Klaus-D. Heid

Gagigugo

„Wo der Frieden Grenzen setzt,
gibt es keinen Hass...“

Julius Cäsar

EPILOG

In einem winzig kleinen Ort namens Gagigugo, der auf keiner Karte verzeichnet war und eigentlich gar nicht existierte, lebten – wie könnte es anders sein – ausschließlich Gagigugos. Für das Volk der Gagigugos bestand die ganze Welt aus ihrem Ort, denn niemals hatten sie es gewagt, die geheimnisvollen Berge zu besteigen, die rings um Gagigugo fast bis zum Himmel emporragten. Selbst die ältesten der Alten wussten nichts über eine Welt ‚hinter’ den geheimnisvollen Bergen zu berichten. Immer dann, wenn ein junger neugieriger Gagigugo sie fragte, was denn hinter den Bergen zu sehen sein, antworteten sie: „Wieso dahinter? Es gibt kein Dahinter! Der Rest der Welt sind die geheimnisvollen Berge. Wir, die Gagigugos, sind also der Mittelpunkt der Welt. Verstehst Du das, Du dummer kleiner Gag?“ Natürlich verstanden es die ‚Gags’, wie man alle unter tausendjährigen Gagigugos nannte, nicht. Wie sollten sie auch! Aber im Laufe der Ewigkeiten! fanden sich die jungen Gags damit ab, dass die Alten alt genug waren, um es wirklich wissen zu müssen. Wurden die Gags irgendwann selbst zu ältesten der Alten, erklärten sie ihren Nachkommen alles genauso, wie sie es einst erzählt bekommen hatten.

Gagigugos waren ein äußerst friedliebendes Volk. Mit wem sollten sie auch streiten oder gegen wen sollten sie gar in den Krieg ziehen? Das Wort ‚Krieg’ existierte für sie überhaupt nicht! Geschah es tatsächlich einmal, dass sich zwei Gagigugos stritten, wurde umgehend der Rat der ältesten der Alten einberufen, um den Streit zu schlichten. Das letzte Mal, dass der Rat der ältesten der Alten einberufen werden musste, lag allerdings schon so weit zurück, dass kein Gagigugo sich daran erinnern konnte.

Wie viele Gagigugos es gab? Hunderte? Vielleicht auch Tausende? Wer kann das schon wissen, wenn doch noch nie ein Mensch in Gagigugo war? Alles, was ich hier über das liebenswerteste Volk der Erde berichte, habe ich aus einer Quelle erfahren, über die ich erst viel, viel später berichten möchte. Dieser Quelle habe ich auch das heilige Versprechen geben müssen, nie einem Menschen zu verraten, wo Gagigugo zu finden ist...

Die Gagigugos bestehen aus vier verschiedenen Altersgruppen. Es ist sehr wichtig, die Altersgruppen streng zu trennen, denn jede Altersgruppe hat ihre eigenen Aufgaben, Verantwortungen und auch Privilegien. Da sind zum Beispiel die Gags. Bis zum Alter von neunhundertneunundneunzig Jahren hießen alle männlichen Gagigugos ‚Gags’. Die einzige Verantwortung der jungen Gags bestand darin, ihren Eltern möglichst wenig Arbeit zu machen. Ansonsten durften sie – bis auf ein paar kleine Ausnahmen – tun und machen, was sie wollten. Die Mädchen dieser Altersgruppe wurden ‚Gagis’ genannt. Auch sie konnten ein ganzes Jahrtausend lang ohne nennenswerte Pflichten ihr Leben genießen, ohne Verantwortung tragen zu müssen. Lediglich das Sammeln ganz bestimmter Beeren war ganz alleine die Aufgabe der Gagis. Was es mit diesen Beeren auf sich hat, werde ich zu einem späteren Zeitpunkt berichten.

Sobald Gags und Gagis das tausendste Jahr erreicht hatten, wurden sie zu Gigs und Gigis.

Dieser Zeitpunkt war im Leben der Gagigugos etwas ganz Besonderes. Das ganze Volk feierte an diesem Tag ein Fest, das ein ganzes Jahr andauerte. Ausgelassen tanzten und musizierten alle Gagigugos, spielten und tollten herum und erzählten den Gags und Gagis jeden Abend bis zum Morgengrauen Geschichten aus dem Buch der Go. In diesem einen Jahr ruhten alle Pflichten und Aufgaben, die es ansonsten zu erledigen galt. Nur Spaß und Freude herrschten, bis das Jahr zu Ende ging.

Danach wurden allen Gigs und Gigis Pflichten übertragen, die ausschließlich sie zu erledigen hatten. Niemand sonst durfte diese Arbeiten verrichten; ganz egal, was auch immer geschah!

Die nächste Altersstufe bestand aus den Gugs und Gugis. Mit dem Erreichen des dreitausendsten Lebensjahres wurden alle Gigs und Gigis zu Gugs und Gugis. So unglaublich verwirrend es für uns Menschen ist, diese Einteilungen zu verstehen und nachzuvollziehen, so sinnvoll und logisch erscheint es einem, wenn man erst einmal die Lebensweise der Gagigugos begriffen hat. Eigentlich gab es keinerlei Regeln und Gesetze außer dem strikten Einhalten der Altersklassen und den damit verbundenen Aufgaben.

Eine der wichtigsten, wenn nicht sogar die allerwichtigste Lebensstufe für einen Gagigugo, war der Wandel vom Gug zum Gogoma oder von einer Gugi zur Gogima.

Sobald der Tag erreicht war, in dem Gagigugos zu Gogomas und Gogimas wurden, herrschte für ein ganzes Jahrhundert Stille. Kein Gagigugo durfte in dieser Zeit reden, singen oder sonst etwas tun, das die Ruhe der neuen Gogomas und Gogimas stören konnte. Hundert Jahre lang bereiteten sie sich so auf ihre neuen, überaus wichtigen und verantwortungsvollen Aufgaben vor. Sie lasen im Buch der Go und dachten dabei über ihr neues Leben nach. Sie schrieben alles auf, was ihnen aus den vergangenen dreitausend Jahren einfiel und was sie der Nachwelt erhalten wollten. Dieses Aufschreiben war ein überaus wichtiges Zeremoniell, das jeder Gogoma und jede Gogima sehr ernst nahm. In Gagigugo gab es nämlich eine Bibliothek, in der mittlerweile fast eine Million handgeschriebener Erfahrungsbücher lagerten. Geordnet nach Namen und Datum diente jeder Band in der Bibliothek dazu, alle Ereignisse im Leben der Gagigugos festzuhalten.

Da es in Gagigugo keine Zeitungen und keine anderen Bücher – außer dem Buch der Go – gab, schlummerten die gesamte Geschichte der Gagigugos in diesem Gebäude.

Gebäude, Häuser oder andere Bauwerke in Gagigugo haben nichts mit der Bauweise zu tun, wie wir Menschen sie kennen. Das Land der Gagigugo ist viel zu klein, um auf Holz- oder Steinmaterialien zurückgreifen zu können. Da es aber nicht ausreichend Holz und Steine gibt, nutzen die Gagigugo ein Baumaterial, das uns Menschen vollkommen unbekannt ist. Sie nennen dieses Material ‚Meto’.

Meto ist die blätterartige Frucht eines Baumes, die so schnell nachwächst, dass sie unbegrenzt als Baumaterial zur Verfügung steht. Die Metofrucht sieht in etwa so aus wie ein riesiges Palmenblatt. Wenn sie reif ist, um geerntet zu werden, misst sie fast zwei Meter mal einen Meter und ist stabil und belastbar wie eine dünne Holzplatte. In Gagigugo gibt es keinen Wind und keinen Sturm, vor dem man sich schützen müsste. Die geheimnisvollen Berge umschließen den Ort wie eine gewaltige Mauer, durch die nicht der kleinste Luftzug gelangt. Sie sind so hoch und steil, dass Wind etwas ist, von dem die Gagigugos noch nie etwas gehört haben. Seltsamerweise kennen sie auch keinen Regen. Sie sehen zwar ab und an dunkle Wolken vorüberziehen, aber niemals - seit Anbeginn der Geschichte - haben sie auch nur einen einzigen Regentropfen abbekommen!

Wasser? Wasser gab es reichlich in Gagigugo.

Herrlich frisches, glasklares Wasser sprudelte aus einer Quelle, die einen kleinen See gebildet hatte. Dieser See war genau in der Mitte Gagigugos. Alle Häuser waren um diesen See herum platziert, damit niemand einen weiten Weg zum Wasser zurückzulegen hatte. Kleine angelegte Bäche schlängelten sich sogar durch jedes Haus, dienten den Gags und Gagis zum Spielen und Plantschen und versorgten die Haushalte mit köstlichem Wasser.

Die Gagigugos liebten es gemütlich. Sie kannten Begriffe wie ‚Eile’ nicht, da es nichts gab, das sie drängte. Für alles gab es reichlich Zeit. Nicht selten sah man einen Gagigugo tagelang auf einem Liegestuhl schlafen. Niemand machte sich Gedanken darüber, ob er vielleicht irgendwelche Arbeiten versäumte oder andere wichtige Termine vergessen hatte. Er selbst musste am Besten wissen, wann und wie er sein Leben einrichtete. Darüber hinaus besaß jeder Gagigugo ein angeborenes Verantwortungsgefühl für die Gemeinschaft, das es ihnen unmöglich machte, anderen zu schaden.

Mit viel Liebe zu hübschen kleinen Details sorgten die Gugis für ein gemütliches Heim, in dem sich Gugs, Gigs und Gigis wohlfühlten. Kein Haus war eingerichtet wie ein anderes Haus. Jedes Gagigugo - Haus sah anders aus. Runde oder viereckige Fenster, kleine und große Türen, spitze Dächer oder flache Dächer; und auch unterschiedlichste Verzierungen schmückten die bezaubernden Häuser der Einwohner.

Niemand ärgerte sich über das Haus seines Nachbarn, weil es schöner und größer als das eigenen Haus. Im Gegenteil! Gagigugos teilten ihre Freude über das Schöne gerne miteinander. Neid und Missgunst hatte im Leben der Gagigugos keinen Platz. Miteinander glücklich sein, sich miteinander freuen und miteinander lachen, hieß ihre Devise, die aus Gagigugo einen Ort der vollkommenen Harmonie gemacht hatte.

Obwohl Harmonie und Freundlichkeit das Leben bestimmte, brauchte es doch eine Instanz, die das Wissen und die Weisheit der Gagigugos hütete und pflegte.

Eine kleine Gruppe, die sich natürlich nur aus Gogomas und Gogimas zusammensetze, bildeten den Rat der ältesten der Alten in Gagigugo. Diese Gruppe verwaltete unter anderem die Bibliothek, stand bei allen Fragen zu Verfügung und hatte auch auf alle Fragen eine Antwort parat. Der Rat der ältesten der Alten war sozusagen der oberste Wächter aller Eventualitäten. Sehr selten in Anspruch genommen, stellte er doch eine Sicherheit dar, auf die kein Gagigugo verzichten wollte.

Der Rat der ältesten der Alten war zugleich auch Hüter des Buches von Go. Niemand wusste, wie alt dieses Buch war oder wer es geschrieben hatte. Selbst die ältesten der Alten konnten die eine Frage nicht beantworten. Sie wussten lediglich, dass sie seit unzähligen Jahrtausenden aus dem Buch von Go Lebensweisheiten schöpften und immer die richtigen Ratschläge nachlesen konnten.

Aufbewahrt wurde das Buch von Go in einem kunstvoll verzierten Schrank, der in der Mitte des Versammlungsplatzes stand. Da es niemals regnete, machte es nichts aus, den Schrank im Freien stehen zu lassen. Da es niemals Diebstahl oder Gewalt in Gagigugo gab, war das Buch im Schrank dort genauso sicher, wie an jedem anderen Fleck im Ort. Durch seine ständige Transparenz konnten so aber alle Einwohner des Ortes Tag für Tag, Jahr für Jahr und Jahrtausend für Jahrtausend den Schrank betrachten. Nur anfassen durfte niemand das Buch von Go, es sei denn, der Rat der ältesten der Alten wollte etwas darin nachschlagen.

Alle Feiern und Versammlungen spielten sich auf dem großen Versammlungsplatz ab. Hier wurden die ‚Wandel’ gefeiert, wenn wieder einmal ein Gagigugo einen Jahrtausendwandel erreicht hatte. Hier wurde auch gefeiert, wenn ein Gug eine Gugi heiratete. Heiraten waren ein ganz besonderes Erlebnis. Nur Gugs und Gugis konnten heiraten. Wenn sich ein Gug und eine Gugi liebten, teilten sie ihre Absichten dem Rat der ältesten der Alten mit, der den Beiden daraufhin ein abgeschriebenes Kapitel aus dem Buch der Go schenkte. Es war zugleich der größte Schatz, den sich eine Familie vorstellen konnte, solch ein Kapitel zu besitzen. In jedem Familienhaushalt nahm dieses Geschenk einen besonderen Platz ein, weil es das Symbol für die vollkommene Harmonie der Gagigugos darstellte. Der Gug und die Gugi teilten dem Rat der ältesten der Alten einen Hochzeitstermin mit.

Mit dem Tag des Hochzeitstermins begann dann eine zweijährige Feier, in der alle ausgelassen und fröhlich dem neuen Paar viele kleine Gags und Gagis wünschten.

Wir Menschen denken natürlich in anderen Zeiträumen, als Gagigugos. Wenn für uns Menschen das Leben nach spätestens hundert Jahren zuende ist, sind Gagigugos im gleichen Zeitraum Kleinkinder, die noch nicht einmal sprechen können. Mit hundert Jahren wird ein Gagigugo noch immer von seiner Gugi gefüttert und gewickelt und vom Gug zärtlich in den Schlaf geschaukelt.

Um sich besser in die Lebensweise der Gagigugos versetzen zu können, möchte ich etwas über eine ‚junge Familie erzählen, die erst vor wenigen Jahrhunderten geheiratet hatte. Ich erzähle die Geschichte von Nu und Ni, von ihrem kleinen Gag Na und von dem weisen Gogoma Map, der als Zweitältester im Rat der ältesten Alten eine ganz besondere Rolle in dieser Geschichte einnimmt.

Kapitel 1. Nu

Gagigugos sehen anders aus, als Menschen.

Sie haben Arme, Beine, Hände, Füße, Nasen, Ohren, Münder und Augen. Sie sind nur etwas kleiner, als wir Menschen. Sie haben Haare auf dem Kopf und manche Gagigugos tragen sogar einen Bart. Und doch...

...sehen sie vollkommen anders aus!

Meine Quelle, von der ich alles über dieses ungewöhnliche Volk weiß, hat mir sehr genau beschrieben, wo die Unterschiede liegen. Es hat lange gedauert, bis ich begriffen habe, dass Gagigugos einfach nur deshalb anders aussahen, weil sie nicht das Leben führten, wie wir Menschen es führen. So hatten sie beispielsweise viel dünnere Beine als wir, weil sie niemals lange Wegstrecken zurückzulegen hatten. Sie konnten sich nur in dem kleinen Ort bewegen, da die geheimnisvollen Berge die Welt der Gagigugos klar definierten. Außerdem war jede schwere körperliche Tätigkeit den Gagigugos unbekannt. Sie mussten niemals hart arbeiten, mussten niemals schwere Lasten tragen und konnten sich bei allem, was sie taten, so lange ausruhen, wie sie wollten. Aus diesem Grund waren auch die Oberarme der Gagigugos nie gezwungen, Muskeln wie beim Menschen zu entwickeln.

Die Gesichter der Gagigugos schienen immer zu lächeln. Wahrscheinlich konnten sie überhaupt nicht anders aussehen, als freundlich und sanft. Ihre Augen waren kleiner als Menschenaugen. Dafür strahlten sie ohne Unterbrechung Ruhe und inneren Frieden aus, wie man sie bei Menschen vergeblich würde.

Um einen typischen Gagigugo beschreiben zu können, braucht man nur an ein Weizenfeld im Sommer zu denken. Man liegt mit geschlossenen Augen auf dem Boden, lauscht dem Wind, der die Weizenhalme hin und her bewegt und hört dem vergnügten Zwitschern der Vögel zu. In dem Moment, wenn man eine tiefe vollkommene Ruhe in sich spürt, nähert man sich langsam der Vorstellungskraft, die man zum Beschreiben eines Gagigugos benötigt. Wenn alle Körperglieder schwer und zugleich federleicht werden, wenn man dem Wunsch kaum wiederstehen kann, für alle Zeiten an diesem Platz liegen zu bleiben...

...dann sieht man einen typischen Gagigugo vor sich.

Nu war nicht nur ein typischer Gagigugo; er war sogar übertypisch! Er war einer jener Gagigugos, die noch ein bisschen lieber, noch ein bisschen freundlicher und noch ein bisschen sanfter waren, als andere Gagigugos.

Sollte es wirklich eine Steigerung der Vollkommenheit geben, dann musste es Nu sein, der diese Steigerung verkörperte.

Schon als kleiner Gag war er der uneingeschränkte Liebling seiner Eltern und aller anderen Gagigugos. Jeder, der sich in seiner Nähe aufhielt, wurde unweigerlich in seinen Bann gezogen. Selbstverständlich dauerte es nicht allzu lange, bis auch die kleinen Gagis auf ihn aufmerksam wurden. Ständig sammelte Nu eine Gruppe junger Gagis um sich herum, denen er mit seinem besonderen Humor und seinem unwiderstehlichen Charme die Gagiherzen verzauberte.

Auch bei den Gagigugos gab es eine gewisse Rivalität, wenn es um die Partnerwahl gab. Aber anders als bei Menschen paarte sich diese Rivalität niemals mit Neid oder gar Hass.

Viele Jahrhunderte mussten vergehen, bevor aus einem Gag ein Gig und aus einem Gig ein Gug wurde. Erst dann, wenn die Feierlichkeiten abgeschlossen waren, in denen ein Gig zum Gug wandelte, konnte er seine auserwählte Gugi heiraten. Dazu muss man wissen, dass Ehen der Gagigugos ein ganzes langes Leben andauerten.

Nu’s Eltern hießen Ba und Be.

Sie verwöhnten ihren kleinen Sohn mit allem, was in Gagigugo überhaupt nur möglich war. Ba baute seinem Gag eine wunderschöne Schaukel aus Meto, um die sich alle Gags und Gagis scharten, damit sie mit Nu zusammen schaukeln konnten. Wohlgemerkt war es nicht die Schaukel, die für soviel Zulauf sorgte. Viele Eltern hatten ihren Gas und Gagis Schaukeln gebaut – aber keine Schaukel fand so viel Interesse, wie Nu’s Schaukel!

Menschenkinder würden in einer ähnlichen Situation wie Nu versucht sein, arrogant oder zumindest überheblich zu werden.

Nu nicht. Er ließ geduldig alle Gags und Gagis mit seiner Schaukel spielen, auch wenn er selbst kaum noch Gelegenheit hatte, einmal alleine darauf zu schaukeln. Warum sollte er auch ungeduldig werden? Vor ihm lagen Tausende Jahre, in denen er alles erleben konnte, was es zu erleben gab. Und der, der glaubt, dass es in Gagigugo nicht viel zu erleben gab, wird im Laufe dieser Geschichte feststellen, dass man auch in vielen tausend Jahren niemals Langeweile haben musste. So viele Dinge gab es zu erforschen, zu erkunden und zu verstehen, dass selbst eine Million Jahre dafür nicht ausreichen würde!

Ba und Be liebten ihren Nu über alles. Alle Eltern liebten ihre Gags und Gagis – aber Nu wurde eben ein winziges bisschen mehr geliebt, als andere Gags. Irgendwie spürten seine Eltern wohl, dass eines Tages ihr Nu eine überaus wichtige Rolle im Leben der Gagigugos spielen sollte. Irgendwie war allen Gagigugos klar, dass Nu in ferner Zukunft der bedeutendste Gagoma in der gesamten Geschichte ihres Volkes werden würde. Warum das so war und weshalb gerade Nu diesen Gedanken geradezu herausforderte, wusste niemand.

Jedenfalls niemand außer dem weisen Gogoma Map...

Als einziger seines Volkes hatte er die Worte aus dem Buch Go richtig gedeutet, die einen kleinen Gag ankündigten, der später als Gogoma die Zukunft aller Gagigugos auf seinen schmalen Schultern tragen sollte! Aber bis dahin würde noch unglaublich viel Meto an den Bäumen wachsen. Bis dieser wichtige Zeitpunkt kommen sollte, gab es noch sehr viel in Gagigugo zu erleben.

Nu und Ni

Obwohl viele kleine Gagis Nu auf Trab hielten und ihn umschwärmten, hatte der Gag von Anbeginn nur Augen für eine ganz besonders hübsche Gagi.

Die kleine Gagi hieß Ni. Ihr muss es ebenso wie Nu gegangen sein, denn sie tat immer alles, um ganz dicht bei ihrem Nu zu sein. Gemeinsam sammelten sie die Beeren, die man nur dicht am Rand der geheimnisvollen Berge finden konnte. Tage- und wochenlang verbrachten sie damit, ihre Körbe mit den Beeren zu füllen, um sie dann fröhlich scherzend und lachend in den Ort zu tragen.

Wie eingangs erwähnt, durften nur Gags und Gagis diese Beeren sammeln. Wen es nun interessiert, weshalb und warum dies so war – und was es mit den Beeren auf sich hat, den muss ich bitten, weiterhin Geduld zu haben! Fällt dies schwer, ist es am besten, wenn man an die Geduld der Gagigugos denkt, für die Ungeduld nicht existiert. Nur eines möchte ich an dieser Stelle zu den Beeren sagen. Mit ihnen konnte man einen riesigen Korb bis zum Rand füllen, ohne dass der Korb viel mehr als ein leerer Korb gewogen hätte. Jede Beere zwar in etwa so groß wie ein Pfirsich, aber sie war trotzdem so leicht wie ein Luftballon.

Einige Menschen nennen es ‚Schicksal’, wenn etwas geschieht, von dem sie glauben, dass es auf jeden Fall geschehen wäre.

Gagigugos kannten zwar kein Schicksal – aber sie alle spürten, dass aus Nu und Ni ein Paar werden würde. Werden musste! Irgendwie stand es einfach fest. Wie eine Tatsache, an der es nichts zu rütteln gab. Wie die geheimnisvollen Berge, an deren Existenz auch niemand zweifelte, weil sie nun mal unübersehbar für jeden Gagigugo die ganze Welt umschlossen.

Nu fiel nicht nur durch sein besonderes Aussehen auf. Er war auch bekannt dafür, dass er oftmals Dinge tat, die Gagigugos niemals taten. So war der kleine Gag sich eines Tages von seinen Eltern Ba und Be verabschiedet, um für ein paar Wochen den Rand der geheimnisvollen Berge zu erkunden. Andere Gags in seinem Alter wären niemals auf den Gedanken gekommen, etwas so aufregendes zu unternehmen. Andere Gags blieben lieber zu Hause und ließen sich von ihren Eltern verwöhnen. Sie zogen ausgiebigen Schlaf und ausgiebiges Essen jedem kräfteraubenden Abenteuer vor.

Aber nicht Nu.

Selbst als kleiner unerfahrener Gag war er ständig auf der Suche nach Unerforschtem und Unbekanntem. Er war es auch, der seine Eltern ununterbrochen mit Fragen überschüttete, auf die noch nicht einmal Gogomas eine Antwort hatten.

„Ba? Wenn ich eines Tages ein Gug bin, darf ich dann versuchen, das Ende der Welt zu finden? Ba? Warum ist der Himmel manchmal ganz hell und manchmal sind so seltsame dunkle Flecken darauf zu sehen? Ba? Wer bewegt eigentlich den Himmel? Ba...?“

Seine Eltern bemühten sich nach allen Kräften, ihrem wissensdurstigen Gag alles zu erklären, was sie wussten – aber schnell merkten sie, dass er immer viel mehr Fragen auf Lager hatte, als sie an Antworten geben konnten.

Auch auf die Frage, warum die geheimnisvollen Berge ‚geheimnisvolle Berge’ hießen, konnte Be und Ba keine Antwort geben. Sie verwiesen Nu an den weisen Gogoma Map, dessen Fähigkeit bekannt war, selbst Nu die meisten seiner Fragen zu beantworten.

„Gogoma Map? Kannst Du mir sagen, warum die geheimnisvollen Berge ‚geheimnisvolle Berge’ heißen? Weshalb sind sie denn so geheimnisvoll? Was ist das Geheimnis der Berge? Bitte erzähl mir alles darüber, was Du weißt...!“

Map lächelte. Er lächelte immer. Aber wenn Nu ihm Fragen stellte, lächelte Map noch ein kleines bisschen mehr, als sonst.

„Was meinst Du, Nu, was geschieht, wenn ich Dir Deine Fragen beantworte? Glaubst Du, dass dann die geheimnisvollen Berge ihren Namen noch zu Recht tragen?“

Nu dachte einen Moment nach.

„Natürlich nicht, Gogoma Map! Du hättest dann ja das Geheimnis gelüftet! Und ein gelüftetes Geheimnis ist kein Geheimnis mehr.“

„Sehr richtig, kleiner Nu!“

Mehr erfuhr Nu nicht vom Gogoma Map. Sein noch sehr junger Verstand überlegte, ob er sich mit der Antwort zufrieden geben konnte. Map hatte Recht. Wenn er Nu erzählte, was es mit dem Geheimnis auf sich hatte, müsste man einen neuen Namen für die Berge suchen. Konnte das der Grund sein? Hütete man das Geheimnis, weil man keine Lust hatte, einen neuen Namen zu finden?

Irgendwie reichte Nun die Antwort nicht aus. Er beschloss, dem Geheimnis der geheimnisvollen Berge selbst auf die Spur zu gehen. Und wo konnte er seinen Plan besser umsetzen, als direkt an den steil aufragenden Bergwänden?

Kapitel 2. Die geheimnisvollen Berge

So hoch ragten sie nach oben, dass sie beinahe den Himmel berührten. Sie waren bereits da, bevor es die Luft, das Wasser oder die Metobäume gab. Lange, bevor die Welt begann, sich auf Leben einzustellen, kratzten die geheimnisvollen Berge schon an den Wolken und umschlossen das künftige Tal der Gagigugos. Milliarden von Jahren haben sie geduldig das Himmelszelt beobachtet. Sie haben unbeweglich verharrt, bis endlich das erste Leben in ihrer Mitte erwachte. Erst dann, als die Gagigugos zu dem wurden, was sie werden sollten, lächelten die unzähligen steinigen Gesichter der geheimnisvollen Berge. Viele Tausend Jahre sahen sie auf diese freundlichen Wesen, denen sie Schutz und Sicherheit boten.

Der kleine Gag Nu wusste nichts von Gesichtern, die ihn aus den Felsen beobachteten. Nu wusste nur, dass es nach jedem Anfang auch ein Ende geben musste. Er war sich ganz sicher, dass der Rest der Welt nicht aussah, wie die allgegenwärtige Steinwelt der geheimnisvollen Berge. Wenn er auch nicht sagen konnte, was sich hinter ihnen verbarg, so ließ ihn doch der Gedanke nicht los, eines Tages das Rätsel der geheimnisvollen Berge lösen zu müssen.

Gogoma Map wusste ganz sicher viel mehr, als er Nu gesagt hatte!

Hielt ihn der weise Map vielleicht für zu jung, um mit ihm über Geheimnisse zu sprechen? Welchen Sinn machen Geheimnisse, wenn man nicht versucht, sie zu ergründen?

Nachdem Nu viele Tage gewandert war, erreichte er den Rand der geheimnisvollen Berge. Gagigugos haben einen angeboren Orientierungssinn. Sie können sich nicht verlaufen. Ähnlich wie es die Vögel unserer Welt können, sind Gagigugos immer in der Lage, ihr Reiseziel zu finden.

Bevor sich Nu nun eingehend mit den geheimnisvollen Bergen beschäftigen konnte, brauchte er einen langen Schlaf. Gagigugos können immer und überall schlafen. Sie nehmen dazu einen Schneidersitz ein, senken ihre großen Köpfe weit nach unten und lassen die dünnen Ärmchen einfach schlaff herunterfallen. In dieser Position können sie tagelang schlafen, ohne anschließend mit einem Muskelkater aufzuwachen. Im Schlaf entspannen sie sich so sehr, dass sie nach dem Aufwachen fast eine ganze Woche keinerlei Müdigkeit verspüren.

Kaum hatte Nu seine kleinen Äuglein geschlossen, als er auch schon in einen tiefen Schlaf fiel. Genauso wie Menschen können auch Gagigugos träumen. Sie träumen zwar niemals Albträume – aber sie verarbeiten auch Erlebnisse und Gedanken im Schlaf. Schöne Gedanken. Freundliche Gedanken. Gedanken, wie wir Menschen sie haben, wenn wir einer Musik lauschen, die jeden Muskel unseres Körpers entspannt und lockert. Außerdem wachen Gagigugos immer erst auf, wenn sie auch wirklich ausgeschlafen sind. Niemals würde ein Gagigugo auf die Idee kommen, den schlaf zu unterbrechen, weil irgendwelche Dinge erledigt werden mussten. Es gab nichts, was nicht auch anschließend erledigt werden konnte.

Nu träumte auch.

Seine Traumwelt trug ihn durch das Tal der Gagigugos. Er sah Ba und Be, seine Eltern, vor sich, die ihm liebevoll den großen runden Kopf streichelten. Er lauschte im Traum der tiefen Stimme des Gogoma Map, der ihm eine Geschichte von den Anfängen der Anfänge erzählte. Map sprach von einer Zeit, in der es nur ganz wenige Gagigugos gab. Er berichtete von seltsamen fliegenden Hokos, die damals über Gagigugo kreisten und ihre Nester in den höchsten Felslöchern der geheimnisvollen Berge hatten. Map erzählte davon, wie sie manchmal über die Dächer der wenigen Gagigugo Häuser flogen und dabei seltsame krächzende Geräusche von sich gaben.

„Sie waren riesengroß, Nu! Bestimmt zehnmal größer, als der größte Gagigugo. Ihre Köpfe waren sehr klein und ihre Arme dafür unglaublich lang und dick. Sie bewegten diese Arme ganz schnell auf und ab und flogen durch die Luft, wie ein Ball, den Du in die Luft wirfst. Niemand weiß, weshalb und warum es Hokos gab. Vielleicht haben sie schon gelebt, als es noch keine Gagigugos gab? Jedenfalls, kleiner Nu, gab es eine Zeit, in der sie ihre mächtigen Arme so schnell auf und ab bewegten, dass sie über die höchste Stelle der geheimnisvollen Berge flogen. Sie kamen niemals zurück, Nu...!“

Unendlich lange saß Nu mit gekreuzten Beinchen und träumte vor sich hin. Er träumte natürlich auch von Ni, zu der er sich auf eine seltsame unbegreifliche Weise hingezogen fühlte. Hand in Hand liefen er und Ni am Ufer des Sees entlang. Sie bespritzten sich gegenseitig mit Wasser, lachten und tanzten miteinander und genossen das junge Gefühl der Zweisamkeit.

Erst, als Nu alle Gedanken in seinem Kopf verarbeitet hatte, öffnete er seine Augen. Er war nicht mehr müde. Er war hellwach und sofort bereit, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Woran erinnerte er sich? Wovon sprach Map im Traum zu ihm? Von Hokos? Nu war sich sicher, dass der Gogoma Map niemals etwas von diesen Hokos erzählt hatte! Waren sie nur ein Phantasiegebilde? Hatte es sie niemals gegeben? Aber wenn es sie gegeben hatte – wo waren sie dann geblieben? Wohin waren sie geflogen? Und warum sind sie niemals zu ihren Nestern zurückgekehrt?

Was war es bloß, dass sich hinter den geheimnisvollen Bergen befand?

Nu ging ganz dicht an die steinige zerklüftete Wand, die seine Welt einschloss. Sein Blick wanderte langsam immer höher an den Felsen hoch. Gab es sie tatsächlich? Wo waren denn die Nester, in denen vor langer Zeit die Hokos lebten?

Er gab sich alle Mühe, die höchste Stelle der geheimnisvollen Berge klar zu erkennen. Aber so sehr er sich auch anstrengte, so wenig erreichte er. Sobald seine Augen die halbe Höhe der Felsenwände erreicht hatte, verschwamm alles zu einem unklaren Bild. Nur andeutungsweise sah er, dass die geheimnisvollen Berge irgendwo weit oben endeten. Seine Augen erlaubten nicht, so weit nach oben zu sehen. Kein Gagigugo konnte so weit sehen! Die uralten Nester der Hokos mussten noch immer da sein. Weshalb auch nicht? Wer hätte sie abreißen oder vernichten sollen?

Nu entschloss sich, in den nächsten Tagen dicht an den aufsteigenden Wänden der geheimnisvollen Berge entlang zu wandern. Wer weiß? Vielleicht fand er irgendeinen Hinweis, einen verborgenen Pfad oder einen versteckten Aufstieg, der den Weg nach oben wies? Sehr wahrscheinlich war diese Hoffnung nicht, denn garantiert hatten schon tausend andere Gagigugos die gleiche Idee gehabt. Weshalb sollte also ausgerechnet Nu, der kleine neugierige Nu, mehr Glück haben, als alle vor ihm?

So weit er auch wanderte, er fand immer den gleichen Anblick. Steile, zerklüftete Felswände, die so weit in den Himmel wuchsen, dass Nu’s Augen enttäuscht auf halbem Weg aufgeben mussten. Kein Aufstieg. Kein versteckter Pfad, den er entdeckte. Keine von Maks oder Kins überwucherte Treppe, die ihm half, das Rätsel der geheimnisvollen Berge zu lösen.

Nichts. Einfach nichts!

Nu verlor langsam die Lust am Weitersuchen. Es war besser, er würde noch einmal mit dem weisen Gogoma Mag sprechen, um ihm doch noch ein paar Hinweise zu entlocken. Einfach blind drauflos zu suchen, würde bestimmt Jahre dauern, ohne einen winzigen Erfolg zu bringen. Und außerdem war es an der Zeit, Ni wieder zu sehen. Er vermisste sie.

Ein letztes Mal stocherte Nu in dem dichten Gestrüpp der Maks- und Kinssträucher. Es würde Jahrhunderte dauern, wenn er auf diese Weise weitersuchen würde. Vielleicht sogar Jahrtausende! Auf gar keinen Fall machte es Sinn, jetzt noch mehr Zeit in die Suche zu investieren. Selbst wenn Zeit eine untergeordnete Rolle spielte, blieb es unsinnig, weiterzusuchen.

Der kleine Nu machte sich auf den Heimweg. Die geheimnisvollen Berge mussten eben noch ein Weilchen geheimnisvoll bleiben. Eines Tages würde er das Rätsel lösen. Ganz sicher!

Fragen

„Auf alle Fragen gibt es eine Antwort. Manchmal gibt es auch viele Antworten auf eine Frage. Oder umgekehrt. Wie man’s nimmt, Nu. Du verstehst, wie ich das meine?“

„Nicht so richtig, weiser Gogoma. Vielleicht kann ich es nicht verstehen, weil ich nicht so weise wie Du bin? Kannst du mir nicht sagen, wie ich schneller weise werde?“

„Aber natürlich, Nu. Es ist ganz einfach! Zuerst musst Du ein paar tausend Jahre älter werden. Während Du älter wirst, musst Du Dich eingehend mit dem Buch Go beschäftigen, es lesen, es verstehen und es begreifen lernen. Gleichzeitig müsstest Du so viele Erfahrungen sammeln, dass Du das Gelernte mit Deinen Erfahrungen in Einklang bringst. Du musst natürlich auch versuchen...“

Nu machte ein ungläubiges Gesicht. Konnte es wirklich sein, dass man nicht auch als Gag weise werden konnte?

„...immer gerecht zu Anderen und zu Dir selbst zu sein. Du musst alles in Frage stellen und es trotzdem glauben, bis Du Dich von einer anderen Meinung leiten lässt. Wenn Du dass dann geschafft hast, hast Du den ersten Schritt von ungefähr einer Million Schritten in Richtung Weisheit hinter Dich gebracht. So einfach ist es, weise zu werden. Noch weitere Fragen, Nu?“

Eine Million Schritte in Richtung Weisheit? In Frage stellen, glauben und doch nicht glauben? Ein paar tausend Jahre älter werden? Und bis dahin? Sollte es keinen Weg geben, einige dieser Voraussetzungen zu überspringen?

„Und schneller geht’s nicht, Gogoma Map?“

„Du willst wirklich unbedingt weise werden, Nu? Bist Du Dir ganz sicher? Weißt Du auch, welche Verantwortung damit verbunden ist?“

Verantwortung? Wieso das denn?

„Keine Ahnung, weiser Map. Woher soll ich das denn auch wissen? Noch bin ich ja nicht weise...“

Gogoma Map freute sich, dass Nu diesen unbändigen Drang in sich verspürte, mehr wissen zu wollen, als andere Gags in seinem Alter. Die Fragen, die Nu stellte, bewiesen, dass er sich genau in die Richtung entwickelte, die Map ihm zugedacht hatte. Den Rest würde die Zeit erledigen. Die Zeit und all jene Ereignisse, die in nicht allzu ferner Zukunft das Leben der Gagigugos verändern sollten.

So viele Jahre hatten die Gagigugos nun schon in einer wunderschönen heilen Welt ohne Kummer und Sorgen gelebt. Sie hatten sich zu einem Volk entwickelt, das einen festen Pakt mit den Glück geschlossen hatte. Aber es würde der Zeitpunkt kommen, an dem dieser Pakt in Gefahr geriet. Noch nicht einmal alle Gogomas wussten genau, was geschehen würde. Wenn es denn aber geschah, brauchte das Volk der Gagigugos einen starken Gogoma, der sie lenkte und führte.

„Noch nicht, Nu. Weißt Du, Weisheit kann man nicht erlernen, wie das Bearbeiten von Meto. Wenn man dieses besondere Gefühl in sich spürt, das Du jetzt in Dir verspürst, kommt Weisheit in ganz langsamen Schritten auf Dich zu. Du brauchst sie dann nur zu einem Teil von Dir werden zu lassen, um später mal ein weiser Gogoma zu werden. Und noch etwas möchte ich dir sagen, Nu! Weisheit zu erlangen, ist kein Prozess, der irgendwann zuende ist. Solange Du lebst, wird sie in Dir wachsen und reifen. Hast Du noch mehr Fragen, kleiner Nu?“

„Nur noch eine einzige Frage, weiser Gogoma Map. Kannst du mir sagen, weshalb Gags noch nicht heiraten dürfen? Es gibt da nämlich eine Gagi, die ich sehr, sehr gerne habe...!“

Hokos

Als die Welt noch dunkel war und schwarze Schatten das Licht der Sonne verdeckten, kreisten bereits Hokos in jener Welt, die eines Tages die Heimat der Gagigugos werden sollte. Seltsame Geschöpfe waren die Hokos. Mit ihren mächtigen Schwingen teilten sie die Luft und bevölkerten die alte Welt. Ihnen alleine gehörte das Tal der geheimnisvollen Berge. Damals sammelte sich noch der Wind im Tal und der Regen goss oftmals jahrelang aus düsteren Wolken zu Boden.

Eine unwirkliche Welt war es, die Millionen von Jahren den Hokos als Nistplatz diente.

Dann kam die Zeit der langen Dürre. Langsam versickerten die letzten Wasserquellen und der Boden brach wie ein vertrockneter Ast entzwei. Die dunklen Wolken suchten sich einen anderen Platz; der Wind wanderte zum anderen Ende der Welt – und aus dem fruchtbaren Tal der geheimnisvollen Berge wurde eine tote Einöde. Alle Pflanzen und Bäume, die sich noch lange Zeit ihr lebensnotwendiges Wasser aus den Tiefen des Bodens sogen, verwandelten sich nach und nach zu einem Teil der neuen Wüste. Das Leben verschwand aus dem einst fruchtbaren Tal.

Als bereits viele Hokos gestorben waren, kamen die letzten Wesen dieser Art zu dem Entschluss, dass sie das Tal verlassen mussten. Niemals hatte auch nur ein einziger Hokos die höchsten Stellen der geheimnisvollen Berge überflogen. Obwohl es ihnen leicht gefallen wäre, in eine andere Welt zu fliegen, blieben die meisten bis zum Tod in ihrer Heimat. Eine innere Kraft in ihnen verbot es, das Tal zu verlassen.

Jetzt aber, wo unendlich viele Hokos den Tod gefunden hatten und wo ihre Art bedroht war, auszusterben, blieb ihnen keine andere Wahl mehr. Die alten Hokos, die noch nicht gestorben waren, weigerten sich, den Jungen zu folgen. Sie wollten lieber ihrer Bestimmung treu bleiben, auch wenn es ihren Tod bedeutete. Die jüngeren Hokos aber, die sahen, wie immer mehr ihrer kleinen Hokos an Hunger und Durst starben, wählten den Weg in eine neue fremde Welt.

Zu Tausenden sammelten sie sich, um die Reise ins Ungewisse anzutreten. Als sie gemeinsam aufstiegen, verdunkelte sich das Tal und die Sonne schien ihr Licht verloren zu haben.

Zurück blieben nur die Nester mit all den schwachen, alten und bereits gestorbenen Hokos. Ein gewaltiger Friedhof in den Felsnischen der geheimnisvollen Berge…

Kapitel 3. Das Buch Go

„…einer wird kommen, der Euch einen neuen Weg weisen wird. Er wird sein wie Ihr – und doch wird er sich von Euch unterscheiden. Ihr werdet ihn nicht suchen – und doch werdet Ihr ihn finden. Er wird seinen Weg gehen und Euch auffordern, ihm zu folgen. Wenn Ihr ihn hört, wird es zu spät sein. Wenn er Euch ruft, wird keine Rettung kommen. Nur wenn Ihr ihn nicht hört und ihm trotzdem folgt, werdet Ihr den richtigen Weg gehen, der Euch leben lässt.“

Immer wieder dachte Gogoma Map über diesen Text nach.

Alles im Buch Go war in einem Stil geschrieben, den man so oder auch so deuten konnte. Nichts war so eindeutig, dass man wirklich etwas daraus schließen konnte. Map tippte mit den Fingern an sein bärtiges Kinn.

„Er...Ihn...Einer wird kommen...“

Und wer soll es sein? Und wenn Gogoma Map nun völlig daneben lag mit seiner Vermutung, dass dieser ‚Eine’ nur der kleine Gag von Ba und Be sein konnte? Es gab so viele Gagigugos. Vielleicht sprach das Buch Go auch von einer Zukunft, die noch in weiter Ferne lag?

Und wieso eigentlich ‚Rettung’? Wovor? Nichts und niemand störte den Frieden der Gagigugos. Was sollte es schon sein, dass das Leben der Gagigugos bedrohte? Und vor allen Dingen:

Was konnte ein kleiner Gagigugo wie Nun dagegen ausrichten?

Trotzdem! Nie war sich Gogoma Map so sicher, wie in diesem Moment. Selbst auf die Gefahr hin, dass ihn der versammelte Rat der ältesten der Alten nicht verstehen würde... – er musste seine Meinung den anderen Gogomas mitteilen! Nicht etwa irgendwann, sondern gleich! Umgehend würde er den Rat der ältesten der Alten zu einer Konferenz einberufen.

So etwas hatte es noch nie gegeben. Man würde ihn belächeln und für verrückt erklären. Wie konnte er auch nur von einer Bedrohung sprechen, wo doch jeder Gagigugo wusste, dass auch in einer Million Jahren alles so friedlich sein würde, wie an diesem Tag.

Und wenn nicht?

Gogoma Map machte sich auf den Weg. Jedes einzelne Mitglied des Rates der ältesten der Alten sollte es von ihm persönlich hören, bevor er für unnötige Unruhe unter den Gagigugos sorgte.

Mip und Mipi

„Du weißt nicht, was Du da sagst, Map! Nichts bedroht uns. Das Buch Go stammt aus einer Zeit, in der man vielleicht alles in derartige Weissagungen gesteckt hat, um mit der Furcht zu spielen. Aber wovor sollten wir uns fürchten? Werden uns die Bäume angreifen? Fallen die Beeren über uns her? Worin begründest Du also Deine Sorgen, Map?“

„Du hast es doch selbst gelesen, Mip. Irgendetwas wird geschehen...!“

„Pipapopu! Na und? Phantasiegebilde einer Zeit, die nichts mit der unsrigen Zeit gemein hat. Und wieso kommst Du auf den kleinen Nu? Weil er ein schlaues Kerlchen ist? Weil er uns alle mit seinen Fragen löchert? Er ist eben neugieriger, als andere Gags. Nicht mehr und nicht weniger, Map. Wenn Du also mich fragst, was ich von deinen Gedanken halte, kann ich Dir nur sagen, dass Du vielleicht mal ein paar Jahre schlafen solltest. Ruh Dich aus! Entspann Dich, Map!“

„Das ist deine Meinung?“

„Genau! Das ist meine Meinung! Und jetzt würde ich gerne die Ruhe finden, die Du Dir offenbar zu wenig gönnst!“

Gogoma Mip setzte sich im Schneidersitz auf den Boden und schlief sofort ein. Er schlief schon tief und fest, als ihn Map fassungslos ansah. Was sollte das jetzt? Map wollte mit ihm über drohende Gefahren sprechen. Er wollte ihn bitten, ihm zu helfen, alle anderen Gogomas zu informieren. Und was machte Mip? Er schlief? Er schlief, als gäbe es nichts Wichtigeres, als ausgerechnet jetzt seinen heiligen Ruheschlaf zu halten?

Es gab siebentausenddreihundertachtzehn Gogomas. Wenn Gogoma Map gleich anfing, sie alle aufzusuchen, würde er acht Jahre, vier Monate und elf Tage benötigen, bis er jeden einzelnen erreicht hatte.

Zeit hat in Gagigugo nie eine Rolle gespielt. Es war immer egal, ob man ein Jahr, zehn Jahre oder hundert Jahre für etwas einplante. Selbst tausend Jahre machten noch lange nicht ein ganzes Leben aus. Wie konnte Gogoma Map es also anderen Gogomas verübeln, wenn sie keine Eile empfanden? War es in Ordnung, dass Gogoma Mip einfach einschlief?

War es nicht!

„Gogoma Mip? Wach bitte auf! Hörst Du? Es ist wirklich wichtig, dass wir uns noch mal unterhalten...! Mip? Hörst Du mich?“

Map war im Begriff, einen Gagigugo zu wecken. Nicht irgendeinen Gagigugo, sondern einen Gogoma. Nicht irgendeinen der vielen Gogomas. Mip war der Älteste im Rat der ältesten Alten. Er nahm somit eine Stellung ein, die ihm einen ganz besonderen Respekt zukommen ließ.

„Gogoma Mip? Du musst jetzt aufwachen...!“

Plötzlich fuhr Map erschrocken hoch.

Gogima Mipi, Mips Ehefrau, stand hinter Map und sah ihn freundlich an. Ihr faltiges Gesicht zeugte von den Jahrtausenden, die sie in Gagigugo erlebt hatte. Einen Moment lang dachte sich Map, dass sie bestimmt ein paar Falten mehr ihr Eigen nennen konnte, weil sie Mips Ehefrau war.

„Gogoma Map? Was tust Du denn da? Willst du etwa meinen Mip aufwecken? Was ist denn so wichtig, dass Du dabei die guten alten Bräuche unseres Volkes vergisst? Möchtest du es mir erzählen, bevor mein Mip aufwacht? So könnte er zumindest noch ein paar Stunden schlafen...!“

Der weise Gogoma Map wusste, dass die Gogimas eine Menge Einfluss auf ihre Männer ausüben konnten. Bei ihm, Map, war es auch nicht anders gewesen, solange seine Mapi noch lebte. Mehr als einmal war es seine Mapi, die ihn mit liebevollen Worten zur Zurückhaltung ermunterte.

„Du bist ein alter, weiser Gogoma, mein lieber Ehemann. Deshalb vertraue ich auch darauf, dass Du nicht immer so schnell sprichst, wie Du denkst...!“

Gagigugos kennen zwar auch Traurigkeit, aber sie kennen keine zerstörerische Trauer, wie wir Menschen sie leider viel zu oft durchleben müssen. Bei den Gagigugos ist das Lebensende ein Vorgang, mit dem man sich eben abzufinden hatte. Natürlich war ein Partner traurig, wenn er den Rest des Lebens alleine verbringen musste. Allerdings reichte das Glück und die Geborgenheit, die man zu zweit erlebte, aus, um nur mit der Erinnerung an den Partner, weiterleben zu können. Gagigugos heirateten nur einmal. Es war jedem Gagigugo unmöglich, zu einem anderen Partner die gleiche intensive Beziehung aufzubauen.

Gogoma Map lächelte die Gogima Mipi an. Ihm war bewusst, dass sie einen nicht unerheblichen Teil von Gogoma Mips Weisheit ausmachte.

„Du hast wie immer Recht, liebe Mipi. Lassen wir Gogoma Mip noch ein wenig ausruhen! Schließlich sind wir ja alle nicht mehr die Jüngsten, nicht wahr?“

Gogima Mipi bat Map in einen Nebenraum, in dem sie sich ungestört von Mips Schnarchen unterhalten konnten. Männliche Gagigugos schnarchten grauenvoll! Im gleichen Moment, in dem sie in ihren Tiefschlaf fielen, begannen sie damit, ein lautes kontinuierliches Sägekonzert anzustimmen.

„So, Gogoma Map. Und nun erzähl mir mal, was so wichtig ist, dass Du einen Gagigugo wecken wolltest...!“

Map erzählte alles, was ihn beschäftigte und was er aus dem Buch Go herausgelesen hatte. Er berichtete von Nu, von seinen Befürchtungen, seinen den Sorgen, die er sich machte und von dem Gefühl, das ihn vor der Zukunft warnte.

„...deshalb muss ich alle Gogomas waren, Mipi. Das verstehst du doch, oder? Sag mir bitte, dass Du mich nicht für einen Gag hältst...!“

Gogima Mipi hatte Map während seiner ganzen langen Rede nicht unterbrochen. Sie war eine überaus geduldige und weise Gogima. Doch als Map sie nun fragend ansah, war ihr Lächeln verschwunden. Map hatte sie noch nie mit einem so seltsamen Ausdruck im Gesicht gesehen.

„Nein, Map. Ich denke nicht, dass Du ein Gag bist. Ein wenig bedauere ich das zwar, denn als Gag würdest Du mir noch besser gefallen – aber ich bin mir sicher, dass Du ein sehr weiser Gogoma bist!

Du hast also keine Ahnung, wann und wie diese Gefahr aussieht, die Du befürchtest?“

Durch die Tür zu dem Zimmer, in dem Gogoma Mip noch immer schlief, hörte man deutlich Mips sägendes Schnarchen.

„Nicht die geringste, Mipi. Vielleicht bilde ich mir auch alles nur ein? Aber sag selbst, ob es nicht eindeutig im Buch Go beschrieben ist? Da steht’s doch! Klar und deutlich!“

Gogima Mipi berührte Map Gesicht mit ihren alten dünnen und faltigen Händen. Sie machte einen sehr nachdenklichen Eindruck.

„Ich vertraue Dir, Map! Irgendetwas in mir sagt, dass Du Recht hast. Nun komm schon; lass uns meinen alten Ehemann aufwecken. Mip hat schon so viele Jahrhunderte geschlafen – da kann er ruhig mal auf ein paar Stunden Schlaf verzichten...!“

Kapitel 4.

...wie’s weitergeht? Was meint Ihr? Viel Spaß beim Lesen und Schreiben wünscht Klaus-D.Heid

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