Hans Witteborg

Goldfisch


Wessen Herz voll ist – dem läuft der Mund über, sagt eine alte Volksweisheit. Die Sprücheklopfer hatten für alles eine Erklärung. Ich vermisse allerdings einen entsprechenden Hinweis auf: wessen Kopf leer ist…? In diesem Zustand sitze ich nämlich vor dem Computerbildschirm, der seine Erwartungshaltung mir gegenüber seit einiger Zeit geändert hat und mich damit straft – aus Verachtung und Enttäuschung nichts Nützliches für mich tun zu können- indem er auf Bildschirmschonung umschaltete. D.h. es läuft das Aquarium-Programm mit echt wirkenden Fischen, die mich anglotzen und dann gelangweilt von dannen schwimmen. Eine Demonstration erniedrigender Missachtung von Wesen, die nicht einmal lebendig sind und gewisser Massen nur aus primitiven 0 oder 1 Signalen bestehen. Welch eine Schande für einen beweglichen und kreativen Geist wie den meinigen, der alles begreift und sich über alles ein Bild macht – der Herr der EINBILDUNG eben. Bevor mich jedoch Selbstzweifel in ungeahnte Bedrängnis bringen, beschließe ich dem Trauerspiel ein Ende zu bereiten und mich durch grausames Handeln an den ebenso unverschämten wie unbelehrbaren Cyberwesen zu rächen. Ich schalte den Strom aus und augenblicklich herrscht tödliche Dunkelheit.
Was nun? Leere wird nicht dadurch voller, dass man sie mit noch mehr Leere auffüllt, will sagen, dass man Gedankenlosigkeit nicht mit eben der solchen bekämpfen kann. Ich beschließe den Wurzeln allen Übels auf den Grund zu gehen, d.h. an die Basis zurückzukehren. Basis ist in diesem Fall Urmensch ADAM. Wie heißt es doch in der Genesis: es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei! Wie wahr! Meine Frau ist gerade nicht da – sie weiß auch, dass es abträglich und nicht gut ist, wenn ihr Mensch alleine ist, wegen der Ordnung zu Hause. Überkommene Erkenntnisse darf man nicht ignorieren. Ich, also allein zu Haus, sollte schleunigst Abhilfe schaffen, bevor mein Frau von ihrem Auswärtstermin zurückkommt. Ein lebendiges Wesen muss her, aber eines, das nicht widerspricht, keinen Lärm macht und auch nicht Gassi gehen will, ebenso keine großen Ausgaben verursacht oder gar Folgekosten.
Hatte ich schon erwähnt, dass ich kreativ bin und einen regen Geist besitze? Ich hatte eine spontane Idee, deren Umsetzung für einen Tatmenschen wie ich eine Kleinigkeit war. Wenn ihr bisher geistig meinen Ausführungen folgen konntet, werdet ihr erraten haben, mit welchem Geschöpf ich unseren Haushalt umgehend bereicherte – mit einem Fisch. Und da ich ja von bereichern spreche, kaufte ich natürlich einen Goldfisch, den ich umgehend mit „Otto“ benamste, denn Otto find ich gut. (Wie sehr doch die Werbung auf unser Unterbewusstsein durchschlägt, ich rate zur TV-Abstinenz).
Otto war genügsam, das Futter billig, er liebte Wasser, ganz ordinäres H²O. Nicht wie viele, die ohne sündhaft teuren Mouton Rothschild nicht leben können und deshalb frühzeitig an Leberzirrhose dahin scheiden. Aber ich schweife ab – ich war gerade dabei der Genügsamkeit von Otto ein Loblied zu singen.
Otto braucht auch wenig Platz. Er begnügt sich mit einem Rundglas, dessen Stellfläche etwa der eines Käfighuhns entspricht, das allerdings unfreiwillig damit auskommen muss.
Otto macht das aus eigenen Stücken, jedenfalls hat er sich bei mir noch nicht beschwert und in seinen Stummen Blicken konnte ich auch nichts von einem Vorwurf entdecken. Pflanzen oder vorgetäuschte Naturlandschaft befinden sich auch nicht in Ottos Aquarium. Das ist erstens aus Pflegegründen praktisch, zweitens nimmt es Otto auch keinen unnötigen Platz, gibt ihm also größere Bewegungsfreiheit und drittens täuscht man lebendigen Wesen auch nichts vor, um so Enttäuschungen zu ersparen in diesem Fall, dass es lediglich eine zweidimensionale Natur gäbe. Das alles tat ich dem neuen Gefährten zu Liebe, ich der als Naturfreund ausgewiesen bin. Hier unterscheide ich mich deutlich von den TV-Produzenten, die uns in bunten Bildern Naturlandschaften ins Haus bringen und wenn man hinter den Fernseher schaut, dann ist da gar nichts! Solche Enttäuschung will ich Otto ersparen.
Ich habe konsequenter Weise meinen Computer abgebaut und das Goldfischglas an dessen Platz gestellt. Wenn also Leere meinen Kopf erfüllt (ein Paradoxon, wie aufmerksame Leser erkennen) setze ich mich mit Papier und Bleistift erwartungsvoll vor Otto hin und warte auf eine Eingebung. Ich sitze also und warte, warte, warte, w… Otto stiert mich an.
(Können Fische eigentlich „stieren“?) Ich muss es anders ausdrücken: er glotzt mich an, blubbert Blasen… also blubbernde Blasen kenn ich, das ist KRITiK. Dann dreht er mir seine Schwanzflosse zu und schwimmt, soweit möglich, davon. Diese Gesten erfuhr ich auch von meinen Cyberfischen. Ich bin beschämt! Habe ich soviel Langeweile verbreitet?
Langweile quält und ich kann nun mal keine Lebewesen leiden sehen. „Otto,“ sagte ich deshalb, „ich habe ein Einsehen mit dir.“ Ich nahm das Aquariumglas, trug es behutsam zum Klo (für empfindsame Seelen: zur Toilette), schüttete den Inhalt samt Otto in die Kloschüssel und gab einen Schuss Spülung Otto mit auf den Weg in seine Freiheit. Nun kann er denken, was er will. Die Gedanken sind frei. Tierfreund, der ich nun einmal bin, gab ich dem Fischlein noch gute Wünsche mit auf die Reise. „Mögest du nie der Verführung eines Angelhakens erliegen und halt die Flossen steif!“
Ich glaube, beide Wünsche werden wohl in Erfüllung gehen. Kann man mehr tun für einen Gefährten, von dem man sich trennen musste?
p.s. sollte ich euch durch meine Geschichte gelangweilt haben: so habt ihr doch eines gelernt: das Schicksal hält in solchen Fällen einige Überraschungen bereit…

Zur Erinnerung

Bildwirklichkeit

Zurückgelehnt schau ich in Ruh
den digitalen Fischen zu,
die niemals hektisch, niemals fliehen,
gemächlich ihre Bahnen ziehen.
Und weil sie nicht im Wasser wohnen,
im Cyberraum den Bildschirm schonen.
Real von diesen Fischlein: keins
sind sie nur Ziffern Null und Eins,
die man streng logisch und geschickt
zu so einem Programm „gestrickt“,
dass mein Display ringsherum
ausschaut wie ein Aquarium.
Man hat die Bytes so toll vereint
und alles wirklich echt erscheint.
Dies ist ein Beispiel für die Welt,
die viel verspricht und wenig hält.
Im Täuschen ist der Mensch perfekt.
Passt auf, was er noch sonst ausheckt!

Aus: „von einer langen Heimkehr“, Engelsdorfer Verlag, einer meiner Beiträge

















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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.01.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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Vom Ufer aus von Hans Witteborg



Die Gedichte begleiten durch die vier Jahreszeiten und erzählen wie die Natur erwacht, blüht und welkt, wissen von reicher Ernte zu berichten. Der Spätsommer im Park, winterliche Gefilde oder Mailandschaften scheinen auf. Der Autor verwendet meist gereimte Zeilen, zeigt sich als Suchender, der neues Terrain entdecken möchte. Der Band spricht von den Zeiten der Liebe, zeigt enttäuschte Hoffnungen und die Spur der Einsamkeit. Wut und Trauer werden nicht ausgespart. Es dreht sich das Kaleidoskop der Emotionen. Der kritische Blick auf die Gesellschaft und sich selbst kommt zum Zuge. Kassandras Rufe sind zu hören. Zu guter Letzt würzt ein Kapitel Humor und Satire. So nimmt der Autor seine Zettelwirtschaft aufs Korn, ein hoffnungsloser Fall.

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