Hans Witteborg

Waschstraße*



Der Frühling erwacht langsam und lächelt wiedererkennend über Deutsche Landen. Ganz vorsichtig hat er sich auch der kleinen Gemeinde genähert in der ich mein Gnadenbrot eintunke. Zugestandener Maßen ist das Wecken von Frühlingsgefühlen bei Rentnern eine etwas komplizierte Angelegenheit. Dennoch so etwas wie Abenteuerlust – der Restbestand eines Urtriebes ehemaliger Jugendjahre durchaus noch vorhanden. Sagen wir etwa so, wie Glut unter grauer Asche. Da kann der Frühlingswind schon mal hineinfahren und ein kleines Pfadfinderfeuer entfachen.
Ich jedenfalls habe dieses Lüftchen verspürt und nach monatelangem selbst auferlegtem
Hausarrest spürte ich irgendwie Tatendrang. Der zielt allerdings nicht auf das Terrorgrün des Gartens, nein, ich will hinaus in die Welt.
Mindestens jedoch 16 k m weiter in die liebliche Kreisstadt. Natürlich ist beim Rentner “Schuster Rappen“ ziemlich lahm. Das bedeutet Mobilitätsnotstand, wenn man nicht das Auto nimmt.
Das sieht allerdings nicht gerade sauber aus und man könnte ins Gerede kommen.
„Dicke Karre –aber kein Geld zum Waschen“ oder „als Rentner weiß er vor Langeweile nicht was er tun soll aber zu faul das Auto zu reinigen“! Derlei Bösartigkeiten stören mich. Also werde ich eine ordentliche Abreibung vornehmen – an dem Wagen, nicht an den nörgelnden Mitbürgern. Autowäsche in der Waschanlage versprechen Abenteuer. Na, jedenfalls in meinem Alter.
Ich fahre also zur nächst gelegenen Autowaschanlage, vermeide unnötige Aufenthalte durch die vor unserem Dorf unvermeidlichen Verkehrskontrollen (wir haben schönes Wetter) indem ich mich penibel etwas unter der vorgeschriebenen Höchstgeschwindigkeit bewege – nicht ich persönlich sondern das Auto. Schmale Straßen haben die Angewohnheit sich als Engpässe zu erweisen, besonders, wenn die Autofahrer mit Hut und nickendem Plastikdackel vor der Heckscheibe geradewegs ihr Ziel ins Auge gefasst haben. Ich fahre stur knapp unter 50 km/h und ignoriere geflissentlich die hupenden und aufgebrachten Autofahrer jüngerer Generationen. Die können in ihrem Alter locker die Fahrprüfung zur Wiedererlangung ihres Führerscheins bestehen. In meinem Alter…
Aber auch Ungeduld wird manchmal belohnt. Ich biege links zur Waschanlage ab, schneide noch elegant das mir entgegen kommende Fahrzeug – schließlich bin ich kein Angsthase –soll doch der andere Fahrer bremsen, was der nachhaltig tat!

Ich stieg aus und wollte bei der (auf)reizenden Bedienung eine Waschkarte erwerben.
„Sie wollen sicher die Exklusivwäsche?“ Ich musste wohl Eindruck gemacht haben,
wenn ich nach Exklusivwäsche aussah. Entzückt antwortete ich mit „jaha“- das ist ostwestfälisch- .Diese bestimmte aber etwas voreilige Antwort kostete mich tatsächlich
€ 16,80, mich dem Rentner!
Etwas verstimmt reihte ich mich in die Warteschlange vor der Anlage ein. Schöner Sonnenschein und die Aussicht bei Musik im Wagen sitzen zu können (ich sage nur: Rücken), veranlassten mich das Fenster herunter zu lassen. Nach einiger Zeit trat der junge Autowäscher heran, nahm dankend meine Waschkarte und Trinkgeld entgegen. Während ich noch in Gedanken war, hatte der fleißige Service –Mensch die Hochdrucklanze in Betrieb gesetzt. Ich schaute fasziniert wie meine Windschutzscheibe wieder klarsichtig wurde und pitsch-patsch traf mich der Strahl aus dem Reinigungsgerät aber so was von voll, dass ich das Gefühl hatte dem Wasserboarding anheim gefallen zu sein.
„Oh Verzeihung, ich habe nicht bemerkt, dass das Fenster noch offen stand, Sie müssen das vorher schließen!“ Selten hat jemand mit einer kurzen Bemerkung so viel Recht gehabt!
Noch ziemlich benommen, dafür aber total geduscht, schloss ich das Fenster. Mit verklebten Augen nahm ich die Laufschrift in der Anlage wahr: “bitte ausfahren“. das betraf meinen Vorgänger. War aber zugleich für mich das Signal einzufahren. Tat ich auch – bis es ziemlich rumste.
Die Trantute von Vorgänger hatte nicht sofort reagiert sondern war noch eine Weile stehen geblieben. Auch er Rentner aber mit schwacher Reaktionsfähigkeit. Wir einigten uns bei dem geringen Kollateralschaden (der stellt sich vielleicht an!!) wie Genltemen. Will sagen, dass bei den gegenseitigen Beschimpfungen „Plattfisch“ und „verkalkter Trottel“ die eher harmlosen Beleidigungen waren, die uns einfielen.
Da Rentner generell aber nicht mehr so fit sind und eher konditionell schwächeln, unterschrieb ich letztlich ein Schuldeingeständnis und gut war ´s (Meine Versicherung wird ohnehin nicht zahlen, man kennt die Brüder doch).
Bei dem ganzen Hin und Her war mein Wagen etwas aus der Waschspur geraten. Beim Korrekturversuch sprang irgendwie durch leichtes Anticken eine Radkappe ab. Hilfreich versuchte der junge Servicemann diese wieder zu befestigen. Trotz heftiger Faustschläge gelang ihm das nicht. Er murmelte etwas von „einem Hammer nehmen“, den er dann auch einsetzte. Leider hatte der junge Mann zwar schon mal einen Hammer gesehen, doch noch nie ein solches high-tech Gerät in Betrieb genommen. So traf er denn mit voller Wucht meinen Kotflügel, der es ihm mit einer dicken Beule heimzahlte.
„Ich bin Schüler“ jammerte er, „habe kein Geld und bin nicht versichert.“ Ich erbarmte mich wortlos und legte die abgesprungene Radkappe ins Auto. Der Folgende Waschgang verlief reibungslos.
Ich fuhr aus der Waschanlage heraus und hörte ein erbärmliches Knirschen. Mein rechter Außenspiegel war etwas zu vorwitzig gewesen und bezahlte dies mit einem endgültigem Knock Out. Entsetzt sammelte ich die übrigen Brocken. Meinen Ausflug in die Kreisstadt konnte ich vergessen, denn was würde meine Angetraute zu Hause wohl zu soviel Ungeschicklichkeit sagen? Ich musste den Spiegel umgehend ersetzen.
So fuhr ich in die nächste Mercedes-Werkstatt und wurde sofort von drei Mechanikern, die gerade Karten spielten herzlich in Empfang genommen. Die Krise hatte ihre Wirkung wohl nicht verfehlt!
Mein Spiegel war vorrätig, auch in der Farbe meines Autos (früher hätte das bestimmt vier bis fünf Tage gedauert. Er wurde innerhalb einer Stunde montiert während man mir Sekt servierte. Entsprechend war die Rechnung: € 560 incl. MWSt.
Exklusivität setzt sich durch. Ich fuhr schließlich Mercedes, hatte aber nicht so viel Bargeld dabei. „Kreditkarte?“ fragte ich etwas schüchtern, denn ich war nicht gerade elegant gekleidet eher, wie soll ich es ausdrücken etwas salopp. Der Chef musterte mich von oben bis unten. „Klar, akzeptiert. Sie sehen nicht aus wie jene geschniegelten Banker in Nadelstreifen und Seidenkrawatte – Sie sehen eher aus, wie ein ehrliche Mensch – nicht wie jene Bankräuber.“

Ja, Rentnern kann man vertrauen, sie sind zwar manchmal etwas unbeholfen und halsstarrig
aber ehrlich. Und das ist es, was man heute mit „exklusiv“ meint!

* einer meiner Beiträge aus „Von einer langen Heimkehr“, Engelsdorfer Verlag über Literaturpodium


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.12.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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Vom Ufer aus von Hans Witteborg



Die Gedichte begleiten durch die vier Jahreszeiten und erzählen wie die Natur erwacht, blüht und welkt, wissen von reicher Ernte zu berichten. Der Spätsommer im Park, winterliche Gefilde oder Mailandschaften scheinen auf. Der Autor verwendet meist gereimte Zeilen, zeigt sich als Suchender, der neues Terrain entdecken möchte. Der Band spricht von den Zeiten der Liebe, zeigt enttäuschte Hoffnungen und die Spur der Einsamkeit. Wut und Trauer werden nicht ausgespart. Es dreht sich das Kaleidoskop der Emotionen. Der kritische Blick auf die Gesellschaft und sich selbst kommt zum Zuge. Kassandras Rufe sind zu hören. Zu guter Letzt würzt ein Kapitel Humor und Satire. So nimmt der Autor seine Zettelwirtschaft aufs Korn, ein hoffnungsloser Fall.

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