Helmut Wurm

Sokrates und unnütze Blabla-Lehrer-Fortbildungen

 

 

Sokrates kommt an einer Schule vorbei und bleibt natürlich neugierig stehen, ob er etwas für ihn Interessantes bemerkt oder ob er jemanden in ein Gespräch verwickeln kann…  Oft lenkt er unwillkürlich seine Schritte, wenn er in eine fremde Stadt kommt, in Gegenden, wo Schulen stehen könnten. Er hat langsam dafür ein Gespür bekommen, wo die Deutschen Schulen oder Schul-Zentren hinbauen… An dieser Schule fehlen aber die Schüler. Nur eine Reihe Autos auf dem Parkplatz vor der Schule lässt vermuten, dass wenigstens die Lehrer da sind. Haben sie eine wichtige lange Konferenz und den Schülern deshalb frei gegeben?

 

Sokrates ist ärgerlich, wenn Lehrer wegen Konferenzen und Fortbildungen den Schülern frei geben, statt solche Veranstaltungen an Nachmittagen oder an Samstagen oder an den ersten oder letzten Tagen der Ferien abzuhalten. Lehrer haben genug Freizeit, dass man solche Terminierungen verlangen kann. Sokrates geht deswegen ärgerlich-neugierig auf diese Schule zu. Im Hof vor dem Haupteingang sieht er 4 Lehrer sitzen, die ebenfalls ziemlich ärgerliche Gesichter machen. Er spricht sie an… Die 4 Lehrer kennen ihn nicht…

 

Sokrates: Ihr macht so ärgerliche Gesichter. Passt euch etwas nicht? Habt ihr keinen Unterricht? Ich sehe hier keine Schüler. Habt ihr heute eine wichtige Veranstaltung ohne Schüler?

 

Ein Lehrer: Uns passt hier allerdings etwas nicht. Wir sind gewissermaßen Protestler…

Die Schüler haben frei bekommen, damit heute Vormittag eine Lehrer-Fortbildung in Pädagogik stattfinden kann, eine jener Blabla-Fortbildungen, die nichts bringen und wegen denen man den Schülern nicht frei geben sollte. Und wir hören uns dieses Blabla einfach nicht mehr an und sitzen hier im Schulhof… Uns ist schlecht, werden wir sagen…

Wenn wir heute Unterricht gehalten hätten, wäre selbst bei einem mäßigen Unterricht Nützlicheres heraus gekommen als dieses dumme, unnütze Geschwätz da drinnen.

 

Sokrates: Natürlich sollten Fortbildungen möglichst auf die unterrichtsfreie Zeit gelegt werden und nicht in die Arbeitszeit der Lehrer. Denn ihre Arbeit ist unterrichten und nicht Konferenzen abhalten. Das gehört in die Zeit nach der täglichen Arbeit. Da gebe ich euch völlig Recht und ich bin froh, dass ich auf Lehrer treffe, die auch so denken wie ich… Aber könnt ihr mir etwas genauer sagen, weshalb diese Fortbildung ein so dummes Blabla ist, wie ihr euch ausdrückt? Fortbildungen sind doch wichtig für alle Lehrer, besonders in Pädagogik…

 

Ein anderer der Lehrer: Das klingt fast so, als wenn du auch einmal Lehrer gewesen wärest und dich über die Schulleitung geärgert hättest, die es nicht fertig bringt, solche Fortbildungen und Konferenzen in der unterrichtsfreien Zeit abzuhalten.

 

Sokrates (etwas verlegen und ausweichend): Jaaa, ich war so etwas wie Lehrer, aber ich war ein schlechtes Vorbild, denn ich habe meinen Unterricht häufig in die Arbeitszeit verlegt. Aber das war Absicht, denn so traf ich mehr junge Leute auf dem Marktplatz und es war für mich als freier Steinmetz die eigene Arbeitszeit, die ich dadurch einschränkte… Trotzdem, ich war kein Vorbild und das hat mir meine Frau auch häufig vorgehalten…

 

Die Lehrer (schauen sich an und tuscheln): Als Steinmetz auf dem Marktplatz junge Leute unterrichtet… Das gibt es doch schon seit einigen Jahrhunderten nicht mehr… Aber vielleicht gibt es so etwas doch noch in abgelegenen Gegenden an kleinen Haupt- oder Berufsschulen… Vielleicht im Bayerischen Wald… Merkwürdig, dieser Alte, aber trotzdem scheint er mir sympathisch zu sein…

(Dann laut und abwechselnd zu Sokrates):

 

Unser Chef macht sich gerne beliebt bei der übergeordneten Schulbehörde und bei den Eltern… Eine Methode sind häufige Lehrer-Fortbildungen, die gut klingen, aber selten etwas für uns bringen… Jetzt haben wir wieder so eine Fortbildung. Sie hat das Thema „Veränderte Jugend – anderes Lehrerverhalten“. Und eigentlich haben wir gedacht, jetzt kommt da jemand und teilt uns neueste soziologische Ergebnisse der Jugendforschung mit und die abgeleiteten Konsequenzen daraus für uns Lehrer, aber denkste…

 

Wieder nur so ein flaches Reflexions-Blabla… Wir sollen auf blaue Kärtchen aufschreiben, was uns an Veränderungen bei der heutigen Jugend aufgefallen ist und dann auf gelbe andere Kärtchen schreiben, welche Konsequenzen wir an unserer Schule daraus ziehen wollen… Dafür brauchte die Schule nicht auszufallen, das konnten wir in einer Konferenz besprechen… Wir wollen, wenn schon Fortbildung zu diesem Thema, von Fachleuten die neuesten Trends des veränderten Jugendverhaltens hören… Aber der Referent und sein Kompagnon haben selber keine Ahnung oder sind zu faul, sich zu informieren und selbst qualitativ hochwerte Referate zu halten… Über solche Informations-Referate könnte man dann gründlich diskutieren, wenn wir schon diskutieren sollen…

 

Sokrates (unterbricht): Ich weiß, das ist der heutige Trend, Gruppen selber Reflexionen anstellen zu lassen, Kärtchen zu schreiben und diese an irgendwelche Wände heften zu lassen… Man delegiert dadurch die Arbeit, die man eigentlich selber als Referent hätte, an andere… Die Kollegen von der Sozial-Psychologie haben diese Methode zwar nicht neu erfunden, aber in Mode gebracht. Mittlerweile wird sie landauf-landab praktiziert. Man muss sich als ernsthaftrer Wissenschaftler manchmal schämen über diese Scharlatanerie, denn das ist es… Ich kann eueren Unmut verstehen. Ich hätte mit Sicherheit mit solchen faulen Referenten ein Gespräch über Ihre eigentlichen Aufgaben angefangen…

 

Ein Lehrer (verwundert-misstrauisch): Die Kollegen von der Sozial-Psychologie? Hast du denn davon eine Ahnung?... Du hättest ein Gespräch mit solchen Referenten über ihre eigentlichen Aufgaben angefangen?... Wer bist du eigentlich?

 

Aber jedenfalls hast du Recht, dass das zumindest teilweise Scharlatanerie ist. Ich erinnere mich an eine solche frühere Fortbildungsveranstaltung, da hat die betreffende Referentin Bilder und Fotos von Bäumen und Häusern verteilt und jeder musste sagen, was ihm spontan dazu einfiel und das aufschreiben, natürlich wieder auf farbige Zettel. Und die wurden natürlich wieder an die Wand geklebt… Ich weiß nicht mehr, welches Thema diese angebliche Fortbildung hatte, aber ich weiß noch, dass ein Kollege die Rindenstrukturen zu einem Exkurs über moderne Kunst im Unterricht benutzte und dass eine Kollegin Mehrfamilienhäuser mit Bienenwaben verglich und von da auf beengtes Wohnen kinderreicher Familien zu sprechen kam… Mit so einem unnützen Blabla ging der Vormittag rum…

 

Ein anderer Lehrer: Ich glaube das auch, dass man sich als ernsthafter Soziologe oder Pädagoge über solche Seminare schämen sollte… Mit fällt da auch so ein fauler Referent ein. Ich habe einmal eine Fortbildung in Wirtschaftslehre zu einem bestimmten Thema mitgemacht und der Referent war sogar ein Dozent für Wirtschafts-Pädagogik an einer Universität. Wir haben gedacht, dass das eine gute Fortbildungs-Veranstaltung wird, dass wir gut und komprimiert über die Entwicklungen zum Thema informiert würden... Aber Irrtum… Der Herr Professor kam vormittags mit einem großen Koffer von Büchern in den Raum, stellte den auf den Tisch, ließ Arbeitsgruppen bilden und verteilte an jede Gruppe einige Bücher und Kärtchen mit Arbeitsaufgaben. Dann sollte jede Arbeitsgruppe bis zum Nachmittag ein Referat dazu vorbereiten und dieses Referat halten. Abends wüssten wir dann genau Bescheid… Er habe in der Zwischenzeit anderes zu tun…

 

Aber weiter kam der Herr Professor nicht. Wir haben einen Aufstand gemacht und uns geweigert, in dieser Weise das Fortbildungs-Seminar fort zu führen. Er solle uns knapp und verständlich über die neuesten Entwicklungen zum ausgeschriebenen Seminarthema informieren. Denn wir waren damals noch völlige Anfänger im neu eingerichteten Fach Wirtschaftslehre. Aber das konnte der Herr Professor nicht. Er habe sich nicht auf ein eigenes Referat vorbereitet … Schließlich hielt er aus dem Stegreif ein schlechtes Referat und die Veranstaltung endete früher…

 

Das hat uns der Herr Professor nie vergessen. Ich bin ihm später noch einmal bei einer Fortbildungsveranstaltung begegnet. Er hat mich sofort als einen der damaligen Auf-ständischen wieder erkannt und mich mit wütenden Blicken traktiert…

 

Ein zweiter Lehrer: Ich erinnere mich an eine angebliche Fortbildung, zu deren Beginn der so genannte Referent in jede Raumecke einen anderen klugen Spruch mit Tesa-Film anklebte. Wir sollten dann langsam durch den Raum gehen und unsere jeweilige Meinung zu den jeweiligen Sprüchen darunter kleben. So sollten Meinungs-Ecken entstehen. Das kann man ja als einen Einschub in eine gute Fortbildungsveranstaltung integrieren, aber damals war der ganze Vormittag damit ausgefüllt. Der so genannte Referent hatte außer seinem Köfferchen mit Filzstiften, farbigen Kärtchen und Tesa-Film nicht viel anderes auf Lager… So kann man leicht Geld verdienen…

 

Ein weiterer Lehrer: Bei einer dieser nutzlosen Bilder-Betrachten-und-Kärtchen-Anklebe-Veranstaltungen habe ich einfach, als ich an die Reihe kam, geantwortet, mir fiele bei dem mir zugeteilten Bild nichts ein und ich würde jetzt warten, bis endlich die eigentliche Veranstaltung begänne. Und dann habe ich demonstrativ einen Karl-May-Band aus der Tasche gezogen, habe mich zurück gelehnt und gelesen… Das gab zwar ein böses Gesicht bei dem faulen Referenten, aber das war mir gleich… Er hat gemerkt, was ich über ihn dachte.

 

Der nächste der Lehrer: Ich habe regelmäßig wegen grippalem Infekt gefehlt, wenn wieder so eine Blabla-Fortbildung angesetzt war. Nach einiger Zeit wurde ich vom Chef darauf hingewiesen, dass ich als Lehrer zu Fortbildungen verpflichtet sei. Ich habe ihm geantwortet,  dass diese Veranstaltungen keine Fortbildung wären, dass ich wahlweise lieber Unterricht halten möchte und dass ich mich in der benachbarten Universität zu Fortbildungen einschreiben würde.  Das habe ich auch getan und eine Reihe interessanter wirklicher Fortbildungen in Pädagogik und in meinen Fächern absolviert. Die Belege habe ich in meine Personalakte heften lassen. Da konnte mir keiner Fortbildungs-Verweigerung vorwerfen.

 

 Sokrates: Ihr habt Recht, das waren unnütze Fortbildungsveranstaltungen. Vermutlich betraf das meistens die allgemeinen pädagogischen Fortbildungen. Die waren teilweise wirklich schlecht. Aber es gab, das weiß ich auch, sehr gute Fortbildungen… Ich erinnere mich da an vorzügliche Fort- und Weiterbildungen in naturwissenschaftlichen Fächern, an wirklich gute Fortbildungen in Biologie, Physik, Erdkunde, auch an gute Fortbildungen in Geschichte… Aber daneben gab es beschämendes Fortbildungs-Blabla, wie ihr sagt…

 

Aber jetzt geht lieber zurück in diese Veranstaltung, damit man euch nicht Fortbildungs-Unwilligkeit vorwerfen kann. Ihr könnt im Abschlussgespräch offen euere Unzufriedenheit ausdrücken. Vielleicht hilft das. Aber jetzt macht euch keine unnötigen Schwierigkeiten…

Wenn ich den Minister wieder mal treffe, werde ich ihn auf die Qualität der Fortbildungen genauer ansprechen… Er hört auf mich.

 

Die Lehrer (schauen sich verwundert an): Wenn Sie den Minister wieder mal treffen…? Sie erinnern sich auch an gute Fortbildungsveranstaltungen?... Sind sie so etwas wie eine Graue Eminenz des hiesigen Schulwesens?... Hoffentlich kriegen wir jetzt durch Sie keine Schwierigkeiten… Lasst uns mal besser zurück gehen…

 

(Verfasst von discipulus sokratei, der im Hintergrund als gewissenhafter Protokollant der Sokrates-Gespräche dabei stand und sich noch gut an die Gesichter der 4 Lehrer erinnern konnte - die nach seiner Meinung übrigens völlig Recht hatten. Er fügt noch als Nachtrag hinzu, dass er selber in der Zeit, als er noch Lehrer war, solche Blabla-Fortbildungen erlebt hat, dass diese keine seltenen Entgleisungen waren, dass er selber auch gegen solche unnützen Veranstaltungen Einspruch erhoben hat und dass er der Überzeugung ist, dass die 4 Lehrer nichts erfunden haben)

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Helmut Wurm).
Der Beitrag wurde von Helmut Wurm auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.12.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  Helmut Wurm als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Erlebtes Leben: Mein Meerestraum von Fritz Rubin



Versunken in des Meeres Brandung / sitz’ ich am weiten Strand, / das Salz der Gischt auf meinen Lippen, / durch meine Finger rinnt der Sand.
Ich schließ’ die Augen, / geh’ ein in die Unendlichkeit, / es ist ein irres Sehnen / bis hin zur Ewigkeit.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Schule" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Helmut Wurm

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Sokrates und die Fehler vor der Bundestagswahl 2013 von Helmut Wurm (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)
ein ganz normales Abendessen mit zwei Schul-Kindern von Egbert Schmitt (Schule)
Meine Bergmannsjahre (dreizehnter Teil) von Karl-Heinz Fricke (Autobiografisches)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen