Diethelm Reiner Kaminski

Aufgetankt



Glaub´s mir. Ich fühle mich wie neugeboren. Mein Burnout wie weggeblasen. Ich könnte wieder Bäume ausreißen“, schwärmte Richard, der gerade von einer vierzehntägigen Therapie für Banker und Manager aus den Niederlanden zurückgekehrt war.
„Und wer hat das Wunder vollbracht?“, fragte seine Freundin Fabrizia. „Deine Brieftasche? ‚Kuhstall-Therapie? – das klingt verdammt teuer.“
„Das war es auch. Sechstausend Euro ohne Verpflegung, aber das war´s auch wert. Peanuts wie diese hole ich schnell wieder rein, wenn ich mich jetzt wieder mit voller Energie in den Aktien- und Wertpapierhandel stürze“, begeisterte sich Richard weiter.
„So erholt siehst du aber eigentlich gar nicht aus, jedenfalls nicht für so viel Geld“, stichelte Fabrizia.
„Es war ja auch anstrengend. Täglich viele Stunden im Kuhstall auf Strohballen hocken, sich nicht rühren dürfen und meditieren. Totale Stille, nur das Muhen der Kühe und das gelegentliche Platschen der Kuhfladen auf den Boden. Dann das ungewohnte Holzhacken danach. Und Baden im eiskalten Dorfweiher, wie gesagt, sehr ungewohnt und strapaziös, aber das ist ja nur äußerlich. Innerlich fühle ich mich so frisch, so unternehmungslustig, so zu allem bereit …“
„Ich nehme dich beim Wort“, sagte Fabrizia und fing an, ihre Bluse aufzuknöpfen.
„Lass das“, wehrte Richard erschrocken ab. „Nun mach doch nicht gleich wieder alles kaputt. Die Therapie ist nur dauerhaft erfolgreich, wenn es keinerlei banale Störungen in der Nacharbeitsphase gibt. Hab bitte Verständnis dafür, dass ich die nächsten vier Wochen geistig und seelisch auf Therapiehöhe bleiben muss.“
„Und was heißt das?“, fragte Fabrizia missmutig.
„Kein Sex, keine billigen Ablenkungen, sondern bei jeder Gelegenheit weiter meditieren und Natur einatmen …“
„Natur einatmen?“, fragte Fabrizia. „Bin ich etwa nicht Natur?“
„Nein, entschuldige bitte, aber das bist du gerade nicht mit deinen hundert Parfums, Make-ups, Deodorants und Duschgels“, sagte Richard.
„Soll ich mich nun etwa nicht mehr waschen?“, empörte sich Fabrizia.
„Doch, schon, aber auf natürliche Weise, ohne Chemie. Du musst den Selbstreinigungskräften deines Körpers vertrauen …“
„Und im Winter im Dorfweiher baden? Oder gar vorher ein Loch in die Eisdecke schlagen, um meine Schweißdrüsen zu aktivieren? Komm, Richard, umarme mich, gib mir einen Kuss. Vergiss den ganzen Quatsch. Hättest du das Ganze doch bloß vorher mit mir besprochen, aber du warst so plötzlich verschwunden. Ich habe mir ernsthaft Sorgen gemacht. Wo doch in letzter Zeit wegen der Bankenkrise so viele Manager von Hochhäusern gesprungen sind. Hättest du mir die 6 000 Euro gegeben, hätte ich dich garantiert wirkungsvoller therapiert als diese blöden holländischen Kühe.“ Fabrizia rückte näher an Richard heran, um ihn doch noch umzustimmen, aber gleich wieder von ihm ab. „Kann es sein, dass du müffelst? Was ist das für ein Gestank?“ Sie zog angewidert die Nase kraus.
„Das ist kein Gestank“, sagte Richard. „Das ist die Natur, von der ich sprach. Kuhstall-Duft. Zugegeben, gewöhnungsbedürftig, aber wenn man sich erst einmal an ihn gewöhnt hat, möchte man ihn nicht mehr missen.“
„Entweder begibst du dich augenblicklich unter die Dusche, oder ich gehe, und du siehst mich nie wieder“, war Fabrizia endgültig verärgert.
„Dann geh“, sagte Richard, „du hast noch nie Verständnis für mich aufgebracht. Statt dass du dich mit mir über den schönen Therapieerfolg freust, machst du ihn nur madig. Ich lasse ihn mir aber weder von dir noch von irgendwem sonst gefährden.“
Fabrizia war aufgesprungen, griff nach Handtasche und Mantel, rief laut und zornig „Hornochse“ und knallte die Tür hinter sich zu.
Richard lehnte sich erleichtert zurück, schloss die Augen und versetzte sich in Gedanken in die friedliche, warme, süßlich duftende Stille des Kuhstalls. Er würde nachher gleich bei seinem Kuhstall-Therapeuten in den Niederlanden anrufen. Hoffentlich war im Sommer noch ein Platz für eine Intensiv-Behandlung für ihn frei. Er durfte sich mit dem Erreichten nicht zufrieden geben. Eine Verstärkung des Erfolgs würde ihm guttun.
 


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