Anna Maria Lügger

Singen

DER GESANG
Weißt Du wie die Bühne ist des Nachts, wenn Die Lichter aus sind und die alten staubigen Sitze leer? Wenn jedes Wort, so leise es auch gesprochen ist, in den letzten Winkel zwischen die Bretter kriecht, hinaus auf den Gang und dann die Sitzreihen entlang durch die Pforten hinaus in die Welt? Welch eine Lust zu singen auf einer leeren Bühne des Nachts, nur ich, die Dunkelheit, die leeren Sitzreihen, die kalten gläsernen Augen der Scheinwerfer, die unbestimmt im Kerzenschein funkeln und dann nur noch Klang.
Keine Kritik, kein Mensch, kein Applaus. Nur meine Töne, für mich allein. Welch eine Lust! Und meine Seele schwingt im Nachhall mit und der Gedanke verfliegt so leicht wieder, er verschwindet wie der Klang, eng umschlungen mit der unerbittlich endlos verstreichenden Zeit.

DIE 1. LEHRERIN
Sie lehrte sich das Sehen. Sie war Autodidakt. Sie lehrte es sich – selbst. Sie sah die Menschen mit den Augen eines Kindes, riss sie aus der Zeit heraus in ihre eigene Welt, die zeitlos war und ein bisschen surreal. Dort betrachtete sie die Menschen so lange wie es ihr beliebte, doch nie hörte ich sie ein Urteil fällen. Niemals sagte sie „Das gefällt mir“, oder „Das nicht!“, sie sah sie sich nur an, die Menschen in ihrer zeitlosen kleinen Welt und nahm sie ein kleines Stücken weit darin auf. Sie entkamen ihr niemals. Sie blieben Gefangene für immer und niemals hörte ich, einer sei geflohen oder hätte es auch nur versucht.
Auch ich war gefangen, gefesselt von ihren Geschichten, von ihren Augen.
Von ihr erholte man sich niemals.
Sie lehrte nicht, sie lehrte nie. Sie wünschte sich nur und das war genug. Sie wünschte sich zu singen. Ich wurde ihre Stimme, ihr Medium, ihre Verbindung zum Publikum, welches so weit entfernt war von ihren Kinderaugen. Ich sang nur für sie.

DAS LERNEN
Es war allgegenwärtig. Es war groß und es war zu viel für mich. Ich ertrug es nicht, ich konnte es einfach nicht ertragen. Es war meine Angst. Ich liege in einem Sarg. Ich kann mich nicht bewegen. Um mich herum die Dunkelheit, die verbrauchte Luft und der Geruch der Erde, die mich tonnenschwer zu Boden zwingt. Ich kann mich nicht rühren, nicht bewegen, ich schreie so laut ich kann - schlage mit meinen Fäusten gegen den Deckel meines Sarges - trete um mich, ich tobe, ich verausgabe mich... Alles was antwortet ist das Schweigen. Es ist ein schweres und endgültiges Schweigen, ein erdiges, dumpfes Schweigen, welches jedes Geräusch erstickt, wie Nebel. Ich weiß nun, dass ich sterben muss und in mir tobt eine angstzerrüttete Seele: „Ich bin doch noch so jung! Warum habt ihr mich begraben? Was soll ich unter der Erde, wenn ich doch fliegen muss? Habt ihr mich denn aufgegeben?!“.
Erde rieselt durch einen Riss in meinem Sargdeckel und mir in die Augen. Ich schreie so laut ich kann, doch alles was mir antwortet ist das Schweigen. Aber das Schweigen lehrte mich zu singen, denn singen war das einzige Mittel, das Schweigen zu bekämpfen, wenn ich alleine war und es mit leisen, kalten Pfoten über die Fliesen meines Hauses tappte.

DER LEHRER
Mein Geliebter lehrte mich das Singen, weil er dort war und weil er selbst eine Stimme hatte. Ob er sie jemals für mich erklingen ließ weiß ich nicht. Bis heute nicht und es ist so lange her.
Wie viele traurige Lieder kennst du, deren Klang dich zu Tränen rührt? Wie viele Schaukeln kennst Du, die des Nachts schwingen, auf und ab und auf. Sie tragen Deine Klänge hinauf wie einen Mottenschwarm ins Licht und du hoffst und bittest, sie mögen ihren Weg finden in seine Träume, seinen Schlaf in dieser Sommernacht auf der Schaukel. Und doch kannst du am nächsten Morgen in seinen Augen den tiefen, traumlosen Schlaf erkennen und weißt, du hast um dein Leben gesungen und verloren.

DER GESANG
Ich sitze mit gekreuzten Beinen auf den Brettern der Bühne und kann den Schweiß riechen, die Tränen und den schweren Samtstoff des großen roten Vorhangs - alt und vermodert - den Kerzenwachs, das Öl und den Staub und das Holz. Ich sehe nichts weiter als die Dunkelheit und kann die Weite des Raumes um mich herum spüren. Meine Atemzüge verhallen. Ich seufze. Der Seufzer kriecht in den letzten Winkel zwischen die Bretter, hinaus auf den Gang und dann die Sitzreihen entlang, durch die Pforten hinaus in die Welt und ich stehe auf und gehe ihm nach.

Hallo liebe Leser!

Ich habe eine Bitte an Euch!
Helft mir bei meiner Arbeit und schreibt mir Eure ehrliche Meinung zu der Geschichte.

Ich bin für jede Kritik offen und für jedes Lob dankbar. Je ausführlicher, desto besser.

Viel Spaß beim Lesen.

Eure Anna
Anna Maria Lügger, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.01.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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