Marianne Kardinal

Kathrinchens Radio

Opas altes, hölzernes Röhrenradio mit den grün leuchtenden Senderegler, den großen, runden Knöpfen, links und rechts angebracht, und den vielen fremden Städtenamen auf der Glasplatte war Kathrinchens Lieblingsspielzeug. Wenn man es einschaltete, dauerte es eine Weile, bis man das Rauschen oder die Musik wahrnahm. Drehte man die Regler bis zum Anschlag, so kamen manchmal ein lustiges Pfeifen und die seltsamsten Töne aus dem Kasten. 
Das Mädchen war erst vier Jahre alt. Sie war eher ein wenig schmächtig, hatte blaue Augen und blonde schulterlange Haare. Das kleine Kind besuchte seit kurzem den örtlichen, katholischen Kindergarten. Eines Tages erklärte ihr Michi, ein fünf Jahre alter Mitbesucher, siebengescheit beim aufgebrummten Mittagsschlaf den Zusammenhang zwischen dem Radio und der Musik, die aus selbigem klingt: "Also, mit der Peilantenne stellst Du den Sender richtig ein, die fängt dann die Radiowellen ein, und dann kommt da Musik raus! So hat mir das Papa erklärt, und der ist fei Polizist!" "Das ist gar nicht wahr! Du spinnst doch! Wellen gibt es nur in der Badewanne, und überhaupt! Wenn ich u n s e r Radio einschalte, dann funkeln die Lichter grün und damit wird eine kleine Bühne drinnen beleuchtet. Und da drin ist dann noch so ein kleiner Mensch, der Modator, der weiß immer, wo es Unfälle gibt. Und wenn man an den Knöpfen dreht, dann dreht sich die Bühne im Radio, und dann kommen so Italiener und reden ganz schnell und dann spielt da viel italienische Musik, da kommt ganz oft Amore drin vor. Mein Radio ist so, und dein Papa der spinnt auch!" Die Kindergärtnerin kam herein und hob den Zeigefinger zur Ruhe mahnend an ihre zusammengepressten Lippen. 'Lieber still sein, sonst gibts Ärger!'--
Kathrinchen wurde nach dem Mittagsschläfchen von ihrem großen Bruder Thomas und dem Dackel Wasti vom Kindergarten abgeholt. Thomas wusste über das Radio und dessen Funktionsweise auch nicht so recht Bescheid, denn Physik war nicht so sein Fach. Da hatte er es auf eine jämmerliche Fünf gebracht.
Daheim setzte sie sich sogleich vor das alte Radio und schaltete es bedächtig ein. Sie linste angestrengt durch die gläserne Frontabdeckung und drehte an den Reglern herum. Leider konnte sie wie üblich nichts erkennen, außer den Lichtern. Aber von dem regen Innenleben war sie felsenfest überzeugt!
Plötzlich aber machte es "Knacks" und die plärrige Stimme aus RIAS (=Rundfunk im amerikanischen Sektor) wurde jäh unterbrochen. "Was ist jetzt? Ist jetzt der Modator tot? Maaaamaaaa, komm ganz schnell, die Musik geht nicht mehr! Die Männchen wollen nicht mehr spielen! MAMA!!" ---"Ach, was ist denn!", rief Mama verärgert, "ach ich hol Opa, der kennt sich mit der alten Kiste aus!" Kurze Zeit später erschienen Opa und Mama mit den nötigen Schraubenschlüsseln, um die rückwärtige Abdeckung abzumontieren. Sie nahmen die Platte ab, es gab jede Menge Röhren - doch nirgendwo befand sich Kathrinchens Bühne im Innenleben dieses Zauberkastens. Einzig ein dicker Käfer hatte es sich dort tot gemütlich gemacht und vielleicht für den Ausfall der Musik gesorgt. Der wurde nun mit spitzen Fingern von Mama aufgegriffen und im Abfluss des Küchenbeckens zur letzten Ruhe gebettet. Kathrinchen hat das mit dem Käfer nicht besonders gewundert, wusste sie doch, vom Märchen 'Peterchens Mondfahrt', dass diese Tiere musikalisch sind. Das Radio blieb dennoch weiterhin stumm, ein neues musste her!
Im kürzlich angeschafften, modernen Gerät gab es nun logischerweise kleine mit Instrumenten ausgestattete Musikkäfer, um das Programm zu moderieren. Nur wenn man hinten aufmachte, waren sie alle mitsamt der Bühne unsichtbar, außer sie sind tot, wie der dicke Käfer! Dann ist aber auch das Radio hin! Das erklärte sie stolz und ein wenig altklug bei nächster Gelegenheit dem Michi im Kindergarten.

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