Werner Gschwandtner

Liebe untem Weihnachtsbaum

« Liebe war für mich in der Vergangenheit, ein nüchterner Effekt. Als ich dann Jan kennen lernte, da lebte ich rational in den Tag. Unter einem Weihnachtsbaum, da begann es und ich hielt dies für kitschig. Mit Schmerzen ging es weiter, und als ich schon daran war meinen Mut zu verlieren, da nahm alles eine unvorhersehbare Wende. »
 
„Rani“, Erik blickte mich lächelnd an, „ich möchte dir meinen Bruder vorstellen.“
Ich strich mir eine Strähne aus dem Gesicht und musterte den attraktiven Mann an Eriks Seite. Es war der vierte Advent, der 21. Dezember und ich war mit einigen Arbeitskollegen bei einer kleinen, und sehr privaten Weihnachtsfeier, zusammen.
„Hallo Rani“, sagte er mit einer sehr sanften Stimme, „ich bin Jan.“
Ich reichte Jan die Hand und erwiderte ebenso freundlich. „Freut mich Jan, ich habe dich bis heute noch niemals mit Erik gesehen!“
Erik, der mein direkter Teamkollege war, lächelte uns abermals zu und entfernte sich diskret. Jan reichte mir ein Glas Champagner und ich nahm es dankend an.
„Glaube ich Rani“, sagte Jan, „ich war die letzten sechs Jahre beruflich in London. Aber es war immer klar, dass ich eines Tages wieder nach Hause zurückkehren würde. Denn hier sind meine Wurzeln!“
Jan prostete mir zu. Ich trank ebenfalls einen Schluck und sagte danach.
„Heimweh habe ich auch öfter, aber ob ich jemals wieder für immer nach Hause gehen will, das kann ich heute wirklich nicht sagen. Meine Chancen hier sind wesentlich größer!“
 
« Jan nahm meine Hand, damals war mir das etwas peinlich, denn immerhin ich kannte ihn kaum. Er wollte mehr von mir wissen, und obgleich ich anfangs Hemmungen hatte, erzählte ich schließlich Eriks Bruder eigentlich alles von mir. »
 
„Du bist aus Indien, nicht wahr?“
Ich nickte Jan zu. „Ja“, bestätigte ich, „das stimmt. Geboren wurde ich in Surat. Bis zu meinem siebenten Lebensjahr lebten wir dort. Dann starb Mutter und Vater ertrug die vertraute Umgebung nicht mehr. Wir verließen unsere Heimat und zogen nach Mumbai. Bis vor acht Jahren“, erzählte ich weiter, „dann ging auch Vater und ich bekam die Option, hier eine Stelle als Übersetzerin anzutreten. Und nun bin ich schon sieben Jahre von der Heimat fort. Vermissen tu ich sie schon“, erklärte ich weiter, „aber vermissen tut mich im Grunde keiner zuhause. Habe dort keine Verwandten mehr!“
Jan blickte mich nun etwas traurig an. Er nahm fester meine Hand und ich konnte mich irgendwie einer unscheinbaren Träne nicht erwehren. Zaghaft wischte ich sie weg und musste kurz schniefen.
„Und gefällt es dir wenigstens hier?“ fragte nun Jan. „Wenn du schon, sagen wir mal so, vorhast den Rest deines Lebens hier zu verbringen, dann solltest du dich schon auch wohl fühlen hier!“
„Es gefällt mir schon hier“, gab ich zur Antwort, „auch wenn ich manchmal das Gefühl habe, das ich nicht wirklich hier her gehöre. Aber man muss eben immer das Beste aus seinem Leben machen. Und was hast du nun vor?“
Ich zog nun meine Hand aus der von Jan und dieser lächelte mich etwas schelmisch an.
„Ich habe vor, mir nun eine liebe Frau zu suchen“, sagte er sanft, „nebenbei etabliere ich mein Geschäft und alles in allem, möchte ich nur ein glückliches Leben führen. Mal sehen ob ich es auch erreichen kann!“
 
« Den restlichen Abend verbrachte ich dann ausschließlich mit Jan. Ich kann nicht sagen warum, aber wir tauschten am Ende sogar unsere Telefonnummern und sahen uns in den nächsten Tagen immer wieder. Dann kam Jans überraschende Einladung zum Weihnachtsabend und ich sagte einfach zu. Hatte ich doch keine Ahnung, was mit diesem Tag beginnen sollte. »
 
Es war der 24. Dezember, der Heilige Abend. In der Heimat hatte ich diesen Tag, eigentlich niemals richtig gefeiert. Es lag nicht in unserer Natur, ja, einen Baum aufstellen, das hatten wir schon immer getan. Wie drückte es mein indischer Lieblingsschauspieler, Shahrukh Khan aus:
 Der Christbaum, auch wenn er nicht in unserer Religion ist, ist eine wahrhaftig schöne Sache!
Und auch in den letzten Jahren hier, ich konnte das wirkliche Gefühl der Weihnacht nicht richtig empfinden. Doch Jan redete mir gut zu und ich ertappte mich dabei, dass ich begann, für diesen Mann Emotionen zu erleben. Doch gegenwärtig wusste das nur mein Herz, mein Verstand hatte davon noch lange keine Ahnung, so war es mir genau in diesem Moment.
Um 17 Uhr läutete ich an der Haustür meines Arbeitskollegen Erik. Seine Frau, die ich auch gut kannte, machte mir auf und grüßte mich freundlich.
„Hallo Rani, schön das du wirklich gekommen bist. Komm doch rein, Jan wird auch bald erscheinen.“
Ich zögerte anfangs noch, es war das Fest der Liebe, so sagte man. Das Fest der Familie, und ich gehörten nicht in diese. Wir waren Kollegen, zumindest Erik und ich. Doch reichte diese Verbindung für eine Berechtigung, an diesem speziellen Tag hier sein zu dürfen?
Petra nahm mir den Mantel ab und ich schlüpfte ebenfalls aus meinen Schuhen und zog mir weiche Pantoffeln an. In Folge führte mich Petra in das Wohnzimmer, wo Erik noch am vollenden des Weihnachtsbaumes beschäftigt war. Sein fünfjähriger Sohn, der auf den Namen Ronald, also kurz Ron hörte, half begeistert den Papa und reichte ihm eine Glaskugel nach der anderen.
„Danke mein Sohn“, hörte ich soeben Erik sagen, als ich in das Zimmer trat, „nun nur noch diese drei letzten roten Kugeln, danach können wir schon mit dem Lametta beginnen.“
„Grüß dich Erik“, sagte ich offen, „danke für die Einladung. Ich fühle mich sehr geehrt, heute Abend bei euch sein zu dürfen.“
Erik, der auf einer Leiter stand, schaute zu mir herab und schmunzelte. „Aber Rani, das ist doch keine große Sache. Ich habe es dir die letzten beiden Jahre auch schon angeboten, aber du hast sie ja bislang nicht angenommen!“
Verlegen blickte ich zur Seite. Erik lag richtig, bereits zweimal hatte er mich zum Weihnachtsabend gebeten, doch beide Male blieb ich fern. Nur Heuer, weil eben Jan so überzeugend gewesen war, hatte ich angenommen.
„Ich habe eine Kleinigkeit mitgebracht“, verlegen schaute ich zu Boden und reichte Ron, der begeistert zu mir gelaufen war, die Päckchen, „ich wollte niemals das traute Familienglück stören“, versuchte ich mich zu rechtfertigen, „nur dein Bruder verstand es diesmal, mich zu Überreden.“
Ich schaute mir den Christbaum an, er reichte zwei Meter an die Decke und war mit allerlei behangen. Tannen- und Keksduft lag in der Luft und der CD Player spielte Weihnachtslieder. Ron hatte meine Geschenke auf den Tisch, zu den anderen gelegt und kam nun zu mir zurück. „Es ist schön das du Heute da bist Tante Rani“, Ron reichte mir ein Vanillekipferl und ich nahm es dankend an, „wo hast du denn dein Kind?“
Ron nahm mich an der Hand und führte mich zum Sofa, beide ließen wir uns darauf nieder.
„Karin ist dieses Weihnachten bei Ihrem Vater“, erklärte ich leise, „morgen Abend kommt sie heim.“
„Warum sind ihr Papa und du nicht mehr zusammen?“ Ron war sehr aufgeweckt und auch wissbegierig. Ich nahm seine Hände.
„Manchmal kommt es eben ganz anders als man sich das wünscht. Karins Papa und ich, wir waren eben nicht füreinander bestimmt. Er ist nun wieder verheiratet und so wie es aussieht auch glücklich.“
„Und du?“ fragte Ron weiter. „Bist du auch glücklich?“
„Karin wurde Heuer fünf“, wich ich aus, „sie ist so alt wie du Ron. Und ich liebe sie über alles, es gibt für mich nichts freudigeres, als wenn ich mit meiner Tochter zusammen bin. Also kann man sagen, das ich schon sehr zufrieden bin!“
Jan hatte auch das am Tag der Weihnachtsfeier von mir erfahren. Ein Jahr nach dem ich in diese Stadt gekommen war, hatte ich einen Mann, Manfred, kennen gelernt. Noch im selben Jahr haben wir geheiratet und auch meine Tochter kam zur Welt. Manfred war selbstständig und hatte ein Computerunternehmen. Unsere Ehe war nur kurz und schon nach drei Jahren, ließen wir uns scheiden. Manfred fühlte sich nach der Geburt von Karin vernachlässigt und so kam es das wir auf kurz oder lang, getrennte Wege gingen.
Stimmen wurden im Flur laut und schließlich kam Petra mit Jan ins Zimmer. Ron sprang auf und begrüßte den Onkel, auch ich erhob mich.
„Hallo Rani“, sagte er strahlend zu mir, „es ist mir eine wahre Freude dich Heute hier zu sehen.“
Kokett reichte ich Jan die Hand und Gentlemangleich, küsste er sie zart.
„Vielen Dank Jan“, antwortete ich, „ich bin auch sehr froh hier sein zu dürfen. Was eigentlich alleine dein Verdienst ist!“
 
« Ich blickte Jan tief in die Augen, und ich spürte wie mein Herz entflammte. Sein Blick war offen, klar und seine kristallblauen Augen sagten mir eines, das er dabei war, sich ebenso in mich zu verlieben, wie gerade auch ich. Doch noch wollte ich es noch nicht so wahr haben! »
 
Petra war dabei die Tafel zu decken und ich hatte mich angeboten ihr dabei zu helfen. Gemeinsam, auch Ron unterstützte uns dabei, trugen wir das Fayence auf und zum Abschluss dekorierten wir weihnachtlich den Tisch. Ich war darin nicht sehr geübt, aber mit der liebevollen Unterstützung von Ron, bekam ich das einigermaßen hin. Jan und Erik fertigten den letzten Schliff am Weihnachtsbaum an… Es war nun 20 Minuten nach 18 Uhr und laut Ron, der sich ja in diesen Dingen auskannte, ging es auf die Bescherung zu.
„Das Christkind wird bald kommen“, erklärte mir der aufgeweckte Bub fröhlich, „hört ihr in der Ferne ihre Glöckchen klingen?“
Man konnte wirklich das Läuten von Glocken vernehmen, ob es nun das Schellen von Kirchenglocken, oder auch das Bimmeln des Christkindleins war, das sollte jedem seiner eigenen Phantasie und seinem Glauben überlassen sein. Ich für mich, war mir persönlich uneins. Doch der kindliche Gedanke Rons, hatte schon etwas Schönes an sich!
Während wir die letzten Handgriffe an der Festtafel vornahmen, fühlte ich mich immer mehr beobachtet. Ich blickte mich suchend um und konnte erkennen, dass Jan es war, der mich laufend musterte. Es lief mir dabei immer wieder kalt über den Rücken und ich konnte eine Gänsehaut spüren – ein Gefühl, welches in diesem Fall sehr schön war. Mein Herz schlug höher und ich erwischte mich dabei, dass auch mein Blick immer häufiger die Ansicht Jans suchte.
In diesen Moment läutete mein Handy, ich nahm es aus meiner Tasche und klappte es auf. Karin stand auf dem Display und ich nahm an. Es war meine Tochter und für sie war ich immer zu sprechen, ganz besonders an diesem, heutigen Tag.
„Hallo Mama“, begrüßte mich Karin, „ich hoffe es geht dir Heute gut und du hast auch einen schönen Weihnachtsabend?“
Ich bejahte dies und merkte nur an, dass es eben mit ihr zusammen, noch viel schöner wäre.
„Danke mein Kind, ja ich bin bei Freunden. Nur dadurch das du auch noch hier wärst, das könnte mein Glück unbeschreiblich werden lassen.“
„Ich wäre jetzt auch gerne bei dir“, sagte Karin offen, „aber Papa braucht mich ja auch etwas. Morgen sehen wir uns ja auch wieder und kommendes Weihnachten feiern wir dann abermals gemeinsam. Schönen Heiligen Abend noch Mam“, wünschte mir Karin fröhlich, „und ich liebe dich.“
„Ich liebe dich auch meine Tochter“, Tränen standen mir in den Augen, „und dir auch einen wunderschönen Weihnachtstag. Ich denke an dich und bin glücklich dich Morgen wieder bei mir zu haben!“
 
« Ron hatte sich ans Fenster begeben und er rief uns nun zu, das es zu schneien begonnen hatte. Petra hatte fortwährend das Festessen aufgetragen und Erik entzündete die Kerzen des Weihnachtsbaums. »
 
Während draußen immer heftiger der Schnee fiel, war es in der Wohnung mollig warm. Petra bat zu Tisch und Jan brannte die Tischkerzen an. Während Erik die Deckenbeleuchtung matter schaltete, führte mich Ron an die Tafel und meinte schelmisch, dass ich neben ihm sitzen sollte.
Es gab gebratene Ente, dazu Rotkraut und Semmelknödel. Als Dessert reichte Petra frische Kekse und auch Honiglebkuchen.
Kurz vor 20 Uhr ging es dann in die Anfänge der Bescherung und es fanden sich unter dem Christbaum, der im feierlichen Glanz erstrahlte, so manches festlich verpackte Geschenk. Das Christkind hatte ihren Segen in die liebevolle Familie gebracht!
Jan schenkte nun Sekt ein und reichte einen jedem ein Glas. Nur Ron, bekam ein kindergerechtes Getränk und Eriks Bruder erhob das Glas zum Tost.
„Sechs Jahre war ich im Ausland“, begann er, „zuvor hatte ich eine kurze Liebe, die leider ebenso rasch endete, wie sie begonnen hatte.“
Jan hatte mir davon erzählt, bevor er nach London gegangen war, war er für vier Jahre mit einer Frau verheiratet, die er aus Liebe geheiratet hatte. Doch mit den Jahren kam heraus, dass Sie, Laura, im Grunde nur aus einem Kompromiss heraus das Jawort gegeben hatte. Zusammen mit ihr hatte Jan einen Sohn, Manuel, der in Folge bei Jan geblieben war, und den heutigen Abend ebenfalls bei der Mutter verbrachte. Manuel war heuer, im Juni, sieben Jahre alt geworden!
„Mein Ziel ist es nun eine neue Liebe zu finden“, erklärte Jan weiter, „und ich fühle, dass ich sie auch bereits gefunden habe. Auch wenn wir uns noch nicht sehr lange kennen, eigentlich nur ein paar Tage, so möchte ich heute, hier und jetzt, die liebe Rani fragen, ob du es dir Vorstellen könntest, einmal meine Frau zu werden?“
Jan stand beim Weihnachtsbaum, und er streckte mir seine Hand entgegen. Ich war etwas perplex zunächst, ich rang nach Luft und wusste zunächst nicht wie ich mich nun verhalten sollte. Mein Herz verkrampfte sich voller Sehnsucht nach dem Ja, doch mein Verstand wollte davon noch nichts wissen. Irgendwie fand ich Jans Gebärden als sehr süß, aber auch reichlich kitschig, seinen Antrag hier, so frei heraus unter dem Weihnachtsbaum… Doch wie sagt man in der Liebe, das Herz siegt hierbei immer über den Verstand und so erhob ich mich mit zitternden Knien und leicht ferngesteuert, so als wenn ich gar nicht selber jene Worte sprach, sagte ich zu Jan.
„Ich kann dir nicht versprechen dass es funktioniert“, langsam ging ich auf Eriks Bruder zu, „ich weiß auch nicht wie unsere Kinder auf diese Zukunft reagieren werden. Doch ich glaube, dass wir es versuchen sollten. Ja Jan, ich möchte es mit dir versuchen!“
 
« Unter dem Weihnachtsbaum nahmen wir uns bei den Händen und schauten uns tief in die Augen. Noch vor wenigen Tagen hätte ich mir diese Wende in diesem Jahr nicht träumen lassen, und nun hatte sich jenes ereignet, welches mein weiteres Leben verändern sollte. Noch war unsere Verbindung frisch, und ob sie halten konnte, das stand noch ungeschrieben in den Sternen. »
 
Ein inniger Kuss besiegelte für diesen Heiligen Abend unsere junge Liebe und wir fühlten uns augenblicklich wie im siebenten Himmel. Erik und Petra traten an uns heran und gratulierten uns zu unserer Verbindung. Auch Ron freute sich und meinte dass nun die Tante Rani für immer bei ihm sein würde. Noch ahnten wir nicht, dass unser Glück zunächst ebenso rasch abklingen sollte wie es begonnen hatte. Denn schon nach Silvester, holte uns die Realität hart und mit voller Wucht ein!
 
« Jan wollte, das wir umgehend zusammen ziehen sollten. Ich wollte das irgendwie auch, hatte aber dennoch Angst davor und wollte zunächst auf die Gefühle von Karin und ebenso auf jene von Jans Sohn Manuel achten. War es für die beiden Kinder schon angebracht, dass wir so rasch zusammenzogen? In den Tagen nach der Jahreswende verstärkten sich unsere Probleme und obgleich ich fühlte dass ich liebte, wurde mir das alles zu viel. Ich konnte auch instinktiv spüren, dass es Jan ebenso ging. Nach einer heftigen Auseinandersetzung, beendeten wir eine Woche nach dem neuen Jahr, unsere Beziehung. Ich zog fort und ließ mich mit meiner Tochter in Hollabrunn nieder. Was ich nicht wusste, auch er verließ Wien und zog in dieselbe Stadt wie ich. Und obgleich Hollabrunn, im Vergleich zu Wien ein Dorf war, so kam es, das wir uns zunächst nicht begegneten, fast ein Jahr lang, hatte keiner von dem anderen gewusst das er ebenfalls in dieser Stadt lebte… »
 
Meinen Job hatte ich behalten, und Erik, der uns beide Verstand, hatte mir angeboten, dass ich meine Tätigkeit auch freiberuflich, und damit unabhängig von der gegenwärtigen Stadt ausüben konnte. Ich widmete mich zunächst nur meiner Tochter. Karin war im vorletzten Jahr des Kindergartens und würde ab dem September in die Vorschulzeit gehen. Für Liebschaften hatte ich vorerst keinen Sinn und es vergingen vier Monate, bis ich zum ersten Mal wieder an das Ausgehen dachte.
Im Sommer, während der Ferien, traf ich mich auch mit ein paar Männern, doch egal mit wem ich mich auch einzulassen gedachte, ich verglich sie alle mit Jan und keiner kam ihm auch nur annähernd gleich. So mancher war von sich aus uninteressant, da er entweder meine Herkunft nicht wirklich tolerierte, oder eben meine Tochter nicht anerkennen konnte. Es kam auch vor, das, wenn er passte, Karin mit ihm nicht auf Grün kam. Karin sagte da dann immer, „Jan war anders, und du weißt das auch.“
Im Herbst begann für Karin das letzte Kindergartenjahr, das Vorschuljahr, da sie als November geborene, ja erst mit knapp sieben Jahren die Schule besuchen würde. Ich hatte in dieser ersten Zeit alle Hände voll zu tun, um meinem Kind diese Tage, und damit die Eingliederung in die kommende Schule, zu erleichtern. Gemeinsam machten wir die ersten Hausaufgaben und übten auch Tag für Tag, gewisse vorschulische Leistungen.
Nur Abends, und immer öfter des Nächtens, wenn ich alleine wach war und an die schöne Zeit der vergangenen Weihnacht dachte, da sah mein Herz immer wieder Jan und ich empfand tiefe Trauer um diesen Verlust. Ich fragte mich, wo er nun wohl ist, und wie es ihm ergehen mag? Ich fragte mich auch, ob er eventuell noch an mich dachte und wie es Manuel gehen würde.
„Wo seid ihr meine Lieben?“ Dachte ich recht bekümmert bei mir. „Vielleicht war es ein Fehler so rasch die Flinte ins Korn zu werfen!“
Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, und welches ich erst viel später erfuhr, war jenes, das auch Jan, der ja in derselben Stadt wie ich lebte, nur am anderen Ende, nahe der Gartenstadt, dasselbe fühlte und erlebte wie ich. Auch er hatte mit den weiblichen Bekanntschaften die er kennen lernte, kein Glück und auch er dachte immer wieder an mich. Doch das Glück wollte es nicht, das wir wussten, dass wir eigentlich nicht so weit auseinander lebten. Zumindest gegenwärtig noch nicht und es sollten noch einige Monate vergehen, bis sich das, wie durch ein Wunder, ändern sollte!
 
« Als die neue Weihnachtszeit ins Land zog, war es Karin, die mich nunmehr in die festliche Stimmung der Weihnacht brachte. Ich hatte mich die letzten Jahre, bevor meine Liaison mit Jan begonnen hatte, eigentlich wenig um diesen christlichen Brauch gekümmert und auch mein erster Mann Manfred, zeigte für diese Sitte wenig Verständnis. Doch nun, durch unseren kurzen Kontakt zu diesem Tun, hatte sich jene Begebenheit tief in unsere Herzen gesetzt. Ich lebte mit dieser Zeit und genoss sie in vollen Zügen! »
 
Heute schreiben wir den 29. November, den ersten Advent in dieser Weihnachtszeit. Karin und ich hatten heute den grünen Tannenkranz gekauft und nun, nachdem es bereits Dunkel war, entzündeten wir gemeinsam die erste Kerze.
„Frohen Advent“, sagte ich zu meiner Tochter, „alles liebe für dich mein Kind.“
Ich nahm die Hand Karins und drückte sie fest. Auch Karin drückte meine Hand und sie sagte dabei.
„Alles Glück für dich Mam, es kann nun nur wieder aufwärts gehen und wer weiß welche Wunder das Christkind in dieser Zeit für uns bereit hält.“
Ich wusste nicht so recht, auch wenn ich nun diese Zeit ehrte, ob ich auch schon so weit war an das Wunderbare dieser Tage zu glauben, aber in Karins Augen stand es deutlich geschrieben, das sie felsenfest daran festhielt. Und ich wollte ihren Glauben daran nicht zunichtemachen, deswegen nickte ich und sagte.
„Lassen wir die Zukunft auf uns zukommen, das Leben schreibt seine eigenen Geschichten und das Schicksal ist unser aller Glückes Schmied.“
Das Wetter war unwirklich, es war nicht ganz kalt, aber auch nicht warm. Es war einerseits trüb, auf der anderen Seite vom Sonnenschein überzogen. Im vergangenen Jahr war es zunächst auch so gewesen, doch am Heiligen Abend, in den Abendstunden hatte es zu schneien begonnen. Doch heuer, dieses Jahr, würde der Himmel wohl ein solches Geschenk nicht der Erde zu teil werden lassen!
 
Eine Woche später, Sonntag der 6. Dezember. 2. Advent und zugleich der Nikolausabend. Ich hatte mich in den vergangenen Tagen darüber informiert, wie ich einen Besuch des Heiligen Mannes, bei uns zu Hause arrangieren konnte. Es war das erste Mal das ich dieses Ereignis so anging und diesen Umstand verdankte ich nur Jan. Jan, wie mag es ihm wohl jetzt ergehen? Ob er schon über mich hinweg war? Oder dachte er auch noch hin und wieder an mich?
Ich hatte mich auch schon dabei erwischt, das ich überlegte, ob ich Erik nicht einfach mal nach Jan befragen sollte. Erik hätte mir sicherlich etwas über seinen Bruder gesagt, denn ich konnte es immer in seinen Augen ablesen, wie schade er es fand, das aus uns nicht wirklich etwas geworden war. Dennoch fasste ich niemals wirklich den Mut dazu und so schwieg ich stets…
Der Tag dunkelte, die Dämmerung setzte sich über die Stadt und kurz nach 17 Uhr, lag die Nacht vor unseren Fenstern. Ich hatte über einen Krampusverein, einen Nikolaus bestellt und dieser war für wenige Minuten nach Fünf Uhr, angesagt.
Karin war aufgeregt, ich hatte meine Tochter natürlich wissen lassen, das der Heilige Mann an diesem Tag zu uns ins Haus kommen würde und sie konnte es gar nicht mehr erwarten.
Liebevoll entzündete ich die zweite Kerze des Adventkranzes und stelle einen Teller mit frischen Keksen auf den Tisch. Karin saß auf der Fensterbank und blickte in die dunkle Nacht, sie versuchte den willkommenen Besucher zu erhaschen, doch bislang konnte sie den Nikolaus nicht ausmachen.
Ich dämpfe etwas das Licht und legte zusätzlich noch stimmungsvolle Weihnachtsmusik auf. Dieses Jahr, war es das erste Mal, wo ich diese Bräuche auch in meinem Zuhause einbrachte. Für mich war dies alles dennoch sehr neu und ich fühlte mich auch etwas komisch dabei. Doch für Karin war es einfach nur ein schönes Geschehen und das alleine zählte für mich.
Ich trat hinter meine Tochter und blickte ihr über die Schulter.
„Kannst du den Nikolaus schon sehen?“ fragte ich Karin, doch meine Kleine schüttelte den Kopf.
„Noch nicht Mam“, sagte sie leise, „ich hoffe doch, dass er auf mich nicht vergessen hat. Ich war doch brav dieses Jahr!“
„Du bist doch immer brav meine Liebe“, gab ich beruhigend zur Antwort, „er wird sicherlich bald kommen, das kann ich dir versprechen.“
Karin legte ihren Kopf auf meine Schulter, und ich begann ihr das Haar zu streicheln. Beide schauten wir wie gebannt in die frühe Nacht.
„Kommenden Sonntag“, wandte sich Karin schließlich an mich, „möchte ich an das Christkind meinen Wunschzettel schreiben. Hilfst du mir dabei Mam?“
Ich nickte. „Natürlich mein Kind“, ich sprach auch leise, „was wünscht du dir denn?“
„Ich habe eigentlich nur einen einzigen Wunsch heuer“, sagte Karin fest, „ich möchte dass du glücklich bist. Und deswegen werde ich das Christkind um etwas ganz besonderes Bitten!“
Schritte wurden auf der Straße laut, ein sanftes Glöckchen bimmelte und dann, wenige Sekunden danach, klopfte es an unsere Eingangstür…
 
« Karin schluckte, auch mir saß ein Frosch im Hals. Beide wussten wir, wer da nun an unsere Pforte klopfte und ich machte mich auf, die Tür zu öffnen. Karin nahm währenddessen an den Adventstisch Platz. »
 
Der Nikolaus, in seinem goldenen Gewandt und der roten Bischofsmütze, trat ein und ich führte den heiligen Mann in das Wohnzimmer. In der einen Hand hielt er seinen Stab, in der anderen ein dickes Buch.
„Guten Abend Karin“, sagte der Nikolaus mit sanfter Stimme, „ich freue mich sehr, heute Abend bei dir sein zu dürfen. Ich habe dich das ganze Jahr über sehr genau beobachtet und ich muss ehrlich sagen, dein vorbildliches Verhalten zeichnet dich ehrenvoll aus.“
Karin saß am Tisch, schaute verlegen zu Boden und war sich keiner Worte mächtig. Ich war an dem Nikolaus vorbei gehuscht und ließ mich nun neben meiner Tochter nieder.
Der heilige Mann schlug sein Buch auf und begann nach einer Zeile zu suchen.
„Da haben wir es ja“, sagte er schließlich, „du bist deiner Mutter in Stunden der Trauer sehr beigestanden. Hast immer zuverlässig deine Aufgaben verrichtet und gabst eigentlich niemals Anlass zur Besorgnis. Durch deine Aufgewecktheit“, setzte er hinzu, „kann deine Mutter so manchen Schmerz leichter verarbeiten.“
Ich musste den Nikolaus etwas verwirrt gemustert haben, denn der heilige Mann zwinkerte mir zu, und sein weißer Bart schien dabei aufzuleuchten. Er klappte das Buch zu und schloss mit den Worten.
„Du bist eine wahre Freude für deine Mutter und genau aus diesem Grund, bin ich heute zu dir gekommen. Um dir ein kleines Geschenk zu überreichen.“
Noch immer war ich verunsichert. Im Grunde hatte der Nikolaus all jene Tatsachen genannt, welche ich mit ihm ausgemacht hatte. Nur meine Trauerzeit, der Umstand, dass ich durch den Verlust Jans etwas mitgenommen war, das hatte ich natürlich nicht erzählt. Woher wusste der Nikolaus diese Tatsache?
Karin taute nun etwas auf und sie erhob sich. Langsam schritt sie auf den Nikolaus zu, und als sich der heilige Mann etwas zu ihr hinab beugte, flüsterte Karin dem Nikolaus etwas ins Ohr.
„Kannst du mir diesen einen Wunsch erfüllen?“ fragte Karin danach und schaute den Nikolaus fest in die Augen.
„Dein Wunsch ist ein sehr menschliches Verlangen“, bedächtig wiegte der Nikolaus seinen Kopf, „ich möchte gerne sehen, was sich da tun lässt. Aber ich möchte dir auch nahe legen, dich mit diesem Wunsch an das Christkind zu wenden. Den nur wahrer Glaube kann das schier unmögliche wahr machen!“
Danach griff der Nikolaus in seinen großen Jutesack und überreichte Karin schließlich ihr Geschenk. Es war ein rotes Nikolaussäckchen, welches in Folge mit Äpfeln, Orangen, Nüssen und auch einem Schokonikolaus, gefüllt war. Dann, nach einigen Worten des Abschieds, wandte sich der heilige Mann um, und verließ leise die Wohnung. Karin hatte Tränen in den Augen, sie kam still zu mir an den Tisch und umarmte mich.
„Mam“, sagte sie schluchzend, „ich liebe dich.“
 
« Auch ich war den Tränen abermals nahe, und ich versuchte noch immer zu begreifen, woher der Nikolaus jene Tatsache von meiner Trauer wissen konnte. Selbst noch Tage nach diesem Ereignis versuchte ich logisch hinter dieses Phänomen zu kommen, leider war es mir nicht möglich, dieses Rätsel zu lüften. Die Woche verging ohne weitere Ereignisse und am dritten Advent, dem 13. Dezember, nachdem ich eine weitere Kerze am Adventkranz entzündet hatte, begann Karin mit ihren Brief an das Christkind. »
 
„Du machst das sehr schön“, ich hatte Karin etwas über die Schulter geschaut und sah, dass meine Kleine dabei war, dem Christkind eine Kerze zu malen.
„Und weißt du schon was du dir von dem Christkind wünschen willst?“
Karin nickte. „Ja Mam, das weiß ich.“ Sagte sie beschwingt. „Lass dich überraschen Mam“, gab sie weiter kund, „ich hoffe nur, dass das Christkind meinen Wunsch auch bis zum Heiligenabend erfüllen kann.“
Verbissen arbeitete Karin an dem Wunschzettel weiter und nach geraumer Zeit war sie damit fertig. Rasch faltete Karin den Brief zusammen, steckte ihn in das dazugehörige Kuvert und verschloss dieses sorgfältig.
„Stellst du den Brief bitte aufs Fenster!“ bat mich Karin und ich nahm das Kuvert entgegen, nickte und öffnete die beiden Innenflügel der Scheiben. In den Leerraum, zwischen den innen- und außen Schreiben, platzierte ich den Wunschbrief an das Christkind und verschloss in Folge das Innenfenster abermals.
„Ich hoffe nur, dass das Christkind deinen Brief auch abholt.“
„Das wird es Mam“, verkündete Karin fest, „du musst nur daran glauben.“
Ich schluckte. Vieles gefiel mir an diesen Bräuchen, vieles war einfach nur zauberhaft und auch voller Harmonie, aber ob ich auch wirklich an diesen Zauber glauben konnte, das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Auch wenn ich es gerne wollte!
 
Spätnachts, als Karin schon fest und tief schließ, lag ich noch lange wach und konnte einfach keinen Schlaf finden. Ich dachte wieder einmal an Jan und mein Herz verkrampfte sich voller Sehnsucht nach dem Manne. Ich empfand einfach zu viel für ihn, so dass ich einfach keinen Weg fand um ihn zu vergessen. Und im Grunde meines Herzens, wollte ich das auch nicht, dennoch sah ich aber auch keinen Weg, um ihn wieder zu finden. Und wieder quälte mich die Frage, ob Jan eventuell eben so dachte…
Verweint stieg ich aus meinem Bett, mir war der Brief an das Christkind wieder eingefallen. Ich wollte den Glauben Karins nicht zerstören und hatte vor, den Brief an Stelle des himmlischen Wesens, fort zu nehmen. Leise trat ich in das Wohnzimmer und näherte mich dem Fenster, welches noch immer verschlossen war. Karin selber hatte sich dem Fenster, solange sie auf gewesen war, kein einziges Mal genähert. Hin und wieder hatte ich meine Kleine danach ermuntert, und ich hatte sie bewegen wollen, dass Karin nach dem Brief schauen sollte. Doch mein Kind sagte nur schlicht darauf.
„Ich glaube daran dass das Christkind meinen Wunschzettel abholt Mutter. Da muss ich kein einziges Mal nachprüfen, das würde nur meinen Glauben widerlegen.“
Noch während ich den Vorhang beiseite zog, raunte ich mir zu. „Ach mein Kind, wenn ich nur deinen Glauben in mir fühlen würde. Was gebe ich darum, wenn ich noch einmal so unbeschwert und frei in das Leben gehen könnte!“
Ich sah auf den Brief. Er war etwas beiseite gerutscht und lag nun flach da. Doch Karin hatte ihn doch zuvor in das Fenster „gestellt!“.
Rasch öffnete ich das innere Fenster und griff nach dem Kuvert. Als ich es aufnahm, fühlte es sich dünn an, zuvor war er etwas dicker gewesen.
Ich drehte das Kuvert um, und sah, dass der Brief der Länge nach, geöffnet war. Das Schreiben Karins an das Christkind selbst, fehlte. Das Kuvert in meiner Hand, war leer…
 
« Abermals so ein unerklärliches Wunder. Oder war Karin doch unbemerkt an das Fenster geschlichen und hatte den Brief an sich genommen? Doch wie hätte sie den Brief öffnen, den Wunschzettel aus dem Kuvert nehmen und das Fenster wieder verschließen können, ohne das ich es bemerkt hatte? Was steckte hinter diesem Mysterium? Magie, oder ein simpler Trick? »
 
Der Tag des Heiligenabends rückte langsam näher, es fehlte nur mehr eine Kerze am Adventskranz und in Folge standen nur mehr drei Tage zum Weihnachtsabend. Im vergangenen Jahr, hatte ich diese Stunden mit einem etwas schlichten Dasein gefristet. Karin war nach dem vierten Advent, am Montag dem 22. Dezember, gleich zu ihren Vater gefahren und hatte die Tage bis und den Heiligenabend selbst, mit ihm und seiner neuen Familie verbracht. Ich hatte eigentlich vor, wie die Jahre zuvor, diese Tage mit einem guten Buch zu verbringen. Doch es war anders gekommen, am Tag zuvor hatte ich Jan bei der Weihnachtsfeier kennen gelernt und in den wenigen Tagen vor dem Heiligen Abend, verband uns so viel, das ich seine Einladung, den Weihnachtstag mit ihm und seinem Bruder und dessen Familie zu verbringen, annahm.
Dieses Jahr würde Karin wieder bei mir am Heiligen Abend sein, die einzigen die bei uns nun fehlten, waren Jan und sein Sohn Manuel!
„Liebe unterm Weihnachtsbaum“, dachte ich bei mir, „so hatte es mit uns eigentlich begonnen. Damals war es für mich anfänglich Kitsch, und auch wenn ich spürte, dass ich Jan sehr mochte, vielleicht sogar mehr, ja, sogar liebte, so konnte ich nicht wirklich seine romantische Emotion diesbezüglich nachvollziehen. Damals nicht, und „Heute“? Ich glaube schon“, sagte ich halblaut zu mir, das ich heute diese äußerst süße Geste viel intensiver erleben könnte, als noch vor einem Jahr!“
Der vierte Advent kam, Karin war voll in Weihnachtsstimmung, nur ich wollte keinen so richtigen Zugang in die Harmonie der kommenden Geburtsstunde Jesu finden. Von morgens bis abends, hatte meine geliebte Tochter, fortlaufend ein Weihnachtslied auf den Lippen und sie konnte die Stunde, wo ich die vierte und letzte Kerze dieser Adventszeit entfachte, gar nicht erwarten. Doch das tat ich erst in der Abendstunde, zuvor, am Nachmittag, hatten wir beschlossen, noch Kekse zu backen.
Während dieser Aktivität fragte Karin plötzlich.
„Was wäre Mam“, dabei lächelte sie mich so merkwürdig an, „wenn das Christkind mir meinen Wunsch erfüllt, und du mit diesem Heiligen Abend wieder glücklich in das neue Jahr gehen kannst?“
Ich hob verwundert meinen Blick, hielt im Ausstechen des Mürbteiges inne und schaute Karin wirr an. Lange Zeit fand ich keine Worte, doch schließlich stellte ich meinerseits eine Frage.
„Wie meinst du das? Wie kann dein Wunsch, mich glücklich machen?“
Karin lächelte weiter, sie sagte nichts darauf, sondern legte nur ihren ausgestochenen Keks, der die Forme eines Engels hatte, auf das Backblech.
„Glaube“, flüsterte sie in Folge geheimnisvoll, „ich glaube an das Gute und ich glaube daran, dass der Himmel brave Menschen nicht vergisst.“
Stumm machten wir weiter, ich ging tief in mich, Karins Worte hatten mich sehr nachdenklich gemacht. Sie war noch jung, hatte vom Leben im Grund keine Ahnung und noch weniger Erfahrung, dennoch stand sie felsenfest in der Brandung und ihr Glaube schien keinen Zentimeter abzuweichen. Schön, wenn man noch so unschuldig an das Wunder der Welt glauben konnte. Und insgeheim wünschte ich mir, dass auch ich diesen reinen Glauben in mir finden könnte.
„Wann kaufen wir denn den Weihnachtsbaum?“ wechselte nun Karin das Thema und blickte mich abermals mit ihren großen Augen neugierig an. „Es ist nicht mehr lange hin, bis zum Heiligenabend!“
„Na immer noch gute drei Tage“, gab ich belustigt zur Antwort, „aber wenn du es gerne siehst, dann können wir Morgen zum Eurocenter gehen und uns mal umsehen. Brauche ja auch noch ein paar Christbaumkugeln und dergleichen.“
„Ja“, freute sich Karin erheitert, „das wäre toll. Wann denn?“
„Na gleich nach dem Kindergarten, ich hole dich um 13 Uhr ab und dann kann es gleich losgehen. Wäre das in deinem Sinn?“
Wieder bejahte dies Karin und sie begann abermals ein Weihnachtslied zu singen. Karin war glücklich, das merkte ich instinktiv. Aber ich erkannte auch, weil eben ich es nicht war, dass dieser Umstand meinem Kinde schmerzvolle Sorge bereitete!
 
« Nachdem unsere Kekse fertig gebacken waren, mussten sie etwas auskühlen. Später, am Abend, beim Lichte der vier Adventkerzen, würden wir das leckere Gebäck noch verzieren, mit Schokoglasur, Mandelkern und Kokosfett. Und dann, kurz vor 18 Uhr an diesem 20. Dezember, war es dann soweit. Ich zündete die Kerzen am Tannenkranz an und der Schein der vier Flammen, legte sich harmonisch über unseren Adventtisch… Der Glanz in den Augen Karins sagte mir, dass sie bereits am kommenden Tag, bei unserer Einkaufstour wäre. Mit diesem Tag, sollte mein Glaube auf die eine oder andere Weise gestärkt und gefestigt werden! »
 
Kurz vor ein Uhr, holte ich Karin vom Kindergarten in der Brunnthalgasse. Gemeinsam spazierten wir zum Eurocenter und als erstes wollte sich Karin im Bauhaus, die angebotenen Weihnachtsbäume ansehen. Also begaben wir uns hinein und schlenderten auf dem freien Platz, durch die Reihen der Tannenbäume.
„Der würde mir gefallen“, sagte Karin, zu einer Tanne, die etwa 180 cm Groß und, das musste sogar ich eingestehen, hervorragend gewachsen war.
„Nehmen wir diesen?“ Karin schaute mich mit ihren treuen Hundeaugen flehend an. „Bitte Mama, der ist doch einfach nur himmlisch!“
Ich hörte nun Schritte in meinem Rücken, und die Stimme eines aufgeweckten Buben. Ich wollte soeben Karin antworten, als ich einen, mir sehr vertrauten Duft wahrnahm. Ich blickte mich um, schnüffelte etwas irritiert und versuchte die Quelle der Herkunft zu lokalisieren. Doch es gelang mir nicht!
„Mam, was ist denn? Nehmen wir nun diesen Baum? Bitte Mam, bitte!“
Ich wandte mich wieder Karin zu, noch lag Verwunderung in meinem Blick, aber ich versuchte das soeben erlebte beiseite zu schieben. Es musste Zufall gewesen sein!
„Ja mein Kind“, sagte ich leicht abwesend, „wenn er dir so gut gefällt, dann werden wir diesen Baum nehmen.“
Wieder die Stimme des Buben in meinem Ohr, er schien sich wegen irgendetwas sehr zu freuen und ich konnte deutlich seine Worte vernehmen.
„ …glaube mir Paps, das war eine gute Wahl. Es ist der schönste Weihnachtsbaum, denn wir jemals gehabt haben!“
Diese Stimme, sie war mir bekannt, aber ich konnte sie nicht einordnen. Ich musste sie wohl aus dem Kindergarten von Karin kennen. Und dann wieder, dieser spezielle Duft, der mich stark an eine wichtige Person erinnerte. Nur an wem?
Es war ein Duft, das ich als Rasierwasser einordnete. Wer trug in meinem Bekanntenkreis ein solches Wasser? Mir fiel keiner ein, doch, Erik nahm eines. Doch jenes roch anders. Und Jan hatte vergangenen Jahres erzählt das er ein spezielles Rasierwasser, welche eigens für ihn gemischt wurde, und somit nur einmal, in dieser Zusammensetzung zu haben war, nahm. „Jan“?
Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, ja natürlich, es war Jans Wasser. Ich hatte es vergangene Weihnachten, ab dem Heiligenabend, ja mehrmals gerochen.
Ich blickte mich suchend um, wie sollte das möglich sein? Doch ich konnte keinen erblicken, es war weit und breit, im Bereich der Weihnachtsbäume, kein anderer Mensch zugegen.
„Warte kurz“, sagte ich leise zu Karin, „wenn ein Verkäufer kommt dann soll er diesen Baum für uns reservieren. Okay?“
Karin nickte, sie nahm vor dem herrlichen Tannenbaum Aufstellung und ich wusste, dass sie ihn nun mit Zähnen und Klauen vor jedem Anderen für uns verteidigen würde. Ich machte mich auf, um dem geheimnisvollen Duftträger zu erkennen. Noch lag mir das Rasierwasser in der Nase und ich folgte rasch dem kräftigen Aroma. Ein paar Passanten, Einkäufer in dem Bauhaus, kamen mir entgegen, oder ich holte sie ein, aber keiner von ihnen, trug bei einem etwas genaueren beschnuppern jene intensive Duftmarke. Und Jan, was ich auch gar nicht erwartete hatte, konnte ich auch nirgends antreffen!
Als ich zu Karin zurückkehrte, sprach sie gerade mit einem Verkäufer und ich schloss mich nun den Worten meiner Tochter an.
„Ja“, sagte ich fest, diesen Baum wollen wir. Ich bezahle ihn gleich und hole ihn dann am 23., gegen Nachmittag ab. Geht das in Ordnung?“
Der Verkäufer blickte mich etwas irritiert an und nickte schließlich.
„Ja gnädige Frau“, gab er kund, „das geht in Ordnung. Hier wäre der Abholschein, zu bezahlen wäre an der Kassa.“ Damit begann der Mann den Tannenbaum zu verpacken und murmelte dabei beinahe unhörbar.
„Komisch“, flüsterte er, „irgendwie zweimal dasselbe hintereinander. Zuerst Vater und Sohn und nun Mutter mit Tochter. Und immer dieselbe Aussage!“
So leise dies auch der Verkäufer gemurmelt hatte, ich hatte es dennoch vernommen. Ich dachte wieder an Jan, aber ich hatte ihn hier nicht gefunden. So rasch konnte er auch nicht die Kassa erreicht, bezahlt und weg gegangen sein. Was also steckte hinter dieser Geschichte? Ich konnte keine Antwort darauf finden!
Danach suchten wir noch den Interspar auf. Ich wollte noch einige schöne Glaskugeln erwerben und auch anderen Baumrat benötigte ich noch. War es doch heuer das allererste Mal, dass ich diese Gepflogenheit pflegte. In meinen Gedanken spielte sich ein Katz und Mausspiel ab. Ich hatte noch immer den Duft des Rasierwassers und die Stimme des Knaben in meinen Sinnen, doch es konnten nicht Jan und Manuel sein. Soviel stand für mich fest!
 
« Ich war hin und her gerissen, doch im Interspar direkt, sollte ich noch etwas erfahren, welches meinen Glauben wach werden ließ. Und das, obgleich ich die Zusammenkunft mit dem Weihnachtsmann in dem Kaufhaus, als gestellt empfand! »
 
Karin war dabei süßes Zuckerzeug für den Christbaum zusammen zu tragen. Sie lief aufgeweckt in dem Geschäft umher, ich sondierte mit etwas mehr Ruhe jenen Glasschmuck, denn ich als angebracht erachtete. Dann, als ich eigentlich schon fast fertig war mit meinem Einkauf, lief meine Tochter um die Ecke und zog einen rot gekleideten Mann mit sich.
„Mam“, rief sie laut, „schau mal wen ich hier gefunden habe. Den Weihnachtsmann!“
Ich lächelte, was sollte ich auch darauf sagen. Der Weihnachtsmann verneigte sich kurz vor mir und Karin erzählte dabei, dass sie auch ihm um ihren speziellen Wunsch gebeten hatte.
„Es wird alles gut werden“, freute sich meine Kleine, „wir sind nicht die einzigen die einen solchen Wunsch haben.“
Verwundert schaute ich auf Karin, der Weihnachtsmann nahm meine Hand und ich blickte nun zunächst fassungslos auf seinen weißen Handschuh.
„Glauben sie an das Wunder Rani“, hauchte er mir zu, „denn Wunder geschehen immer wieder und ganz besonders liebe Frau, zu Weihnachten.“
Ich schluckte, richtete mein Augenmerk auf Karin, doch sie schien ahnungslos zu sein. Dann fixierte ich den Blick des Weihnachtsmannes und fragte ebenso leise.
„Woher guter Mann kennen sie meinen Namen? Hat meine Tochter ihn genannt?“
Der Mann schüttelte den Kopf und meinte.
„Nein gute Frau, Karin hat weder den eigene, noch Ihren Namen genannt. Doch das Christkind, in dessen Namen ich hier handle, weiß alles und sieht alles. Es fühlt alles, was ihr Menschen auf Erden jemals empfindet. Egal ob es nun gut oder böse ist!“
Der Weihnachtsmann drückte mir fest die Hand, ich war sprachlos. Dann wandte er sich ab und ging. Ich wollte an das Gute glauben, war aber dennoch noch nicht ganz bereit dazu. Daher fragte ich Karin ob sie dem Weihnachtsmann unsere Namen gesagt hatte. Karin schaute mich an und verneinte.
„Das Mam“, sagte sie beschämt, „habe ich total vergessen. Endschuldige bitte!“
 
« Karin war deswegen sehr verzweifelt. Ich glaubte ihr, dass sie die Namen nicht erwähnt hatte. Warum sollte meine Tochter mich belügen. Aber wenn sie es nicht getan hatte, woher kannte dieser Weihnachtsmann dann unsere Namen? Nachdem wir den Interspar verlassen hatten, schaute ich gegen den Himmel. Es dunkelte bereits und erste Sterne zeigten sich am Firmament. Ich suchte mir den schönsten und hellsten Stern von allen aus und dieser war für mich der Weihnachtsstern. Er alleine zählte nun für mich, und ich versprach ihm, das ich ab nun an glauben wollte. »
 
Der 23. Dezember kam, es war ein Mittwoch, und nachdem ich an diesem Tag, Karin in den Kindergarten gebracht hatte, begann ich damit, das Wohnzimmer für den morgigen Weihnachtstag vorzubereiten. Das Radio lief und es wurden fortlaufend Weihnachtslieder gespielt. Zwischendurch erzählte der Moderator von Ereignissen des Tages.
Ich hörte nur mit einem Ohr hin, saugte das Zimmer, wischte den Boden und ließ auch das Staubtuch über das Mobiliar und über die diversen Gegenstände tanzen. Sogar die Fenster putzte ich für den Heiligenabend nochmals und als ich alle Arbeiten erledigt hatte, genehmigte ich mir ein Gläschen Eierlikör und nahm auf dem Diwan Platz. Wieder begann der Sprecher zu erzählen und dann, fielen Namen, die mich aufhorchen ließen.
„Weihnachten steht unmittelbar vor der Tür“, die Musik im Hintergrund spielte dezent Stille Nacht, „Rani und Jan, gebt nicht auf. Eure Liebe ist lange noch nicht gestorben und alles verdient eine zweite Chance. Gebt euch diese Chance und reicht euch abermals die Hände. Nicht nur für Karin und Manuel, sondern vorwiegend für euch beide selber!“
Mir wurde heiß, ich lief knallrot an und lange Zeit blieb mir der Atem weg. Ich konnte direkt die Emotion, welche diese Ansage in mir auslöste, aufsteigen spüren. Sehnsucht ergriff mich wieder, Sehnsucht nach dem Mann, denn ich innerlich noch immer liebte.
 
Ich versuchte meiner Gefühle Herr zu werden, dennoch konnte dies kein Zufall sein. Doch ich hatte mit keinem Außenstehenden darüber gesprochen, wie sollte der Rundfunk von meinem, oder auch Jans Verlust erfahren haben?
Ich zog mich an, und begab mich voller Gedanken zum Bauhaus. Ich holte unseren Weihnachtsbaum ab und nachdem mir der Verkäufer, unsere Tanne ausgehändigt hatte, unterbrach sich die Musik des Geschäftes und abermals vernahm ich die Stimme, welche schon zuvor im Radio bei mir Zuhause gesprochen hatte.
„Echter Glaube wird euch führen“, auch diesmal spielte im Hintergrund seiner Ansage die Stille Nacht, „glaubt an euch und glaubt an eure Liebe. Rani und Jan, es ist längst nicht zu spät für eure Zukunft. Glaubt nur an euch und an eure wahre Liebe!“
Ich stockte, wieder wurde mir heiß und ich war kaum des Atmens fähig. Dann, wie wenn das nicht schon genügend an Aufregung wäre, wehte eine Brise jenes Rasierwassers zu mir, welches ich schon am Montag gerochen hatte. Ich blieb wie angewurzelt stehen, hielt den Baum fest in meinen Händen und suchte nach dem Träger. Doch wiederholt war es mir nicht möglich den Menschen zu erkennen, welcher dieses Aroma trug.
„Jan wohnt doch gar nicht hier“, dachte ich bei mir, „das wäre zuviel der Zufälle und wir hätten uns doch schon längst mal über den Weg laufen müssen. Warum ist für uns Erwachsene, der reine Glaube nun nur so schwer?“
Mir fiel da Karin, mit ihrem unschuldigen Glauben ein, ihr Verständnis für diese Dinge ging weit über das normale hinaus. Wahrscheinlich war es wirklich nur Kindern vergönnt, so rein und vollkommen frei an das himmlisch Göttliche zu glauben!
 
Zuhause angekommen, wagte ich es nicht, das Radio wieder einzuschalten. Ich hatte Angst dass abermals eine Ansage kam, ich hatte Angst, dass ich dabei war den Verstand zu verlieren. Dennoch fortlaufend an Jan denkend, kreuzte ich den Tannenbaum und stellte ihn, nahe des Fensters im Wohnzimmer auf. Nachdem ich das Netz entfernt hatte, begann der Baum seine Äste zu strecken und als erstes, setzte ich einen goldenen Glasstern, an die Spitze der Tanne. Danach folgten die Kerzenhalter und die dazugehörigen Kerzen, wobei ich mich für die Farbe Rot entschieden hatte.
Mehr wollte ich heute noch nicht tun, alles andere würde dann Morgen, in Laufe des Tages folgen. Achtsam verschloss ich die Tür des Zimmers, sperrte die Tür ab und steckte den Schlüssel zu mir. Karin wusste, dass es vor Morgen, bis zum Zeitpunkt der Bescherung, kein Betreten des Wohnzimmers gab.
Der Nachmittag verlief ruhig, Karin und ich spielten miteinander, zuvor lernten wir einige Zeit für die kommende Schule und nach dem Abendessen, so um 18 Uhr, nachdem die Zähne geputzt waren, war es für meine Kleine an der Zeit zu Bett zu gehen. Ich wollte noch ein wenig aufbleiben, und gewisse Dinge für Morgen vorzubereiten. Wenige Minuten vor 20 Uhr, setzte ich mich vor dem Fernseher und wollte sehen ob ein interessantes Programm lief. Im Ersten lief die Tagesschau und während dieser Sendung, sprang das Programm um und aus einem Gebilde aus Wolken, Himmel und Licht, sprach eine Stimme zu mir. Es war exakt jene, die ich schon zweimal am Tag vernommen hatte.
„Die Zeit der Liebe ist nun gekommen“, auch jetzt wurde das Lied von der Stillen Nacht im Hintergrund gespielt, „Rani und Jan, kommt beide zum Weihnachtsbaum am Hauptplatz. Ergreift eure zweite Chance und nutzt die Gunst der Stunde. Morgen ist Weihnachten und keiner von euch muss das Morgen und die Zukunft alleine verbringen. Kommt, und findet euch wieder!“
Mir war die Fernbedienung aus den Fingern geglitten, sie fiel zu Boden, doch ich registrierte dies nicht. Nach diesem Ereignis wechselte das Bild wieder auf die Tagesschau und jene war fortgesetzt worden, als wäre nichts geschehen.
Und das, was dann passierte, war noch viel unheimlicher. Ich sah mich selber, konnte mich beobachten wie ich in meinen Mantel schlüpfte und die Wohnung verließ. Zuvor hatte ich mich vergewissert, dass Karin auch wirklich tief und fest schlief.
Am Weg zum Hauptplatz, der nicht weit war, sah ich nur Jan vor meinem geistigen Auge. Ich wollte und ich wünschte mir, dass ich dort, unterm Weihnachtsbaum, wirklich Jan, meinen Jan antreffen würde. Ich versuchte auch wirklich daran zu glauben, dennoch lag auch Zweifel in meinen Gedanken.
Als ich den beleuchteten Weihnachtsbaum am Hauptplatz erreichte, stand ein Mann mit dem Rücken zu mir, vor der Tanne. Ich schritt näher, mein Herz klopfte voller Aufregung und es war mir, als würde ich Glocken läuten hören.
Langsam streckte ich die Hand nach dem Manne aus, ich schnüffelte instinktiv und jenes Rasierwasser, welches ich schon häufiger in letzter Zeit gerochen hatte, stieg mir in die Nase.
„Jan!“ sagte ich. Der Mann drehte sich langsam um. Ich schluckte, fühlte wie mein Herz höher schlug und meine Wangen, trotz der Kälte rot anliefen.
„Rani!“ kam die Gegenaussage und ich vernahm jene Stimme, die ich schon so lange nicht mehr gehört hatte. Es war Jan, es war mein Jan und er stand nun mir gegenüber und für uns beide gab es nun kein Halten mehr. Wir fielen uns in die Arme und in diesem Moment, begann es zu schneien. Vor irgendwoher erklang die Melodie der Stillen Nacht und am nächtlichen Himmel erstrahlte mein Weihnachtsstern in seiner schönsten Pracht.
 
 « Liebe unterm Weihnachtsbaum, dachte ich in dieser Stunde bei mir. Damals, vor einem Jahr hatte ich das noch als Kitsch empfunden. Heute, genau jetzt, war es das schönste für mich was ich mir jemals denken hatte können. Unterm Weihnachtsbaum hatte es mit uns begonnen und unter einem Weihnachtsbaum, da setzten wir unser Liebe fort. Und eines das versprachen wir uns ganz fest, „niemals wieder“ wollten wir uns wegen eigentlich „nichts“ trennen! »
 
Donnerstag, der 24. Dezember. Der Heiligabend. Noch in derselben Nacht, hatten Jan und ich beschlossen, den Weihnachtstag bei mir zu verbringen. Jan hatte nur gesagt, das Manuel sich nichts sehnlicher wünsche, und er natürlich auch nicht.
Karin war hin und weg, sie gab mir zu verstehen, dass das Christkind wirklich ihren Wunsch erfüllt hätte, denn Karin hatte sich nur gewünscht, dass ich eben glücklich werde. Und glücklich konnte ich nur mit Jan an meiner Seite werden.
Manuel erzählte uns, und Jan bestätigte dies, dass wir denselben Baum besaßen, den sie auch gekauft hatten. Und der Bub gab auch kund, dass er sich für seinen Vater dasselbe gewünscht hatte, wie Karin für mich.
„Wir leben seit fast einem Jahr in derselben Ortschaft“, sagte ich offen, „und dennoch sind wir uns niemals wirklich bewusst über den Weg gelaufen. Schon merkwürdig!“
Jan sah dies auch so. Er erzählte, das Manuel ja nun schon in die dritte Klasse ging und sie in der Nähe der Gartenstadt wohnten.
„Erik hat mich mehrmals gefragt, ob er nicht ein Treffen zwischen uns beiden arrangieren sollte.“ Berichtete Jan weiter. „Aber ich wusste ja nicht ob du das auch wünscht, und so, auch wenn es mir sehr schwer fiel, bat ich ihn, keine diesbezüglichen Verkuppelungen zu unternehmen. Es war vielleicht ein Fehler von mir!“
Ich musste eingestehen, dass auch ich Erik um Stillschweigen gebeten hatte. Wir waren uns das Jahr über so nahe gewesen und dennoch auch zugleich unendlich fern!
 
Dann kam die Stunde der Bescherung. Der Christbaum erstrahlte in seinem schönsten Glanz und zusammen, Hand in Hand, standen Karin, Manuel, Jan und ich unter dem Weihnachtsbaum und Jan und ich wiederholten unsere Worte vom vergangenen Jahr.
„Unterm Weihnachtsbaum unsere Liebe für den anderen“, sagten wir, „für immer wir beide. Für immer Wir!“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.01.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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