Jürgen Berndt-Lüders

Zum Abgewöhnen




Jetzt ist die Zeit, wo sich wieder alle was abgewöhnen wollen. Ich nicht, weil ich mir nie was angewöhnt habe, was sich lohnen würde, es mir abzugewöhnen.
 
Schon in der Kindheit war ich der totale Streber. Die anderen rauchten. Ich hatte keinen Bock auf Qualmen, weil mir schlecht wurde. Darum musste ich mir nie das Rauchen abgewöhnen.
 
 Später ging es los mit dem Saufen. Bei der Bundeswehr war es so langweilig, dass die Typen ihren ganzen Wehrsold in Alkohol und Tabak umsetzen mussten. Ich versuchte zu saufen, aber spätestens bei 0,5 Promille floss alles in den Ausguss. Mein Körper wollte den Alk einfach nicht gut finden.
 
Man verachtete mich. Ich  trug die Mundwinkel wie Angela Merkel mit Tendenz nach unten. Keine Laster, keine Angewohnheiten, ich war ein völlig langweiliger Typ.
 
Alle machten sich ständig mit ihren Gewohnheiten interessant. Ich wollte auch interessant sein, also fing ich an, mir etwas anzugewöhnen. Ich quälte mir das Essen rein, damit ich zunahm. Als das nicht reichte, stopfte ich mir ein Sofakissen in die Hose und machte ein leidendes Gesicht. Nach einer Woche nahm ich es wieder raus.
 
„Was ist los mit dir?“, fragten die Leute.
 
„Ich bin grad am Abnehmen. Zehn Kilo hab ich schon.“
 
Man nickte verständnisvoll, und plötzlich war ich spannend.  
 
"Wie hast du dir das Rauchen abgewöhnt?", fragte eine Urlaubsbekanntschaft, ein befreundetes Pärchen, als ich nicht rauchte.
 
"Gar nicht", gab ich bekümmert zu. "Ich rauche nicht. Ich habe noch nie geraucht."
 
"Der hat keine Laster", fügte meine damalige Partnerin hinzu. „Er hat gerade innerhalb von einer Woche zehn Kilo abgenommen.“
 
"Gar keine?", fragte der weibliche Teil des Pärchens bedauernd. „Ach du Arme...Und wir wollten euch schon Partnertausch anbieten. Aber mit so einem Langweiler macht mir das bestimmt keinen Spaß."
 
"Warum hast du so schlechte Laune?", fragte meine Partnerin später.
 
"Weil ich mir das Rauchen angewöhne", erklärte ich.
 
Gudrun tippte sich verächtlich gegen die Schläfe.  
 
"Gewöhn' dir das ab", forderte ich, und sie tat es nie wieder. Heute haut sie sich bei ähnlichen Gelegenheiten mit der flachen Hand vor sie Stirn und schüttelt den Kopf. Sie hat  sich das Vogelzeigen tatsächlich abgewöhnt.
 
Ich will mir auch was abgewöhnen müssen. Ich will mir beweisen, dass ich genügend Energie habe, mir was abzugewöhnen. Aber nichts klappt.
 
Ich glaube, ich gewöhnte mir einfach das Angewöhnen ab, weil es mir keinen Spaß machte, dann habe ich auch was, was ich mir abgewöhnen muss.
 
Vielleicht sollte ich mir auch abgewöhnen, mich darüber zu ärgern, dass ich nichts habe, was ich mir abgewöhnen müsste.
 
© Jürgen Berndt-Lüders 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.12.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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