rad meines Bruders wieder bepackt, dieses mal noch den Tornister meines Mannes dazu und wir schoben es im Gleichschritt mit, ein wenig bang war mir im Herzen und doch voller Dankbarkeit, nicht im Ungewissen allein bleiben zu müssen.
 
Gegen Abend machten wir in einer kleinen Ortschaft Halt, bekamen den notwendigen Stempel in den Marschbefehl und ein Quartier zugewiesen. An Schlaf war trotz unserer müden Beine nicht zu denken, starke Detonationen ließen das Haus erzittern, in dem wir lagen. Wir wollten zum Fenster rausschauen, was um Himmelswillen solch fürchterlichen Lärm machte, als uns die Luftwelle einer schweren Explosion zu Boden riss – eine nahe Munitionsfabrik wurde in die Luft gesprengt, damit diese nicht in die Hände des Gegners fiele.
 
Am nächsten Morgen sammelte sich unser Trupp und wir zogen weiter gen Nürnberg. Es war früh am Tage, noch vor Sonnenaufgang, und nach einigen Kilometern mussten wir einen kahlen Hügel passieren, auf dem eine Flak stationiert war. Wir standen etwa in der Mitte der Bergkuppe und sprachen mit den Flaksoldaten, ob wir ohne große Gefahr hier durch könnten und wie wir am besten weiter zögen und sahen dabei immer prüfend zum Himmel, ob nicht feindliche Flieger auftauchten. Wir hörten ein leises, näher kommendes Brummen und während die anderen gebannt noch oben schauten, drehte ich mich zufällig um und rief – fasziniert von der Schönheit dessen was ich erblickte:“ Oh, die schönen, goldenen Sternchen!“ Rief es und plötzlich war der Platz wie ausgestorben, ich sah keinen von unseren Soldaten mehr, nur ein Pferd graste ruhig neben mir. Da schmiss ich mich gleich den anderen irgendwohin in Deckung – es war ein kleiner Heuhaufen. Wir wurden aus dem nahen Wald mit Leuchtspurmunition beschossen und über uns zog in großer Höhe ein Jagdtfliegerverband. Wie wir später über die Lichtung kamen, weiß ich heute nicht mehr. Nur noch, dass ich auf einem Häufchen Zigaretten gelegen hatte, die ich schmutzig und zerdrückt in meine Tasche steckte, denn die konnte man immer brauchen.
 
Unser Trupp war kleiner geworden, das heißt, er zog sich in Gruppen von ein paar Mann in größeren Abständen dahin, weiter in Richtung Nürnberg. Manche humpelten schon langsamer, anderen machte das Atmen zu schaffen. Mein Mann und ich mit dem Rad als Schlusslicht. Und dann geschah das, was heute im versöhnenden Licht der Vergangenheit wie ein Gag aus einem Lustspiel erscheint und das mich hinterher zwang, trotz gewollter Tapferkeit meinen Magen tüchtig zu entleeren. Wir waren durch ein Dorf gekommen, die Gassen waren fast menschenleer, angsterfüllt riet uns ein Bauer, nicht weiter zu marschieren, draußen wären sie schon, oder uns wenigstens mit guter Deckung immer rechts zu halten, denn sie lägen links im nahen Wald. „Sie“ das war der Gegner und ab und zu fiel auch ein Schuss. Nur wenige Schritte noch, da stand eine Scheune, hinter deren Schutz mein Mann mal ausgiebig aufs Klo wollte. Ich stand mit dem Rad diskret ein wenig abseits, da sah ich ihn in rasendem Tempo auf uns zukommen, den Jagdflieger. Ich schrie auf, machte meinem Mann wilde Zeichen und ließ das Rad fallen. Und nun rannten wir beide um unser Leben. Immer im Kreis herum, immer wieder Deckung suchen hinter der Scheune, der Flieger ebenso immer im Kreise uns jagend, bis es ihm zu dumm wurde, er folg weiter und wir fielen halbtot vor Anstrengung und Angst ins weiche Gras und sahen über uns nur einen unsagbar blauen Himmel, der Spuk war vorbei. Wir fanden die unseren auch nicht mehr, der Wald vor uns hatte die beschützend aufgenommen. So rafften wir uns wieder auf, wenige Schüsse von links konnten uns nun nicht mehr erschüttern – „eine jede Kugel, die trifft ja nicht“ – und im Walde, den wir nun durchzogen, hatten wir ohnehin das Gefühl der Geborgenheit, das aber allzu plötzlich von uns fiel, als wir aus dem Wald heraus kamen. Wieder waren es Tiefflieger, vor denen wir uns in schützendes Buschwerk verkriechen mussten. Diesmal zitterten wir vor Angst um die Unsren, die nicht allzu weit vor uns aus dem schützenden Wald schon in den Fluren zogen. ! Die Flug zeuge nahmen ihren Anlaufflug in weiten Schleifen, direkt an uns vorbei, sie waren riesengroß, es waren nur zwei oder drei, aber sie kamen immer wieder, immer wieder riesengroß und ganz nahe, aber auf uns hatten sie es nicht abgesehen, es knallte weiter vorne.
 
Diesmal blieben wir etwas länger und trauten uns erst viel später, als alles ruhig war, weiterzumarschieren. Mein Mantel war zerrissen, ich hatte gar nicht gemerkt, dass ich in den Dornen eines Heckenrosenstrauches gelegen hatte.
 
Als unsere Beine uns nicht mehr tragen konnten, suchten wir auf eigene Faust im nächsten Dorf ein Quartier. Mich zog es unwiderstehlich in Kirchturmnähe und tatsächlich behielt uns ein gütiger alter Pfarrer über Nacht im Pfarrhaus. Wir bekamen zu essen, schliefen auf einem Notlager wie die Könige und während am nächsten Morgen im Dorf das fest des Weißen Sonntags gefeiert wurde und die Kinder in ihren weißen Kleidchen und schwarzen Anzüglein mit brennenden Kerzen singend in die Kirche zogen – ich weiß es noch ganz genau, es was das Lied; Himmelsau, licht und blau, wie viel zählst du Sternlein? --- Ohne Zahl, soviel mal sei gelobt das Sakrament“, also während die Feier ihren Anfang nahm, zogen wir weiter, gehorsam unserem Marschbefehl folgend.
 
Wir kamen bis vor Schweinfurt, als uns andere Einheiten entgegen kamen und aufgeregt erzählten, dass alle Straßen unter Beschuss lägen, dass feindliche Panzer in Sicht seien und dass es sinnlos wäre, weiter zu ziehen. Doch wir zogen weiter, irgendwie müsste es doch möglich sein… Eine verängstige Zivilistenmenge schnitt uns den Weg ab. Alle strömten in einen Bunker, der neben der Straße im Schützenden Buschwerk lag und wir strömten mit. Doch schon gleich am Bunkereingang wurden wir – es waren nur noch mein Mann und ich – Gott weiß, wo die anderen abgeblieben sind – mit harten Worten verjagt. Die Angst der Zivilisten im Bunker von den Amerikanern mit einem! Soldaten und einer! Rotkreuzschwester überrascht zu werden und dafür büßen zu müssen war zu groß. So legten wir uns draußen hinter Büschen versteckt ins Gras und erwarteten mit Spannung und mehr noch mit Bitterkeit im Herzen die herannahenden Truppen. Es kam aber nur ein Auto mit einem deutschen Offizier, der uns streng musterte, die Marschpapiere einsah und uns befahl weiterzugehen, bis zum nächsten Dorf sei die Straße frei, da sollten wir uns beim Stab melden.
 
Uns war flau im Magen. Wir hatten noch die schrecklichen Bilder der Deserteure in Erinnerung, die vor Kissingen längs der Straße an Bäumen aufgeknüpft waren, und Hunger hatten wir auch. Wir wollten den Weg abkürzen und gingen so durch ein Wäldchen. Hier hatten sich deutsche MG-Schützen eingegraben. Es sah schrecklich ernst und gefährlich aus und wir wagten nicht mit dem Soldaten zu sprechen, stetig weitergetrieben vom Marschbefehl. Da sprach uns einer an. Er kauerte neben seinem MG, fragte nach Woher und Wohin und wir erzählten ihm von unserer „Hochzeitsreise“. „Mensch, seid ihr blöd“ meinte der mit der MG „Zieht Zivil an und haut ab, hier geht doch alles drunter und drüber“. Nun, wir haben es versucht. Wir gingen seitab in die Büsche und mein Mann wollte gerade seine Militärhose mit meiner alten Trainingshose tauschen, da fing es an: Schießen von rechts, Schießen von links oder war es von vorne oder von hinten. Im Wald hallte es von überall. So blieb mein Mann in seiner Uniform und ich auch in meiner und wir versuchten aus der Schießerei heraus zu kommen. Da lag links am Weg ein toter Hase. Er musste schon lange gelegen haben, er war halb verwest und die Knochen zum Teil schon sichtbar, er stank grässlich. Da hat mich zum ersten Mal die nackte Todesangst gepackt und ich dachte nur: Herrgott, wenn es schon sein soll, bitte nicht hier, nicht allein im Wals, wo uns keiner mehr findet und wir verrecken wie dieser Hase. Ich weiß nicht mehr, wie lange die Schießerei gedauert hat, ich weiß nur noch dass wir wie mit schlafwandlerischer Sicherheit mitten durch den pfeifenden Kugelwechsel gingen und dass es dann plötzlich ruhig war und da lagen in der Frühlingssonne zartgrüne Felder und ein Kirchturm leuchtete blau zwischen roten Dächern. Verschwunden war der Spuk, wir zogen ins Dorf.
 
Wir wollten, wie die Nacht vorher, in Richtung Pfarrhaus gehen. Da schlug ein Geschoss dicht neben mir in die Dorfstraße und die Steine spritzen auf. Ich ließ das Rad fallen, mein Mann packte mich und wir stürzten eine Kellertreppe hinunter, die gerade neben uns war. Drunten saßen zitternd Bauersleute und wir baten dableiben zu dürfen, was sie uns in ihrer eigenen Not erlaubten. Eine Weile dauerte die Schießerei, dann war sie zu Ende und wir hasteten vorsichtig von Haus zu Haus und suchten die Kommandantur, um uns zu melden, den „lebensrettenden“ Stempel auf den Marschbefehl zu bekommen und die Einweisung in ein Quartier. Ab und zu peitschte noch ein Schuss. Aber nach der Feuertaufe im Wald konnte uns das nicht mehr erschüttern.
 
In der Dämmerung sahen wir sie dann zum ersten Mal : Eine lange kette riesiger Käfer kroch am Horizont über die Nackten Bergkuppen……… Panzer hinter Panzer. Mit einbrechender Dunkelheit entflammte nochmals eine Schießerei. Alle rannten wieder in den Keller. Mein Mann und ich waren von den Erlebnissen des Tages zu erschöpft; wir blieben oben, lagen in dem einzigen Bett der kleinen Stube, uns war alles egal, nur schlafen, schlafen. Auch die zuckende Röte konnte uns nicht mehr aufscheuchen – durch das Fenster sahen wir das Nachbarhaus in hellen Flammen stehen…..
 
Der nächste Tag verlief ruhig, viel zu ruhig. An ein Weitergehen war nicht zu denken, jede Minute konnten SIE kommen. Jeder hatte Angst, keine traute dem Anderen. Am Abend ging es los. Tiefflieger, Schießereien. Diesmal gingen auch wir mit in den Keller. Alle hockten verängstigt auf Kartoffelsäcken oder dicken Rüben. Ich fror und mir war übel vor Aufregung, als wir über uns harte Schritte hörten. Die Bäuerin verzog sich leise nach oben, einen Arm voll Schinken – die Sieger zu begrüßen.
 
Und gegen uns brannte der Hass der anderen. Raus sollten wir, sie wollten wegen uns Soldaten keine Scherereien. Ich sagte: “Gebt ihm doch einen Kittel, eine alte Hose und er ist kein Soldat mehr.“ Aber davor hatten sie noch mehr Angst und so ging ich wie betäubt nach oben, als zunächst nach der German Red Cross gerufen wurde. Man hatte uns also verpfiffen. Zuerst wurde ich in gebrochenem Deutsch nach meinen Personalien gefragt und ich antwortete in fließendem Englisch, das ich meiner Mutter verdanke, die Sprachlehrerin war. Das erleichterte die Sache gewaltig und als ich nun nach dem Soldaten im Keller gefragt wurde, antwortete ich, ja, das sei mein Mann und er sei sehrkrank und wir wären doch erst seit ein paar Wochen verheiratet – just married- und dich hätte mir meine Flitterwochen, meinen Honeymoon ganz anders vorgestellt. Nun, der Offizier sagte ich solle ihn holen. Ich tastete mich im Dunkeln in den Keller, erzählte flüsternd meinem Mann, was vorgefallen war und beschwor ihn bei seiner Schauspielerehre DIE ROLLE SEINES LEBENS zu spielen. Oben n der Kellertreppe erwartete uns ein GI mit Gewehr auf uns gerichtet, ich ging voran zurück zum Offizier. Als ich mich im Zimmer dort zur Türe umdrehte, sah ich hinter mir einen alten, verfallenen, von der Krankheit ausgehöhlten Soldaten. Mein Gott, dachte ich und es zog mir das Herz zusammen. Der Offizier stutze, ließ sich unsere Papiere zeigen und schickte meinen Mann wortlos zurück in den Keller. Ich musste bei ihm oben bleiben, weil er hier sein Hauptquartier mit Nachrichtenzentrale aufschlagen wollte und mich zum Dolmetschen brauchte. Ich machte die GI’s auf die nicht verdunkelten, erleuchteten Fenster aufmerksam, aber die Soldaten lachten. Das sei das Zeichen, dass sie hier wären. Das Zeichen für die Flieger, und tatsächlich hörte ich bald darauf das bekannte, gefürchtete Donnern der Flugzeugmotoren. Doch plötzlich peitschten wieder Schüsse, diesmal sehr nahe, das Zimmer war sogleich nachtdunkel, ein Amy riss mich mit zu Boden. Draußen war eine Schießere! i entbra nnt, ein letzter verzweifelter Widerstand der unseren. Der Soldat hielt meine Hand krampfhaft fest, aber ich hatte gar keine Angst mehr. Als der letzte Kampfeswille der Deutschen gebrochen schien und es wieder Stille wurde flammte das Licht wieder auf. Als nach längerer Zeit die Ruhe draußen stetig blieb und drinnen in der Bauernstube verwirrend viele Fragen und Befehle, Berichte und Antworten gefunkt waren, wollte sich der Offizier ausruhen und erkundigte sich bei mir nach einer Liegemöglichkeit. Ich führte ihn zu dem Bett, in dem mein Mann und ich die Nacht zuvor gelegen hatten. Ich musste voran gehen und ein Soldat blieb neben mir, immer das Gewehr auf mich gerichtet. Der Offizier, vorsichtig und miß0trauisch eine Falle witternd, hieß mich , mich zuerst hineinzulegen. Ich tat ihm den Gefallen und plumpste auf jede Matrazenstelle. Als er sah, dass alles okay war schickte er mich mit dem Gewehrbewaffneten wieder zurück. Ich sollte wieder in den Keller, wo ich meinem Mann heulend um den Hals fiel. Wir blieben dort die ganze restliche Nacht alleine, die Bauersleute durften in ihre Räume, der GI hockte vor der Ausgangstüre. Die nervliche Belastung der letzten Stunden wich einer bleiernen Müdigkeit und wir schliefen auf dem harten, kalten Kellerboden abgrundtief bis zum nächsten Morgen.
 
Der neue tag brachte nochmals Schrecken, nochmals Verhöre und dann – Gott segne die Mentalität der Amerikaner, diese kindliche Freude am Just Married – dann wurden wir in die Freiheit entlassen. Vorher hatten die Soldaten noch meine Handasche geleert, 1000,- Mark hatte ich noch abgehoben, als es von Kissingen wegging, mein Hochzeitsschmuck und die Lebensmittelmarken waren auch noch drin gewesen. Doch was soll’s? Ein Päckchen Camelia hatten sie mir gelassen. Das brauchten sie nicht, ich aber umso mehr. Der Offizier war recht freundlich, er sagte wir könnten gehen, wohin wir wollten. Ich bat ihn um Einweisung bei einem Bauern, da wir ohne Geld und Essensmarken nicht weit kämen. Und natürlich würden wir an der nächsten Ecke vom erstbesten GI wieder gefangen genommen. So gab uns der Offizier einen Soldaten als Geleitschutz mit. Es war für mich ein ungutes Gefühl, als wir an den deutschen Gefangenen vorbei, die hinter schnellst gezogenem provisorischen Stacheldraht mit noch zum Teil erhobenen Armen standen, von einem amerikanischen Soldaten in die Freiheit begleitet wurden. Sicher, wir verdankten das meinem Englisch, dem Schauspieltalent meines Mannes und einem Trauschein. Ich hätte auch nicht alle unsere Kameraden befreien können, und doch trübte das unser Glück sehr….
 
Der Bauer zu dem wir gebracht wurden, war ein herzensguter Mann. Er gab meinem Mann Jacke und Hose von sich – nun war der Soldat kein Soldat mehr. Ich half der Bäuerin in der Küche und Stall, mein Mann zog mit dem Bauern aufs Feld, so verdienten wir uns ein paar Tage unseren Unterhalt. Ich versorgte die kleinen Wehwehchen der Dorfleute, täglich kamen amerikanische Soldaten, um in ihrer Heimatsprache mit der German Red Cross über das ihnen fremde Deutschland, über die Nazis zu sprechen und von ihrem eignen Land, den Frauen und Kindern daheim in den USA zu erzählen.
 
Über Nacht waren unsere neuen Freunde plötzlich weg und als ein paar Tage später der Geschützdonner um Schweinfurt schwieg, machten wir uns auf den Rest der Reise. Ein weißes Taschentuch um den Arm, das Fahrrad geschoben, wanderten wir hinter der Front her in Richtung Erlach, einem kleinen Dorf zwischen Ochsenfurt und Würzburg, wo wir hofften, bei Freunden meine Familie wieder zu finden. Denn in Würzburg selber, wo wir gewohnt hatten, war nur ein rauchender Keller übrig geblieben, und ich wusste nicht, ob meine Leute den schweren Angriff auf die Stadt überlebt hatten. Mein Mann und ich gingen meistens querfeldein, vermieden die mit Soldaten und Konvois gefüllten Straßen, sahen tote Pferde liegen Wrackteile abgestürzter Kampfflugzeuge. Schützengräben und die vielen anderen Zeichen von Tod und Vernichtung. An einem strahlenden Frühlingstag erreichten wir Erlach und fanden dort in dem alten Schlösschen, in dem die kleine Landschule untergebracht und das zugleich Wohnung der mit uns befreundeten Lehrersleute war, die Gesuchten: Mutter, Vater Großmutter und zwei Tanten. Wir lagen uns selig in den Armen unter den blühenden Apfelbäumen des Schulgartens…….
 
Ich schaue auf den bienenumsummten blühenden Apfelbaum in meinem Garten und denke an die Hochzeitsreise vor so vielen Jahren, Ich bin erfüllt von Dankbarkeit und fühle mich rundherum glücklich
 

 
Was ich erzählt habe, haben wir genauso erlebt, ich habe nichts hinzu erfunden und nur wenig verschwiegen.
 

 
Dies ist die Geschichte meiner Mutter, geschrieben 1978, die als 26Jährige mit ihrem frisch verheirateten Mann die letzten Tage des Krieges erlebte.
 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.12.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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