Christiane Mielck-Retzdorff

In der Vorweihnachtszeit...





 
Olivia schritt mit einem selbstgefälligen Lächeln auf den Lippen beschwingt die Außentreppe des Gerichtsgebäudes hinunter, als sie mit ihren hochhackigen Schuhen plötzlich ins Rutschen kam und drohte das Gleichgewicht zu verlieren. Rechtzeitig packten sie zwei Arme von hinten und führten Olivia zurück in die Balance. Peinlich berührt blickte sie sich um und erkannte in ihrem Retter einen Anwaltskollegen, einen jungen Pflichtverteidiger in Sachen Strafrecht. Flüchtige Begegnungen während ihrer Studienzeit waren bisher die einzigen Berührungspunkte zwischen beiden gewesen. Diesen Umstand gedachte Olivia auch nicht zu ändern und beließ es bei einem kurzen Dank.
 
Ihr Helfer jedoch forderte gemeinsam einen Kaffee in einem gegenüber liegenden Lokal einzunehmen, als Anerkennung dafür, dass er einen Sturz verhindert hatte. Wie selbstverständlich hakte er sich bei Olivia ein, die dieses mit befremdeten Blick etwas hilflos zur Kenntnis nahm.
 
Freiwillig hätte sie diese Kaschemme nie betreten, aber die Glätte unter ihren Sohlen bewies deutlich, wie hilfreich ihre Stütze gewesen war. Allein aus Höflichkeit war sie dem Anwalt eine Einladung zu einem Getränk schuldig. Das Lokal war gut besucht, aber beide fanden noch einen Platz am Fenster. Zwischen den holzgetäfelten Wänden, die gespickt waren mit Fotos und bunten Andenken aus aller Welt, in der von Glühweinduft geschwängerten Luft fühlte sich Olivia wie in einem Gefängnis verklärter Erinnerungen. Der robuste Holztisch war mit einem Tannenzweig und einem Teelicht recht ärmlich weihnachtlich geschmückt, während aus den Lautsprechern angenehm leise besinnliche Melodien erklangen. Durch das Fenster konnte man im Hintergrund die prachtvoll erleuchtete Einkaufsstraße sehen.
 
„Dieser festlichen Weihnachtsstimmung kann man sich einfach nicht entziehen“, bemerkte Olivias Begleiter, dessen Name ihr nicht einfallen wollte.
„Das bezweifle ich“, entgegnete sie trocken. „Leider kann ich mich an ihren Namen nicht mehr erinnern.“
„Tobias Gärtner“, stellte er sich ohne ein Zeichen von Enttäuschung darüber, dass er in Vergessenheit geraten war, lächelnd vor. „Und wir waren zu Studienzeiten schon beim Du angelangt.“
 
Olivia haßte Verbrüderungen dieser Art, die auf Zeiten basierten, in denen das Du ungeniert von jedem benutzt wurde. Doch wollte sie weder stur noch altmodisch erscheinen und nickte daher zustimmend.
 
„Magst Du Weihnachten nicht?“ fragte Tobias, nicht ahnend, dass er damit eine wunden Punkt bei Olivia traf. Schon als Kind hatten ihr ihre Eltern beigebracht, dass Weihnachten nur ein verlogener Vorwand war, um die Wirtschaft anzukurbeln. Während all ihre Klassenkameraden dem Ereignis freudig und erwartungsvoll entgegenfieberten, unterschied sich der Heilige Abend in ihrem Elternhaus von keinem anderen Tag. Ihre kindliche Enttäuschung darüber wurde mit den Jahren immer mehr von der stetig vorgetragenen Erkenntnis überdeckt, dass nur dumme Menschen an etwas Überirdisches glaubten und sich so in eine Falle locken ließen, die ihnen nur das Geld aus der Tasche zog. Schließlich wurde dieses Fest für Olivia ein Symbol für die verbreitete Verblendung der Menschen, ihrer Unfähigkeit sich der Wirklichkeit zu stellen.
 
Als Anwältin gewohnt, direkte Antworten zu vermeiden, verneinte sie Tobias Frage nur.
Dieser schwärmte weiter: „Ich erfreue mich immer daran, dass viele Menschen in dieser Zeit sich an die Liebe zu anderen erinnern.“
 
„Gezwungenermaßen“, ergänzte Olivia. „An jeder Straßenecke werden wir aufgefordert, unsere Wohnungen mit irgendwelchem Tand zu verschandeln. Der Kitsch hat Hochkonjunktur. Dazu kommt ein Bombardement an Kugelschreibern, Kaffeetassen und Kalendern mit Firmenlogos. Weihnachten ist die Zeit von Industrie und Handel.“
 
„Mag sein, dass der Konsum zu sehr in den Vordergrund tritt“, gab Tobias zu, „aber sind Geschenke jeder Art nicht ein Zeichen dafür, dass jemand an uns denkt?“
 
„Eine weitere Verlogenheit. Ein ganzes Jahr Gleichgültigkeit und Desinteresse wird zu Weihnachten mit einer Serienmail einfach weggewischt.“
 
„Doch dabei erinnert man sich beim Durchblättern seines Adreßbuches vielleicht an jemanden, den man aus den Augen verloren hat. Und nun antwortet dieser plötzlich auf die Weihnachtsgrüße und schon ist der Kontakt wieder hergestellt.“
 
„Oder mit all den anderen Pflichtgrüßen in den Papierkorb wandert. Lese ich im Betreff das Wort ‚Weihnachtsgrüße’ drücke ich gleich auf die Löschtaste.“
 
„Du hältst also die Tür verschlossen, ohne zu wissen, wer angeklopft hat.“
 
Olivia fand dieses Gespräch lästig und überflüssig. Dieses Brimborium um Weihnachten machte sie aggressiv. Wie in dem Gerichtssaal wollte sie mit einem schlagkräftigen Argument dem Gegner den Wind aus den Segeln nehmen.
 
„Wieso sollte ich den Geburtstag eines Mannes feiern, dessen Anhänger in seinem Namen folterten, mordeten, Kriege anzettelten und andere Menschen unterdrückten?“ erklärte sie triumphierend.
 
„Dem setze ich entgegen“, antwortete Tobias fröhlich, „dass mein Mandant selbst vollkommen unschuldig ist.“
 
„Wer hat sich denn mit Wunderheilungen und anderen Zauberkünsten dem Volk seinen Glauben verkauft. Das war eindeutig Betrug.“
 
„Man kann an Wunder glauben oder sie als unrealistisch abtun, doch dürfen wir dabei nicht vergessen, dass wir die Taten von Jesus auch nur aus Überlieferungen kennen. Wichtig ist dahinter den Symbolcharakter zu sehen. Und dass Glaube heilen kann, muß mittlerweile sogar die Wissenschaft zugeben.“
 
„Ich glaube nur an bewiesene Tatsachen“, sagte Olivia im Brustton der Überzeugung.
 
„Und wie kann bei dieser Einstellung die Liebe bestehen? Muß die Existenz eines Gefühls bewiesen werden“, fragte Tobias mit zärtlicher Stimme.
 
Das Wort Liebe verunsicherte Olivia. Sie hatte keine konkrete Vorstellung von Liebe, sich nie ernsthaft Gedanken darüber gemacht. Eigentlich verband sie damit nur gegenseitige Anziehung und Sex.
 
„Das ist doch nur ein romantisches Wort für den ewigen Kampf der Geschlechter“, wehrte sie sich gegen ein aufsteigendes Unbehagen.
 
„Ich meinte aber nicht diese Art von Liebe, sondern die allgemeine Liebe der Menschen untereinander, die Liebe zum Leben und sich selbst, der Mutter zu ihrem Kind, der Geschwister, die Liebe zu den Nächsten und zur Natur. Dieses Gefühl, dass alles in diesem Universum positiv miteinander verbunden ist.“
 
Olivia fühlte sich zunehmend beklommen. Hatte ihre Mutter sie geliebt? Geschwister wurden ihr verwehrt, weil ihre Eltern in diese verkommene Welt keine weiteren Wurzeln allen Übels pflanzen wollten. Wer sollte denn ihr Nächster sein? Das waren wohl am ehesten ihre Mandanten, denen sie aber nie irgendwelche Gefühle entgegenbrachte. Und Natur war ihr eher lästig mit ihrem unberechenbaren Wetter.
 
„Was für eine reizende Idee“, merke Olivia mit herausfordernder Ironie in der Stimme an. „Nur widerspricht sie deutlich der Wirklichkeit. Wir sind umgeben von Hass, Neid und Bösartigkeiten. Zur Weihnachtszeit streiten sich die Familien und Ehepaare lassen sich kurz darauf scheiden. Es scheint doch wohl eher so, als würde die Liebe vor diesem Fest fliehen.“
 
„Ich denke, gerade weil die Liebe an diesen Tagen so allgegenwärtig ist, werden die Menschen unsicher. Sie erkennen die Versäumnisse der Vergangenheit oder ihre eigenen Ansprüche oder stellen fest, dass die Liebe in ihnen oder den anderen erloschen ist. Wir werden gezwungen nachzudenken und zu begreifen. Niemand behauptet, wir wären vollkommen, doch gerade das hat Jesus erkannt und trotzdem verkündet, dass wir alle liebenswert sind. Vielleicht sollte man deshalb damit beginnen, zuerst sich selbst zu lieben.“
 
„Also ist dieser Glaube ein Programm zur Förderung des Egoismus“, lachte Olivia.
 
„Nur wer sich selbst mit all seinen Fehlern und Unzulänglichkeiten liebt, kann auch andere Menschen lieben.“
 
Dieser Satz macht Olivia wütend. Sie hatte erfolgreich für die Anerkennung durch andere gekämpft. Man bewunderte ihren Scharfsinn, ihren Fleiß und ihre Überzeugungskraft bei Gericht. Sie war stolz darauf, dass sie gefürchtet wurde von ihren Gegner. Es war ihr Job, die Fehler anderer für sich zu nutzen. Bei all dem war keine Platz für Gefühlsduseleien, denn jeder Sieg von ihr, war eine Niederlage für einen anderen. Und sie liebte Sieg und Erfolg, aber liebte sie sich selbst?
 
„Gerade wir Anwälte“, fuhr Tobias fort, als hätte er ihre Gedanken gelesen, „müssen oft Dinge tun und sagen, die mit übergeordneter Gerechtigkeit wenig zu tun haben, um unseren Mandanten zu helfen. Doch es ist ja nur unsere Aufgabe, das von Menschen geschaffene Recht umzusetzen. Hinter allem steht ein höherer Wille, den wir nur mit Liebe erkennen können. Und Jesus lehrte uns, diesen Weg zu gehen.“
 
„Weswegen wir nun alle Menschen mit Geschenken überhäufen sollen“, entgegnete Olivia schnippisch und stand auf, um zu gehen.
 
Tobias begleitete sie noch auf dem rutschigen Weg zu ihrem Auto auf dem Parkplatz des Gerichtsgebäudes und verabschiedete sich mit den Worten: „Der Glaube öffnet die Tür in andere Dimensionen, und der Schlüssel ist die Liebe.“
 
Als erstes wechselte Olivia ihre Schuhe, denn zufällig hatte sie Winterstiefel im Wagen. Der Wind trug ein Weihnachtslied zu ihr. Warum machte sie keinen Bummel über den Weihnachtsmarkt.
 
Auf dem Weg dorthin, vorbei an den Geschäften, fiel ihr Blick auf eine Kaffeemaschine. Die stets hilfsbereite Gerichtssekretärin hatte doch nur dieses veraltete, wie ein Ertrinkender glucksendes Exemplar. Ihrer polnischen Putzfrau würde bestimmt die bunte Haarspange gefallen. Ein Bettler sah beglückt erstaunt einen Schein aus Olivias Hand in seinen Pappkarton fallen. An einem Glühweinstand wärmte sie sich auf  und genoß die Gesellschaft lauter Menschen, die aus unerklärlichen Gründen einfach fröhlich waren. Auch sie hatten Tüten neben ihren Füßen stehen und freuten sich schon jetzt auf das Strahlen in den Augen der Beschenkten. Olivia fühlte sich auf eigenartige Weise mit ihnen verbunden. Sie lächelte bei dem geradezu rebellischen Gedanken, in diesem Jahr auch ihren Eltern etwas zu Weihnachten zu schenken.
 
Obwohl nun Gerichtsferien herrschten, trieb es Olivia am nächsten Tag in das Gebäude, um den Pförtner nach Tobias Gärtner zu fragen.
 
„Ja, der Tobias,“ gab dieser bereitwillig Auskunft, „ein so freundlicher und mitfühlender Mensch. Er hat nie meinen Geburtstag vergessen. Es ist wirklich eine Tragödie, dass er im letzten Winter gerade zur Weihnachtszeit auf der Treppe ausgerutscht ist. Er war gleich tot.“
 
Olivia taumelte tief getroffen aus dem Gebäude hinüber zu dem Lokal. Der Wirt erkannte sie sofort und zeigte auf den leeren Platz am Fenster. Ihr lag auf der Zunge zu fragen, ob sie gestern in Begleitung hier gewesen sei, aber plötzlich wußte sie die Antwort. Ihr öffnete sich langsam die Tür in eine andere Dimension.
 
    
 
 
 
 
     

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.12.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Buch von Christiane Mielck-Retzdorff:

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Trug und Wahrhaftigkeit: Eine Liebesgeschichte von Christiane Mielck-Retzdorff



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