Pierre Heinen

Kommissar Black – Sie wollten, dass ich töte! (III) Ende

Black öffnete orientierungslos die Augen. Ihm entwich ein Stöhnen, während er stetig mehr zu Bewusstsein kam. Er hatte grässliche Kopfschmerzen. Es fühlte sich so an, als ob man seinen Oberkörper in einen Kupferkessel gesteckt hätte und ein Dutzend Bauarbeiter mit Vorschlaghämmern darauf hätte einschlagen lassen, stundenlang. Oh Mann! Hätte ich mir doch bloß freigenommen ...
 
Er lag auf dem verstaubten Dachboden inmitten der leeren Dosen. Genau dort, wo er vorhin ohnmächtig geworden war. Einfach so … Vom jungen Mann keine Spur. Der Kommissar stand auf und kam allmählich wieder vollends zu sich. Die violette Farbe an den Wänden hatte sich in Nichts aufgelöst und der merkwürdige Gestank hatte sich vollends verzogen. Alles wirkt so leer... Schleifspuren waren kreuz und quer auf dem Boden verteilt sichtbar.
 
„Was wird hier gespielt?“, fragte der Beamte den staubigen Raum. „Was ist hier los?“
 
Black schritt zur Tür. Jedenfalls dorthin, wo vorhin eine gewesen war. Ihm war schwindelig zumute und die ersten Stufen der steilen Wendeltreppe stieg er vorsichtig hinab. Es wurde immer dunkler um ihn herum, so als würde er mit jedem weiteren Schritt in den Schlund einer lichtfressenden Bestie hinabsteigen.
 
Im Parterre angekommen erschnüffelte der Kommissar wieder einmal diesen süßlich faulen Geruch. Angst zog ihm die Gedärme zusammen und er musste sich eingestehen, dass dieses stille und beklemmende Haus ihm immer Grauen erregender vorkam. Er wollte nur noch raus, diesem Albtraum ein Ende setzen.
 
An der Eingangstür angekommen hielt Black inne. Die Klinke wurde unentwegt runter gedrückt und die Tür schien zu vibrieren. Obwohl es im ganzen Baker-Haus so still war, dass der Kommissar sein Herz pochen hörte. Kein einziges Geräusch dieser deutlich erkennbaren Gewaltanwendung war zu vernehmen. Im Halbdunkel drehte Black den Haustürschlüssel um und öffnete. Er stand augenblicklich einem aufgeregten Polizisten gegenüber.
 
„Endlich!“, brachte dieser schnaufend heraus und senkte die Taschenlampe. „Ich läute seit einer ganzen Ewigkeit!“
 
Der Kommissar zeigte routinemäßig seine Dienstmarke und marschierte an dem ihm unbekannten Beamten hinaus auf die Straße. Es war merklich kühl und der Kommissar fröstelte sogleich. Er sah zum wolkenlosen Himmel hoch, an welchem die Sterne ihr mattes Licht von sich gaben. Es ist bereits Nacht!ging es Black durch den Kopf. Ich muss Stunden da oben gelegen haben! Verdammt!
 
Neben dem Polizeiwagen mit dem eingeschalteten Blaulicht standen die McFarmers in eine wollene Decke gehüllt.
 
„Wir hatten uns solche Sorgen um sie gemacht!“, gestand Fran dem Beamten aufgewühlt und sah ihn mit sorgenvoller Miene an. „Geht es ihnen gut?“
 
„Naja ... halb so wild“, gab Black verwirrt von sich und drehte sich zum Haus um.
 
„Ist denn mit Doris alles in Ordnung?“, wollte Mister McFarmer sogleich wissen. „Ich hoffe doch, dass nichts passiert ist?“
 
Der Kommissar ignorierte die Fragerei und steuerte seinen Dienstwagen an. Er kramte die Taschenlampe aus dem Kofferraum und ging anschließend dem Beamten entgegen, der eben über die Schwelle kam. Er hatte sich die Nase zugehalten und schien erleichtert an der frischen Luft zu sein.
 
„Ist noch jemand im Haus?“, fragte er und atmete tief ein und aus. „Ein furchtbarer Gestank da drin! Was ist das? Gas?“
 
„Das möchte ich auch gern wissen“, gab der Kommissar zurück und stapfte zu ihm hinüber. „Fangen wir gleich mal im Keller an!“
 
„Im Keller?“, entgegnete der Polizist dem Kommissar mit bedenklicher Miene. „Was ist mit dem Erdgeschoss?“
 
„Es ist da unten!“, knurrte dieser entschlossen und knipste die Taschenlampe an. „Folgen sie mir!“
 
„Da unten ...“, murmelte der Polizist als Black schon im Inneren des Hauses verschwunden war. „Was ist da unten?“
 
Der Kommissar hatte mit einem Ruck die Tür zum Keller geöffnet und leuchtete mit der Taschenlampe in die stille Schwärze hinab. Mit jeder Stufe die sie hinabstiegen, kroch ihnen der Gestank aufdringlicher in die Nase und raubte ihnen fast die Sinne. Wo bist du Junge? Und was hast du mit deiner Mutter getan?
 
„Was für ein düsteres Loch“, flüsterte der Polizist.
 
„Wenn sie einen Lichtschalter finden, können sie gerne drauf drücken!“, raunte Black dem Beamten hinter ihm zu und blieb stehen.
 
Beide lauschten angespannt. Wieder einmal herrschte absolute Geräuschlosigkeit im Keller. Der Kommissar folgte aufmerksam dem Schein seiner Taschenlampe. Als er vorhin hier unten gewesen war und draußen noch die Sonne geschienen hatte, war ihm die Finsternis gruselig vorgekommen. Jetzt wurde dieses Gefühl bei weitem übertroffen. Er hatte Angst, weil er nicht wusste wovor er genau diese haben sollte. Scheiße! Außer den staubigen Regalen muss doch etwas hier sein … oder? Ich spüre es doch …
 
„Nach was suchen wir eigentlich?“, wollte der Polizist von Black wissen. „Die Nachbarn haben etwas von Schreien erzählt.“
 
„Die Glotzer ...“, brummte der Kommissar grübelnd. „Ich habe auf dem Dachboden vorhin einen jungen Mann gefunden. Wahrscheinlich der Sohn ...“
 
Ein dumpfes Schluchzen machte sich bemerkbar. Die Beamten hielten sogleich die Luft an. Sie richteten, ohne zu Zögern, den Schein ihrer Lampen auf den Ursprungsort der Geräusche.
 

–  0  –

 
Unter der Treppe haben sie den Sohn in einem Verschlag hockend vorgefunden. Immer wieder hat er beteuert, dass sie ihn dazu gezwungen haben seine Mutter zu töten. Auf die Frage hin, wer das genau gewesen war, gab er keine vernünftige Antwort von sich.
 
In der großen Dose, die er in den Armen gehalten hat, hatte sich ein violetter Brei befunden. Nach Aussagen des Jungen, handelte es sich dabei um die Überreste seiner Mutter. Die Beamten haben den geistig verwirrten Mann daraufhin vorläufig festgenommen.
 
In der Dose, der Quelle des unerklärlichen Gestanks, haben die Wissenschaftler später eine unidentifizierbare Masse angetroffen. Ob es sich tatsächlich um die Verschwundene Doris Baker handelt, konnte bislang nicht geklärt werden.
 

–  0  –

 
Der Schlüsselbund klirrte.
 
„Wie geht es Mr. Baker?“
 
Der schmächtige Pfleger warf einen Blick auf das Blatt Papier neben der Tür.
 
„Sein Zustand ist konstant“, gab der große Mann dem Kommissar teilnahmslos zu wissen und schloss die Zelle auf.
 
Black öffnete die schwere Eisentür. Der kleine fensterlose Raum wurde durch eine Lampe an der Decke erhellt. Marc Baker stand links vor einer gekachelten Wand und starrte diese an. Der Kommissar betrat die Zelle und der Pfleger zog die Tür hinter ihm zu. Der junge Mann blieb regungslos.
 
Zwei Stunden Autofahrt für einen Haufen offener Fragen ... Dieser Fall gehört zu den Akten gelegt. Die Wahrheit finde ich hier sowieso nicht. Nur unsinniges Geschwätz eines armen Irren. Der Doktor hat monatelang alles versucht.
 
„Warum glaubt mir niemand?“, flüsterte er auf einmal. „Die haben mich doch gezwungen!“
 
„Die Stimmen in deinem Kopf, nicht wahr?“, fügte Black sogleich trocken hinzu. „Die haben dich dazu gebracht deine Mutter umzubringen.“
 
„Sie sagten, die Welt würde sonst in Flammen aufgehen und die Hölle ihre Pforten öffnen ...“
 
Marc drehte sich zum Beamten um.
 
„Sie können sich nicht vorstellen, was die mir für Bilder gezeigt haben ...“
 
Der entsetzte Blick des jungen Mannes jagte Black eine Gänsehaut über den Rücken. Marc näherte sich ruckartig dem Beamten.
 
„Ich musste es tun!“, brüllte er lauthals und stürzte sich jäh mit rasantem Tempo auf Black. „Sie wollten doch, dass ich töte!“
 
Dieser konnte in dem kleinen Raum nicht ausweichen und beide fielen zu Boden. Der junge Mann krallte sich regelrecht an den Regenmantel von Black. Dem Kommissar gelang es, Baker von sich zu drücken und den schluchzenden Mann zu Boden zu befördern.
 

–  0  –

 
Black atmete tief ein und aus, ehe er seinen Dienstwagen startete. Sekunden später verließ er erleichtert den Parkplatz der Bogenheim-Anstalt und fuhr zurück nach Lipptown.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.01.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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